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dear_fearn

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.05.2019

Die fabelhafte Welt der Zimperliese

Mein Leben als Sonntagskind
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Das Cover kann gar nicht die Welt einfangen, in der Jasmijn lebt. Damit meine ich nicht die Wohnung in Rotterdam, in der sie mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrer Hündin Senta lebt, oder die Schule, ...

Das Cover kann gar nicht die Welt einfangen, in der Jasmijn lebt. Damit meine ich nicht die Wohnung in Rotterdam, in der sie mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrer Hündin Senta lebt, oder die Schule, die sie besucht. Ich meine die Welt in ihrem Kopf.

Jasmijn hat das Asperger-Syndrom - eine Form von Autismus. Niemand hat das für sie feststellen lassen. Ihre Eltern lieben sie so, wie sie ist. "So ist sie eben." ist ein Satz, den Jasmijn aus dem Mund ihrer Mutter oft hört. Sie sagt es zu Erzieherinnen, Lehrerinnen, Nachbarn und Familienmitgliedern, wenn ihre Tochter sich anders verhält, als die anderen Kinder.

Judith Visser beschreibt sehr detailliert Jasmijns Gedanken, ihre aufmerksamen Beobachtungen der Umgebung, der Geräusche, der Farben, und ihre vielseitig zarten Empfindungen. Sensibel-sein ist schwierig in dieser Welt, das weiß ich. Aber Jasmijn ist nicht nur sensibel, sie saugt ihre ganze Umgebung in sich auf wie ein Schwamm. Ihr sehr dünnes Nervenkostüm wird von allem gereizt: Zu grelles Licht, zu laute Musik, Stimmengewirr, viele optische Eindrücke in Menschenmengen oder Einkaufszentren, plötzliche Berührungen, unerwartete Fragen und damit verknüpfte Erwartungen der Fragenden. Da ist es doch kein Wunder, wenn der Kopf irgendwann voll ist und zu platzen droht.
In solchen Situationen sehnt sich Jasmijn nach Stille und ihrer Hündin Senta, nach einem ruhigen Spaziergang mit ihr im Park oder der sanften Stimme von Elvis aus ihrem Walkman.

Ich verstehe auch die Außenwelt. "Zimperliese" wird sie von ihrem Bruder Emiel genannt, der viel zu oft Rücksicht auf sie nehmen soll, obwohl doch nichts dabei ist, mal ans Telefon zu gehen, mit fremden Erwachsenen zu sprechen, ohne Strohhalm aus einem Glas zu trinken. Das sind alles Sachen, die Jasmijn nicht kann und die uns allen so normal erscheinen.

Der Schreibstil von Judith Visser ist leseleicht und als Leser gleitet man förmlich durch die über 100 Kapitel. Manch einem mag es langatmig erscheinen - ich empfand es als großes Geschenk, in den Kopf des jungen Mädchens schauen zu dürfen, in all ihren Lebensetappen. Sie ist besonders, aber sie zu lieben erfordert Geduld und Verständnis.

Veröffentlicht am 10.04.2019

Unerwarteter Rachefeldzug

Die Farben des Feuers
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Zugegebenermaßen ist dem Leser anfangs nicht klar, wohin die Reise gehen wird. Die Zeit zwischen den Weltkriegen ist keine einfache, was Madeleine Pericourt allerdings bis zum Tod ihres Vaters nicht zu ...

Zugegebenermaßen ist dem Leser anfangs nicht klar, wohin die Reise gehen wird. Die Zeit zwischen den Weltkriegen ist keine einfache, was Madeleine Pericourt allerdings bis zum Tod ihres Vaters nicht zu spüren bekam. Sie verfügte über Geld, das sie sorglos ausgab, immer in dem Wissen, dass es nicht versiegen würde. Mit dem Tod von Monsieur Pericout allerdings, änderte sich alles. Vor allem, als Madeleines Sohn Paul bei der Beerdigung aus dem Fenster stürzte und seither gelähmt und behindert im Rollstuhl gefangen war. Madeleine stand nun vor mehreren Problemen gleichzeitig: Vorwürfen (Warum war Paul gesprungen? Wurde er geschubst? War es ein Unfall? War sie eine schlechte Mutter?), dem Erbe (darum kümmerte sich Gustave Joubert), der Umrüstung des Hauses für den Rollstuhl (darum kümmerte sich Leonce), das Führen der Pericourt-Bank, ihrem Erbe, (auch darum kümmerte sich Joubert), aber vor allem dem Wohlergehen ihres Sohnes, der mit dem Leben abgeschlossen zu haben schien. In Paul investierte sie all ihre Zeit, weshalb sie alle anderen Probleme wegschob und den anderen überließ. Ihre Schwäche wurde jedoch erkannt und obwohl sich die Situation zu bessern schien, als Paul seine Liebe zur Musik entdeckt, sich mit der Sängerin Solange Gallinato anfreundet und wieder aufblüht, wurden hinter dem Rücken der kleinen Familie Pläne geschmiedet, um sie um ihr Vermögen zu bringen - ausgerechnet von ihren engsten Vertrauten.

Ich hatte erwartet, dass Madeleine sich in der Bankenwelt durchsetzen wird, ein Bild der Frau in Führungsposition vermitteln wird. Zu meiner Überraschung, war dem nicht so. Nach einer Schockstarre, dem Verlust ihres Vermögens, ihres Heims und schließlich der Erkenntnis, dass ihr Geliebter André (Pauls Hauslehrer) jahrelang ihren Sohn missbraucht hat, beschließt sie ihren Rachefeldzug an allen, die sie betrogen haben.

Ja, der Roman ist anspruchsvoll geschrieben. Ja, es gibt einiges an Politik und Bankgeschäften zu lesen. Ja, es scheint auf den ersten Blick eine trüb-traurige Geschichte zu sein. Aber nein, zu keinem Zeitpunkt ist sie öde, trocken oder langatmig. Dieses Buch ist kaum aus der Hand zu legen, spannend, raffiniert, voller Wendungen, Intrigen, Überraschungen und kleinen Lügen... Kurz: wärmstens zu empfehlen!

Veröffentlicht am 10.04.2019

Ein Appell an die Menschlichkeit

Der Wal und das Ende der Welt
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"Der Wal und das Ende der Welt" - man, was für ein Mordstitel! Da kann man ja gar nicht anders, als dieses Buch zu lesen. Ein sehr schönes Cover noch dazu! Mir gefällt, wie der Finnwal über die Gestaltung ...

"Der Wal und das Ende der Welt" - man, was für ein Mordstitel! Da kann man ja gar nicht anders, als dieses Buch zu lesen. Ein sehr schönes Cover noch dazu! Mir gefällt, wie der Finnwal über die Gestaltung hinweg in den Vordergrund rückt.

Die ersten Seiten entführen den Leser nach St. Piran, ein kleines Dörfchen am untersten britischen Landzipfel. Ein Mann wird halbtot am Strand gefunden, von einigen Dorfbewohnern unter typisch dörflicher Aufruhr geborgen und vom bereits pensioniertem Dorfarzt aufgepäppelt. Am darauffolgenden Tag sucht der Mann den Strand auf, um seine Habseligkeiten wiederzufinden und zu ergründen, wie er weitermachen soll, da er offenbar in Schwierigkeiten steckt. Was er dabei entdeckt, ist ein gestrandeter Wal. Kurzerhand mobilisiert er das halbe Dorf, um dem Wal zurück ins Meer zu helfen.

Aber dann kommt alles doch ganz anders, als man zuerst denkt. Joe ist Analyst, ein Mathematiker. An seinen Schwierigkeiten ist Cassie Schuld - ein Programm, das er für eine Bank entwickelt hat. Cassie analysiert Zeitungsartikel, stellt Zusammenhänge her und gibt Aufschluss über Aktienkurse. Der Bankdirektor, Lew Kaufmann, erkennt Joes Potential und bittet ihn, Cassie zu verändern, sodass sie in die fernere Zukunft sehen kann. Er will Fragen beantworten: Was passiert, wenn das Öl knapp wird? Was verändert sich, wenn eine Epidemie ausbricht? Wie werden sich die Menschen verhalten, wenn Nahrungsmittel knapp werden?
... Wird ein Krieg zwischen Einzelnen ausbrechen oder wird die Gemeinschaft überleben? Siegt der Egoismus oder der Altruismus? Und was passiert, wenn der Ernstfall eintritt und Joe gemeinsam mit den Bewohnern von St. Piran ihr Überleben sichern müssen?

Diese Geschichte ist erschreckend realistisch und dabei so schön geschrieben. Die leichte Erzählweise lässt den Leser wie einen großen Wal durch die Seiten gleiten. Klar, an manchen Stellen ist die Handlung etwas übertrieben dargestellt, vielleicht manchmal einen Ticken zu kitschig und verklärt, aber die letzten Seiten haben mich vom fundierten Tiefgang noch einmal überzeugt.

Veröffentlicht am 10.04.2019

Der Unterschied zwischen warmen und kalten Dingen

Das Haus meiner Eltern hat viele Räume
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Dieses Buch berührt mich in besonderem Maße, da meine Eltern gestorben sind, als ich 17 war. Meine Geschwister und ich wollten uns vom Haus nicht trennen, konnten es aber auch nicht länger unterhalten. ...

Dieses Buch berührt mich in besonderem Maße, da meine Eltern gestorben sind, als ich 17 war. Meine Geschwister und ich wollten uns vom Haus nicht trennen, konnten es aber auch nicht länger unterhalten. Nach zwei Jahren hat meine Schwester mit Mann und Kindern den Schritt gewagt, das Haus übernommen und uns Geschwister ausgezahlt. Ein großer Schritt, der mit vielen Tränen, Angst und Reibereien einherging. Auszuräumen fiel uns schwer, wir sortieren auch 7 Jahre später noch.

Ursula Ott erzählt von ihrer 87-jährigen Mutter, die ihr Haus in Ravensburg verkauft und in eine Wohnung nach Stuttgart, näher zu ihren beiden Töchtern, zieht. Der Vater ist viele Jahre tot, die Mutter allein, nach einigen Unfällen steht der Beschluss fest. Einfach ist dieser Entschluss für keine der Frauen, es fließen viele Tränen. Die Trauer über den Abschied vom Zuhause ist groß - jetzt heißt es, erwachsen zu werden. Der schützende Unterschlupf ist endgültig weg.

Ursula Ott beschreibt sehr gelassen und mit Witz die Entscheidungen und Herangehensweisen an das Ausräumen des Hauses. Dinge wegzuwerfen fühlt sich falsch an, aber niemand braucht zwei Bowleschüsseln mit je einem Dutzend Gläsern dazu oder riesengroße Eichenholzschrankwände, wo die Wohnungen doch immer flexibler und kleiner werden. Wohin also mit all den Sachen?
Beim Aussortieren beobachtet sie sehr genau, wie sich manche Dinge anfühlen. Es gibt warme und kalte Dinge. Warme Dinge, die man liebt und die ein positives Gefühl vermitteln, werden aufgehoben. Kalte Dinge, an denen schlechte Erinnerungen hängen oder die negative Gefühle hervorrufen, kommen weg. Und "weg", das bedeutet Sachspenden an Kirche, Sozialkaufhaus und Geflüchtete. Sie nimmt sich viel Zeit, ihrer Mutter zu manchen Dingen Fragen zu stellen, mehr über fragwürdige Fundstücke herauszufinden und sie noch einmal neu und besser kennenzulernen. So wird das Haus nach und nach leergeräumt und nach einem Jahr schließlich verkauft.

Die Autorin hat keinen Ratgeber/kein Sachbuch geschrieben, sondern in einer Erzählung aus privater Sicht, mit Rückhalt aus anderer Literatur und Gesprächen mit Psychologen und Anwälten das Thema liebevoll und warmherzig aufgearbeitet. Es ist eine kurze, trotz schwerem Thema leichte Lektüre, die jeder gelesen haben sollte, um vorbereitet zu sein oder - wie in meinem Fall - die Dinge mit neuer Perspektive anzupacken.

Trotzdem:
"Es ist schön, immer wieder in die Erinnerungen einzutauchen, um zu verstehen, woher man kommt und wer man ist."

Veröffentlicht am 10.04.2019

Vom Abgeschnittensein und dem Neuverbinden

Der Welt nicht mehr verbunden
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Ich bin erst 25 und habe den Hype um Antidepressiva nie miterlebt. Für mich war das auch kein Thema, bis meine Eltern tödlich verunglückt sind und ich mich anschließend an die Trauer in eine posttraumatische ...

Ich bin erst 25 und habe den Hype um Antidepressiva nie miterlebt. Für mich war das auch kein Thema, bis meine Eltern tödlich verunglückt sind und ich mich anschließend an die Trauer in eine posttraumatische Belastungsstörung und schließlich chronische Belastungsdepression manövriert hatte. Mir haben die Ärzte nicht erzählt, meine Depression käme von einem Serotoninmangel im Gehirn. Aber wieso sollten sie auch? Schließlich gab es bei mir einen offensichtlichen Auslöser. Stattdessen bekam ich eine medikamentös begleitete Therapie. Durch Citalopram, Quetiapin und diverse andere habe ich die Nebenwirkungen der Antidepressiva deutlich zu spüren bekommen. Aber zum Glück geriet ich an eine Therapeutin, die die neuesten Behandlungsmethoden kennt, deshalb sind mir die vorgestellten Lösungsansätze nicht fremd.

Johann Hari hat aus persönlicher Erfahrung mit seiner eigenen Depression die Recherche nach Ursachen und Lösungen begonnen. Nachdem er 10 Jahre lang dem falschen Versprechen der Pharmakonzerne glaubte, mit Antidepressiva einen Serotoninmangel in seinem Gehirn ausgleichen zu können, der angeblich für die Depression verantwortlich war, merkte er, dass hier etwas nicht stimmen kann, denn es ging ihm trotz viel zu hoher Dosis immer noch nicht besser. Antidepressiva allein heilen nicht, denn die Ursachen der Depression liegen viel tiefer - entweder in schlechten Erfahrungen und Erlebnissen oder sie kommen ganz pur aus einem selbst heraus (was schwieriger zu behandeln ist). In seiner umfangreichen Recherche lernte er viele Menschen kennen, die mit Depressionen, Angst, Verzweiflung zu kämpfen hatten und ungewöhnliche Auswege aus ihrer Situation finden konnten.

Laut Johann Hari resultieren Depressionen aus "Abgeschnittensein" von menschlichem Kontakt, Gemeinschaft, sinnvoller Arbeit, sinnvollen Werten, Zugang zur Natur... Vieles davon lässt sich im Alltag gut an sich selbst beobachten. Wer verliert nicht den Mut, wenn eigene Ideen im Arbeitsalltag nicht gewürdigt werden, man die Familie lange nicht sieht, immerzu im Stadtlärm feststeckt... Mit Geschichten, was anderen geholfen hat und was in diversen Studien herausgefunden wurde (dabei wurde sogar mit der Wirkungsweise von LSD experimentiert) fördert Johann Hari für uns erzählerisch aufgearbeitet und verständlich Lösungsansätze zutage, auf die wir sonst (vielleicht aus der Offensichtlichkeit heraus, obwohl wir die Auswirkungen deutlich spüren können) niemals kommen würden. Alles dreht sich um das Neuverbinden.

Für mich persönlich hätten manche Ausschweifungen etwas kürzer sein können, da ich mich in vieles durch persönliche Erfahrung sehr gut reinfinden kann. Aber für "Außenstehende" ist das sicher eine gute Möglichkeit, um Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt von Depressiven einzufühlen. Für den depressiven Leser ist möglicherweise auch die hohe Problemquote erstmal demotivierend. Der Großteil des Buchs befasst sich mit Problemen, die Lösungen nehmen den kleineren Teil ein. Insgesamt finde ich die Thematik erzählerisch hervorragend aufgearbeitet und sehe es als gutes Selbsthilfemittel an, aber auch als nützliche Lektüre für Angehörige.