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Veröffentlicht am 06.09.2020

Was wissen wir schon über unseren Nächsten?

Das Leben ist ein wilder Garten
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„Das Leben ist ein wilder Garten“ (Originaltitel: Grand National), der neue Roman des Schweizers Roland Buti, beschreibt eine kurze Phase im Leben des Landschaftsgärtners Carlo Weiss. Seine geliebte Frau ...

„Das Leben ist ein wilder Garten“ (Originaltitel: Grand National), der neue Roman des Schweizers Roland Buti, beschreibt eine kurze Phase im Leben des Landschaftsgärtners Carlo Weiss. Seine geliebte Frau Ana hat ihn verlassen, die 18jährige Tochter Mina studiert in London und duldet keine Einmischung ihrer Eltern in ihr Leben. Dann wird Carlo durch einen Arbeitsunfall außer Gefecht gesetzt, und zwei Unbekannte schlagen seinen aus dem Kosovo stammenden Helfer Agon brutal zusammen, wobei sie ihn erheblich verletzen. Genau in dieser Krise verschwindet Carlos leicht demente Mutter Pia aus dem Altersheim. Carlo findet sie in dem ehemaligen Luxushotel Grand National in den Bergen, wo die bildhübsche Tochter eines Bäckers als junges Mädchen Brötchen auslieferte. Die Mutter will hier in Würde ihre letzten Tage verbringen und weigert sich, ins Heim zurückzukehren. An ihrer Seite trifft Carlo einen alten Lehrer, der sie offensichtlich sein Leben lang bewundert und geliebt hat. In den Gesprächen mit dem Lehrer und mit seiner Mutter erfährt Carlo eine Menge über die Vergangenheit seiner Mutter, vor allem über die Männer in ihrem Leben, als sie eine umschwärmte Schönheit war.
Buti erzählt seine an äußerer Handlung recht arme Geschichte sensibel und poetisch, wobei er deutlich macht, dass wir nur sehr wenig über die Menschen wissen, die uns nahestehen. Carlo hat nicht nur ein sehr unvollständiges Bild von seiner Mutter. Er erfährt auch, dass der massige Koloss Agon mit den Riesenpranken eine dunkle Vergangenheit im Balkankrieg hat und es sich bei dem Überfall um eine späte Rache handelt. In der Begegnung mit Carlos Mutter erweist sich Agon als äußerst sensibel und empathisch. Umso schlimmer ist es für ihn, dass sein kleines Gartenparadies samt Hütte einem Fußballplatz weichen muss.
Poetisch ist die Sprache Butis nicht nur in Bezug auf die Menschen, sondern auch bei den Naturbeschreibungen. Da verschmerzt der Leser leicht, dass auf der Handlungsebene nicht viel passiert.

Veröffentlicht am 23.08.2020

Man muss einander und sich selbst verzeihen

Was uns verbindet
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In Shilpi Somaya Gowkas neuem Roman “Was uns verbindet“ geht es um eine Familie, die alle Voraussetzungen zu erfüllen scheint, um dauerhaft glücklich zu sein. Die Diplomatentochter Jaya mit indischen Wurzeln ...

In Shilpi Somaya Gowkas neuem Roman “Was uns verbindet“ geht es um eine Familie, die alle Voraussetzungen zu erfüllen scheint, um dauerhaft glücklich zu sein. Die Diplomatentochter Jaya mit indischen Wurzeln trifft in London den amerikanischen Banker Keith Olander. Sie sind seit 20 Jahren ein glückliches Paar ohne finanzielle Sorgen in einem kalifornischen Vorort, haben zwei Kinder Karina, 13 und Prem, 8. Dann passiert ein tragischer Unglücksfall, und nichts ist mehr, wie es war. Die Familie zerbricht, jeder versucht auf seine Weise, mit Trauer und Schuld umzugehen. Dabei entwickeln sie sich sehr weit auseinander. Die Eltern lassen sich scheiden. Jaya flüchtet in eine tiefe Spiritualität und folgt einem Guru. Keith arbeitet noch mehr als zuvor, hat zahlreiche Affairen und trifft als erfolgreicher Investmentbanker eine ethisch problematische Entscheidung, die ihn in große Schwierigkeiten bringen wird. Die Eltern merken nicht, dass Karina unter Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und sich immer wieder selbst verletzt. Am College macht sie Erfahrungen, die sie weiter traumatisieren. Sie kann sich niemand anvertrauen und flüchtet schließlich auf eine Oase genannte Farm, wo eine sektenähnliche Gruppe unter dem charismatischen, aber sehr dominanten Führer Micah eine alternative Lebensform ausprobiert. Karina verliebt sich in Micah und entdeckt erst allmählich, wie gefährlich dieser Mann ist, der sie alle belügt und benutzt. Nach einem weiteren furchtbaren Erlebnis ist Karina wieder bei den Eltern und bekommt endlich ihre Unterstützung und die professionelle Hilfe, die sie so dringend benötigt.
Auch der Leser nimmt einige Erkenntnisse aus diesem weisen Buch mit: den richtigen Umgang mit Trauer und Schuld und die Notwendigkeit, irgendwann damit abzuschließen und sein Leben in den Griff zu bekommen. Die Geschichte hat mich sehr berührt, zeigt sie doch, was Familie auch in existentiellen Krisen leisten kann, wenn sie funktioniert. Erzählt wird aus den vier verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder, wobei der Schwerpunkt auf Karinas Sicht und Erfahrungen liegt. Ein sehr schönes Buch, das ich uneingeschränkt empfehle.

Veröffentlicht am 23.08.2020

Niemals aufgeben

Wilde Freude
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Im Mittelpunkt von Sorj Chalendons neuem Roman “Wilde Freude“ steht die Buchhändlerin Jeanne Hervineau. Sie erfährt, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Die gute Nachricht: ihr wird nicht die Brust amputiert, ...

Im Mittelpunkt von Sorj Chalendons neuem Roman “Wilde Freude“ steht die Buchhändlerin Jeanne Hervineau. Sie erfährt, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Die gute Nachricht: ihr wird nicht die Brust amputiert, aber sie muss monatelang eine Chemo-, danach eine Strahlentherapie machen. Ihr Mann Matt reagiert abweisend und kalt. Er kann ihren Anblick und Geruch schon bald nicht mehr ertragen und verlässt sie. Da trifft es sich gut, dass sie bei der Therapie die empathische Brigitte kennenlernt, die sie schon bald einlädt, in die WG mit den Freundinnen Assia und Melody einzuziehen, die alle dasselbe durchmachen. Drei von ihnen teilen im Übrigen auch die Erfahrung, ein Kind verloren zu haben. Jeannes Sohn Jules starb mit sieben Jahren an einer unheilbaren Krankheit. Seit seinem Tod ist die Beziehung zu Matt bereits zerrüttet. Bei den drei Frauen fühlt sich Jeanne geborgen und fasst allmählich neuen Lebensmut. Sie verändert sich auch sonst, entschuldigt sich nicht mehr ständig, was ihr den Spitznamen Jeanne Sorry eingebracht hat. Sie merkt, dass sie ein Leben lang unauffällig und angepasst sein wollte. Jetzt nimmt sie ihr Schicksal in die Hand und wird zur mutigen Kämpferin. Diese Eigenschaft wird gebraucht, als die vier Frauen einen Überfall auf ein Juweliergeschäft planen, um einer von ihnen aus ihrer Notlage zu helfen. Dadurch bekommt der Roman, der in der ersten Hälfte eher von Traurigkeit angesichts der vielleicht tödlichen Krankheit dominiert wird, Elemente eines Thrillers mit zunehmender Spannung. Wilde Freude vermisse ich allerdings weitgehend – abgesehen von der Tatsache, dass die Frauen ihr Leben trotz aller Schmerzen und Ängste so normal wie möglich weiterführen.
Ich kenne fast alle Romane von Chalendon. Dieser ist anders und gefällt mit aus verschiedenen Gründen weniger als die anderen. Das liegt einmal an den detaillierten Beschreibungen der Krankheit und den Therapien mit den verheerenden Begleiterscheinungen, zum anderen an der nicht immer besonders plausiblen Romanhandlung – hier vor allem der bewaffnete Überfall. Positiv zu bewerten ist auf jeden Fall, dass die Geschichte den Leser nicht hoffnungslos zurücklässt. Dafür sorgt schon die beschriebene Solidarität und Freundschaft unter den Frauen, die ihnen den Mut und die Kraft zu kämpfen gibt. Bedingt zu empfehlen.

Veröffentlicht am 02.08.2020

Ich sollte noch ein bisschen bleiben

Der letzte Satz
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In Robert Seethalers neuem Roman “Der letzte Satz“ ist der Komponist und Dirigent Gustav Mahler auf dem Schiff „Amerika“ von New York Richtung Europa unterwegs. Er ist todkrank und weiß selbst, dass dies ...

In Robert Seethalers neuem Roman “Der letzte Satz“ ist der Komponist und Dirigent Gustav Mahler auf dem Schiff „Amerika“ von New York Richtung Europa unterwegs. Er ist todkrank und weiß selbst, dass dies seine letzte Reise sein wird. Er schaut vom Deck aus über das Meer und lässt Stationen seines Lebens Revue passieren: seine bemerkenswerte Karriere als Dirigent, die ihn in die großen Häuser der ganzen Welt führte und unter anderem in Wien einem disziplinlosen Orchester mit teilweise mittelmäßigen Musikern zu großen Triumphen verhalf. Er erinnert sich an seine kleine Tochter Maria, die etwa zwei Jahre zuvor verstarb, und er denkt über seine Ehe mit der schönen Alma nach, die mit der kleinen Tochter Anna ebenfalls an Bord ist. Alma ist die Liebe seines Lebens. Sie ist dennoch von dieser Ehe enttäuscht und hat sich einem anderen Mann zugewandt, weil sie immer gespürt hat, dass die Musik in Gustav Mahlers Leben die wichtigste Rolle spielt. Sie verlässt ihren Mann jedoch nicht, denn ihm bleibt ohnehin nicht mehr viel Zeit. Rückblickend bedauert Mahler, nicht mehr komponiert zu haben: „Ich sollte noch ein bisschen bleiben.“ (S. 118) Seine Tätigkeit als Dirigent und die vielen Reisen haben zu viel Zeit gekostet.
Seethaler zeichnet in diesem schmalen Bändchen ein faszinierendes Porträt eines großen Künstlers, der trotz antisemitischer Anfeindungen und Widerständen aller Art seinen Weg ging und großes leistete. Auch die lange Krankheit mit vielen unangenehmen Symptomen lässt ihn nicht resignieren. Er weiß: Solange man sich den Tod vorstellen kann, ist er noch nicht da (S. 108). Dem Autor ist ein auch sprachlich beeindruckendes Porträt gelungen, das ich gern empfehle.

Veröffentlicht am 16.07.2020

Die Geschichte einer starken Frau

Die Marschallin
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In ihrem Roman „Die Marschallin“ erzählt die Autorin Zora del Buono die Geschichte ihrer gleichnamigen Großmutter und gibt dabei einen detaillierten Einblick in das Zeitgeschehen von 1919 - 1948. In einem ...

In ihrem Roman „Die Marschallin“ erzählt die Autorin Zora del Buono die Geschichte ihrer gleichnamigen Großmutter und gibt dabei einen detaillierten Einblick in das Zeitgeschehen von 1919 - 1948. In einem auf das Jahr 1980 datierten Epilog berichtet die Großmutter, die inzwischen in einem Pflegeheim in Jugoslawien lebt, aus ihrer Sicht über ihr Leben. Zora del Buono ist eine dominante Frau, die weiß, was sie will. Aufgewachsen mit vier Brüdern und Mutter von drei Söhnen duldet sie keine Rivalinnen. Von daher haben ihre Schwiegertöchter später einen schweren Stand. Zora lernt ihren Mann, den Radiologen Pietro del Buono, bei einem Einsatz im Ersten Weltkrieg kennen. Das Paar heiratet und lebt später in einem von Zora entworfenen Haus in Bari, in dem sich auch die Klinikräume befinden. Sie sind reich, leben ein gutbürgerliches Leben und sind dennoch überzeugte Kommunisten, die den Faschismus bekämpfen, Tito bewundern und aktiv Partisanen unterstützen. Bei diesen Aktivitäten wird Zora in einen Raubmord verwickelt, denn die Gegner des Faschismus brauchen Geld und Waffen für ihren Kampf. Es ist eine Zeit von Kriegen und Gewalt, und die Familie erlebt eine Reihe von tragischen Verlusten, vor allem Autounfälle mit tödlichem Ausgang. Enkelin Zora ist die Tochter des früh verstorbenen jüngsten Sohnes Manfredi und der Schweizerin Marie-Louise.
Der Roman ist besonders interessant, weil er zugleich eine ungewöhnliche, bewegte Familiengeschichte und ein kenntnisreiches Geschichtsbuch ist, was die Lektüre teilweise etwas erschwert. Nach der Lektüre weiß ich jedenfalls, was ich über Slowenien alles nicht wusste. Ein eindrucksvoller und empfehlenswerter Roman.