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Veröffentlicht am 29.03.2020

Mord oder Selbstmord?

Beute
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In „Beute“, dem neuen Roman von Deon Meyer, überträgt Kolonel Mbali Kaleni von der Eliteeinheit Valke ihren Mitarbeitern Captain Bennie Griessel und Captain Vaughn Cupido einen ungelösten Mordfall, an ...

In „Beute“, dem neuen Roman von Deon Meyer, überträgt Kolonel Mbali Kaleni von der Eliteeinheit Valke ihren Mitarbeitern Captain Bennie Griessel und Captain Vaughn Cupido einen ungelösten Mordfall, an dem andere Ermittler gescheitert sind. Sie müssen diskret ermitteln, denn die Sicherheitsbehörden haben den Fall zum Selbstmord deklariert und die Akte geschlossen. Was war passiert? Johnson Johnson genannt J.J., ein ehemaliger Polizist, arbeitete zuletzt als Sicherheitsberater und begleitete eine Holländerin auf ihrer Fahrt in einem Luxuszug. Dann wurde seine Leiche mit einer Stichwunde im Nacken neben den Gleisen gefunden. Etwas später gibt es einen weiteren Toten. Menzi Dikela, der Vater von Kalenis Freundin Thandi, wurde erschossen aufgefunden. Thandi glaubt, dass es Mord war und nicht Selbstmord und bittet ihre Freundin inständig zu ermitteln. Kolonel Kaleni riskiert ihre eigene Karriere und die ihrer Mitarbeiter, als sie den Fall heimlich untersuchen lässt.
Parallel zu den Geschehnissen in Südafrika gibt es einen zweiten Handlungsstrang in Frankreich. Der ehemaliger Freiheitskämpfer Tobela , der sich unter dem Namen Daniel Darret in der Nähe von Bordeaux zur Ruhe gesetzt hat, bekommt Besuch von seinem ehemaligen Mitstreiter Lonnie, der ihn im Auftrag einer neuen Organisation von alten Kämpfern bittet, den Präsidenten des Landes bei seinem Besuch in Paris zu töten, da er der beste Scharfschütze von allen ist. Daniel Darret weigert sich anfangs, kann sich dem dringenden Appell, das Erbe Mandelas zu retten und der Kleptokratie unter dem amtierenden Präsidenten, der sein Land an indische Milliardäre und ausländische Mächte verkauft, nicht lange widersetzen. Es gilt, die bedrohte Demokratie zu retten und der allgegenwärtigen Korruption ein Ende zu machen.
In diesem raffiniert konstruierten Roman bewegen sich beide Handlungsstränge bis zur Auflösung am Ende aufeinander zu. Wie in seinen anderen Büchern legt Meyer einen kenntnisreichen, gut recherchierten Thriller vor, in dem auch Bennie Griessels private Situation immer wieder zur Sprache kommt, denn Bennie will endlich seiner großen Liebe Alexa einen Heiratsantrag machen und fürchtet, abgewiesen zu werden. Der detailreiche Roman ist nicht immer leicht zu lesen und hat im Mittelteil ein paar Längen. Dennoch zeigt Deon Meyer auch hier wieder, dass er der beste Autor Südafrikas ist und vermittelt tiefe Einblicke in die Geschichte und gegenwärtige Situation des Landes. Eine sehr lohnende Lektüre.

Veröffentlicht am 25.03.2020

Berlin im Jahr 1948

Pandora
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“Pandora“, der Debütroman von Amber & Berg, spielt im Jahr 1948 im zerstörten Berlin. Hans-Joachim Stein, der mit seinem Vater 1933 nach England emigrierte, ist nach Berlin zurückkehrt und erkennt es ...

“Pandora“, der Debütroman von Amber & Berg, spielt im Jahr 1948 im zerstörten Berlin. Hans-Joachim Stein, der mit seinem Vater 1933 nach England emigrierte, ist nach Berlin zurückkehrt und erkennt es nicht wieder. Der bei Scotland Yard ausgebildete Deutsche arbeitet nach einem kurzen Zwischenspiel im Osten bei der neu gegründeten Mordinspektion West, während sein Vater, ein strammer Kommunist, im Osten Karriere macht. Von seinem Kollegen Max Wuttke und seinem Vorgesetzten Curt Krüger wird er mit viel Argwohn aufgenommen. Vor allem Krüger möchte den „Tommy“ so schnell wie möglich wieder loswerden. Stein sieht zufällig eine Akte auf seinem Schreibtisch, wo es um fünf tote Frauen geht. Ihm wird strikt untersagt, in diesem Fall zu ermitteln und Befragungen durchzuführen. Stein wird sofort misstrauisch. Da wird etwas vertuscht. Kommissar Wuttke soll ihn offensichtlich bespitzeln und alle Informationen an den Chef weiterleiten. Sympathisch ist nur die junge Schreibkraft Lore Krause, die sich in der Folge immer wieder in die Ermittlungen einmischt. Dann wird der Schieberkönig Braunke im Bordell Pandura ermordet aufgefunden. Die Leiche ist mit rotem Kopierstift beschriftet. Weitere Morde passieren, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Immer wieder sabotiert Kriminalrat Krüger die Ermittlungen und will den Zusammenhang verschleiern. Jede(r) beliebige Verdächtige ist ihm Recht, Hauptsache die alten Seilschaften schützen die alten Nazis und ermöglichen ihr Verbleiben im Amt. Der unbestechliche Stein durchschaut schnell, dass Verbrechen aus der Nazizeit hinter den Taten stehen und jemand dafür Rache nimmt, denn Gerechtigkeit ist unter diesen Umständen nicht zu erwarten. Zu viele Nazis sind trotz der Nürnberger Prozesse und der offiziellen Entnazifizierung noch in Amt und Würden. Stein und Wuttke, die inzwischen kollegial miteinander umgehen, lassen sich von ihrem Chef nicht einschüchtern und lösen den Fall.
Amber & Berg haben einen spannenden und sehr gut recherchierten Roman geschrieben, ein Geschichtsbuch in Krimiform. „Pandora“ thematisiert nicht nur entsetzliche Naziverbrechen, sondern vermittelt auch einen sehr präzisen Eindruck vom Nachkriegsberlin mit seiner Zerrissenheit, dem Mangel an Wohnraum und Nahrung und dem erbitterten Gegeneinander von West und Ost. Als Leser freut man sich auf die Fortsetzung nach dem vielverspechenden Auftakt der Serie.

Veröffentlicht am 05.03.2020

Verbrechen an Kindern

Sommer bei Nacht
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Nach dem Ende der Serie um den finnischen Ermittler Kimmo Joentaa legt Jan Costin Wagner mit “Sommer bei Nacht“ den Auftakt einer neuen Serie vor. Ben Neven und Christian Sandler von der Wiesbadener ...

Nach dem Ende der Serie um den finnischen Ermittler Kimmo Joentaa legt Jan Costin Wagner mit “Sommer bei Nacht“ den Auftakt einer neuen Serie vor. Ben Neven und Christian Sandler von der Wiesbadener Polizei ermitteln im Fall eines vermissten Jungen. Der 5jährige Jannis verschwand bei einem Flohmarkt in seiner Grundschule, als seine Mutter für einen Augenblick abgelenkt war. Die Überwachungskamera eines Parkhauses zeigt den Jungen an der Hand eines Mannes mit einem Teddybär im anderen Arm. Leider sind die Bilder zu unscharf, um den Mann zu identifizieren. Die Ermittler erbitten Hinweise von der Öffentlichkeit und forschen nach ähnlichen Fällen. Tatsächlich spielte ein Plüschtier in einem ähnlich gelagerten Fall in Österreich ein Jahr zuvor eine Rolle. Der Junge wurde nie gefunden. Dann verknüpft der Ermittler Christian Sandler zufällig erhaltene Informationen über Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz mit dem Fall und schafft den Durchbruch.

Die Geschichte wird in weit über hundert kurzen Abschnitten mit ständig wechselnder Perspektive von 14 Beteiligten erzählt. Es kommen u.a. die Polizisten, die Eltern und Schwester des Jungen, die Täter und Zeugen zu Wort. Lange vor dem Ende der Geschichte kennt der Leser die Täter. Es geht einerseits um deren Überführung, andrerseits aber auch um die sehr aktuellen Themen Pädophilie und sexueller Missbrauch. Das Besondere an diesem Roman ist, dass auch der Ermittler Ben pädophile Neigungen hat, ohne allerdings übergriffig zu werden. Er ist verheiratet und hat eine Tochter. Niemand kennt sein Geheimnis. Auch sein Kollege Christian ist eine beschädigte Persönlichkeit. Er hatte als Jugendlicher ein traumatisches Erlebnis, dass zu Wahnvorstellungen, Träumen und Visionen führt, die immer wieder die Realität überlagern. Dann erzählt er zum ersten Mal in seinem Leben einer jungen Obdachlosen seine Geschichte, und alles verändert sich zum Besseren. Am Beispiel der jungen Frau macht Wagner deutlich, welche Verheerungen Missbrauch bei den Opfern anrichtet.

Wagner zeigt in seinem spannenden, auch sprachlich-stilistisch ganz außergewöhnlichen literarischen Krimi, dass die Trennlinie zwischen den Guten und Bösen nicht so eindeutig verläuft. Täter sind nicht automatisch Monster, von denen wir anderen uns zum Glück deutlich unterscheiden. Die Figur des pädophilen Ermittlers ist nicht der einzige Tabubruch im Roman des risikofreudigen Autors. Ich habe das Buch, das mit der üblichen Krimikost nichts gemein hat, förmlich verschlungen und empfehle es uneingeschränkt.

Veröffentlicht am 02.03.2020

So viel Leid und Schuldgefühle

Hör mir zu, auch wenn ich schweige
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Maggie und Frank sind seit 40 Jahren ein Paar. Innige Liebe verbindet sie, dennoch beginnt der Roman mit Maggies Selbstmordversuch. Wie konnte es so weit kommen? Frank hat seit sechs Monaten nicht mehr ...

Maggie und Frank sind seit 40 Jahren ein Paar. Innige Liebe verbindet sie, dennoch beginnt der Roman mit Maggies Selbstmordversuch. Wie konnte es so weit kommen? Frank hat seit sechs Monaten nicht mehr mit ihr gesprochen. Während sie im Koma auf der Intensivstation liegt, soll er zu ihr sprechen, um sie zurückzuholen. Er erzählt ihr und damit dem Leser die Geschichte ihrer Beziehung. Frank wird von Schuldgefühlen gequält, weil er etwas getan hat, was er seiner geliebten Frau nicht erzählt hat. Bis fast zum Schluss wiederholen sich gefühlte dreißigmal die Hinweise auf die eine Wahrheit, die er ihr noch sagen muss, bevor es zu spät ist. Dadurch wird eine gewisse Spannung aufgebaut. Dann gibt es einen Cliffhanger, denn just in dem Augenblick, wo er sprechen will, schicken ihn die Ärzte aus dem Zimmer. Danach begegnen wir durch einen Wechsel der Erzählperspektive Maggies Sicht der Dinge. Frank findet Maggies an ihn adressiertes Tagebuch und erfährt ebenfalls vieles, was er nicht gewusst oder anders eingeschätzt hat. Seine Gedanken zu dem Gelesenen finden ebenfalls Aufnahme in die Erzählung.
Der Leser fragt sich zunehmend, wie viel Leid und Schuldgefühle ein Mensch ertragen, eine Beziehung zwischen Mann und Frau überstehen kann. Im Mittelpunkt steht die Tochter Eleanor, auf die das Paar 15 Jahre gewartet hat. Sie entgleitet ihnen zusehends aus zunächst unbekannten Gründen und sie können nichts dagegen tun, dass sie sie schließlich verlieren. Es wird eine Vielzahl von Themen behandelt: Unfruchtbarkeit, postnatale Depression, Drogenabhängigkeit, Selbstverletzung, sexueller Übergriff, Selbstmord. Für Frank und Maggie kommt es wirklich knüppeldick. So glücklich ist die Ehe also trotz aller Liebe nicht, zumal sie von Anfang an Geheimnisse vor einander haben bis hin zur völligen Sprachlosigkeit zur Zeit des Suizidversuchs. Ich konnte mich mit den Charakteren nicht wirklich identifizieren, obwohl die Darstellung berührt. Mir ist das aber vor allem zum Ende hin zu sentimental und melodramatisch. Der Roman hat mir insgesamt weniger gut gefallen, als ich erwartet hatte.

Veröffentlicht am 23.02.2020

Was kann und darf der Glaube

Ein wenig Glaube
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Im Mittelpunkt von Nickolas Butlers drittem Roman steht eine Familie, die nach friedlichen und glücklichen Jahren eine schwere Krise durchlebt. Lyle und Peg, Mitte 60, leben in einer Kleinstadt im ländlichen ...

Im Mittelpunkt von Nickolas Butlers drittem Roman steht eine Familie, die nach friedlichen und glücklichen Jahren eine schwere Krise durchlebt. Lyle und Peg, Mitte 60, leben in einer Kleinstadt im ländlichen Wisconsin an der Grenze zu Minnesota. Sie konnten nach dem Tod ihres Sohnes Peter im Alter von 9 Monaten keine weiteren Kinder bekommen und adoptierten drei Jahre später das Mädchen Shiloh. Shiloh war immer schwierig und verließ das Elternhaus direkt nach dem Schulabschluss. Jahre später kehrt sie mit ihrem 5jährigen Sohn Isaac zu den Eltern zurück. Lyle und Peg sind sehr glücklich, Shiloh und den liebenswerten kleinen Jungen bei sich zu haben. Shiloh hält ihre Eltern noch immer auf Abstand, aber die Situation verschärft sich, als sie in die Fänge einer Sekte gerät und dem charismatischen Prediger Steven verfällt. Ihrer Tochter zuliebe besuchen die Eltern die Gottesdienste in einem ehemaligen Kino und ertragen stundenlange mit Inbrunst vorgetragene Predigten. Der dubiose Steven ist den Eltern nicht nur als Schwiegersohn, sondern vor allem deshalb nicht geheuer, weil er das Kind zum Heiler deklariert und für seine Zwecke instrumentalisiert. Kritisch wird es, als Isaac während eines Wochenendes bei den Großeltern an Diabetes erkrankt. Shiloh gibt dem Vater die Schuld. Durch seinen Unglauben sei er vom Teufel besessen und habe seinen Enkel krank gemacht. Lyle darf Isaac nicht mehr sehen. Die Dinge steuern unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.
Butler zeichnet das Bild einer engen dörflichen Gemeinschaft, wo jeder jeden seit der Kindheit kennt, wo Freude und Schmerz geteilt werden und Hilfe nie verweigert wird. So steht Lyle dem Freund Hoot bei, der unter Krebs im Endstadium leidet und pflegt engen Kontakt zu seinem alten Freund Charlie, dem Pastor der lutherischen Gemeinde. Die Hochschätzung von Freundschaft, Gemeinschaft und Familie bildet einen starken Kontrast zu dem religiösen Fanatismus der Sektenanhänger, die um ihrer Ideologie willen das Leben von Menschen gefährden. Immer wieder werden Glaube und Zweifel thematisiert, so dass auch der Leser seine eigene Einstellung dazu überprüft. Am Ende gibt es einen dramatischen Höhepunkt mit halboffenem Ausgang, den jeder je nach persönlicher Einstellung für sich deuten kann.