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Veröffentlicht am 06.12.2020

Der Frühling kommt immer zurück

Die Farbe von Glück
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In Clara Maria Bagus´ Roman "Die Farbe von Glück“ geht es um drei Familien, deren Schicksale unauflöslich miteinander verbunden sind. Es beginnt mit dem 6jährigen Antoine, der von seiner Mutter Marlene ...

In Clara Maria Bagus´ Roman "Die Farbe von Glück“ geht es um drei Familien, deren Schicksale unauflöslich miteinander verbunden sind. Es beginnt mit dem 6jährigen Antoine, der von seiner Mutter Marlene plötzlich und ohne Erklärung verlassen wird. Die Krankenschwester Charlotte nimmt ihn auf und bietet ihm ein liebevolles Zuhause. Zwei Jahre später zwingt der Richter Jules Charlotte, sein scheinbar dem Tod geweihtes Neugeborenes gegen ein gesundes Baby einzutauschen, damit seine Frau nicht ihr viertes Baby verliert und daran zerbricht. Charlotte gehorcht, weil sie ihren Ziehsohn nicht verlieren will. Jules wird für die nächsten 20 Jahre täglich Schuld und Reue empfinden, und auch Charlotte leidet unter der erzwungenen Tat. Die Autorin erzählt die Lebensgeschichte der Betroffenen, die einander begegnen und weitere weitreichende Entscheidungen treffen.
Leider ist die Handlung völlig unrealistisch, ohne genaueren Bezug zu Raum und Zeit. Sie wird stattdessen von vielen, wenig plausiblen Zufällen bestimmt. Die wichtigste Botschaft des Romans kann ich dabei durchaus noch akzeptieren: Man darf sich nicht mit dem falschen Leben abfinden. Es ist nie zu spät für einen Neuanfang, denn der nächste Frühling kommt bestimmt. Am Ende wird (fast) alles gut. Teilweise ist mir das zu melodramatisch und mich stört die Vielzahl von Lebensweisheiten, die ständig präsentiert werden, immer wieder und wieder ausformuliert. Teilweise ist die Sprache poetisch, vor allem wenn es um Licht und Farben, Landschaften und Vegetation geht. Es stören mich aber dennoch die häufige Aneinanderreihung von unzähligen Fragen und die Tatsache, dass die Autorin Deutsch schreibt, als hätte sie es als Fremdsprache gelernt. Zahllose Formulierungen und Satzkonstruktionen gibt es so nicht.
Insgesamt bin ich von dem Roman enttäuscht.

Veröffentlicht am 22.11.2020

Keine Tat bleibt ungesühnt

Ohne Schuld
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In “Ohne Schuld“, dem neuen Krimi um Detective Sergeant Kate Linville, schießt ein Unbekannter in einem Zug auf eine junge Frau. Zufällig befindet sich die Polizistin im Zug und kann die Frau in Sicherheit ...

In “Ohne Schuld“, dem neuen Krimi um Detective Sergeant Kate Linville, schießt ein Unbekannter in einem Zug auf eine junge Frau. Zufällig befindet sich die Polizistin im Zug und kann die Frau in Sicherheit bringen. Wenig später wird eine andere Frau schwer verletzt, als sie mit dem Fahrrad in einen über den Weg gespannten Draht gerät. Auch auf diese Frau wird geschossen, aber sie wird nicht getroffen. Die Schüsse stammen aus derselben Waffe. Die Polizei steht vor einem Rätsel, weil es keinerlei Überschneidungen im Leben der beiden Frauen gibt. Kate ermittelt mit Hilfe ihres suspendierten Chefs Caleb Hale und gerät dabei selbst in Lebensgefahr. Es wird ein langer Weg bis zur Lösung der beiden Fälle. Kate wird sich wegen ihres eigenmächtigen Handelns verantworten müssen. Ihre Zukunft ist am Ende genauso ungewiss wie die von Caleb Hale.
Es fängt interessant und spannend an und liest sich zunächst hervorragend. Gegen Ende lässt die Spannung jedoch erheblich nach, weil der Leser da längst Täter und Motiv kennt. Der letzte Teil hat deutliche Längen. Mich stört auch das halboffene Ende, das auf die geplante Fortsetzung der Reihe um Kate Linville hindeutet. Insgesamt bin ich ein wenig enttäuscht.

Veröffentlicht am 17.10.2020

Aufwachsen im großen Schweigen

Ada
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Mit „Ada“ schreibt Christian Berkel die in “Der Apfelbaum“ begonnene Geschichte seiner Familie fort. Die 9jährige Ada kehrt mit ihrer Mutter Sala aus Argentinien zurück und begegnet zum ersten Mal ihrem ...

Mit „Ada“ schreibt Christian Berkel die in “Der Apfelbaum“ begonnene Geschichte seiner Familie fort. Die 9jährige Ada kehrt mit ihrer Mutter Sala aus Argentinien zurück und begegnet zum ersten Mal ihrem Vater Otto und einem mysteriösen Mann namens Hannes, den ihre Mutter ebenfalls zu lieben scheint. Ihre Eltern leben nach der zehnjährigen Trennung wieder zusammen, und Ada bekommt noch einen kleinen Bruder. Ada leidet während ihrer Kindheit und Jugend unter dem Schweigen der Eltern. Weder berichtet Sala von Flucht, Verrat und Lageraufenthalt in den Pyrenäen, noch Otto über seine Kriegserlebnisse und seine Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Ada weiß vor allem nichts über ihre jüdische Herkunft und das Schicksal der vorausgegangenen Generationen jüdischer Verwandter. Erst als erwachsene Frau erfährt sie, dass sie und ihre Mutter nicht immer katholisch waren. Zeit ihres Lebens ist Ada auf der Suche nach ihrer Identität und erhält keine Antwort auf die Frage, wer wirklich ihr Vater ist – Otto oder Hannes. Sie sagt sich für viele Jahre von ihrer Familie los und versucht, sich beruflich und privat neu zu orientieren.
Der Leser verfolgt Adas Geschichte vor dem Hintergrund zeitgenössischer Themen. Da kommen Mauerbau und -fall ebenso zur Sprache wie die Studentenunruhen Ende der 60er Jahre, das Leben in Kommunen, Drogenkonsum, die Rolling Stones, Woodstock. Ada wird fast Zeugin der Erschießung von Benno Ohnesorg und Opfer eines brutalen Polizeieinsatzes. Diese realen Zutaten runden Adas Geschichte ab, die dennoch im Wesentlichen Fiktion bleibt.
Ich habe diesen zweiten Roman aus Berkels Feder gern gelesen, war dennoch nicht ganz so beeindruckt wie nach dem ersten. Eine Empfehlung ist dieses gut geschriebene Buch dennoch wert.

Veröffentlicht am 17.10.2020

Eine Jugend in Topeka, Kansas

Die Topeka Schule
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Im Mittelpunkt von Ben Lerners Roman “Die Topeka Schule“ steht eine Familie in Topeka, Kansas im ländlichen Mittleren Westen. Der Roman spielt in den 90er Jahren. 1997 steht der 17jährige Adam Gordon steht ...

Im Mittelpunkt von Ben Lerners Roman “Die Topeka Schule“ steht eine Familie in Topeka, Kansas im ländlichen Mittleren Westen. Der Roman spielt in den 90er Jahren. 1997 steht der 17jährige Adam Gordon steht kurz vor dem Highschool-Abschluss. Er nimmt sehr erfolgreich an Debattierwettbewerben teil und bereitet sich – unterstützt von Trainern – auf den nationalen Wettkampf vor. Seine Eltern Jonathan und Jane sind beide Psychotherapeuten und arbeiten in einer Foundation genannten psychiatrischen Klinik. Jane leidet unter frühen unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen, und sie haben Probleme in ihrer Ehe. Jane veröffentlicht ein hochgelobtes feministisches Buch und wird daraufhin in anonymen Anrufen, Nachrichten und auf der Straße aufs übelste beleidigt und bedroht. Ihre Freundin Sima, die zugleich ihr Supervisor ist, verkraftet Janes Ruhm nicht. Die Freundschaft zerbricht. Zu den Protagonisten gehört auch ein gestörter und etwas zurückgebliebener Jugendlicher namens Darren Earheart, ein Patient von Jonathan, der von den Altersgenossen gnadenlos gehänselt und gemobbt wird.
Erzählt wird die Geschichte nicht chronologisch aus drei wechselnden Perspektiven mit Einschüben, die Darren betreffen. Der Roman ist auch deshalb keine leichte Kost, weil die Debattierwettbewerbe in ihrer speziellen Ausprägung für uns auf jeden Fall eine fremde Welt sind. Da spielt „spreading“ eine große Rolle. Dabei wird der Gegner mit einer solchen Fülle von Argumenten überschüttet, dass er unmöglich in der vorgegebenen Zeit auf alle eingehen kann und deshalb verliert. Auf mich wirkt das eher wie ein Wettbewerb im Schnellsprechen, wo es auf Inhalte gar nicht mehr ankommt, eher ein grandioses Geschwafel. Dennoch wird deutlich, dass Sprache Macht verleiht. Sprache verhilft zu einem Überlegenheitsgefühl und bringt andere zum Verstummen. Im schlimmsten Fall kommt es zu verbaler Gewalt. Die wichtigsten Themen des Romans sind für mich: der politische Diskurs, wie wir ihn heute in den USA haben, zeichnet sich ab. Toxische Männlichkeit bleibt wirksam und macht dem weiblichen Teil der Bevölkerung das Leben schwer. Traumata werden von Generation zu Generation weitergegeben und prägen das Erleben jeder neuen Generation. Bleibt nur noch zu sagen, dass der Roman ein weiteres Beispiel für den neuen Trend der autofiktionalen Literatur ist, denn in vielen Einzelheiten gleicht Adam Gordons Geschichte der Biografie des Autors. Ein interessantes Buch, das sich nicht mühelos liest.

Veröffentlicht am 17.10.2020

Die Suche nach der eigenen Identität

Die verschwindende Hälfte
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In Brit Bennetts neuem Roman “Die verschwindende Hälfte“ geht es um die Geschichte einer Familie im fiktiven Ort Mallard im ländlichen Louisiana über einen Zeitraum von fast 60 Jahren. Hier werden in ...

In Brit Bennetts neuem Roman “Die verschwindende Hälfte“ geht es um die Geschichte einer Familie im fiktiven Ort Mallard im ländlichen Louisiana über einen Zeitraum von fast 60 Jahren. Hier werden in den 40er Jahren die eineiigen Zwillinge Desiree und Stella Vignes geboren. In diesem Ort leben seit Generationen Farbige, die immer hellhäutiger werden. Als Kinder werden die Mädchen Zeugen des Lynchmords an ihrem Vater. Mit 16 Haben sie nur einen Wunsch: diesen Ort zu verlassen. Sie gehen heimlich nach New Orleans, wo sie Unterkunft und Arbeit finden. Stella geht bei einer Bewerbung um einen Bürojob als Weiße durch, und bald werden sich ihre Wege trennen. Stella entscheidet sich für ein Leben als Weiße, zahlt jedoch einen hohen Preis dafür. Sie bricht den Kontakt zu ihrer Familie ab, wobei vor allem die Trennung von der geliebten Schwester schmerzlich ist. Von da an wird ihr ganzes Leben auf einer Lüge aufgebaut sein. Sie heiratet einen weißen Banker und bekommt die blonde Tochter Kennedy mit den violetten Augen. Niemals spricht sie über ihre Vergangenheit und behauptet, ihre Angehörigen seien tot. Desiree geht einen anderen Weg. Sie heiratet einen sehr dunkelhäutigen Farbigen und bekommt die blauschwarze Tochter Jude. Nach Jahren flieht sie mit der Tochter vor ihrem gewalttätigen Ehemann und kehrt nach Mallard zurück. Hier spürt sie der Jugendfreund Early auf, der sie im Auftrag seines Chefs suchen soll, verrät sie aber nicht. Während Kennedy das Leben einer reichen Weißen lebt und zu einer ziemlich erfolglosen Schauspielerin wird, bemüht sich Jude um einen Schulabschluss und beginnt schließlich mit Hilfe eines Sportstudiums mit 10 Jahren Verspätung ein Studium an der UCLA. Zufällig begegnen sich sie Kusinen und Jude erkennt Mutter und Tochter, weil Stella Desiree noch immer wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Bei einem Streit konfrontiert Jude Kennedy mit ihrer wahren Herkunft und der Geschichte ihrer Familie. Kennedy stellt ihre Mutter zur Rede, die aber alles leugnet. Kennedy ist sich jetzt sicher, dass ihre Mutter ihr über all die Jahre nur Lügen erzählt hat. In der zweiten Hälfte des Romans läuft alles auf die unwahrscheinliche Wiederbegegnung der Schwestern hinaus, aber wie könnte die wohl aussehen?
Neben der brandaktuellen Thematik des in den USA noch immer allgegenwärtigen Rassismus behandelt der Roman viele weitere Themen: Liebe und Verrat, Lügen und Geheimnisse, Herkunft und Hautfarbe, die Suche nach der eigenen Identität, Transsexualität und die historischen Meilensteine der amerikanischen Geschichte, wie zum Beispiel die Fakten der Rassentrennung und die Morde an King und den Kennedys. Die generationsübergreifende Familiengeschichte ist wegen der vielen Zeitsprünge und Rückblenden nicht immer leicht zu lesen, und manchmal fällt die zeitliche Einordnung von Episoden schwer. Da scheitert auch der Verfasser des Klappentextes. Die Zwillinge können nicht in den 50er Jahren geboren sein, wenn Desiree 1968 mit ihrer 8jährigen Tochter Jude nach Mallard zurückkehrt. Mich hat der Roman sehr gefesselt, und ich halte ihn für einen der interessantesten der letzten Zeit.