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Veröffentlicht am 02.12.2021

Das Schweigen eines Dorfes

Dunkelblum
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Beim Massaker von Rechnitz wurden in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs rund 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in der Nähe der Schloss Rechnitz ermordet und ins Massengrab gegraben. Darüber gibt ...

Beim Massaker von Rechnitz wurden in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs rund 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in der Nähe der Schloss Rechnitz ermordet und ins Massengrab gegraben. Darüber gibt es einige Bücher und Dokumentarfilme, aber die Fakten sowie das Massengrab sind bis Heute nicht ins Tageslicht geschafft. Und nach Kriegszeit eröffnetes Gerichtsverfahren hatten nur wenige Ergebnisse gebracht, denn während des Prozesses wurden zwei Augenzeugen ermordet, seitdem heißt es schweigen... Über diese Schweigen erzählt Eva Menasse.

Dunkelblum heißt Menasses Fiktive Ortschaft im Burgenland/Österreich. Hier sind meisten Einwohner geboren und aufgewachsen, jeder kennt jeden, aber auch für neu Zugezogenen sind deren Türen immer offen. Eine Kleinstadt nähe der Ungarische Grenze mit dunkler Vergangenheit und schrecklichen Geheimnissen. Denn acht Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist hier ein furchtbares Verbrechen passiert. Die älteren Dunkleblumer wissen sehr wohl, was da geschehen ist, aber keiner verliert ein Wörtchen darüber. Für die jüngere und einige Außenstehende ist die Geschichte neu. Und durch Zufall entdeckte man menschliche Knochenreste, die Studenten, die einen Jüdischen Friedhof aus dem Gestrüpp befreien wollen, eine junge Frau, die plötzlich verschwindet und ein Fremdengast, der einige Postkarten kauft, aber nicht weiterschickt, macht die ganze Sache auch nicht besser. Doch was verbindet alles zusammen?

„In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen, sie drehen ihre Köpfchen hierhin und dorthin, damit ihnen nichts entgeht, und das Gras registriert mit seinen Schnurrhaaren jeden Schritt.“ S.9

Dieser erster Satz sagt einiges über Menasses Schreibstil! Denn mit brillanten, bildgewaltigen und mit schwarzem Humor verfeinerter Sprache, erzählt sie auffallend komplex aus der Vogelperspektive. Wir lernen nicht nur die Dorfbewohner, sondern jede Dunkelblume-Gasse, einschließlich ein sprachbegabter Papagei haargenau kennen. Die Fabulierkunst ist hier bis zum letzten Tropfen ausgeschöpft, doch manchmal weniger ist mehr. Obwohl ihr Mikrokosmos Dunkelblum mich gepackt hat, hatte ich trotzdem meine Probleme mit Unmengen von Figuren und immer wieder wechselnden Zeitebenen. Dieses ganze „ohne vorgewarnte“ Wechsel hat mich stellenweise verwirrt, sodass ich mir eine Skizze mit Personen und Zeitangaben machen musste.

Es ist keine leichte Lektüre, welche man durch den Seiten fliegt. Hier braucht man Zeit, Geduld, Konzentration und Durchhaltevermögen! Doch nichtsdestotrotz ist es ein großartig geschriebener Roman über Verdrängung der Vergangenheit, persönliche Kriegs-Schicksale und über die Ereignisse von Zweiten Weltkrieg sowie des Mauerfall.

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Veröffentlicht am 23.11.2021

Nett, mehr aber auch nicht

Mit uns wäre es anders gewesen
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Paris 1989
Beide Studenten Amélie und Vincent begegnen sie sich an der Sorbonne, verbringen eine Nacht zusammen mit Spaziergängen an der Seine und mit tiefgründigen Gesprächen. Weil sie sich sehr gut verstanden ...

Paris 1989
Beide Studenten Amélie und Vincent begegnen sie sich an der Sorbonne, verbringen eine Nacht zusammen mit Spaziergängen an der Seine und mit tiefgründigen Gesprächen. Weil sie sich sehr gut verstanden und die Anziehungskraft sehr stark war, verabreden sie sich für den nächsten Tag. Vincent kam pünktlich, Amélie mit einer Stunde Verspätung. Was danach kommt, ist nicht nur ein verpasster Treffen...

Ich muss gestehen: Grund der Klappentext habe ich hinter diesem sehr hübschen Buchcover, eine tiefgründige Liebesstory erwartet. Doch was ich gelesen hab, war alles andere eine klassische Liebesgeschichte. Es ist eher ein „Lebensroman“ in dem über zwei Menschen, die für aneinander bestimmt waren, aber jeweils einen anderen Weg gegangen sind, berichtet wird, und zwar im Zeitraum von 30 Jahren. Der Anfang war gut, denn die Autorin hat geschickt einiges verborgen, sodass ich die Gründe wissen wollte, doch ab Mitte ging es Bergab. Da greift Abécassis auf die Themen, wie Rollen in der Ehe, Selbstopferung wegen Kinder ect., welche, die ich nicht nachvollziehen konnte. Amélie und Vincent waren für mich sehr ichbezogen. Deren Perspektive, Gedanken, Verhandeln und Verhalten wirkten mir teilweise nicht nur egoistisch, sondern auch alters unangemessenen.

Dieses Büchlein mit 140 Seiten ist perfekt geeignet für die Leser, die sich nicht mit dickere Bücher beschäftigen wollen, aber nach dem stressigen Alltag etwas lesen möchten.

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Veröffentlicht am 16.11.2021

Walter kocht!

Barbara stirbt nicht
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Seit 52 Jahren sind Barbara und Walter Schmidt verheiratet und dabei ist Walter Morgens immer mit dem Geräusche und Kaffeeduft aus der Küche wachgeworden. Eines Tages als er aufwachte, weder hörte noch ...

Seit 52 Jahren sind Barbara und Walter Schmidt verheiratet und dabei ist Walter Morgens immer mit dem Geräusche und Kaffeeduft aus der Küche wachgeworden. Eines Tages als er aufwachte, weder hörte noch roch er was, obwohl die Betthälfte leer war. Er findet Barbara auf dem Badezimmerboden, gestürzt und schwach. Walter denkt, dass es nur ein Kreislauffall war, bringt sie zurück ins Bett. Doch Barbara geht es nicht gut. Sie fühlt sich Müde, möchte nur schlafen und bleibt im Bett. Herr Schmidt, der in seinem Leben nicht ein einziges mal Kaffee gekocht hat, muss ab jetzt nicht nur um sich und seine Frau sorgen, sondern all die Dinge organisieren, die Barbara selbstverständlich allein erledigt hat. So fängt ein altdeutscher, traditionsverbundener, ruppiger Mann, sei es wegen sein Sturheit oder innerliche Unruhe, an zu kochen.

Ach Walter... wo soll ich mit dir anfangen, hmm? Warum bist du so schroff, obwohl du im Herzen ein guter Mann bist? Woher kommen die ganzen Rassistischen Gedanken, wo du seit einem halben Jahrhundert mit einer Russin dein Leben teilst und für sie sogar versuchst Borschtsch zu kochen? Wieso akzeptierst du deine wunderbare Kinder nicht so, wie sie sind? Dein Sohn hat die falsche verheiratet, deine Tochter lebt mit ihrer Freundin zusammen, nicht mit ihrer „Beste Freundin“, na und? Achh Walter... merkst du es nicht, dass für solche Gedanken das Leben zu kurz ist?

Alina Bronsky hat eine bitterböse, mit schwarzem Humor gesüßte, aber im Grunde sehr traurige Geschichte erschaffen, welche mich stark an meinen verstorbenen Großeltern erinnert hat. Sie hat die Generation, die Nachkriegszeit als Kinder erlebt hatten und deren eigentümliches Leben und Gedanken auf dem Punkt aufs Papier gebracht, wo ich dachte: da redet mein Opa! Obwohl ich hier immer wieder lachen musste, stellenweise hat mich das Buch so berührt, dass ich unter Tränen gelesen hab. Denn wer zwischen den Zeilen lesen kann, merkt schnell: Walter, unser unsympathischer Protagonist ist ein liebevoller Kerl mit einem weichem Herz.

Ein kleines Büchlein, der mir herzerwärmende Lesestunden geschenkt hat!

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Veröffentlicht am 16.11.2021

Anstrengend zum Lesen aber gut

Grace
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Oktober 1845, Norden von Donegal

Gerade mal mit vierzehn Jahren, die Haare abgesäbelt und in übergroßer Männerkleidung gesteckt, schickt ihre Mutter Grace aus dem Haus weg, um Arbeit zu suchen und sich ...

Oktober 1845, Norden von Donegal

Gerade mal mit vierzehn Jahren, die Haare abgesäbelt und in übergroßer Männerkleidung gesteckt, schickt ihre Mutter Grace aus dem Haus weg, um Arbeit zu suchen und sich selbst zu ernähren. Denn durch Kartoffelfäule ausgelöste Missernten leidet ganz Irland unter große Hungersnot, sodass ihre Mutter Sarah ihre Kinder nicht mehr versorgen kann. Unbemerkt von ihrer Mutter schleicht ihrer kleiner Bruder Colly hinter Grace her und so gehen zwei Kinder auf dem entlang der Straßen, in den von Armut benebelten Städten Irlands rein. Und so werden Tage zu Wochen, Wochen zu Monaten. Grace, die sich als Junge ausliefert hat, entwickelt sich unter jeglichen Männer zu einer Jungen Frau, mit all den Gefühlen, die viele Gefahren mitbringen...

Mystisch, düster und bedrückend nimmt der Autor seine LeserIn nach damaligen, unter Hungersnot leidenden Irland mit und lässt sie teilweise ungeschönt die Armut mitzuerleben. Mit poesihaften Sprache, bildgewaltig und partiell irische Sagen und Märchen geschmückt erzählt er uns ein Stück aus der dunkle, traurige irische Geschichte. Allerdings ich hatte meine Probleme mit diesem Erzählstil, denn die ganzen historische Fakten, alten Liedern, Aberglauben, Geister und Wesen ect. waren, meiner Meinung nach, zu viel an der Zahl, sodass die Story unnötig in der Länge gezogen ist. Zum Teil habe ich nicht mal verstanden, was der Autor mir mit so vielen Legenden erzählen wollte. Dazu kommt seine gewöhnungsbedürftiger Schreibstil, wo er Anführungszeichen bei wörtlicher Rede verzichtet hat. Weil hier auch Geister spucken, konnte ich bei einigen stellen nicht auseinander halten, ob Grace mit jemanden tatsächlich spricht oder mit sich selbst.

Eine intensive dennoch anstrengender Leseerlebnis, was viel Konzentration erfordert. Man braucht hier Zeit, Geduld und Willen. Keine leichte Kost, aber Lesenswert.

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Veröffentlicht am 08.11.2021

Top Sprache, irritierende Handlung

Phon
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Als Nadja hochschwanger und schwer verliebt in ihren 20 Jahre älteren Mann Lew -der erst ihr Professor in der Uni war- ins abgelegenen Dorf in Westrussland einzieht, war sie Anfang 20 und voller Lebensenergie. ...

Als Nadja hochschwanger und schwer verliebt in ihren 20 Jahre älteren Mann Lew -der erst ihr Professor in der Uni war- ins abgelegenen Dorf in Westrussland einzieht, war sie Anfang 20 und voller Lebensenergie. Das mitten im Wald gelegenen Dörfchen zieht sie nicht nur ihre beiden Kindern naturverbunden groß, sondern auch einige Tierarten. Denn das Zoologen Paar, bzw. Zoologe Lew, -Nadja hat ihr Studium nicht abgeschlossen- haben hier ein Tierforschungslabor eingerichtet, in dem auch Stadtkinder übers Sommer unterrichtet wird. Ein paar Jahre läuft es alles gut. Sie unterhalten die Kinder, retten die Bärenbabys und forschen über Tiere. Bis eines Tages eine Holländische Journalistin ins Dorf kam und was Grausames passiert, worüber in ganz Russland berichtet wird.

Mittlerweile ist Nadja nicht mehr jung und Lew ist gebrechlich. Deren Laboratorium existiert nicht mehr und die beiden sind die letzten Bewohner des Dorfes, dessen Einwohnerzahl seit Jahrzehnten offiziell Null beträgt. Außer ihr Sohn, der sie ab und zu wegen Einkäufen besucht, ein Pferd, ein Hund, eine am Dauern meckerndes Ziegenpärchen und ein rede Begabte Rabe haben das ältere Ehepaar nichts und niemanden um sich. Nur der Himmel scheint in letzter Zeit durchgedreht zu sein, denn Tag Täglich hören Nadja und Lew komische, unnatürliche Geräusche, als würde Gott mit Möbeln rücken. Naht das jetzt der Weltuntergang oder sind die beiden völlig verrückt geworden? Und Warum möchte die Holländerin nach fast 30 Jahren zurück ins Dorf kommen? Was hat das alles mit einem Lokführer Zutun, welcher der Nadja aus ihrem Leben erzählt?

Eine Geschichte, die mich in zwei gespaltet zurückgelassen hat. Einerseits mochte ich die dunkle, mystische Story, ganz besonders die Sprache sehr, anderseits der Erzählstil der Autorin und der Aufbau des Buches ist so gewöhnungsbedürftig und verwirrend, sodass ich mit meiner Geduld kämpfen musste. De Moor spielt gern mit Wörtern und Sätzen, dabei lässt ihre LeserInnen völlig allein beim überlegen, gibt kein Hinweise und man muss vieles zwischen den Zeilen lesen. Eigentlich mag ich sehr solche Art der Erzählung, doch hier bliebt einiges offen, dass mich nicht nur irritiert, sondern stellenweise genervt hat.

Obwohl es durchaus interessant war, wurde das Buch für meinen Geschmack zu chaotisch geschrieben. Tolle Story, wunderbare Sprache, keine Frage, dennoch hier fehlt jede menge Tiefgang und der Rote Faden. Schade...

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