Profilbild von carola1475

carola1475

Lesejury Star
offline

carola1475 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit carola1475 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.09.2023

Wolf Haas ganz persönlich

Eigentum
0

Wolf Haas schreibt über seine Mutter, eine Frau, die sich selbst als ewiges Opfer sah, wenn sie erzählte. Sie wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden, sie starb mit fast 95 und Haas schildert ihr Leben. ...

Wolf Haas schreibt über seine Mutter, eine Frau, die sich selbst als ewiges Opfer sah, wenn sie erzählte. Sie wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden, sie starb mit fast 95 und Haas schildert ihr Leben. Erzählungen aus ihrer Perspektive, authentisch und im ihr eigenen Sprachstil wiedergegeben, die er abwechselnd mit seinen eigenen, oft assoziativen Überlegungen und Kommentaren niederschreibt, auch mit der Angst im Hinterkopf, die Erinnerungen der Mutter nie mehr loswerden zu können. Zu oft hat sich ihm die rhetorische Trias eingeprägt, die die Mutter meisterlich beherrschte. Trotz Arbeit, Arbeit, Arbeit und sparen, sparen, sparen blieb ihr der Erwerb von Eigentum verwehrt, ihr lebenslanger großer Kummer.
Haas verbringt während der letzten drei Tage seiner Mutter viel Zeit bei ihr im Pflegeheim und trotz ihrer Demenz gelingt es ihm immer wieder, zu ihr durchzudringen. Seine Erzählung zeugt von Respekt und Liebe, ist aber auch eine Auseinandersetzung mit der Kindheit als Sohn dieser Mutter. Haas reflektiert seine Prägung, sein Tun, sein Leben, arbeitet sich an der Mutter ab, erzählt auch von seinen eigenen Erinnerungen. Dabei schreibt er feinsinnig humorvoll, bewegend, mit scheinbarer Leichtigkeit, pointiert und lässt teilhaben am Leben der Marianne Haas, das sicherlich dem Leben vieler Menschen ihrer Generation ähnelt, wie Geschichten aus meiner eigenen Familie vermuten lassen.

Das Cover ist außergewöhnlich, es sieht aus wie gebrauchtes Packpapier mit einem auffälligen Stempel und passt perfekt zum Buch. Unter dem Schutzumschlag kommt überraschend die Zeichnung eines alten Handys zum Vorschein, dessen Bedeutung für den Autor am Ende des Romans klar wird und mich abschließend berührt. 'Eigentum' zeigt eine sehr persönliche Seite des Autors, die ich gern kennengelernt habe.

Veröffentlicht am 21.09.2023

Gelungene Fortsetzung der Polarkreis-Krimireihe

Tief im Schatten
0

Auch der zweite Fall für Hanna Ahlander spielt im winterlichen Åre mit seinen eisigen Temperaturen und beschwerlichem Schneefall. Der letzte kräftezehrende Fall liegt erst zwei Monate zurück und Hanna ...

Auch der zweite Fall für Hanna Ahlander spielt im winterlichen Åre mit seinen eisigen Temperaturen und beschwerlichem Schneefall. Der letzte kräftezehrende Fall liegt erst zwei Monate zurück und Hanna hat sich kaum davon erholt, als der allseits beliebte Johan Lars Andersson aus einem benachbarten Ort brutal erschlagen im Gebüsch an einer Straße gefunden wird.
In einem zweiten, zeitlich früher beginnenden Handlungsstrang wird aus dem Leben der jungen Rebecka erzählt, die zu einer freikirchlichen sehr konservativen Glaubensgemeinschaft gehört.
Viveca Stens Figurenzeichnung ist authentisch, die Charaktere sind lebensnah, Menschen wie du und ich, mit Sorgen, Problemen, Ecken und Kanten. Glaubhaft wird auch der Konflikt zwischen Beruf und Privatleben der Ermittler dargestellt. In Rückblicken werden vergangene Ereignisse angesprochen, so dass das Buch auch ohne Kenntnis des ersten Bandes gut lesbar ist. Mehr Spaß macht es zweifellos, die Entwicklung der Protagonisten mitzuerleben. Die Ermittlungsarbeit der Polizisten wird realistisch geschildert, wobei durch die atmosphärische Beschreibung von Natur und Wetter immer auch die Bedrohung durch die Kälte spürbar ist. Das gelungene Cover vermittelt ebenfalls diese winterliche Gefahr.
Viveca Sten schreibt lebendig und packend, verschiedene Erzählperspektiven, auch die von Angehörigen sowohl des Toten als auch der Ermittler, tragen zur Komplexität der durchgehend spannenden und durch Wendungen überraschenden Geschichte bei.
Neben dem Krimifall thematisiert die Autorin auch aktuelle gesellschaftliche Probleme, für die Hanna Ahlander durch ihre frühere Arbeit in Stockholm besonders sensibilisiert ist.
Mir hat nach 'Kalt und still' auch dieser zweite Band um Hanna und ihre Kollegen sehr gut gefallen und ich kann das Buch Krimilesern uneingeschränkt empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.09.2023

Spannende Zeitreise-Science-Fiction

Time Shifters
0

Time Shifters sind Zeitreise-Agenten, die 24 Stunden zurück reisen können, um Katastrophen abzuwenden. Micaela ist eine dieser Agenten und soll die Explosion einer Bombe an einer Schule in Bologna verhindern.

Erzählt ...

Time Shifters sind Zeitreise-Agenten, die 24 Stunden zurück reisen können, um Katastrophen abzuwenden. Micaela ist eine dieser Agenten und soll die Explosion einer Bombe an einer Schule in Bologna verhindern.

Erzählt wird kapitelweise aus verschiedenen Perspektiven und abwechselnd vor und nach „Stunde Null“, das ist der Explosionszeitpunkt. Durch klare Zeitangaben als Kapitelüberschrift fiel es mir leicht, den Überblick zu behalten. Die technischen Details der Zeitreise und ihre physischen Auswirkungen auf den Agenten werden anschaulich beschrieben, auch unter diesem Aspekt hat mir Micaela am meisten imponiert.
Die beiden jugendlichen Protagonisten sind glaubhaft beschrieben, Rons und besonders Enricos Sorgen, Probleme und Gefühle empfinde ich als authentisch und ich habe mich über die Entwicklung gefreut, die die Jungen im Lauf der Geschichte erleben. Nähe konnte ich zu keiner Figur aufbauen, was vielleicht an den häufigen Perspektivwechseln liegt oder an der Tatsache, dass ich viel älter als die Zielgruppe bin.
Andere Charaktere tragen zur Spannung bei, indem ich ihre Rolle und Bedeutung lange nicht bestimmen konnte. Viel Action und überraschenden Wendungen machen Davide Morosinottos Jugendbuch zum kurzweiligen und spannenden Lesevergnügen, sein klarer Schreibstil ist lebendig, bildhaft und angenehm zu lesen. Die Erzählebenen werden am Ende schlüssig und ohne Logiklöcher zusammengeführt.
Nachdem ich das Buch gelesen habe, kann ich sagen, dass das eher dunkel gestaltete Cover mit der einsamen Figur gut zum Thema passt. Mir hat 'Time Shifters' sehr gut gefallen und ich empfehle das Buch nicht nur jugendlichen, sondern allen Lesern, die sich für Zeitreisen interessieren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.09.2023

Von gefühlten Holdings und blindem Aktionismus

Pirlo - Gefährlicher Freispruch
0

Im dritten Band um die Strafverteidiger Sophie Mahler und Anton Pirlo arbeitet der Autor die Corona-Maßnahmen während der Pandemie auf. Vordergründig geht es um die Verteidigung eines Clanmitglieds und ...

Im dritten Band um die Strafverteidiger Sophie Mahler und Anton Pirlo arbeitet der Autor die Corona-Maßnahmen während der Pandemie auf. Vordergründig geht es um die Verteidigung eines Clanmitglieds und alten Schulfreundes Pirlos, der beschuldigt wird, einen Brandanschlag auf ein Testzentrum verübt zu haben. Bei den Ermittlungen decken Pirlo und Mahler Mauscheleien und unglaubliche Vorgänge nicht nur was die Herstellung und Lieferung der Masken angeht, sondern auch auf Behördenebene auf.

Der Anfang des Buchs dreht sich hauptsächlich um Pirlos depressiven Gemütszustand aufgrund der Ereignisse im Vorgängerband und ist dadurch etwas langatmig, trotz manchen Wortwitzes ausschweifend und durch lange Sätze anstrengend zu lesen. Als Pirlo und Sophie dann das neue Mandat haben und mit Ermittlungen beginnen, macht das Buch zunehmend Spaß. Pirlo ist wieder der charismatische Chaot und Sophie kann die Sorgen um ihren Chef zurückstellen und so clever und gründlich agieren, wie ich sie aus den Vorgängerbüchern kenne. Ich empfehle, zumindest den ersten Band gelesen zu haben, um die Hintergründe der Protagonisten und ihre Entwicklung besser nachvollziehen zu können.

Pirlos Brüder, Clanmitglieder und Sophies Familie sind wieder mit von der Partie und werden ironisch und teilweise überspitzt dargestellt, auch andere Charaktere erscheinen überzeichnet. Das Düsseldorfer Flair finde ich wieder treffsicher und unterhaltsam dargestellt. Der Schreibstil ist gewohnt eigenwillig, augenzwinkernd und wortgewandt, das Cover passt zu den Vorgängerbänden und hat einen hohen Wiedererkennungswert.
Höhepunkt der Geschichte ist für mich der Prozess und Pirlos Vorgehensweise dabei, hier beweist Ingo Bott, selbst erfolgreicher Anwalt mit eigener Kanzlei, seinen Einfallsreichtum und sein Können.

Bemerkenswert finde ich, dass die Betitelung der fünf Teile, die laut des vorangestellten Zitats von Pirlos Doktorvater die Phasen einer Straftat benennen, auch zu Pirlos Vorgehen in der Geschichte passt.

Veröffentlicht am 28.08.2023

Spannender und sehr gut recherchierter Near-Future-Wissenschaftsthriller

Der Wald
0

Das Cover mit der sogar Stein sprengenden Schlingpflanze beeindruckt auch mit haptisch unterschiedlich gestalteten Bereichen, das Buch macht schon beim In-die-Hand-nehmen neugierig auf die Geschichte. ...

Das Cover mit der sogar Stein sprengenden Schlingpflanze beeindruckt auch mit haptisch unterschiedlich gestalteten Bereichen, das Buch macht schon beim In-die-Hand-nehmen neugierig auf die Geschichte. Von Beginn an ist der Leser, genau wie die Figuren des Thrillers, mit einer weltweit auftretenden, bisher völlig unbekannten Pflanze konfrontiert, die enorm schnell wächst, in allen Teilen giftig ist für Mensch und Tier und andere Pflanzen vernichtet und verdrängt. Wissenschaftler und Ermittler tappen im Dunkeln, sowohl was die Herkunft als auch die Möglichkeiten der Bekämpfung der Pflanze angeht.

Der Schreibstil ist bildhaft und lebendig, flüssig und angenehm zu lesen. Ein hohes Erzähltempo, zahlreiche Perspektiven und unterschiedlichste Charaktere, eine zweite Zeitebene und Cliffhanger am Ende jedes Kapitels sorgen für große Spannung und machen es schwierig, eine Lesepause einzulegen. Die Kapitel werden mit Zeitangabe und Namen überschrieben, so dass eine Zuordnung immer möglich ist, dennoch empfand ich den Lesefluss manchmal gestört durch die vielen verschiedenen Perspektiven, aus denen wechselnd erzählt wird. Wobei die Figurenzeichnung eher blass bleibt und manche Details aus dem Privatleben der Protagonisten mir wenig interessant und nicht handlungsrelevant erschienen.

Sehr gut recherchiert und wirklich spannend dargestellt sind die wissenschaftlichen Hintergründe und auch geschichtliche Informationen und philosophische Überlegungen haben mir gut gefallen. Tibor Rode gelingt es, viele interessante und aktuelle Themen in seinen Near-Future-Thriller einzubinden, über Künstliche Intelligenz bis zur bisher generell ignorierten Möglichkeit (oder vielleicht sogar Notwendigkeit), Pflanzen als unsere Mitgeschöpfe auf diesem Planeten zu betrachten.
Mich hat 'Der Wald' gut unterhalten und ich empfehle das Buch Thriller-Lesern mit Interesse an möglichen technologischen Entwicklungen und Gefahren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere