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Veröffentlicht am 20.11.2022

Lügen, Geheimnisse und Schuld

Als die Welt zerbrach
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John Boynes Roman “Als die Welt zerbrach“ schließt inhaltlich und personell an “Der Junge im gestreiften Pyjama“ an und erzählt Gretels Leben auf mehreren Zeitebenen. Gretel floh nach Kriegsende mit ihrer ...


John Boynes Roman “Als die Welt zerbrach“ schließt inhaltlich und personell an “Der Junge im gestreiften Pyjama“ an und erzählt Gretels Leben auf mehreren Zeitebenen. Gretel floh nach Kriegsende mit ihrer Mutter aus Polen, zunächst nach Frankreich, wo sie ihre Herkunft nicht lange verbergen konnten. Nach dem Tod der Mutter wandert Gretel nach Australien aus. Aber auch dort ist sie nicht sicher, weil ihr ein ihr bekannter ehemaliger Nazi mit neuer Identität schaden könnte genauso wie sie ihm. Sie war als 12jährige in den Soldaten verliebt, der ihrem Vater, dem Lagerleiter von Ausschwitz, unterstellt war. Danach ging sie nach London, wo sie den Historiker Edgar Fernby heiratete, einen Sohn aufzog und seit Jahrzehnten in einer Wohnung in einem Villenviertel lebt. Inzwischen ist sie 91 Jahre alt. Dann zieht eines Tages eine Familie mit einem 9jährigen Sohn ein, und alles wird anders. Das Ehepaar streitet häufig lautstark, und Mutter und Sohn haben immer wieder neue Verletzungen. Für Gretel stellt sich die Frage, ob sie wieder wegsieht und verdrängt wie in Ausschwitz, wo sie erst spät verstand, was da passierte, oder ob sie versucht, den Jungen und seine Mutter zu schützen. Gibt sie jetzt ihre Deckung auf und stellt sich erstmalig ihrer Vergangenheit, die sie ein Leben lang verdrängt hat? Sie war ein 12jähriges Mädchen und hat keine Verbrechen begangen, gesteht sich aber inzwischen eine Mitschuld am Tod des jüngeren Bruders Bruno ein.
In diesem Roman über ein wichtiges Thema geht es immer wieder um die Frage der Schuld. Man kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wie lebt man damit? Gretel ist traumatisiert und beschädigt, und hat sich nur ihrem Mann Edgar offenbart, ansonsten geschwiegen, gelogen, verdrängt… Dieses nicht ganz einfach zu lesende Buch lässt den Leser nicht kalt, verlangt aber einiges an Aufmerksamkeit und Geduld. Es ist dennoch eine empfehlenswerte Lektüre, die eigentlich die Kenntnis des Vorgängers voraussetzt.

Veröffentlicht am 20.11.2022

Ein Leben in der Finsternis

Frau mit Messer
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Im Mittelpunkt des Romans “Frau mit Messer“ der südkoreanischen Autorin Byeong-Mo steht eine 65jährige Frau, die sich Hornclaw nennt und seit 45 Jahren für eine Agentur für Schädlingsbekämpfung arbeitet, ...

Im Mittelpunkt des Romans “Frau mit Messer“ der südkoreanischen Autorin Byeong-Mo steht eine 65jährige Frau, die sich Hornclaw nennt und seit 45 Jahren für eine Agentur für Schädlingsbekämpfung arbeitet, deren Mitbegründerin sie einst war. Als Schädlinge werden Menschen bezeichnet, die andere verärgert haben oder ihnen im Weg sind und von den Mitarbeitern der Agentur gegen Bezahlung aus dem Weg geräumt werden. Hornclaw ist so unauffällig und unscheinbar, dass sie in der Öffentlichkeit morden kann, ohne jemals aufzufallen. Die Spezialistin hat weder Verwandte noch Freunde. Sie lebt allein mit ihrem Hund Deadweight, den sie mehr schlecht als recht versorgt. Inzwischen fragen sich nicht nur die Kollegen, ob es nicht an der Zeit ist aufzuhören. Wenn sie einen Fehler macht, riskiert sie ihr Leben und schadet dem Ruf der Firma. Besonders der junge Kollege Bullfight hat es auf sie abgesehen. Er nennt sie respektlos „Omi“ und begegnet ihr mit Ablehnung und offener Feindseligkeit. Hornclaw bemerkt, dass er ihr bei Aufträgen hinterherspioniert, um sie bei Fehlern zu erwischen. Es dauert lange, bis sie begreift, mit wem sie es zu tun hat, als ihre neue Zielperson ausgerechnet zu einer Familie gehört, für die sie so etwas wie Zuneigung empfindet, was nur Bullfight beobachtet haben kann. Ihr Leben lang hat sie ohne Bedauern und Schuldgefühle gemordet. Jetzt entwickelt sie zunehmend Empathie, was das Risiko gefährlich erhöht.
Ich habe den Roman gern gelesen, zumal er auch kritische Einblicke in die südkoreanische Gesellschaft gewährt, vor allem die Stellung der Frau. Die Charaktere sind sorgfältig gezeichnet, wobei ich mich gewundert habe, wie sympathisch mir die Serienmörderin Hornclaw war. Rückblenden in ihre Kindheit und Jugend zeigen, warum sie diesen Weg gegangen ist. Ein interessanter, sehr empfehlenswerter Roman.

Veröffentlicht am 16.11.2022

Ein feministischer Schauerroman

Der mexikanische Fluch
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Silvia Moreno-Garcías Roman “Der mexikanische Fluch“ spielt im Mexiko der 50er Jahre. Noemí Taboada lebt in Mexico City. Sie ist attraktiv, liebt schöne Kleider und amüsiert sich gern. Die jungen Männer ...

Silvia Moreno-Garcías Roman “Der mexikanische Fluch“ spielt im Mexiko der 50er Jahre. Noemí Taboada lebt in Mexico City. Sie ist attraktiv, liebt schöne Kleider und amüsiert sich gern. Die jungen Männer liegen ihr zu Füßen. Eines Tages erhält ihr Vater einen verstörenden Brief ihrer Kusine Catalina, die Virgil Doyle geheiratet hat, einen Spross einer ehemals reichen englischen Familie, die in ihren Silberminen indigene Arbeiter ausbeutete. Mehrere Epidemien dezimierten die Belegschaft. Catalina bittet um Hilfe, weil sie überzeugt ist, dass ihr Mann sie vergiftet. Noemi reist zum Familiensitz High Place in einer ländlichen Gegend und ist entsetzt über Catalinas Zustand. Sie ist bettlägerig, hat Halluzinationen und verhält sich wie eine Verrückte. Noemi reagiert verstört auf den heruntergekommenen Zustand des Hauses, den Gestank, die überall wuchernde Pilze, und bald hat auch sie Albträume und unrealistische Visionen und beginnt schlafzuwandeln. Die Bewohner des Hauses und das Personal begegnen ihr feindselig, und sie gerät immer stärker in die Gewalt der Finsternis, die das Haus und seine Bewohner beherrscht. Die einzige sympathische Figur in diesem Umfeld ist Virgils Vetter Francis, der allein zu schwach ist, um sich gegen die anderen Doyles aufzulehnen, gegen seine unsympathische Mutter Florence oder gegen Howard Doyle, den totkranken alten Patriarchen. Noemí sieht lange keine Möglichkeit, ihrer Kusine zu helfen und womöglich die Flucht für Catalina, Francis und sich selbst zu organisieren, aber sie ist stark und gibt nicht auf.
“Der mexikanische Fluch“ verbindet die Tradition des englischen Schauerromans mit Elementen mexikanischer Mythologie. Dabei wird die Atmosphäre immer düsterer und bedrohlicher, der Horror zunehmend unappetitlich. Es werden Themen wie Verfall, Opferung und Wiedergeburt behandelt und Theorien zur Überlegenheit bestimmter Rassen gegenüber anderen entwickelt, womit die Doyles gern ihre Verbrechen in der Vergangenheit schönreden. Der Roman ist nicht schlecht, aber mir persönlich gefällt die Anhäufung von Horrorelementen nicht. Das muss man wohl mögen.

Veröffentlicht am 01.10.2022

Die Geschichten, die wir erzählen

Unsre verschwundenen Herzen
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Celeste Ngs neuer Roman “Unsre verschwundenen Herzen“ spielt in den USA in der nahen Zukunft. Das PACT (Preserving American Culture and Traditions Act) genannte Gesetz beendete 10 Jahre zuvor eine schwere ...

Celeste Ngs neuer Roman “Unsre verschwundenen Herzen“ spielt in den USA in der nahen Zukunft. Das PACT (Preserving American Culture and Traditions Act) genannte Gesetz beendete 10 Jahre zuvor eine schwere Krise, die viele Menschen in den Ruin trieb. Man gab Asien, vor allem China die Schuld an allen Krisen und Fehlentwicklungen. Per Gesetz wird die amerikanische Kultur geschützt und alle subversiven Elemente sollen ausgemerzt werden. Eine große Zahl von Büchern verschwindet, chinesische Straßennamen werden geändert, und die Bürger tragen demonstrativ die amerikanische Flagge als Abzeichen. Um Kinder vor schädlichen unamerikanischen Einflüssen zu schützen, werden Familien auseinandergerissen und die Kinder unter neuem Namen an unbekanntem Ort in Pflegefamilien und Heime verfrachtet. Dieses Schicksal droht auch dem 9jährigen Noah Gardner, genannt Bird, weil seine Mutter Margaret Min die Tochter chinesischer Einwanderer ist. Sie hat einen Gedichtband veröffentlicht, aus dem das Gedicht „All our Missing Hearts“ stammt, das zum Schlachtruf einer Protestbewegung gegen PACT geworden ist. Um ihre Familie zu schützen, verschwindet Margaret spurlos. 3 Jahre später schickt sie ihrem geliebten Sohn eine Zeichnung, und Bird macht sich auf die Suche. Der Roman erzählt seine Odyssee und die Szenen von Diskriminierung und Gewalt, deren Zeuge bzw. Opfer der nicht wie ein reinrassiger Amerikaner aussehende Junge wird.
Die berührende Geschichte beschreibt aktuelle Tendenzen, ja sogar Geschehnisse, die es in der Vergangenheit bereits gegeben hat: Kinder aus indigenen Familien wurden zum Beispiel in Kanada und Australien von ihren Familien getrennt, ggf. auch getötet, wie die noch immer auf dem Gelände ehemaliger Heime in Kanada gefundenen Massengräber beweisen. Unter Trump wurden an der amerikanisch-mexikanischen Grenze Eltern von ihren Kindern getrennt, und Trump bezeichnete diese Einwanderer als „bad hombres“. Die aktuelle Pandemie war für ihn „the China Flu.“
Ng zeigt in ihrem Buch, dass wir den Menschen nicht mit Misstrauen und Furcht begegnen sollten, sondern mit Liebe und Empathie. Sie rühmt die Macht der Worte, die Rolle der Bücher. Bibliotheken werden bei ihr zu einem Ort der Zuflucht und der Begegnung. Die Geschichten, die wir uns erzählen, sind wichtig. Mir gefällt die Figur des Jungen und das Porträt dieser Mutter-Kind-Beziehung sehr. Ein sehr empfehlenswerter Roman.

Veröffentlicht am 24.09.2022

Leid und Schuld

Der Sturm
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Kieran Elliott kommt nach 12 Jahren in seinen Heimatort Evelyn Bay an der tasmanischen Küste zurück, um seiner Mutter bei einem Umzug zu helfen. Er wird begleitet von seiner Freundin Mia und der kleinen ...

Kieran Elliott kommt nach 12 Jahren in seinen Heimatort Evelyn Bay an der tasmanischen Küste zurück, um seiner Mutter bei einem Umzug zu helfen. Er wird begleitet von seiner Freundin Mia und der kleinen Tochter Audrey. Hier hatte sich damals während eines furchtbaren Sturms ein Unglück ereignet, bei dem Kierans älterer Bruder Finn genauso ums Leben kam wie Toby, der Bruder seines Freundes Sean. Außerdem verschwand damals Gabby Birch, 14, die jüngere Schwester von Olivia, die ebenfalls zu dem Freundeskreis gehört. Der Polizist Chris Renn, inzwischen Sergeant, ist immer noch in der Polizeistation tätig. Kaum ist Kieran in seinem Heimatort angekommen, wird eine junge Frau tot am Strand gefunden. Bronte Laidler war die Mitbewohnerin von Olivia Birch. Kieran ist in Evelyn Bay nicht willkommen, weil man ihm die Schuld am Tod der beiden Männer gibt. Aus diesem Grund ist auch sein Verhältnis zu seiner Mutter gespannt. Keiner im Ort hat die damalige Tragödie vergessen, und vor allem die Angehörigen der Toten und des verschwundenen Mädchens trauern noch immer. Im Verlauf der Ermittlungen kommen immer mehr Details aus der Vergangenheit ans Licht. Die Polizei will wissen, was damals wirklich geschah und gleichzeitig den aktuellen Mordfall aufklären.
Ich kenne die drei Vorgänger dieses Romans, die allesamt spannender waren und Landschaft und Klima in viel stärkerem Umfang einbezogen. Hier geht es immer nur um die eine kleine Bucht mit den drei eisernen Statuen, die bei Flut im Wasser verschwinden, sowie den Eingängen zu den beiden Höhlen mit dem Labyrinth von Gängen im Inneren. “Der Sturm“ hat mich enttäuscht, nicht zuletzt wegen der schlechten Qualität der Übersetzung und der erheblichen Zahl von Fehlern, die ein sorgfältiges Lektorat hätte ausmerzen können.