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Veröffentlicht am 24.03.2019

Extrem starkes Debüt

1793
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Inhalt

Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit ...

Inhalt

Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausigen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für "besondere Verbrechen" zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit
chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten...

Eindruck

WOW - was für ein Debüt. Ein historischer Krimi in 4 Teilen und mal so ganz anders. Einmal nicht England als Schauplatz für düstere, grausame und blutige Verbrechen, trotzdem genauso gut. Nichts ist
vorhersehbar, niemand ist durchschaubau, Spannung bis zum Schluß. Ungwöhnlich, man erfährt im ersten und zweiten Teil das WAS, WIE und WER und man könnte meinen, damit wäre die Spannung dahin. Doch weit gefehlt, denn das WARUM zieht sich an straffen Fäden bis zum Schluß.

"1793" ist dicht, dunkel, blutig und hart aber durch eine sehr schöne Ausdrucksweise, den ungewöhnlichen Aufbau mit eine sehr intelligent durchdachten Handlung nicht reißerisch sondern ein Genuß. Niklas Natt och Dag hat mit Cecil Winge und Mickel Cardell zwei "Ermittler" geschaffen, die sehr speziell sind und lange in der
Erinnerung bleiben werden.

Stockholm 1793... wie gut, dass ich zu der Zeit nicht an diesem Ort geboren wurde, denn auch hier hat der Autor es hervorragend verstanden Atmosphäre zu schaffen die mir Gänsehaut gemacht und die ein oder andere Träne vor Fassungslosigkeit über die Brutalität an Frauen aus dem Auge drückte.

Fazit

Für mich wird dieses Buch ein Highlight 2019 sein, ein sehr starkes Debüt und ich hoffe es wird noch mehr von Niklas Natt och Dag kommen. Bis dahin werde ich sein "1793" allerdings noch da eine oder andere weitere Mal gelesen haben.

Veröffentlicht am 07.03.2019

Erinnerungen machen uns stark

Was uns erinnern lässt
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Inhalt

1977:
Das Zuhause der vierzehnjährigen Christine ist das ehemals mondäne Hotel Waldeshöh am Rennsteig im Thüringer Wald. Seit der Teilung Deutschlands liegt es hinter Stacheldraht in der Sperrzone ...

Inhalt

1977:
Das Zuhause der vierzehnjährigen Christine ist das ehemals mondäne Hotel Waldeshöh am Rennsteig im Thüringer Wald. Seit der Teilung Deutschlands liegt es hinter Stacheldraht in der Sperrzone direkt an der Grenze. Schon lange findet kein Wanderer mehr den Weg dorthin. Ohne Passierschein darf niemand das
Waldstück betreten, irgendwann fahren weder Postauto noch Krankenwagen mehr dort hinauf. Fast scheint es, als habe die DDR das Hotel und seine Bewohner vergessen.
2017:
Die junge Milla findet abseits der Wanderwege m Thüringer Wald einen überwucherten Keller und stößt auf die Geschichte des Hotels Waldeshöh. Dieser besondere Ort lässt sie nicht los, sie spürt Christine auf, um mehr zu erfahren. Die Begegnung verändert beide Frauen: Während die eine lernt, Erinnerungen anzunehmen, findet die andere Trost im Loslassen.

Eindruck

Die Grausamkeiten, Härte, Unerbittlichkeit und Menschenverachtung in der ehemaligen DDR sind jedem bekannt. Sei es durch das Erlebte oder das Erlernte; und es macht auch nach Jahrzehnten immer
wieder sprachlos. Doch die Einzelschicksale, die "Randerscheinungen" oder die scheinbaren Kleinigkeiten sind es, die
im verborgenen schlummern und darauf warten entdeckt und erzählt zu werden.

So hat es Kati Naumann in diesem Roman gemacht. Einfühlsam, detailliert aber ohne erhobenen Zeigefinger oder unnötige Gefühlsduselei. Die Geschichte des Hotel Waldeshöh und der Familie, die es Generation über Generation aufrecht und am Leben gehalten hat, hat mir so manches Mal die Tränen in die Augen getrieben. Durch ihren Schreibstil, die greifbaren Charaktere und die Beschreibungen der Landschaften, Gegebenheiten und Gebäude konnte ich mitleiden, mitfiebern, mithoffen.

Schicksalsschläge ertragen, für die Erinnerung und den Erhalt von Familienwerten und Traditionen kämpfen, die Hoffnung auf Gerechtigkeit und Wiedergutmachung nicht aufgeben, das hat mich
Kati Naumann mit diesem Buch gelehrt. Ich war zu Beginn des Lesens an einem schlechten Punkt - JETZT kenne ich meinen Weg... vielen Dank dafür.

Fazit

"Was uns erinnern lässt" ist das was uns am Leben hält. Unserer Vergangenheit können wir uns nicht entziehen, unserer Gegenwart und Zukunft schon. Man muss nur für sein Recht und um seine
Erinnerungen kämpfen, denn Unrecht wird nicht Recht nur weil man es totschweigt.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Leise, schrullig, rauh, spannend!

Doggerland. Fehltritt
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Inhalt

Es ist der Morgen nach dem großen Austernfest. Kommissarin Karen Eiken Hornby, Ende 40, wacht betrunken neben ihrem arroganten Chef auf. Etwa zur gleichen Zeit wird eine Frau brutal in ihrem Haus ...

Inhalt

Es ist der Morgen nach dem großen Austernfest. Kommissarin Karen Eiken Hornby, Ende 40, wacht betrunken neben ihrem arroganten Chef auf. Etwa zur gleichen Zeit wird eine Frau brutal in ihrem Haus erschlagen. Das Opfer ist aufgerechnet die Ex-Frau des Mannes, mit dem Hornby gerade die Nacht verbracht hat. Ihr Chef kann nicht selbst ermitteln, da er zu den potentiellen Verdächtigen gehört. Hornby soll den Fall übernehmen und kann endlich zeigen,
dass sie mehr drauf hat. Zuvor muss sie jedoch noch ein anderes Alibi für ihren Chef finden. An der rauen Küste Doggerlands deckt Karen Eiken Hornby eine alte Lüge auf, die das ganze Land erschüttern wird.

Eindruck

Doggerland - mittelsteinzeitliche Landmasse, durch den Anstieg des Meeresspiegels überflutet. Ehemals besiedelt von Jägern und Sammlern. Genauso stellt es sich dar... rauh, schrullig, irgendwie einsiedlerisch. So auch seine Bewohner, ebenso sperrig wie vermutlich damals dieser Flecken Erde.

Ich habe ein wenig gebraucht und mit den Charakteren "warm" zu werden, wobei das in solchen Landesecken wohl nur richtig möglich ist, wenn "man dazu gehört" und niemals diese eingeschworene Gemeinschaft verlässt.
Maria Adolfsson hat einen sehr ausschweifenden, Detail verliebten
Schreibstil. Und auch damit musste ich mich ersteinmal anfreunden, denn die Vorbereitung auf das Ende war schon langatmig, aber nicht unangenehm. Immer und immer wieder habe ich mich gefragt, was ist es, das mich so fesselt. Eben jene spröden, steifen, nordisch distanzierten Charaktere und eben jenes "real fiktive Land" war es. Genauso wie die eingestreuten Rückblenden in die 70er Jahre, wo ich mich fragte, was soll das? DAS kann keinesfalls der Auslöser für
einen Mord gewesen sein.

Und dann kam die Wende! Mehr und mehr baute sich die Spannung auf und ich wurde mit einem temporeichen Finale restlos von "Doggerland - Fehltritt" überzeugt. Ich mußte mir doch erstmal bewußt werden, dass es sich nicht um einen Thriller sondern einen Kriminalroman handelt, bei dem eben die Ermittlungen - die ja meistens sehr langwierig sind - im Fokus stehen. Und damit war dann von Langatmigkeit keine Rede mehr.

Fazit

Toller Auftakt zu einer Trilogie um Karen Eiken Hornby und Doggerland. Ich kann diesen Krimi wirklich empfehlen und habe mir die Folgebände bereits auf meine Wunschliste geschrieben.

Veröffentlicht am 08.11.2018

Macht der Magie und Märchen

Die wundersame Mission des Harry Crane
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Inhalt

Seit Harry auf Bäume klettern kann, weiß er, wie man sicher durchs Leben kommt:
Man muss sich nur gut festhalten.

Doch ein kleines Mädchen lehrt ihn eine noch viel wichtigere Lektion:
Sie zeigt ...

Inhalt

Seit Harry auf Bäume klettern kann, weiß er, wie man sicher durchs Leben kommt:
Man muss sich nur gut festhalten.

Doch ein kleines Mädchen lehrt ihn eine noch viel wichtigere Lektion:
Sie zeigt ihm, wie man loslässt.

Harry Crane braucht nicht viel zum Glücklichsein: seine Frau Beth und die sichere Geborgenheit von Bäumen und Wäldern. Als Beth völlig überraschend
stirbt, steht er vor dem Nichts - und beschließt, in den tiefen Wäldern Pennsylvanias zu verschwinden. Dabei kommt ihm allerdings das Schicksal in die Quere, in Gestalt der zehnjährigen Oriana, die an die Magie der Märchen glaubt. Sie hat ihren Vater vrloren, ist aber felsenfest davon überzeugt, dass er nicht tot,
sondern nur verwandelt ist - und es liegt an ihr, den Zauber zu brechen. In Harry sieht sie den Schlüssel zur Lösung des Rätsels. Und Harry? Findet sich schneller
als ihm lieb ist, mittendrin in einer aberwitzigen Mission:

Er soll Orianas Märchen war werden lassen ...

Eindruck

Harry Crane's Mission ist wahrlich wundersam, märchenhaft, bezaubend, rührend und vor allem bitter. Für Erwachsene unvorstellbar, nicht akzeptieren
zu müssen, dass ein geliebter Mensch tragisch aus der Mitte gerissen wurde. Undenkbar, dass die Person nicht tot sondern verwandelt sein soll. Kein Erwachsener würde je Schokolade in Goldpapier verpacken und im Wald verteilen damit der tote Vater, die verstorbene Frau oder welche schmerzlich vermisste Person auch immer, den Proviant findet.

Warum eigentlich nicht ?

Keiner weiß was nach dem Tod geschieht, ob wir
irgendwo anders sind, ob wir eine andere Gestalt annehmen oder wirklich einfach weg sind. Vielleicht können wir von der kindlichen Fantasie lernen,
vielleicht ist es ein besserer Weg zu verarbeiten und letztlich zu begreifen und zu akzeptieren.
Diese Geschichte ist eine fantastische Reise durch Trauer und Verlust. Magie begleitet den Leser durch die Zeilen, ebenso wie die Tatsache, dass wir ein kleines Stück Heilung aus den Wäldern ziehen können.

Ich musste eine Zeit über die Geschichte nachdenken und je länger ich das tat, umso schöner habe ich dieses Buch empfunden und werde es mit Sicherheit
noch öfter lesen.
Der einzige Wehrmutstropfen war der wahnsinnig pathetische Epilog, den hätte "Die wundersame Mission des Harry Crane" so gar nicht gebraucht und er hat mir ein wenig von der Stimmung genommen. Zumal in die Richtung schon eine Szene mitten in der Geschichte war, die mich die Augen rollen ließ.
Egal, wenn ich das Buch das nächste Mal zur Hand nehme, lese ich über die Stelle einfach hinweg und beende vor dem Epilog.

Fazit

Eine wunderschöne und märchenhafte Geschichte, die an grauen Herbsttagen das Herz erwärmt und in dunklen von Trauer überschatteten Zeiten bestimmt
hilfreich sein könnte.

Veröffentlicht am 01.11.2018

Schockierend, unfassbar, lehrreich!

Der Serienkiller, der keiner war
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Inhalt

Die unglaubliche Geschichte des Mannes, der als gefährlichster Serienkiller Schwedens galt.

Der schwedische Drogenhändler und Kleinkriminelle Sture Bergwall wird Anfang der 90er Jahre in die forensische ...

Inhalt

Die unglaubliche Geschichte des Mannes, der als gefährlichster Serienkiller Schwedens galt.

Der schwedische Drogenhändler und Kleinkriminelle Sture Bergwall wird Anfang der 90er Jahre in die forensische Abteilung einer der größten psychiatrischen Kliniken des Landes eingewiesen. Unter dem Einfluß seiner Therapeuthen gesteht er eine Vielzahl von Morden und wird verurteilt. Doch nichts ist wahr - einer der größten Justizskandale der Geschichte.

Eindruck

Diese Geschichte ist faszinierend und schockierend zugleich. Ein falsches Geständnis unter Drogeneinfluss, dem Drang sich ins Rampenlicht zu stellen, dem Wunsch wichtig zu sein und schon ist ein harmloser Mensch einSerienkiller. Dazu nicht aufgeklärte Mordfälle, Karrieregeilheit von Gerichten und Polizei und die totale Geltungssucht, Selbstüberschätzung und Arroganz von Psychologen und schon ist man Verurteilt und das Leben kaputt.

Es hat mich sprachlos gemacht zu lesen, wie einfach es eigentlich ist, Menschen zu manipulieren Dinge zuzugeben, die nie stattgefunden haben. Wie einfach
es ist, ihnen zu suggerieren etwas darzustellen, dass sie überhaupt nicht sind.

Dieser Justizskandal sucht wohl auch heute noch seinesgleichen und sollte als Paradebeispiel in Expertenkreisen dienen, dass so etwas nicht mehr passiert. Ich habe recherchiert, gegoogelt, nachgefragt und hinterfragt und kann es auch jetzt noch nicht glauben, aber es sind Tatsachen. Und die Verartwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

Fazit

Kein Buch zum mal eben weglesen, aber für alle Interessierten und sogenannte Fachleute ein Muss. Mit vielen Zeugenberichten und Aussagen, Verweisen auf
Fachliteratur und Fotos. Es wird nicht beim einmaligen Lesen und dann vergessen bleiben.