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Veröffentlicht am 05.06.2022

Bandenkrieg an der amerikanischen Ostküste

City on Fire
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In Don Winslows neuem Roman, dem Auftakt einer geplanten Trilogie, geht es um die rivalisierenden irischen und italienischen Syndikate, die mit Schutzgelderpressung, Schmuggel, Raub und Mord von sich reden ...

In Don Winslows neuem Roman, dem Auftakt einer geplanten Trilogie, geht es um die rivalisierenden irischen und italienischen Syndikate, die mit Schutzgelderpressung, Schmuggel, Raub und Mord von sich reden machen. Die Iren werden angeführt von John Murphy und seinem Sohn Pat, nachdem sich der alte, alkoholabhängige Marty Ryan aus dem Geschäft zurückgezogen hat. Sein Sohn Danny ist mit Terry, John Murphys Tochter, verheiratet und mit seinem Sohn Pat seit der Kindheit eng befreundet. Er arbeitet im Hafen, ist an kleineren Überfällen beteiligt und treibt Geld von säumigen Schuldnern ein. In der Clan-Hierarchie steigt er zunächst nicht auf, weil sein Schwiegervater keinen Ryan als Rivalen haben will. Bei einer Party am Strand zeigt sein Schwager Liam Murphy ein zu großes Interesse an der Freundin von Paulie Moretti, dem Bruder von Peter Moretti, dem Clanchef der italienischen Mafia und löst damit einen Bandenkrieg mit vielen Opfern aus. Danny Ryan, inzwischen Vater eines kleinen Sohns, will bei einem letzten Coup mitmachen und dann aussteigen. Er merkt nicht, dass man ihm eine Falle gestellt hat, um ihn auszuschalten und gerät in große Gefahr.
Don Winslow ist an der Ostküste aufgewachsen und zeichnet ein realistisches Porträt dieses brutalen Bandenkriegs in den 80er Jahren mit allem, was dazugehört: korrupte Polizisten und Angehörige der Justiz, die zahlungswillige Clanmitglieder schützen und an den Verbrechen verdienen. Danny Ryan, der noch keinen Mord begangen hat, ist hier noch der sympathischste Protagonist. Als Leser wünscht man ihm, dass er überlebt und dem Milieu entkommt. Winslows Thriller liest sich authentisch und spannend und weckt das Interesse an den Fortsetzungen. Ich kenne einige Romane von Don Winslow und empfehle diesen neuen Thriller gern.

Veröffentlicht am 22.05.2022

Eine Generation erlebt das Trauma der Troubles

Amelia
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Anna Burns im Original fast 20 Jahre vor dem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman “Milchmann“ veröffentlichter neuer Roman “Amelia“ (“No Bones“) erzählt die Geschichte eines Mädchens namens Amelia ...

Anna Burns im Original fast 20 Jahre vor dem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman “Milchmann“ veröffentlichter neuer Roman “Amelia“ (“No Bones“) erzählt die Geschichte eines Mädchens namens Amelia Boyd Lovett, die im Arbeiterviertel Ardoyne im Norden von Belfast aufwächst. In Ardoyne sind die Einwohner katholisch und haben eine irisch-nationalistische Gesinnung. Auf der anderen Seite der Crumlin Road beginnt das protestantische Shankill - Viertel. Amelia ist acht Jahre alt, als 1969 die bürgerkriegsähnlichen, Troubles genannten Unruhen beginnen, die erst in den 90er Jahren mit dem Karfreitagsabkommen beendet werden. Die Autorin, die einen ähnlichen Hintergrund hat wie ihre Protagonistin, beschreibt eine Kindheit, die geprägt ist von Hass und Gewalt und weit entfernt von jeglicher Normalität. Auch eine Großfamilie wie die Lovetts bietet da keine Sicherheit, wenn schon die Heranwachsenden zu Trinkern werden und sich in gewaltbereiten Gangs organisieren, die den verhassten Gegnern gern mal die Kniescheiben zerschießen. Schon Kinder bewaffnen sich und basteln Bomben. In jeder Familie gibt es Vermisste, Verletzte und Opfer von Morden, und wer überlebt, ist dennoch fürs Leben gezeichnet. Viele werden Alkoholiker und entwickeln psychische Störungen, die oft im Selbstmord enden. Amelia leidet Jahre unter Anorexie, Depressionen und Alkoholabhängigkeit und landet zeitweise in der Psychiatrie. Erzählt wird die Geschichte nicht als zusammenhängender Plot, sondern in vielen Episoden, der Chronologie folgend bis zu den Anfängen des Friedensprozesses 1994.
Ich habe den Roman mit großem Interesse gelesen, und genau wie bei “Milchmann“ bin ich überzeugt, dass man das Buch ohne Vorkenntnisse nicht versteht. Wer hasst und bekämpft wen und warum? Wofür stehen die ganzen Kürzel – RUC, INLA, IRA etc. -, und was hat es mit den zahlreichen paramilitärischen Organisationen auf sich? Das Buch ist in jeder Hinsicht keine leichte Kost. Angesichts von so viel Gewalt verliert ein ganzes Land seine Unschuld, und der Leser kann sich der deprimierenden Grundstimmung nicht entziehen. Nicht einfach zu lesen, aber dennoch empfehlenswert.

Veröffentlicht am 16.05.2022

Wer war ich, wer bin ich, und wer werde ich sein, wenn ich sterbe?

Das Leben eines Anderen
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Eine junge Frau namens Rie verliert ihren Ehemann nach nicht einmal vier glücklichen Ehejahren durch einen Arbeitsunfall. Obwohl ihr Mann vor vielen Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hatte, ...

Eine junge Frau namens Rie verliert ihren Ehemann nach nicht einmal vier glücklichen Ehejahren durch einen Arbeitsunfall. Obwohl ihr Mann vor vielen Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hatte, trifft sie ein Jahr später ihren Schwager, der ihr sagt, dass der Mann auf den Fotos nicht sein Bruder Daisuke Taniguchi ist. Sie wendet sich an den Anwalt Akira Kido, der sie acht Jahre zuvor bei der Scheidung von ihrem ersten Mann vertreten hatte. Jetzt möchte sie herausfinden, wer ihr Mann und Vater ihrer Tochter wirklich war. Die Nachforschungen dauern über ein Jahr. Kido ermittelt in zwei Richtungen: er sucht nach der wahren Identität des Verstorbenen und versucht, den echten Daisuke zu finden. Dabei stößt er auf einen Kriminellen, der vor seiner Inhaftierung mit Identitäten und Fälschungen der amtlichen Personenregister handelte. Viele seiner Kunden haben dabei ihre Identität mehrfach getauscht, was die Ermittlungen weiter erschwert. Kido kniet sich so in den Fall, dass nicht nur seine Ehe in eine schwere Krise gerät, sondern er auch die eigene Identität zunehmend hinterfragt. Die Vorstellung, ein anderer zu werden, ein neues, anderes Leben zu beginnen, erscheint ihm immer attraktiver, zumal er eine ganz besondere Vorgeschichte hat: Er ist ein Japaner mit koreanischen Wurzeln, ein Zainichi in der dritten Generation. Obwohl er selbst zumindest als Erwachsener nicht Opfer von Diskriminierung und Fremdenhass geworden ist, sieht er den wachsenden Extremismus in der japanischen Gesellschaft mit großer Sorge. Eines Tages stellt er sich probeweise dem Schriftsteller in einer Bar unter falschem Namen vor, was den Autor dazu veranlasst, ihn zu seinem Protagonisten in einem neuen Roman zu machen. Dies erfährt der Leser in einem Prolog.
Der vorliegende Roman ist kein Pageturner, aber interessant genug, um sich selbst diese Fragen zu stellen: Was macht unsere Identität aus? Wie lebt es sich mit einer Lüge? Würde ein anderer mit meiner Identität ein besseres Leben führen? Könnte ich mit einer neuen Identität meinem Schicksal entgehen? Mir hat der Roman gefallen, weil er viele Facetten der japanischen Gesellschaft zeigt: das komplizierte System der Familienregister, Massaker an der koreanischen Minderheit und ihre andauernde Diskriminierung, die tiefgreifenden Folgen von Erdbeben und Tsunamis usw. Lediglich die sprachliche Qualität der deutschen Übersetzung hat mich mehrfach gestört.

Veröffentlicht am 16.05.2022

Chemie ist Veränderung

Eine Frage der Chemie
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Bonnie Garmus´ Debütroman „Eine Frage der Chemie“ zeichnet das Porträt einer jungen Amerikanerin in den 50er und 60er Jahren. Elizabeth Zott ist eine überdurchschnittlich intelligente und begabte Chemikerin. ...

Bonnie Garmus´ Debütroman „Eine Frage der Chemie“ zeichnet das Porträt einer jungen Amerikanerin in den 50er und 60er Jahren. Elizabeth Zott ist eine überdurchschnittlich intelligente und begabte Chemikerin. Sie will in ihrem Beruf ihren Weg gehen und nicht Hausfrau und Mutter sein, doch die Hürden scheinen unüberwindlich. Erst fliegt sie aus dem Promotionsprogramm an der UCLA, weil ihr Doktorvater nach ihrer Vergewaltigung verhindern will, dass sie ihm schadet. An einem Forschungsinstitut in Hastings arbeitet sie danach für einen geringen Lohn als Laborassistentin. Nur der geniale Chemiker Calvin Evans sieht ihr Potential. Sie verlieben sich, aber Elizabeth Zott will sie selbst bleiben, will keine Hochzeit und auch keine Kinder, um nicht fortan Mrs. Calvin Evans zu sein. Aber dann stirbt die Liebe ihres Lebens, und Elizabeth ist schwanger. Ihr wird gekündigt, weil eine Angestellte mit einem unehelichen Kind untragbar ist. Elizabeth bekommt einen Job bei einem Fernsehsender, wo sie die Kochsendung „Essen um sechs“ moderieren soll. Auch hier gibt es von Anfang an Konflikte, weil Elizabeth sich weigert, für sie inakzeptable Anweisungen zu befolgen... Auch der Chef des Senders wird sexuell übergriffig, aber Elizabeth weiß sich zu wehren. Ihre unkonventionelle Sendung ist beliebt, obwohl sie viel Chemiewissen enthält – nicht nur wegen der Gerichte, die sie kreiert, sondern auch, weil sie den Frauen Mut macht, niemals ihre Träume aufzugeben und Veränderungen in ihrem Leben in Angriff zu nehmen.
Garmus´ Roman ist lesenswert, weil er an vielen Beispielen zeigt, wie umfassend die Benachteiligung von Frauen war und wie wichtig die Gleichstellung der Geschlechter gesamtgesellschaftlich ist. Emanzipation wird als Thema nicht dogmatisch vermittelt, sondern eingebettet in eine berührende Geschichte mit viel Humor und Sprachwitz. Die Charaktere sind sorgfältig gezeichnet, nicht zuletzt auch die Figur des klugen, empathischen Hundes Halbsieben, der Elizabeth beschützt und ihr bei der Arbeit und der Betreuung der kleinen Tochter Madeline hilft. Erschreckend ist, was ihr alles widerfährt. Da sind nicht nur die Verleumdungen und sexuellen Übergriffe, sondern auch der schamlose Diebstahl von geistigem Eigentum. Ihr Chef am Forschungsinstitut veröffentlicht ihre Forschungsergebnisse unter seinem Namen, spricht ihr jedoch gegenüber Reportern jegliche Befähigung zu einer wissenschaftlichen Tätigkeit ab, genauso wie der Vergewaltiger von der UCLA. Beide stellen sie ziemlich unverblümt als Schlampe dar.
Mir hat der berührende und auch sprachlich gelungene Roman sehr gefallen, und ich empfehle ihn ohne Einschränkung.

Veröffentlicht am 29.04.2022

Vertuschung und Lügen

Freunde. Für immer.
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In Kimberley McCreights neuem Roman trifft sich eine Freundesclique zehn Jahre nach dem Collegeabschluss, um einen Junggesellenabschied zu feiern. Der wohlhabende Jonathan hat die Gruppe in sein einsam ...

In Kimberley McCreights neuem Roman trifft sich eine Freundesclique zehn Jahre nach dem Collegeabschluss, um einen Junggesellenabschied zu feiern. Der wohlhabende Jonathan hat die Gruppe in sein einsam gelegenes Wochenendhaus in den Catskills eingeladen. Zehn Jahre zuvor war bei einer Party auf dem Dach des Vassar College etwas Furchtbares passiert, das ihr Leben für immer verändert hat. Alice, ein Mitglied der Gruppe, konnte mit den Schuldgefühlen nicht leben. Sie verschwand spurlos, hatte nach allgemeiner Ansicht Selbstmord begangen. Bei dem Treffen in der Erzählgegenwart laufen die Dinge schnell aus dem Ruder. Nicht nur, dass der örtliche Bauunternehmer den Hausbesitzer erpresst. Es verschwinden zwei Männer aus der Clique, und ein Toter wird später gefunden, der zunächst nicht identifiziert werden kann. Es kommen immer mehr Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht. Das gilt auch für die Ermittlerin Julian Scutt, deren Schwester Jane 20 Jahre zuvor ermordet wurde. Der Mörder wurde nie gefunden. Die beiden Fälle weisen deutliche Parallelen auf, so dass die Polizistin auch in dem alten Fall ermittelt, um endlich mit der traumatischen Vergangenheit abschließen zu können.
Erzählt wird aus den wechselnden Perspektiven der Freunde und der Ermittlerin und einer unbekannten Person, die alles beobachtet und gut informiert ist. Die Zeit der Handlung umfasst nur das Wochenende von Freitagabend bis Sonntagabend, aber es gibt zahlreiche Rückblenden in die Vergangenheit. Der Roman ist bis zum Ende spannend. Es gibt falsche Fährten, und die Auflösung kann man nicht erraten, auch wenn man noch so aufmerksam liest. Neben der Aufklärung mehrerer Morde geht es auch um das Thema Freundschaft. Wie gut kennen wir unsere besten Freunde, zu wieviel Loyalität ist man unter Freunden verpflichtet? Sollen Freunde sich auch noch loyal verhalten, wenn es um ein Verbrechen geht? Die Protagonisten dieses Romans sind jedenfalls nicht ehrlich zu einander. So viele Lügen und Geheimnisse sind mit wahrer Freundschaft nicht vereinbar.
Mir hat dieses spannende, raffinierte Puzzle sehr gut gefallen und ich empfehle es gern.