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Veröffentlicht am 22.06.2019

Ist das Ende der Welt nah?

Der Wal und das Ende der Welt
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Ein nackter junger Mann wird eines Tages am Strand des kleinen Fischerdorfs St. Piran in Cornwall angespült. Die Dorfbewohner retten ihn, und er mobilisiert seinerseits eine Hundertschaft, um ...

Ein nackter junger Mann wird eines Tages am Strand des kleinen Fischerdorfs St. Piran in Cornwall angespült. Die Dorfbewohner retten ihn, und er mobilisiert seinerseits eine Hundertschaft, um den gestrandeten Wal zu retten, der ihn ans Ufer getragen hat. Bei dem jungen Mann handelt es sich um Joe Haak, einen jungen Mathematiker, der fluchtartig seinen Arbeitsplatz bei der Londoner Bank Lane Kaufmann verlassen hat, nachdem die von ihm entwickelte Software Cassie mittels ihrer Voraussagen einen Riesenschaden verursacht hat und wenig später das Ende der Welt, wie wir sie kennen, vorhersagt. Joe Haak glaubt, dass er seinen Arbeitsplatz verloren hat und in Kürze strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen wird.
John Ironmonger erzählt in diesem Roman nicht nur das persönliche Schicksal eines jungen Mannes, der als Fremder in diesen Ort kommt und doch freundlich aufgenommen wird. Joe nutzt seinerseits sein Wissen über globale Zusammenhänge und verhängnisvolle Kettenreaktionen, wenn Versorgungswege zusammenbrechen und aufgrund von weltweiten Epidemien, Kriegen oder Naturkatastrophen die Versorgungswege unterbrochen werden. Cassie sagt den globalen Kollaps voraus, und tatsächlich bricht eine gefährliche Grippeepidemie aus, die an die Grippe von 1918 erinnert, die weltweit 500.000 oder sogar eine Million Opfer forderte. Das Programm Cassie kann zwar die Entwicklung der Aktienkurse in der nahen Zukunft vorausberechnen und von daher den Tradern der Bank bei ihren Kaufentscheidungen helfen, ist aber nicht in der Lage den menschlichen Faktor zu kalkulieren. Wie wird sich die Menschheit angesichts des drohenden Weltuntergangs verhalten? Werden die Menschen zum Äußersten entschlossen aufeinander losgehen, um das eigene Überleben zu sichern, oder werden sie zu mitmenschlichem Verhalten und Solidarität in der Lage sein? Große Philosophen wie Hobbes, auf den immer wieder Bezug genommen wird, haben diese Frage sehr pessimistisch beantwortet. John Ironmonger hat dagegen eine herzerwärmende Geschichte voller Hoffnung geschrieben – wie ein modernes Märchen und im letzten Teil in gewissem Umfang absehbar. Erzählt wird aus der Perspektive von Joe Haak, aber es wird auch weit in die Zukunft vorgegriffen, wenn sich die Generation der Enkel die Geschichte von Joe Haak und dem gestrandeten Wal erzählt. Ein schöner Roman, den ich gern gelesen habe.

Veröffentlicht am 22.06.2019

Entwurzelte Menschen und Bäume

Betrunkene Bäume
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Ada Dorians Debütroman erzählt die Geschichte von Erich, der mit über 80 wegen seiner zunehmenden Gebrechlichkeit kaum noch in der Lage ist, allein zu leben. Seine Tochter Irina hat nicht genug ...

Ada Dorians Debütroman erzählt die Geschichte von Erich, der mit über 80 wegen seiner zunehmenden Gebrechlichkeit kaum noch in der Lage ist, allein zu leben. Seine Tochter Irina hat nicht genug Zeit, sich ständig um ihn zu kümmern. Sie stellt eine Haushälterin für ihn ein und drängt ihn immer wieder, ins Heim zu ziehen. Erich hat mit Dascha die Liebe seines Lebens, verloren, weil er das ihr gegebene Versprechen gebrochen hat. Beide wollten nach dem Ende von Erichs Berufstätigkeit in Daschas sibirische Heimat zurückkehren. Eines Tages lernt Erich die knapp 18jährige Katharina kennen, die ein etwas dubioser Bekannter in einer leeren Wohnung im selben Haus untergebracht hat. Sie ist von zu Hause ausgerissen, nachdem der Vater die Familie verlassen hat. Katharina gibt ihrer Mutter die Schuld. Ihr Leben läuft völlig aus dem Ruder. Sie schmeißt die Schule und verliert ihren besten Freund seit Kindertagen an eine Rivalin. Katharina und Erich haben eine Gemeinsamkeit, nämlich den Bezug zu Sibirien. Katharinas Vater arbeitet neuerdings dort, und Erich hat als junger Mann in der sibirischen Taiga biologische Forschungen betrieben. Sein Führer Wolodja, nach harten Jahren im Arbeitslager ein verarmter Obdachloser, teilt sein enormes Wissen mit ihm. Hier hat Erichs Liebe zu Bäumen ihren Ursprung und die betrunkenen Bäume aus dem Titel finden eine Erklärung: Wenn in Permafrost-Regionen der Boden taut, verlieren die Wurzeln ihren Halt und die Bäume neigen sich in alle Richtungen. Erichs lebenslange Liebe zu Bäumen zeigt sich auch in der Tatsache, dass er in seinem Schlafzimmer einen ganzen Wald züchtet, was niemand wissen und sehen darf, auch seine Tochter nicht.
Die berührende Geschichte enthält zahlreiche Rückblenden in die Vergangenheit und beleuchtet Erichs und Daschas Beziehung. Sie behandelt Themen wie Familie, Liebe und Freundschaft, Verrat und nicht wieder gutzumachende Schuld, vor allem aber Verwurzelung in der Heimat. Wo ist für uns Heimat, und wie wichtig ist sie für uns? Dorians Debüt ist ein schöner Roman ohne Happy End, aber nicht ohne Hoffnung. Sehr empfehlenswert.

Veröffentlicht am 30.05.2019

In den Fängen der Geheimdienste

Die stille Tochter
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Gard Sveens “Die stille Tochter“ ist der vierte Band einer Reihe. Es handelt sich um eine Geschichte, die auf zwei Zeitebenen erzählt wird: 70er – 80er Jahre und 2016. 1973 setzt sich die 17jährige DDR-Schwimmerin ...

Gard Sveens “Die stille Tochter“ ist der vierte Band einer Reihe. Es handelt sich um eine Geschichte, die auf zwei Zeitebenen erzählt wird: 70er – 80er Jahre und 2016. 1973 setzt sich die 17jährige DDR-Schwimmerin Christel Heinze bei einem Schwimmwettkampf in Oslo von ihrer Mannschaft ab und lebt später dauerhaft in Norwegen. 1982 verschwindet sie spurlos. Sie war inzwischen vom KGB zur Spionage gezwungen worden – mit der vagen Aussicht, Kontakt zu ihrer Familie halten und ihre schwer krebskranke Schwester Magda besuchen zu können. Ihr bester Freund in diesen Jahren ist Arvid Storholt, ein Doppelagent, der sich zunächst aus Überzeugung dem KGB anbietet, als er sich offenbart, jedoch gedrängt wird, für den norwegischen Geheimdienst zu arbeiten. Nach seiner Enttarnung wird er nach acht Jahren Gefängnis begnadigt und 2016 in seinem Haus ermordet. Etwa zur gleichen Zeit wird auch die Leiche einer Unbekannten in einem See gefunden. Ist es die seit 34 Jahren vermisste Christel Heinze? Der Polizist Tommy Bergmann wird vom Geheimdienst mit den Ermittlungen beauftragt, spürt aber sofort, dass seine Vorgesetzten Wissen zurückhalten und ihn eigentlich nur benutzen, um endlich herauszufinden, wer der Bär ist, ein legendärer Spion, dessen Identität nie bekannt geworden ist. Auf diese Person spielt im übrigen auch der norwegische Originaltitel an, und so nennt sich Christels ansonsten namenloser Liebhaber. Der deutsche Titel "Die stille Tochter" erschließt sich mir dagegen nicht.
Tommy wird bei seinen Ermittlungen behindert und ausgebremst, wenn er zu sehr an der Wahrheit interessiert ist. Man macht ihm von höchster Stelle deutlich, dass seine Ermittlungsergebnisse dem norwegischen Volk nicht schaden dürfen.
Die Geschichte ist nicht nur wegen des ständigen Wechsels der Zeitebene einigermaßen schwierig zu lesen, sondern auch deshalb, weil die Identität der Personen teilweise nicht klar ist genauso wenig, auf wessen Seite sie stehen. Es gibt Verrat und Intrigen auf allen Seiten. Wer in die Fänge der Geheimdienste gerät, lebt gefährlich.
Ein skandinavischer Spionagekrimi ist ein ungewöhnliches Genre, ein Ermittler mit beschädigter Persönlichkeit ist es weniger. Die Charakterisierung der Figuren, vor allem von Tommy Bergmann, ist gut gelungen. Der Roman ist spannend und liest sich gut, vor allem, weil der Autor auf die Darstellung von exzessiver Gewalt verzichtet. Ein empfehlenswerter Roman.

Veröffentlicht am 25.05.2019

Aus dem Leben einer Nymphomanin

All das zu verlieren
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Leila Slimanis Roman “All das zu verlieren“ erschien im französischen Original bereits 2014 unter dem Titel “Dans le jardin de l´ogre“ (dt.: Im Garten des Ungeheuers). Er erzählt die Geschichte von ...

Leila Slimanis Roman “All das zu verlieren“ erschien im französischen Original bereits 2014 unter dem Titel “Dans le jardin de l´ogre“ (dt.: Im Garten des Ungeheuers). Er erzählt die Geschichte von Adèle, die eigentlich alles hat, was man sich wünschen könnte. Sie ist mit Richard, einem Chirurgen, verheiratet, der sie liebt. Das Paar hat einen kleinen Sohn. Adèle arbeitet als Journalistin bei einer Tageszeitung. Doch das reicht ihr nicht. Sie ist unglücklich, langweilt sich, empfindet eine Leere, die sie mit einer großen Zahl von sexuellen Begegnungen füllt. Sie ist sexsüchtig. Die Beschreibungen ihrer sexuellen Kontakte sind zum Teil ausgesprochen abstoßend, die Sprache derb. Adèle weiß, welches Risiko sie eingeht und kann doch nicht auf dieses gefährliche Doppelleben verzichten. Was passiert, wenn ihr Mann alles erfährt? Sie könnte alles verlieren. Tatsächlich kommt ihr Mann hinter ihr Doppelleben und reagiert anders als erwartet.
Dass eine gebürtige Marokkanerin einen Roman mit derartigen Tabubrüchen schreibt, ist schon erstaunlich genug. Noch erstaunlicher ist dann aber, dass dieses Buch sogar in Marokko mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Mit dem Prix Goncourt ist sie dann allerdings erst für “Dann schlaf auch du“ (Originaltitel: “Chanson douce“) ausgezeichnet worden, ein Roman, der mir wesentlich besser gefiel. Dass man mit seinem Leben unzufrieden ist, ist sicherlich eine gängige Erfahrung, aber Adèles Versuch, daran etwas zu ändern, ist schon sehr extrem, zumal sie nicht wirklich nach Alternativen sucht. Die Mutterrolle füllt sie nicht aus, ihr Sohn Lucien ist für sie nicht wichtig. Ihren Job hasst sie. Deshalb gibt sie ich auch da keine Mühe, gute Arbeit abzuliefern. Sie fälscht sogar einen Artikel komplett. Bis auf ihre sexuellen Eskapaden bleibt sie völlig passiv. Adèle ist kein Sympathieträger, der Roman in meinen Augen nicht empfehlenswert.

Veröffentlicht am 20.05.2019

Leben durch Facebook und Instagram

So schöne Lügen
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Im Mittelpunkt von Tara Isabella Burtons Roman “So schöne Lügen“ (“Social Creature“) stehen die ungleichen Freundinnen Louise Wilson, 29 und Lavinia Williams, 23. Louise lebt anfangs illegal zur Untermiete ...

Im Mittelpunkt von Tara Isabella Burtons Roman “So schöne Lügen“ (“Social Creature“) stehen die ungleichen Freundinnen Louise Wilson, 29 und Lavinia Williams, 23. Louise lebt anfangs illegal zur Untermiete in einer schäbigen kleinen Wohnung und schlägt sich mit drei Jobs mehr schlecht als recht durch. Ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, muss sie wohl aufgaben. Sie ist fast 30 und hat es nicht geschafft. Lavinia ist reich und schön und lebt auf Kosten ihrer Eltern ein Luxusleben. Ihr Studium hat sie schon seit langem unterbrochen. Eines Tages lernen sich die Beiden kennen. Louise zieht bei Lavinia ein und teilt ihr Leben. Lavinia macht ihr allerdings von Anfang an klar, wo ihr Platz ist und gibt ihr nicht einmal einen eigenen Hausschlüssel. Sie nimmt sie mit zu den Partys der Reichen und Schönen, lässt sie ihre Kleider tragen und gibt mit vollen Händen Geld aus. Sie nötigt aber auch Louise zu teuren Ausgaben, so dass diese trotz der eingesparten Miete schon bald pleite ist. Immer und überall wird exzessiv getrunken und gekokst, vor allem aber müssen täglich und überall Selfies gemacht werden, die beide so vorteilhaft wie möglich zeigen, damit sie möglichst oft “gelikt“ werden. Louise verliert ihre Jobs und wird völlig abhängig von der dominanten Lavinia und ihrem Lebensstil. Sie liebt sie, aber es dauert nicht lange, bis sie auch ihre manipulative Kehrseite sieht. Louise tut alles, um Lavinia zu gefallen, um bloß nicht wieder aus diesem künstlichen Paradies vertrieben zu werden - so wie ihre Vorgängerin Mimi, die jede Demütigung akzeptieren würde, um wieder in Gnaden aufgenommen zu werden.
Louise weiß ziemlich bald, dass auch ihre Tage mit Lavinia gezählt sind und nimmt sich mit Hilfe von Lavinias Kreditkarte immer wieder Geld. Auch der Leser weiß durch eine Vielzahl von Vorausdeutungen, dass das alles ein böses Ende nehmen wird. Ein allwissender Erzähler wendet sich immer wieder direkt an den Leser und macht ihn damit zum Komplizen der Geschehnisse. Lavinia hat keine sechs Monate mehr zu leben. (S. 41 und S. 68: “Lavinia wird nirgendwohin reisen. Sie wird bald tot sein. Ihr wisst es ja längst.“)
Die Autorin schreibt eine Geschichte, wie sie nur auf der Basis der heutigen Technologie möglich ist. Nicht nur die ständige Präsenz in den sozialen Netzwerken ist dabei entscheidend, sondern auch die Tatsache, dass man mit Hilfe des iphones eines anderen Menschen seine Identität annehmen kann. Genau das tut Louise über Monate, und lange Zeit schöpft niemand Verdacht. Louises Weg in den Abgrund ist nicht nur durch die Vorausdeutungen absehbar und von daher nicht sehr spannend. Mir hat der Roman auch aus anderen Gründen nicht besonders gefallen. Beide Protagonistinnen eignen sich nicht als Identifikationsfiguren, Lavinia nicht wegen ihrer Selbstsucht, Oberflächlichkeit und Verschwendungssucht, Louise nicht, weil sie bereit ist, sehr weit zu gehen, um ihre Haut zu retten. Ich frage mich, welche Botschaft der Roman übermitteln soll. Ein Leben ohne soziale Medien ist möglich, aber sinnlos?

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