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Veröffentlicht am 20.03.2021

Hör auf die Bienen!

Das Flüstern der Bienen
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In ihrem Roman „Das Flüstern der Bienen" erzählt Sofía Segovia über mehrere Generationen die Geschichte der Familie Morales in der kleinen mexikanischen Stadt Linares. Das Ehepaar Beatriz und Francisco ...

In ihrem Roman „Das Flüstern der Bienen" erzählt Sofía Segovia über mehrere Generationen die Geschichte der Familie Morales in der kleinen mexikanischen Stadt Linares. Das Ehepaar Beatriz und Francisco Morales besitzt ausgedehnte Ländereien, hat aber trotzdem kein unbeschwertes, sorgloses Leben. Der Vater von Beatriz wurde als angeblicher Verräter ermordet, die spanische Grippe dezimiert im Jahr 1918 die Bevölkerung drastisch, es herrscht Krieg, und den Großgrundbesitzern wird immer wieder von Soldaten ein Teil der Ernte weggenommen, Frauen werden verschleppt und junge Männer zwangsrekrutiert. Durch Revolution und Agrarreform droht außerdem die völlige Enteignung. In diesen unsicheren Zeiten findet die alte Amme Nana Reja eines Tages einen ausgesetzten Säugling mit entstelltem Gesicht. Beatriz und Francisco nehmen den kleinen Simonopio auf und lieben ihn wie ihr eigenes Kind. Der Junge ist kein normales Kind, sondern hat ein besonderes Verhältnis zu Bienen. Ein Bienenschwarm ist ständig in seiner Nähe und beschützt ihn. Die Bienen lehren ihn alles, was er weiß. Simonopio ist ein Seher, erkennt zukünftige Ereignisse im voraus und beschützt seine Familie, vor allem den kleinen Francisco, der geboren wird, als seine Schwestern Carmen und Consuelo schon erwachsene Frauen sind. Segovias Roman erzählt zugleich die Geschichte einer Familie und einer Epoche, jedoch nicht chronologisch, sondern mit vielen Zeitsprüngen und immer wieder wechselnder Perspektive. Eine wichtige Stimme ist dabei Ich-Erzähler Francisco, der u.a. als alter Mann Dinge berichtet, über die er sein ganzes Leben lang geschwiegen hat. Bis zum Ende des Romans hat so der Leser einen Informationsvorsprung vor den Figuren der Geschichte.
Der Roman besticht durch seine poetische Sprache und entfaltet eine ganz eigene Magie auch durch die Einbeziehung übersinnlicher Elemente, vor allem aber durch die Figur des Simonopio, Franciscos "Bruder". Der bezaubernde Roman ist dem magischen Realismus in der Tradition seines berühmtesten Vertreters - Nobelpreisträger Gabriel García Marquez - zuzurechnen. Ein wunderbares Buch, das man so schnell nicht vergisst.

Veröffentlicht am 20.03.2021

Fakten und Fiktion

Die dritte Frau
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In Wolfram Fleischhauers neuem Roman "Die dritte Frau" befindet sich ein Autor in einer Lebenskrise. Er hat eine Scheidung hinter sich, finanzielle Probleme und keine Ideen für ein neues Buch. Mit Hilfe ...

In Wolfram Fleischhauers neuem Roman "Die dritte Frau" befindet sich ein Autor in einer Lebenskrise. Er hat eine Scheidung hinter sich, finanzielle Probleme und keine Ideen für ein neues Buch. Mit Hilfe seiner Agentin Moran hält er sich durch Übersetzungsaufträge finanziell über Wasser. Sie ermutigt ihn nicht, einen weiteren historischen Roman zu schreiben, da dieses Genre zur Zeit nicht gefragt ist. Der Autor hat dennoch den Plan, sein Buch "Die Purpurlinie" fortzuschreiben, da er mit der unvollständigen Auflösung nicht mehr zufrieden ist. Damals ging es um ein rätselhaftes Gemälde im Louvre, das zwei Frauen zeigt - Gabrielle d´Estrées und Henriette d´Entragues, die beide Geliebte des französischen Königs Henri IV waren und hofften, Königin zu werden. Stattdessen heiratete er Maria aus dem Hause Medici und fiel einem Mordkomplott zum Opfer.
Der namenlose Autor und Ich-Erzähler reagiert mit mehreren Jahren Verspätung auf den sehr kritischen Brief des Franzosen Charles Balzac, der ihn damals nach Frankreich eingeladen hatte, um ihm mit Hilfe von alten Dokumenten all seine Irrtümer und Fehleinschätzungen aufzuzeigen. Der Autor erhält Antwort von Camille Balzac, einer Nachfahrin der Entragues, die den Nachlass des inzwischen verstorbenen Onkels verwaltet.
Der Autor trifft die rätselhafte Frau, die ihn anzieht und doch immer wieder zurückstößt. Sie macht ihm alte Dokumente und verschlüsselte Berichte von Spionen der Medici zugänglich, durch die die damaligen Ereignisse in einem neuen Licht erscheinen, vor allem, was Henriette betrifft, deren Geschichte noch nicht erzählt wurde. Der Autor wird jedoch immer misstrauischer, weil Camille ihn manipuliert und die ganze Zeit ihre eigene Agenda verfolgt.
Fleischhauer erzählt eine spannende und sehr interessante Geschichte über ein berühmtes Gemälde, eine äußerst turbulente Zeit voller Intrigen und Morde zu Beginn des 17. Jahrhunderts, aber auch über den Prozess des Schreibens eines Romans selbst. Raffiniert ist die Verbindung des real existierenden Autors Fleischhauer mit seinem Roman "Die Purpurlinie" mit der fiktiven Figur des Autors im vorliegenden Roman. Was ist hier Wahrheit und was Fiktion? Ein autobiografisches Buch ist dies jedenfalls nicht. So viel steht fest.
Mir hat „Die dritte Frau" sehr gut gefallen. Ich empfehle es gern weiter.

Veröffentlicht am 16.03.2021

Finanzwelt am Abgrund

Montecrypto
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Der Start-up-Unternehmer Gregory Hollister hat ein vermutlich riesiges Vermögen in der Kryptowährung Bitcoin angelegt, als er eines Tages bei einem Flugzeugabsturz stirbt. Seine Halbschwester beauftragt ...

Der Start-up-Unternehmer Gregory Hollister hat ein vermutlich riesiges Vermögen in der Kryptowährung Bitcoin angelegt, als er eines Tages bei einem Flugzeugabsturz stirbt. Seine Halbschwester beauftragt den Privatdetektiv Ed Dante mit der Suche nach dem digitalen Vermögen. Es beginnt eine Schnitzeljagd mit immer neuen Hinweisen, an der sich bald nicht nur die Bloggerin Mercy Mondego, sondern Tausende von Internetnutzern, Geheimdienste und allerlei zwielichtige Gestalten beteiligen. Dante hat zwar als ehemaliger Banker Erfahrungen im Finanzwesen, aber kennt sich mit digitalen Währungen nicht besonders aus. So ist er oft auf Mercys Unterstützung angewiesen. Er weiß, dass sein Auftrag nicht ungefährlich ist und jeder seiner Schritte beobachtet wird. Er kommt viel herum, fliegt in die Schweiz, nach New York, zurück nach Kalifornien und schließlich nach Mexiko, wo ihn und den Leser die Auflösung aller Rätsel erwartet, und schließlich kommt alles anders, als man dachte. Der finale Showdown verdeutlicht auch dem Laien, wie nah wir einer weltweiten Bankenkrise und dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft jederzeit sind. Hillenbrand hat einen ungewöhnlichen Roman über ein nicht gerade gängiges Thema geschrieben, der eigentlich Kenntnisse über Finanzmärkte, Kryptowährungen und das hier übliche spezielle Vokabular voraussetzt. Auch sonst ist dieser Roman sprachlich besonders. Mir gefällt der Humor, aber nicht die teilweise recht derbe Wortwahl des Autors. Auch ist der dem Genre des Thrillers zugewiesene Roman nicht durchgängig spannend. Mich überzeugt er nicht völlig.

Veröffentlicht am 07.03.2021

Der Sommer, der alles veränderte

Hard Land
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Der lang erwartete neue Roman von Benedict Wells spielt Mitte der 80er Jahre in einer Kleinstadt in Missouri. Im Mittelpunkt steht der 15jährige Sam. Er ist ein Außenseiter, schüchtern, nicht selbstbewusst ...

Der lang erwartete neue Roman von Benedict Wells spielt Mitte der 80er Jahre in einer Kleinstadt in Missouri. Im Mittelpunkt steht der 15jährige Sam. Er ist ein Außenseiter, schüchtern, nicht selbstbewusst und für seine Altersgenossen das ideale Opfer. Er wird nicht nur in der Schule gemobbt, sondern auch von seinen Cousins gequält, weshalb er sich in den Sommerferien von seinen Eltern nicht dorthin schicken lassen will. Stattdessen nimmt er einen Job im örtlichen Kino an, wo er zwei etwas ältere Jungen und Kirstie, die Tochter des Kinobesitzers kennenlernt. Er verliebt sich in das Mädchen und findet endlich Freunde. Es ist eine wundervolle Erfahrung für ihn, aber nicht alles ist positiv. Die Familie trifft ein Schicksalsschlag, und Sam erlebt Verlust und Trauer.
Der Roman erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden mit allen Schwierigkeiten und Schmerzen. Dabei zeigt der Autor familiäre Probleme, die eine Generation zurückreichen und das distanzierte Verhältnis des Vaters zu seinem Sohn erklären. Er beschreibt außerdem anschaulich den wirtschaftlichen Niedergang der Stadt, in der niemand mehr Arbeit findet und Geschäfte, Restaurant und Kino schließen. Zugleich ist er eine Hommage an die Literatur, die Filme und die Musik der 80er Jahre.
Mir hat das neue Buch von Wells gut gefallen. Ich bin und bleibe ein großer Fan des Autors.

Veröffentlicht am 07.03.2021

Mütter und Töchter

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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In Alena Schröders Debütroman „Junge Frau, am Fenster stehend. Abendlicht, blaues Kleid“ geht es um vier Generationen von Frauen einer Familie. Die Geschichte umspannt ein Jahrhundert, beginnend mit den ...

In Alena Schröders Debütroman „Junge Frau, am Fenster stehend. Abendlicht, blaues Kleid“ geht es um vier Generationen von Frauen einer Familie. Die Geschichte umspannt ein Jahrhundert, beginnend mit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Urgroßmutter Senta wird schwanger und heiratet den Kriegsheld Ulrich. Die Ehe ist jedoch nicht glücklich. Senta lässt ihre Tochter Evelyn bei ihrem Mann zurück, der die Dreijährige von seiner Schwester Trude aufziehen lässt. Senta folgt ihrer Freundin Lotte nach Berlin und heiratet später Julius, den Sohn eines jüdischen Kunsthändlers. Aus dieser Ehe stammt die Tochter Silvia, die früh an Krebs stirbt. Deren Tochter Hannah, eine 27jährige Doktorandin in der Erzählgegenwart, kümmert sich um ihre 94jährige Großmutter Evelyn, die in einem Altersheim im Berliner Westen auf den Tod wartet. Durch einen Brief an die Großmutter erfährt Hannah, dass Evelyn und sie Erben eines von den Nazis gestohlenen Vermögens sind, wenn die geraubten Kunstwerke denn gefunden und restituiert werden. Hannah fragt ihren Doktorvater um Rat, der den Kontakt zu einem jungen Wissenschaftler mit umfangreichen Kenntnissen über die Nazizeit vermittelt. Hannah wusste nichts über Verbindungen zu der angeheirateten jüdischen Verwandtschaft. Ihre Großmutter hat ihr Leben lang über die Familiengeschichte geschwiegen und verweigert auch jetzt zunächst jede Auskunft. Hannah beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen, steckt doch ihr Leben in einer Sackgasse fest. Sie kommt mit ihrer Doktorarbeit nicht weiter und hat eine aussichtslose Affaire mit ihrem verheirateten Doktorvater. Sie braucht dringend neue Ziele, überhaupt eine Orientierung in ihrem Leben.
Die Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern wechselt zwischen den Zeitebenen und den Personengruppen. Dabei geht es nicht nur um Judenverfolgung und Raubkunst, sondern auch um das schwierige Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern, Schuld und Verantwortung, all das Ungesagte, das zwischen den Mitgliedern einer Familie steht. Es ist ein anspruchsvoller, faszinierender Roman, in dem die Autorin die eigene Geschichte aufarbeitet und keine scheinbar naheliegende, simple Auflösung wählt. Ein sehr empfehlenswertes Buch.