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Veröffentlicht am 15.08.2017

Die Lieferantin liefert nicht mehr

Die Lieferantin
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In Zoë Becks neuem Roman "Die Lieferantin" geht es um Drogengeschäfte in England. Die Handlung ist leicht in die Zukunft nach dem Brexit verlegt, Drohnen sind allerdings auch jetzt schon in vielfältiger ...

In Zoë Becks neuem Roman "Die Lieferantin" geht es um Drogengeschäfte in England. Die Handlung ist leicht in die Zukunft nach dem Brexit verlegt, Drohnen sind allerdings auch jetzt schon in vielfältiger Weise im Einsatz.
Ellie Johnson war eine sehr erfolgreiche Drogendealerin, bei der man über ihre App Drogen in hervorragender Qualität bestellen konnte, die dann mit Hilfe von Drohnen ausgeliefert wurden, ohne dass irgendjemand die Spur zu ihr zurückverfolgen konnte. Doch dann wird ihr Kontaktmann von drei Drogenbossen umgebracht, weil man ihn für das Verschwinden eines Schutzgelderpressers namens Gonzo alias Gerald Miller verantwortlich macht. Der Leser weiß fast von Anfang an, wer hinter dem Verschwinden von Gonzo steckt. Dieser hat über Jahre in die eigene Tasche gewirtschaftet und Restaurantbesitzer Leigh Sorsby an den Rand des Ruins gebracht.
Es folgt eine Geschichte mit Wendungen und Komplikationen, in der es weitere Tote gibt, und Ellie versucht, ihr Leben zu retten.
Besonders spannend ist dieser Thriller nicht, aber mir gefällt die Einbettung in einen denkbaren zeitgenössischen Kontext: eine gefährliche Zunahme von Rassismus durch das Erstarken der extrem nationalistischen Rotweissblauen und das geplante Referendum Druxit, durch das eine Legalisierung von Drogen unmöglich gemacht und alle Leistungen des National Health Service für Drogenkonsumenten entfallen würden.
Becks für eine deutsche Autorin thematisch und vom Setting her ungewöhnlicher Roman liest sich nicht schlecht, aber meiner Meinung nach ist es nicht ihr bester.

Veröffentlicht am 02.07.2017

Facetten der Liebe

Liebe wird überschätzt
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Die Italienerin Valeria Parrella war mir als preisgekrönte Autorin von Romanen und Erzählungen sowie einem Drehbuch bisher unbekannt. Umso mehr habe ich Gefallen an den acht Erzählungen in „Liebe wird ...

Die Italienerin Valeria Parrella war mir als preisgekrönte Autorin von Romanen und Erzählungen sowie einem Drehbuch bisher unbekannt. Umso mehr habe ich Gefallen an den acht Erzählungen in „Liebe wird überschätzt“ gefunden. Sie beschreibt unterschiedliche Ausprägungen von Liebe und ihre Begleiterscheinungen wie Untreue und Verlust. Am besten haben mir die Titelgeschichte und „Die Ausgesetzten“ gefallen. In „Liebe wird überschätzt“ zerstört die Todesnachricht vom Geliebten der Mutter die Lebenslüge und macht der Geheimniskrämerei und Heuchelei ein Ende. Die Tochter, die immer von dem Verhältnis der Mutter zu einem anderen Mann gewusst hat, rechnet mit den Eltern wegen ihrer Unaufrichtigkeit gnadenlos ab. In „Die Ausgesetzten“ verlässt eine Nonne das Kloster, um die Mutter eines verlassenen Säuglings zu werden, der im Kloster vor ihren Augen unter Mithilfe eines befreundeten Arztes zur Welt kommt. Genauso eindrucksvoll ist die grenzenlose Liebe von Eltern zu ihrem behinderten Sohn oder die einfühlsame Beschreibung der unvorstellbaren Dauer des Urteils „lebenslänglich“ für den Gefangenen.
Mir haben diese Geschichten sehr gut gefallen und meine Überzeugung bestätigt, dass es ganz hervorragende Autoren in der italienischen Gegenwartsliteratur gibt. Den Namen Valeria Parrella muss man sich jedenfalls merken.

Veröffentlicht am 02.07.2017

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Swing Time
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In ihrem neuen Roman “Swing Time“ beschreibt Zadie Smith die wechselvolle Freundschaft zweier Mädchen aus gemischtrassigen Beziehungen in London. Sie stammen aus dem gleichen unterprivilegierten Milieu ...

In ihrem neuen Roman “Swing Time“ beschreibt Zadie Smith die wechselvolle Freundschaft zweier Mädchen aus gemischtrassigen Beziehungen in London. Sie stammen aus dem gleichen unterprivilegierten Milieu und wohnen in Sozialwohnungen in benachbarten Wohnblocks. Tracey und die namenlose Erzählerin begegnen einander als Kinder und freunden sich sofort an. Beide nehmen am Tanzunterricht in der Gemeinde teil, aber nur Tracey zeigt großes Talent und trainiert von da an intensiv für eine Karriere als Tänzerin. Die Ich-Erzählerin hat Plattfüße und liebt Musik und Gesang sowieso mehr als den Tanz. Sie besuchen schon bald verschiedene Schulen und verlieren sich immer wieder für viele Jahre aus den Augen. Während Tracey tatsächlich eine kurze Karriere als Tänzerin hat, arbeitet die Erzählerin nach dem Studium der Medienwissenschaft und mehreren Aushilfsjobs als Assistentin für den erfolgreichen Popstar Aimee. Da Aimee einen Teil ihres ungeheuren Reichtums zum Aufbau einer Mädchenschule in einem westafrikanischen Land einsetzen will, hält sich die Protagonistin immer wieder in Afrika auf. Die Arbeit für Aimee dauert viele Jahre und lässt ihr keinen Raum, ein eigenes Leben zu führen. Ohnehin wird die Erzählerin als von Natur aus antriebsschwach und orientierungslos gezeichnet. Sie war schon der intriganten, oft grausamen Tracey nie gewachsen. Meist steht sie als Beobachterin am Rand, bleibt passiv. Deshalb ist es auch möglich, dass Aimee sie genauso vereinnahmt, wie es schon die dominante Tracey und die ehrgeizige Mutter der Erzählerin getan haben.
Der Roman hat eine komplizierte Erzähl- und Zeitstruktur. Ein Prolog nimmt einen Endpunkt vorweg. Dann wird in zwei Erzählsträngen kapitelweise wechselnd einerseits in langen Rückblenden über Kindheit, Jugend und mittlere Jahre der Freundinnen, andererseits über die Arbeit für Aimee berichtet. Der ständige Wechsel der Zeitebene, die Personenvielfalt und die ungeheure Detailfülle zwingen den Leser zu aufmerksamem Lesen. Der Roman beschreibt nicht nur die mehrfach unterbrochene Freundschaft der beiden Frauen, sondern behandelt auch eine Vielzahl anderer Themen: Mütter und Töchter, Väter und Töchter, Rasse und Hautfarbe, Herkunft und Identität, die Geschichte der Sklaverei, die hochentwickelten Industrieländer und die Länder der Dritten Welt usw. Beide Mädchen haben auf Grund ihrer haselnussbraunen Hautfarbe schon in der Schule Schwierigkeiten, von denen weiße Mädchen nicht betroffen sind. Das setzt sich fort. Tracey bleibt nicht nur wegen ihres Drogenkonsums und zügellosen Lebens die ganz große Karriere verwehrt, sondern auch weil sie nicht den passenden sozialen und ökonomischen Hintergrund hat. Die Erzählerin dagegen stellt sich immer wieder die Frage nach ihrer Identität, sehnt sich nach Zugehörigkeit. In Afrika erhofft sie sich, bei ihren afrikanischen Schwestern dunkler Hautfarbe eine Heimat gefunden zu haben, muss aber feststellen, dass es keine homogene Masse afrikanischer Frauen gibt, sondern zahllose Stämme mit vielen verschiedenen Sprachen. Ihre bitterste Erkenntnis ist dabei, dass afrikanische Frauen sie als Weiße sehen, als etwas unbedarfte Repräsentantin der 1. Welt. Sie hat einen langen Weg zu gehen, bis sie ihren Platz im Leben findet.
Mir hat der nicht eben mühelos zu lesende Roman gut gefallen, wobei ich die Kapitel über die Freundinnen interessanter fand als die in Afrika spielenden Episoden. Es sieht für mich so aus, als ob Zadie Smith mit ihrem Buch einem Trend folgt: Romane über keinesfalls konfliktfreie Mädchen- und Frauenfreundschaften. Vor einigen Monaten habe ich Emma Clines hervorragenden Debütroman “The Girls“ gelesen, jetzt ist Elena Ferrante mit ihrer Tetralogie in aller Munde, und es gibt zahlreiche andere. Zadie Smith hat jedoch eine Geschichte geschrieben, die mit keiner anderen vergleichbar ist. Ein sehr empfehlenswerter Roman.

Veröffentlicht am 25.05.2017

Was geschah wirklich?

Into the Water - Traue keinem. Auch nicht dir selbst.
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Paula Hawkins zweiter Roman – Into the Water – beginnt mit einer grausamen Szene. Eine gefesselte Frau namens Libby wird von mehreren Männern ertränkt. Wie der Leser später erfährt, geschah dies schon ...

Paula Hawkins zweiter Roman – Into the Water – beginnt mit einer grausamen Szene. Eine gefesselte Frau namens Libby wird von mehreren Männern ertränkt. Wie der Leser später erfährt, geschah dies schon 1679. Die erst 14jährige Libby Seaton wurde umgebracht, weil sie angeblich eine Hexe war. Die eigentliche Romanhandlung setzt im August 2015 ein. Julia Abbott genannt Jules fährt in das verhasste Beckford und wohnt eine Zeit lang in ihrem Elternhaus, um sich nach dem Tod ihrer Schwester Danielle genannt Nel um ihre 15jährige Nichte Lena zu kümmern, die sie noch nie gesehen hat. Die Schwestern waren einander entfremdet wegen bestimmter Vorkommnisse in der Vergangenheit, als Jules 13 und Nel 17 Jahre alt waren. Nel ist von einer hohen Klippe in den berüchtigten Drowning Pool gesprungen, gestürzt oder gestoßen worden. Die Polizei ermittelt noch. Nel war in Beckford nicht beliebt, weil sie an einem Projekt arbeitete, das vielen am Ort nicht gefiel. Sie hatte die alten Geschichten um im Drowning Pool ertrunkene Frauen wieder aufrollt. Da gibt es jede Menge Geheimnisse, die verborgen bleiben sollen, Täter, die nicht zur Rechenschaft gezogen werden wollen.

Die Autorin macht es dem Leser nicht leicht. In zahlreichen, sehr kurzen Kapiteln nehmen 11 Erzähler zu den gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen Stellung. Teils treten sie als Ich-Erzähler auf, teils wird ihre Sicht in der dritten Person vermittelt. Insgesamt passiert nicht besonders viel. Informationen werden häppchenweise verabreicht. Zum Teil dient auch der Hinweis, dass es da Geheimnisse und verborgene Zusammenhänge gibt, dem Aufbau von Spannung. Es werden viele falsche Fährten gelegt, und fast jeder macht sich verdächtig, bis auf der allerletzten Seite fast alle offenen Fragen beantwortet sind.

Dabei ist die Aufklärung von Nel Abbotts Tod nicht das einzige Thema des Romans. Es geht auch immer wieder um die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, veranschaulicht am Beispiel von Jules und dem Polizisten Sean Townsend. Traumata können ein Leben lang verdrängt werden, bis sie durch einen Auslöser wieder erinnert werden, alles kann sich ganz anders abgespielt haben, als wir meinen. Dieses Thema ist allerdings kürzlich in E.O. Chirovicis Roman “Das Buch der Spiegel“ ungleich eindrucksvoller behandelt worden.

Auf mich wirkte die Geschichte wirr und oft wenig plausibel. Man liest weiter, weil man die Auflösung kennen will, aber für mich hat der Roman erhebliche Mängel. Ich finde auch nicht, dass die vielen Erzählerstandpunkte einen positiven Effekt haben, sozusagen ein komplexes Gesamtbild ergeben. Dafür wäre es erforderlich, dass die Erzähler stärker differenziert sind, dass jeder mit einer je eigenen Stimme spricht. Das ist jedoch nur sehr eingeschränkt der Fall. Ein Verkaufserfolg wird das Buch auf jeden Fall. Wer 20 Millionen Exemplare seines Debütromans verkauft, genießt einen Vertrauensbonus beim Leser. Vielleicht sind ja auch nicht alle enttäuscht

Veröffentlicht am 25.05.2017

Das Hohelied der Freundschaft

Als wir unbesiegbar waren
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“Als wir unbesiegbar waren“ ("Invincible Summer") ist der Debütroman von Alice Adams. Die Handlung setzt im Sommer 1995 ein, als die Freunde Eva, Benedict und Sylvie ihr erstes Studienjahr in Bristol beendet ...

“Als wir unbesiegbar waren“ ("Invincible Summer") ist der Debütroman von Alice Adams. Die Handlung setzt im Sommer 1995 ein, als die Freunde Eva, Benedict und Sylvie ihr erstes Studienjahr in Bristol beendet haben. Eva studiert wie Benedict Physik, die talentierte Zeichnerin Sylvie will Künstlerin werden. Zu der Gruppe gehört auch Sylvies Bruder Lucien, der nicht studiert, sondern als Party Promoter und mit dubiosen Geschäften seinen Lebensunterhalt verdient. Zwei Jahre später trennen sich ihre Wege vorläufig. Benedict wird auf seinem Spezialgebiet Teilchenphysik promovieren, Eva wird Bankerin bei Morton Brothers in den Docklands. Im Jahr 2000 wandern die Vier noch einmal zusammen auf dem Pilgerpfad nach Santiago de Compostela. Ansonsten lebt jeder sein Leben, ohne dass der Kontakt abreißt.
Der Roman zeichnet 20 Jahre im Leben der Freunde nach (1995-2015) und zeigt dabei, wie Träume zerplatzen, Pläne scheitern. Jeder und jede von ihnen erlebt berufliche Fehlschläge und das Scheitern von Beziehungen. Nach den hohen Erwartungen kommt für alle der tiefe Fall, aber ihre Freundschaft überlebt alle Krisen. In der schlimmsten Not sind sie füreinander da. Für den gerührten Leser wird so deutlich: Freundschaft, Liebe und Loyalität sind das Wichtigste im Leben.
Eva ist in diesem Roman die Protagonistin. Sie ist jahrelang in den Womanizer Lucien verliebt. Benedict hingegen liebt Eva lange Zeit ohne Hoffnung, ist in den entscheidenden Momenten nicht in der Lage, ihr seine Gefühle zu offenbaren. Die Figur der Eva basiert im Übrigen auf den Erfahrungen der Autorin, die ebenfalls zeitweise in der City tätig war. Diese Tatsache erklärt das Fachchinesisch einzelner Passagen, z.B. S. 130: “Ein Kind zu bekommen war, als würde man mit Menschheits-Futures long gehen, mit einer Position, die man ständig überwachen musste und weder hedgen noch gleichstellen konnte.“ Alles klar?
Ansonsten ist “Als wir unbesiegbar waren“ ein schöner, gut lesbarer Roman, nicht unkonventionell oder innovativ, dafür gefühlvoll ohne Kitsch, mit einem Schluss, der Hoffnung vermittelt. Durchaus empfehlenswert.