Profilbild von djojo

djojo

aktives Lesejury-Mitglied
offline

djojo ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit djojo über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.05.2024

Schwarz und Weiß gegen Hochmut.

Sekunden der Gnade
0

Mary Patricia Fennessy lebt mir ihrer Tochter Julia in Commonwealth in South Boston. Die beiden werden dort einfach nur Mary Pat und Jules genannt, und finden sich in der Gesellschaft aus größtenteils ...

Mary Patricia Fennessy lebt mir ihrer Tochter Julia in Commonwealth in South Boston. Die beiden werden dort einfach nur Mary Pat und Jules genannt, und finden sich in der Gesellschaft aus größtenteils irischer Abstammung irgendwie zurecht. Sie haben nicht viel Geld, aber zum Überleben reicht es.

Aktuell schwelt ein Konflikt zwischen der weißen und der schwarzen Bevölkerung da per richterlichem Dekret verfügt wurde, dass zukünftig mehr schwarze Schüler auf eine weiße Schule und umgekehrt gehen müssen. Diese Maßnahme soll ein probates Mittel gegen die Rassentrennung in den ärmeren Vierteln Bostons wirken. Doch weder die schwarze noch die weiße Bevölkerung heißt das Vorgehen gut und ein heftiger Konflikt ist vorprogrammiert.

Als dann eines Tages Jules abends nicht mehr nach Hause kommt, bricht für Mary Pat, die bereits ihren ersten Mann und ihren Sohn verloren hat, eine Welt zusammen. Verzweifelt macht sie sich auf die Suche nach ihrer Tochter.

„»Ich meine, hast du nicht manchmal das Gefühl, etwas sollte so und so sein, aber es ist anders? Und du weißt nicht, wie es sein soll, weil du nie etwas anderes gekannt hast als das, was du siehst? Und was du siehst, na ja« –, sie winkt zur Old Colony Avenue hin, »ist das hier?« Sie schaut ihre Mutter an und weicht ihr auf dem unebenen Boden etwas aus, damit sie nicht zusammenstoßen. »Man weiß es aber.« – »Was weiß man?« – »Dass wir dafür nicht gemacht sind.« Jules tippt sich an die Mulde zwischen ihren Brüsten. »Hier drin.«“ (S. 26)

Den neuen Roman von Dennis Lehane habe ich mir vorgenommen, weil mich sein erster Fall von Kenzie und Gennaro begeistert hat. Auch in „Sekunden der Gnade“ spielt die Handlung in der Heimatregion des Autors nahe Dorchester im Süden Bostons. Banden und Drogen beherrschen Stadtviertel und der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß schwelt.

Dennis Lehane nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um eine authentische Sprache und eine authentische Darstellung der Herausforderungen dieser Zeit geht. Er verwendet Schimpfwörter, hin und wieder werden Zähne ausgeschlagen die vermeintlichen Unterschiede der einzelnen Gesellschaftsschichten werden sehr hart und emotionslos beschrieben. Was auf der einen Seite die gesamte Geschichte lebendig erscheinen lässt, macht einem als Leser durchaus auch zu schaffen. Wer sich mit dem Rassenkonflikt aus der Zeit um 1975 beschäftigen möchte, findet hier aber eine spannende, teilweise autobiographische und sprachlich schön geschriebene Geschichte.

Mir persönlich hat insbesondere der Schluss der Handlung nicht gefallen. Er skizziert ein wahnsinnig düsteres Bild und hat mich emotional runtergezogen. Nicht meine bevorzugte Art ein Buch zur Seite zu legen. Überrascht war ich, wie sehr mich die letzten Zeilen dieses Romans berührt haben. Sie haben mir deutlich vor Augen geführt, dass auf dieser Welt jeder sein Päckchen zu tragen hat. Diese Päckchen sind aber sehr unterschiedlich groß und ich kann mich glücklich schätzen, dass meine eigenen eher klein sind.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.05.2024

Spannender Ausflug in eine düstere Zukunft.

Genuine Conspiracy
0

John Raymond und Elaine Woodsmith sind auf der Flucht vor Guvnor und seinen Komplizen. Seit geraumer Zeit verschwinden in Atlanta Obdachlose und die beiden wissen warum. John wurde vor einiger Zeit selbst ...

John Raymond und Elaine Woodsmith sind auf der Flucht vor Guvnor und seinen Komplizen. Seit geraumer Zeit verschwinden in Atlanta Obdachlose und die beiden wissen warum. John wurde vor einiger Zeit selbst gekidnappt und gefangen, ihm gelang jedoch dank Elaine in Atlanta die Flucht. Elaine war früher für Guvnor tätig und versucht nun gemeinsam mit John dessen Machenschaften aufzudecken, zu ihrer Sicherheit haben sie sich nach Nashville zurückgezogen und versuchen dort ein gemeinsames Leben unter neuer Identität aufzubauen.

Elaine hatte der Polizei einen anonymen Tipp zum vermeintlichen Versteck des Guvnors und der Gekidnappten Lames gegeben. Seltsamerweise beginnt die Polizei in Atlanta aber nicht zu ermitteln. Um herauszubekommen warum begibt sich John wieder dorthin zurück und gelangt damit unweigerlich wieder ins Visier von Guvnor und seinen Handlangern.

Lockwood Morisson wurde jüngst zum Detective in Atlanta befördert und auf Wunsch des Polizeichefs selbst versucht er ebenfalls etwas mehr über die überraschend flach gehaltenen Ermittlungen zu erfahren. Er lernt John kennen und glaubt ihm seine Geschichte, aber ab da wird ihm untersagt weiter zu ermitteln. Dahinter steckt mehr als nur die Polizei, sondern Homeland Security.

„Der Polizeichef schüttelte verständnisvoll den Kopf. [...]»Halten Sie erst einmal die Füße still.« – »Das kann ich nicht.« – »Dann kann ich Sie nicht schützen, Morrison. Solche Drohneneinsätze werden irgendwo in Washington autorisiert. [...] Ich war auf der Beerdigung so vieler Kollegen. Aber ich sage Ihnen jetzt schon: Wenn Sie im Augenblick nicht die Finger von diesem Fall lassen, werde ich nicht auf Ihre Trauerfeier gehen.« (S. 103)

Die Handlung von „Genuine Conspiracy“ spielt in der Zukunft und es gibt lauter Fancy Gadgets wie z.B. Holophones. Drohen spielen eine große Rolle und diese sind zumindest in Atlanta in der Lage alles und jeden zu überwachen. Und teilweise sind sie sogar mit Waffen bestückt, so dass sie problemlos Personen eliminieren können.

Tobias Miller schreibt packend, nachdem ich mich in die Geschichte eingefunden habe, hat mich auch die Spannung mitgerissen. Interessant ist die Bezeichnung des Buches als Thriller. Ich hätte bei der Beschreibung und auch diesem Genre deutlich weniger Science-Fiction erwartet. Das könnte man evtl. deutlicher als SciFi-Thriller oder ähnliches kennzeichnen, aber es stört mich persönlich zumindest keineswegs.

Insgesamt finde ich das Werk sehr gelungen. Unter den selbstverlegten Büchern, die ich kenne würde ich es als herausragend bezeichnen. Vielen Dank dafür, dass ich in einer spannenden Leserunde auch den Autor ein wenig näher kennenlernen durfte und ich die Gelegenheit bekommen habe dieses Buch zu lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.05.2024

Eine nicht-arrogante BKA-Ermittler-Gruppe.

Krügers Fälle / PASO DOBLE
0

Kriminalkommissar Krüger und Nadja Smolenska, seine persönliche Assistentin, stolpern bei der Untersuchung von älteren Unterlagen über Ungereimtheiten. Eine Frau, welche sich in den reichen Freiburger ...

Kriminalkommissar Krüger und Nadja Smolenska, seine persönliche Assistentin, stolpern bei der Untersuchung von älteren Unterlagen über Ungereimtheiten. Eine Frau, welche sich in den reichen Freiburger Familien-Clan Schröder eingeheiratet hatte, hat sich umgebracht, nachdem ihr dritter Ehemann verstorben war und sie ihn beerbt hatte.

Da Krüger und Nadja ein paar Dinge seltsam vorkommen, lassen sie den Leichnam von Eva-Maria Haller exhumieren und sie begeben sich auf die Suche nach potenziellen Anhaltspunkten, die gegen einen Suizid sprechen.

Dass der Familien-Clan Schröder mit dieser potenziellen Heiratsschwindlerin nicht so viel anfangen kann, erscheint logisch. Nach und nach erhalten Krüger und Nadja den Eindruck, dass tatsächlich noch viel mehr als dieser eine Todesfall dahinterstecken könnte. Und fast das gesamte Umfeld verhält sich unkooperativ, was die verdeckten BKA-Ermittlungen deutlich erschwert:

„Nadja verlor zunehmend die Contenance. – »Ich kann eine gerichtliche Verfügung erwirken, meine Liebe!« – Elke konnte ein Schmunzeln nicht völlig unterdrücken. »Eine gerichtliche Verfügung, damit sich jemand an einen Vorfall erinnert? Darauf wäre ich echt gespannt.«“ (S. 17)

Als treuer Leser der BKA-Krimis von Andreas Gruber war ich doch etwas überrascht. Es scheint sie doch zu geben, die nicht-arroganten, ja fast schon sympathischen und sozialen BKA-Ermittler die nur im Hintergrund arbeiten. Und dabei noch die perfekten Vorgesetzten abgeben, mit ihren eigenen Macken und jederzeit bereit ihre Untergebenen zu loben. Ein krasses Gegenteil zum Bild des BKA, das ich bislang im Kopfe hatte. Aber das ist das Schöne am Lesen und Schreiben, jeder Autor darf seine eigene Welt formen. Und diese hier ist ihm auf jeden Fall gelungen.

Es handelt sich bei Band 11 aus der Reihe um Krügers Fälle um einen gemütlichen Krimi, der zwar schon hin- und wieder mit Blut und Totschlag aufwartet, insgesamt aber eher ruhige vor sich hinplätschert. Man wird an den Gedanken der sympathischen Protagonisten beteiligt und darf sich zumindest hin und wieder vorstellen wie es in den Köpfen von Krüger und Nadja aussieht.

Das selbst verlegte Buch hat einen Makel: die Schrift ist furchtbar anstrengend zu lesen. Dafür wartet es aber mit einem schön gestalteten Cover auf. Für mich waren allerdings bis auf den Bezug zu Spanien und das anhaltende Katz- und Mausspiel kein Großer Bezug zum Titel und Cover herstellbar. Alles in allem aber eine gelungene Unterhaltung. Vielen Dank dafür!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2024

Ein packender Ausflug in eine düstere Vergangenheit

Waiseninsel
0

Die Kommissarin Jessica Niemi wird nach einer Handgreiflichkeit mit einem Hausmeister vom Dienst suspendiert. Sie verzieht sich auf einen Gasthof auf einer einsamen Åland-Insel namens Smörregård, um sich ...

Die Kommissarin Jessica Niemi wird nach einer Handgreiflichkeit mit einem Hausmeister vom Dienst suspendiert. Sie verzieht sich auf einen Gasthof auf einer einsamen Åland-Insel namens Smörregård, um sich vom Rest der Welt einen kleinen Urlaub zu gönnen.

Auf der Insel angekommen wird sie mit der Geschichte um das dortige ehemalige Waisenhaus und insbesondere der kleinen Maija konfrontiert. Seltsame Dinge sind wohl in der Vergangenheit passiert und nach und nach lernt sie eine bewegende Geschichte kennen.

Maija, ein kleines Waisenmädchen, wurde sowohl von anderen Bewohnerinnen der Insel als auch vom Nachtwächter und der Leiterin gemobbt und schlecht behandelt. Sie hat lange Zeit darunter gelitten und verschwand eines Tages spurlos. Seither spukt sie jedoch offenbar Nacht für Nacht auf dem Bootsanleger vor dem ehemaligen Waisenhaus und bringt die wenigen Bewohner und Gäste auf der Insel durcheinander.

Für mich war dieser vierte Band aus der Reihe um Kommissarin Jessica Niemi das erste Werk des finnischen Autors Max Seeck. Mit der Sprache und der Story habe ich mich sehr schnell angefreundet und so konnte ich in Ruhe die unterschiedlichen und sehr interessanten Charaktere kennenlernen und genießen.

Jessica Niemi trägt ein ordentliches Päckchen an mentalen Störungen mit sich herum, allen voran eine starke Depression mit einer Schizophrenie. Der Autor hat diesem Umstand auch einige Seiten in diesem Thriller gewidmet, was das Werk zu etwas besonderem macht. Jessica begegnen in ihren „Anfällen“ immer wieder Charakteren im Geiste, manchmal auch welchen aus der Vergangenheit. Oft tragen diese Begegnungen dann zur Lösung des Falls bei.

Das Buch baut vom Beginn bis zum Ende kontinuierlich mehr Spannung auf und hinter dem eigentlichen Mordfall liegt eine bewegende Geschichte über die Waisenkinder aus der Vergangenheit. Alles in allem ein gelungenes Werk, einziger Kritikpunkt für mich waren die vielen „Seltsamkeiten“ die sich am Ende alle gefügt haben. Für mich waren das einfach zu viele Kuriositäten, damit konnte ich mich nicht anfreunden. Insgesamt kann ich das Buch aber trotzdem ruhigen Gewissens weiterempfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 04.11.2023

Fulminanter Abschluss und Showdown.

Du lügst. Du stirbst.
0

Scarlett Dyer (mit dem richtigen Namen Olivia Lewis) und ihr Mann Jacob sind nach dem gruseligen Ende in St. Pit in die schottische Kleinstadt Woodnock gezogen. Sie hatten sich überlegt hier einen Neuanfang ...

Scarlett Dyer (mit dem richtigen Namen Olivia Lewis) und ihr Mann Jacob sind nach dem gruseligen Ende in St. Pit in die schottische Kleinstadt Woodnock gezogen. Sie hatten sich überlegt hier einen Neuanfang zu wagen und Scarlett findet überraschenderweise auch recht schnell neue Sozialkontakte.

Die Idylle wird aber prompt gestört, als ein Buchmanuskript über Scarletts Geschichte, ihre Rachepläne in St. Pit, anonym vor ihrer Haustüre abgelegt wird. Fast zeitgleich machen Gerüchte die Runde, dass Jacob ein berüchtigter Kinderschänder sei. Fatal für Jacob, der Kinder über alles liebt und gerade erst einen eigenen Spielwarenladen in Woodnock eröffnet hat.

Als wäre es nicht genug werden die Gerüchte auch noch über den Nickname Willi in den sozialen Medien gestreut. Willi ist der Name eines der echten Opfer aus dem ersten Band.

Das war ein unterhaltsamer und spannender zweiter Teil. Er baut auf die Geschichte aus dem ersten Teil auf, ich bin aber sicher, dass man auch ohne dessen Vorkenntnis seinen Spaß daran haben wird. Auch hier gab es wieder ziemlich skurrile Gestalten und auch ein paar Geheimnisse zum Miträtseln. Am Ende kam es dann doch ein wenig anders als gedacht, aber nur ein wenig. Und selbstverständlich hat Scarlett ihr Wissen genutzt und es auf ihre leicht sadistische Art erneut ausgekostet.

Ich hatte beim Zuhören erneut den Eindruck Bonnie und Clyde zu folgen, was mir sehr viel Freude bereitet hat. Was mich am meisten irritiert hat war die Tatsache, dass ein bestimmter Charakter daran glauben sollte. Das hat für mich einfach nicht zur erwarteten Gesamtkonstellation gepasst. Und das hat mich auch beim Lesen mehrere Kapitel umgetrieben. Bis zum Epilog.

Es gab viele unerwartete Wendungen und viel Spannung, ohne dem Leser viel Inhalt vorzuenthalten. Eine Eigenschaft die ich sehr schätze, im Gegensatz zu Thrillern die ihre Spannung alleine durch fehlende Informationen erzeugen. Durch viele Perspektivenwechsel konnte man sich mit den Protagonisten gut identifizieren. Ich kann das Hörbuch definitiv weiterempfehlen, rate aber dazu den ersten Band doch zuvor zu lesen oder anzuhören.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere