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Veröffentlicht am 03.05.2020

Wenn Politik und Ökonomie mehr zählen als der Mensch

Ich bleibe hier
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Vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte Südtirols, das erst den Faschismus und gleich danach die Naziherrschaft erlebte, erzählt Marco Balzano in seinem Roman „Ich bleibe hier“ von einer Familie ...

Vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte Südtirols, das erst den Faschismus und gleich danach die Naziherrschaft erlebte, erzählt Marco Balzano in seinem Roman „Ich bleibe hier“ von einer Familie aus dem Bergdorf Graun im Vinschgau in Südtirol. Trina und Erich leben dort auf ihrem Hof mit ihren Tieren. Trina hatte ursprünglich gehofft, als Lehrerin arbeiten zu können, aber dann siedelt Mussolini eine große Zahl von Italienern in die deutschsprachige, von Italien annektierte Region um, und Deutsch wird zu einer verbotenen Sprache. Trina kann nur noch heimlich in Katakombenschulen unterrichten - ein gefährliches Unterfangen. Dann schließen Hitler und Mussolini den „Große Option“ genannten Vertrag, nach dem die deutschsprachigen Südtiroler entweder ins Deutsche Reich auswandern oder Diskriminierung und Repressalien durch die Faschisten in Kauf nehmen müssen. Auch Trinas und Erichs Familie wird durch die politischen Verhältnisse auseinandergerissen. Trina und Erich bleiben und organisieren in der Folge auch den Widerstand gegen den geplanten Bau eines Staudamms in ihrem Tal. Nur wenige sind bereit zu kämpfen, zumal das Staudammprojekt über einen langen Zeitraum immer wieder ins Gespräch gebracht, aber nie verwirklicht wurde. Ein Energiekonzern, der den Bau mit Schweizer Millionen um jeden Preis durchsetzen will, informiert die Bevölkerung schlecht oder gar nicht und setzt sich durch. Die Bauern verlieren ihre Heimat und Existenzgrundlage und werden mit einem lächerlichen Betrag abgespeist. 163 Häuser werden dem Erdboden gleich gemacht, und 523 Hektar fruchtbares Ackerland für immer vernichtet.
Der Autor hat eine bewegende, gut recherchierte Geschichte über zum Teil wenig bekannte Ereignisse geschrieben, die den Leser angesichts der Zerstörung der Natur und der Unterordnung des Menschen unter politisch-ökonomische Interessen traurig macht. Es ist nicht angemessen, begeistert den aus dem See ragenden Kirchturm von Graun zu fotografieren und den Machtmissbrauch und die Brutalität gegenüber den Menschen - nicht zu vergessen die zahlreichen Opfer der Baumaßnahme selbst - zu ignorieren. Der Roman hat mich sehr beeindruckt.

Veröffentlicht am 02.05.2020

Eine schwere Bürde

Die Bagage
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In „Die Bagage“ begibt sich die Autorin Monika Helfer auf die Spurensuche nach ihrer eigenen Herkunft. Die Geschichte beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts. Josef und Maria Moosbrunner leben am Rande eines ...

In „Die Bagage“ begibt sich die Autorin Monika Helfer auf die Spurensuche nach ihrer eigenen Herkunft. Die Geschichte beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts. Josef und Maria Moosbrunner leben am Rande eines Bergdorfs – räumlich und gesellschaftlich ausgegrenzt, denn sie sind sehr arm. Man nennt sie die „Bagage“, eine Anspielung auf den Beruf des Urgroßvaters, der für die Bauern Heuballen schleppte. Josef ist ein stattlicher Mann, mit dem sich niemand anlegt, Maria eine außergewöhnlich schöne Frau. Alle Männer des Dorfes begehren sie, die Frauen hassen sie. Als Josef zu Beginn des Ersten Weltkriegs eingezogen wird, gibt er Gottlieb Fink, dem Bürgermeister, der auch sein Partner bei etwas dubiosen Geschäften ist, den Auftrag, während seiner Abwesenheit auf seine Frau aufzupassen. Der Bürgermeister übernimmt die Aufgabe, wobei er seinen eigenen Vorteil nicht aus den Augen verliert. Er versorgt die Familie mit Lebensmitteln, wird aber öfter zudringlich. Bei einem Marktbesuch verliebt sich Maria in Georg aus Hannover, der sie zweimal besucht. Nach einem Fronturlaub von Josef wird Maria schwanger, und alle im Ort sind sich sicher, dass das Kind nicht von Josef sein kann. Alle wenden sich von Maria ab, und der Pfarrer und der Lehrer der Kinder beschimpfen sie öffentlich als Hure. Margarete genannt Grete wird als 5. Kind der Moosbrunners geboren. Als Josef 1918 aus dem Krieg zurückkehrt, erfährt er von den Gerüchten und glaubt seiner Frau nicht, dass Grete seine Tochter ist. Josef wird Grete niemals ansehen, ansprechen oder berühren.
Das Besondere an dieser Situation ist, dass Grete die Mutter der Autorin ist. Monika Helfer will ihre Herkunft kennen. Ihre Hauptinformationsquelle ist ihre Tante Katharina, die ihre Geschwister nach dem frühen Tod der Eltern betreute. Auch Grete starb früh, und wieder ist es die Tante, die ihre vier Kinder aufnimmt, als die Autorin 11 Jahre alt ist. Ihre Erinnerungen und Geschichten aus der Familie gibt sie allerdings erst gegen Ende ihres Lebens preis.
Die Autorin berichtet als Ich-Erzählerin, welche Bürde die Mitglieder dieser weitverzweigten Familie über Generationen tragen. Sie erzählt nicht streng chronologisch, sondern mit vielen Zeitsprüngen. Der kurze Roman, der auch die zum Teil von traurigen Ereignissen überschatteten Lebenswege von Gretes Geschwistern und deren Familien umfasst, sowie den tragischen Verlust ihrer eigenen Tochter Paula durch einen Bergunfall im Alter von 21 Jahren, ist sehr beeindruckend, nicht zuletzt durch die von Dialektausdrücken durchsetzte Sprache. Sie musste ihre Geschichte aufschreiben, um Ordnung in das Chaos zu bringen und die Erinnerung an all die Toten zu bewahren. Mir hat dieser zu Recht hochgelobte Roman sehr gefallen.

Veröffentlicht am 24.04.2020

Lügen und Geheimnisse

VERGESSEN - Nur du kennst das Geheimnis
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In Claire Douglas´ neuem Roman „Vergessen“ (Originaltitel „Do Not Disturb“, nicht „Then She Vanishes“) verlässt Ich-Erzählerin Kirsty, 35 mit ihrem Mann Adrian und den Töchtern Amelia, 11 und Evie, 6 London, ...

In Claire Douglas´ neuem Roman „Vergessen“ (Originaltitel „Do Not Disturb“, nicht „Then She Vanishes“) verlässt Ich-Erzählerin Kirsty, 35 mit ihrem Mann Adrian und den Töchtern Amelia, 11 und Evie, 6 London, um in ihrer alten Heimat Wales einen Neuanfang zu wagen, nachdem Adrian ein Jahr zuvor einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Die Familie hat mit Hilfe ihrer Mutter ein heruntergekommenes ehemaliges Pfarrhaus gekauft, um es unter großem Aufwand in ein Gästehaus zu verwandeln. Sie sind als Fremde nicht willkommen im Dorf, und der Anfang ist für alle sehr schwer. In der Eröffnungswoche kommen nicht nur die ersten Gäste, sondern auch Kirstys Kusine Selena, die sie seit ihrem 18. Lebensjahr nicht mehr gesehen hat, seit es unter sehr unerfreulichen Umständen zum Bruch kam. Kirstys Mutter, die all die Jahre Kontakt zu ihrer Nichte hatte, war bereit, Selena und ihrer 7jährigen Tochter Ruby Unterschlupf zu gewähren. Zwischen Kirsty und Selena kommt es zu einer allmählichen Annäherung, und alle kümmern sich liebevoll um die kränkelnde Ruby.
Diese erste Zeit verläuft allerdings nicht harmonisch und problemlos - weder für die Besitzer noch für die Gäste. Es passieren unerklärliche Dinge, und es wird so oft auf die negative Energie dieses Hauses hingewiesen, in dem in der Vergangenheit furchtbare Dinge passiert sind, dass ich schon eine Spukgeschichte befürchtet habe. Zu allem Überfluss gibt es eine Tote, und es sieht nicht nach einem Unfall aus. Die Polizei ermittelt. Nacheinander geraten fast alle Personen im Haus in Verdacht, von denen jeder Motiv und Gelegenheit hatte. Es kommen immer mehr Geheimnisse aus der Vergangenheit und Gegenwart ans Licht. Die Wahrheit kennen am Ende nur wenige Personen und der Leser. Der Plot wird zwar in der zweiten Hälfte des Romans spannender, weil man nach all den falschen Fährten wissen will, was passiert ist und warum, aber die Handlung wirkt dennoch zunehmend wirr und wenig plausibel. Die Autorin packt zu viel in diese Geschichte: Depression und Selbstmord, Erpressung, eine überbehütende Mutter, die zugleich eine pathologische Lügnerin ist, das Münchhausen-Stellvertretersyndrom, Missbrauch und Mord. Der fehlerhafte und irreführende Klappentext ist da auch nicht hilfreich. Nicht „die“ Wahrheit von damals kommt endlich ans Licht, sondern fast alle haben hier etwas zu verbergen, und manche Dinge dürfen auch am Ende nicht bekannt werden.
“Vergessen“ ist für mich kein Meisterwerk. Ich erinnere mich, dass mir „The Sisters“ vor Jahren wesentlich besser gefallen hat.

Veröffentlicht am 06.04.2020

Herkunft ist kein Schicksal

Offene See
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Benjamin Myers Roman „Offene See“ spielt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im Nordosten Englands. Der 16jährige Robert Appleyard hat eben die Schule abgeschlossen und will sich auf Wanderschaft begeben, ...

Benjamin Myers Roman „Offene See“ spielt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im Nordosten Englands. Der 16jährige Robert Appleyard hat eben die Schule abgeschlossen und will sich auf Wanderschaft begeben, ehe er unter Tage in seinem schmuddeligen kleinen Bergbaudorf arbeitet wie sein Vater und Großvater vor ihm. Er hat zwar nicht die geringste Lust dazu, aber das wird nun einmal von ihm erwartet. So macht er sich mit Rucksack und Schlafsack auf den Weg Richtung Meer, das er nur einmal bei einem Ausflug mit seinem Vater gesehen hat. Er verdingt sich unterwegs als Tagelöhner und bekommt dafür Verpflegung. Überall wird Hilfe gebraucht, weil die Männer entweder gar nicht oder an Leib und Seele beschädigt zurückgekommen sind. Robert hat ein Auge für die Landschaft seiner Heimat, für Flora und Fauna und das Licht über allem. Eines Tages stößt er durch Zufall auf das im Gestrüpp verborgene Cottage einer älteren Frau. Sie lädt ihn zum Essen ein, und er revanchiert sich mit Gartenarbeit und Renovierungsarbeiten in einer Hütte auf dem Grundstück. Robert bleibt wesentlich länger, als er eigentlich vorhatte. Schnell merkt er, dass Dulcie ein Geheimnis hat, über das sie zunächst nicht spricht. Ihre Begegnung verändert ihrer beider Leben für immer. Dulcie ist eine selbstbewusste, sehr wortgewandte Frau, die auch gelegentlich ausgesprochen vulgär werden kann. Sie lässt sich von niemand etwas vorschreiben und erkennt Autoritäten nicht an. Dulcie führt Robert an die Literatur, vor allem die Poesie heran und macht ihm deutlich, dass er das Recht hat, sein Leben zu leben, wie er will, und dass es keineswegs darum geht, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Auf ein Studium sollte er nicht deshalb verzichten, weil er aus einem bildungsfernen Milieu stammt. Auch Dulcie profitiert von der sich entwickelnden symbiotischen Beziehung, weil sie sich nach sechs Jahren endlich ihrer Trauer über den Verlust der geliebten Dichterin Romy Landau stellen und deren dichterisches Vermächtnis akzeptieren kann.
Myers Roman zeichnet in einer lyrischen Sprache das Bild einer Freundschaft zwischen zwei Menschen, die eigentlich alles trennt: Alter, Geschlecht und Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse. Genauso wichtig wie das Porträt dieser Freundschaft ist die Beschreibung von England in der Nachkriegszeit. Die Menschen sind schwer traumatisiert von der Kriegserfahrung und leiden Hunger. Viele leben in Angst vor dem nächsten Krieg und empfinden nur noch Trauer und Verzweiflung. Ich habe den dem neuen Trend „nature writing“ zuzuordnenden Roman sehr gern gelesen, nachdem ich mich an die ungewohnt barocke Sprache gewöhnt hatte. Der Autor lässt in einem Prolog und Epilog Robert als alten Mann auf sein Leben zurückblicken und konzentriert sich dabei auf das eine entscheidende Jahr des Erwachsenwerdens im Leben des jungen Robert, wie im Originaltitel “The Offing“ ein fließender Übergang wie der zwischen Himmel und Meer am Horizont, der auch als Metapher verstanden werden kann.

Veröffentlicht am 06.04.2020

Der Verlust der Sprache

Dankbarkeiten
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Michèle Seld, genannt Michka ist zu alt, um noch allein in ihrer Wohnung zu leben. Die junge Marie, um die sich Michka liebevoll gekümmert hat, als sie ein Kind war und unter schwierigen Verhältnissen ...

Michèle Seld, genannt Michka ist zu alt, um noch allein in ihrer Wohnung zu leben. Die junge Marie, um die sich Michka liebevoll gekümmert hat, als sie ein Kind war und unter schwierigen Verhältnissen aufwuchs, beschafft ihr einen Platz in einem Heim. Michka fällt die Umstellung auf den streng reglementierten Heimbetrieb schwer. Ihr größtes Problem ist jedoch der Verlust der Sprache. Immer wieder fällt ihr im entscheidenden Moment das treffende Wort nicht ein und sie benutzt ein ähnlich klingendes, was zu unfreiwilliger Komik führt und oft unverständlich ist. Diese Entwicklung ist besonders schmerzlich für die alte Frau, weil sie ihr Leben lang im Verlagswesen gearbeitet hat und Sprache immer ihr Werkzeug war. Diese Entwicklung kann auch Jérôme, ihr Sprachtherapeut nicht aufhalten. Michka hat noch eine Sache im Leben zu erledigen: Sie sucht nach dem Paar, das ihr in ihrer Kindheit das Leben gerettet hat, als ihre Eltern deportiert wurden. Ihre Suche mit Hilfe von Annoncen war bis dahin erfolglos, weil sie nur die Vornamen kennt. Jérôme, der eine tiefe Beziehung zu dieser Patientin aufgebaut hat, unterstützt sie bei ihrer Suche.
In diesem sehr berührenden Roman zeigt die Autorin, wie wichtig mitmenschliches Verhalten ist. Wir müssen Dankbarkeit und Zuneigung zeigen und dürfen damit nicht warten, bis es zu spät ist.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen, obwohl frühere Werke, z.B. Ich hatte vergessen, dass ich verletzlich bin oder Das Lächeln meiner Mutter mich noch mehr beeindruckt haben.