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Veröffentlicht am 24.06.2021

Identitätssuche voller Wut und Zärtlichkeit

Die jüngste Tochter
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"Die jüngste Tochter", der Debütroman von Fatima Daas ist im vergangenen Monat erschienen, aber er passt noch besser in den Juni, den Pride-Monat der LGBTQI-Community. Fatima Daas ist ein Pseudonym, und ...

"Die jüngste Tochter", der Debütroman von Fatima Daas ist im vergangenen Monat erschienen, aber er passt noch besser in den Juni, den Pride-Monat der LGBTQI-Community. Fatima Daas ist ein Pseudonym, und hat mit ihrer gleichnamigen Ich-Erzählerin viel gemeinsam: Sie ist die Tochter einer algerischen Einwandererfamilie, und sie ist lesbisch. Sie ist auch eine gläubige Muslima - und ringt um eine Vereinbarkeit ihrer Religion und ihrer auch von ihr selbst als sündig wahrgenommenen Lebensweise.

Eine Autobiografie oder Literatur mit autobiografischen Elementen? Auf jeden Fall ein eindrücklicher Roman mit einer Sprache voller Wut und Zärtlichkeit, zwischen dem Aufbegehren eines in der Schule auffälligen Mädchens aus der Vorstadt und der schreibenden jungen Frau, die nicht nur ihre Rolle in der Metropole Paris sucht, sondern ihre verschiedenen Leben miteinander versöhnen will.

Geradezu meditativ, wie die Perlen einer Gebetskette, wie die Sätze der Koransuren und Gebetsrufe ist die immer wiederkehrend Wiederholung ihres Namens und seiner Bedeutung: "Ich heiße Fatima", Fatima, wie die jüngste und liebste Tochter des Propheten. Die jüngste der Familie ist auch sie, die erste, die in Frankreich geboren wurde, diejenige, die dort schon mehr heimisch ist als im Geburtsland der Eltern, wo die Großmutter bereits Schwierigkeiten hat, sie zu verstehen, weil sie den algerischen Dialekt nur fehlerhaft beherrscht. Ihr Arabisch ist das der Ban-lieus.

Gesprochen wird aber nicht viel in ihrer Familie. Die Mutter flüchtet sich in Haushalt und Kochen, die beiden älteren Schwestern proben früh den Ausbruch, da der Vater sie brutal schlägt. Fatima bleibt davon verschont, sie ist zwar nicht der ersehnte Sohn, aber der Vater behandelt sie wie einen Jungen. Das macht es ihr später zunächst leichter - ihre burschikose Kleidung, die Freundschaft fast nur mit Jungen - das fällt zunächst nicht auf. Ihre beste Freundin ist anfangs die einzige, die weiß, dass Fatima Frauen liebt, bei der sie über Frust und Lust reden kann, die sie akzeptiert und bestärkt.

Fatima sucht Intimität, kann sich aber selbst nur schwer hingeben. Sie sucht Nähe und hält Distanz, auch, indem sie Parallelbeziehungen pflegt. Sie will ihre Sexualität ausleben und leidet unter Schuldgefühlen, sucht das Gespräch mit Imamen, auch hier nur mit Distanz, nach dem Motto "Ich habe eine gute Freundin, die liebt anders als normal."

Diesen Zwiespalt, die Zerrissenheit, die Probleme, sich selbst mit ihrer Homosexualität anzunehmen, berühren, stehen im Gegensatz zu dem brachialen Umgang, den sie als Jugendliche im Umgang mit Lehrern und als schwach empfundenen Mitschülern zeigte. Die kurzen Sätze, die unsentimentale Sprache, Direktheit und Verletzlichkeit prägen dieses Buch einer doppelten Identitätssuche. Ein Debüt, das neugierig macht auf mehr von Fatima Daas .

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Veröffentlicht am 24.06.2021

Die Apotheke in Wald und Wiese

naturverbunden
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Waldmeister kann mehr als Bowle und Brombeeren tun nicht nur als Marmelade gut - das ist eine, aber bei weitem nicht die einzige Einsicht nach der Lektüre von Katrin und Heinze Heckers Buch "Naturverbunden". ...

Waldmeister kann mehr als Bowle und Brombeeren tun nicht nur als Marmelade gut - das ist eine, aber bei weitem nicht die einzige Einsicht nach der Lektüre von Katrin und Heinze Heckers Buch "Naturverbunden". Der Untertitel verrät, worum es geht: Entdecke Pflanzen, die die gut tun. Klar, einige Hausmittel mit Kräutern und Wildpflanzen kennt wohl jeder aus den Rezepten der Oma. Kamille bei Entzündungen oder angeschlagenem Magen, Arnika bei Prellungen, Pfefferminze bei Kopfschmerzen. Die beiden Autoren stellen Pflanzen aus Wald, Wiesen und Gewässern vor, reich bebildert und mit Fotos (es handelt sich schließlich um Naturfotografen), die dem Laien helfen, in der Natur auf Suche nach den nachwachsenden Rohstoffen der grünen Apotheke zu gehen.

Es gibt Hinweise zu Tinkturen, Tees und Ölen, zu Wirkstoffen und Anwendung und - ganz wichtig - wo man die jeweilige Pflanze am besten findet. Und auch Hinweise zum richtigen Sammeln gibt es. Zumeinen: Nur das Sammeln, was man kennt, um Verwechslungen mit womöglich giftigen Doppelgängern auszuschließen. Das sollte man nicht nur beim Pilzsammeln berücksichtigen. In Fällen, wo es bei einer Verwechslung zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen kann, gibt es auch weitere Hinweise und Vergleichsbilder.

Klar sollte auch sein: Kräutersammeln darf nicht zu Kahlschlag führen. Dass Strecken, auf denen auch Hunde Gassi geführt werden, tunlichst gemieden werden sollten, versteht sich ja wohl von selbst. Holundertee gegen Kälte, Johanniskraut für die Nerven oder Löwenzahn für den Stoffwechsel - das Wohlbefinden und die Gesundheit können auf buchstäblich natürliche Weise gestärkt werden.

Nützlich, informativ und verständlich geschrieben wird dieses Buch jetzt sicher öfter bei mir zur Anwendung kommen und bei der nächsten Wandertour kann es gut sein, dass ich das angelesene Wissen demnächst in die Praxis umsetze. Mit 40 beschriebenen Pflanzen ist das Buch zudem übersichtlich und überfrachtet beim Erkennen von Wild- und Heilpflanzen nicht. Die Oma würde beifällig nicken.

Veröffentlicht am 23.06.2021

Gelungene Fortsetzung - Düsterer Scandinavic Noir am Mittelmeer

Das dunkle Herz von Palma
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Seit seine 16 Jahre alte Tochter Emme vor vier Jahren während eines Urlaubs mit zwei Freundinnen auf der Ferieninsel Mallorca verschwand, ist der ehemalige schwedische Polizist Tim Blank ein Besessener. ...

Seit seine 16 Jahre alte Tochter Emme vor vier Jahren während eines Urlaubs mit zwei Freundinnen auf der Ferieninsel Mallorca verschwand, ist der ehemalige schwedische Polizist Tim Blank ein Besessener. Er hat die Arbeit aufgegeben, ist nach Mallorca gezogen, sucht nach seiner Tochter. Anders als die Ermittler will er nicht aufgeben und er will auch nicht loslassen. Die Suche des verzweifelten Vaters, der selbst immer tiefer in einem Strudel von Alkohol, Gewalt und Korruption versinkt hat Mons Kallentoft bereits in seinem Roman "Verschollen in Palma" erzählt.

Nun ist "Das dunkle Herz von Palma" als Fortsetzung erschienen und es ist vielleicht sogar noch düsterer, auch wenn die Beziehung zu seiner Frau wieder stabiler, wenn auch keineswegs unkompliziert geworden ist. Denn die beiden haben eine kleine Tochter - doch es ist ein Familienleben auf Distanz. Tim hält Frau und Tochter auf Abstand, scheint es schon für mangelnde Loyalität gegenüber Emme zu empfinden, wenn er Nähe zu dem neuen Kind - einem Ersatz? - zulässt. Hätte er lieber auf eine Abtreibung drängen sollen? Schon dass er auf diesen Gedanken kommt, ist schon ziemlich krass. Doch zugleich ist die kleine Familie in Schweden wie eine offene Flanke bei jedem kleinen Fortschritt, den Tim macht. Bringt seine Suche nach Emme auch das zweite Kind in Gefahr?

Wie weit geht man für die, die man liebt? Tim ist bereit, sehr weit zu gehen, sich von seinem Wertesystem zu lösen und die Töchter anderer Eltern Gefahren auszusetzen, wenn es nur darum geht, einen Schritt näher an die verschwundene Emme vorzurücken. Lebt sie überhaupt noch? Und falls ja, wie? Ist sie nicht vielleicht so stark gebrochen, dass sie selbst beim Überleben bei Menschenhändlern den Weg in ein normales Leben zurückfinden kann? Der Rat eines Polizisten an Tim ist ebenso ehrlich wie brutal: Vergessen Sie sie und fangen Sie noch einmal neu an.

Auf Mallorca, in Schweden und auf dem spanischen Festland spielt die Handlung dieses Scandinavic Noir unter südlicher Sonne. Schuld und Sühne, Rache und Versprechen, Hoffnung und Loyalität, internationale Menschenhändler und korrupte Systeme vor Ort - die Welt, in der sich Tim Blank bewegt, besteht aus vielen Verlierern und hat eine gut gefüllte Reservoir an Schurken. Es bleibt spannend bis zur letzten Seite, actiongeladen und voller innerer Abgründe. Das Herz der Dunkelheit schlägt auch am Mittelmeer.

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Veröffentlicht am 22.06.2021

Ein Duell voller Tod und Verrat

Der Abstinent
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Als W.B. Yeats über irischen Nationalismus und den Osteraufstand von 1916 schrieb, da geschah das überaus poetisch ("A terrible beauty is born"). Doch ehe es den Osteraufstand gab, ehe es die IRA gab, ...

Als W.B. Yeats über irischen Nationalismus und den Osteraufstand von 1916 schrieb, da geschah das überaus poetisch ("A terrible beauty is born"). Doch ehe es den Osteraufstand gab, ehe es die IRA gab, gab es im 19. Jahrhundert die Fenians, die gegen die britische Herrschaft in Irland kämpften - auch in den irischen Communities fern der grünen Insel. In seinem Roman "Der Abstinent" schreibt Ian McGuire über den irischen Freiheitskampf aus ungewöhnlicher Perspektive mit viel hartem, düsteren Realismus. Schrecklich ist hier vieles, doch Schönheit sucht man vergebens in dunklen stinkenden Gassen, Besäufnissen, Gewalt.

James O´Connor ist katholischer Ire und Polizist in Manchester - damit ist er überall ein Außenseiter: Für die Iren ist er ein Verräter, für die englischen Kollegen einer, dem sie nicht wirklich trauen. Nach dem Tod seiner Frau hat O´Connor den Halt verloren, ist Alkoholiker geworden. Die Versetzung nach Manchester war auch ein Versuch der Vorgesetzten in Dublin, den so zum Problem gewordenen O´Connor loszuwerden.

Nachdem drei Fenians wegen des Mords an einem Polizisten gehängt wurden, soll O´Connor seine irischen Informanten aushorchen. Denn allen ist klar: Eine Reaktion auf die Hinrichtungen wird nicht ausbleiben. Doch der Mann, der die Toten rächen soll, kommt von weit her: Stephen Doyle, amerikanischer Ire, Ex-Soldat aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und voll äußerer und innerer Narben, wird nach England geschickt. Zufällig ist O´Connors Neffe auf dem gleichen Schiff, ein junger Mann, der Irland als Junge verlassen hat und nun eher gezwungenermaßen aus Amerika zurückkehrt.

O´Connors Spitzel haben herausgekriegt, dass ein Kämpfer aus Amerika erwartet wird - doch als die Polizei alle Reisenden aus der Hafenstadt Liverpool überprüfen lässt, ahnen die Fenians, dass es in ihren Reihen Verräter geben muss. Für O´Connor wird die Auseinandersetzung persönlich und obwohl er alles tut, weitere Tote zu verhindern, ist es das Misstrauen der eigenen Kollegen, das eine Abwärtsspirale in Gang setzt.

"Der Abstinent" ist weniger ein Krimi als das Psychogramm zweier Gegenspieler, die jeder auf seine Art kaputte Typen sind. Das Manchester des 19. Jahrhunderts bietet eine Bühne für eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Gewalt. Auch wenn es um den irischen Unabhängigkeitskampf geht, so zeigt McGuire doch das Klima einer Gesellschaft voller Ab- und Ausgrenzung, von Armut, die zum Verlassen der Heimat zwingt, vom Leben in einer anderen Armut in der Emigration, von der Solidarität, aber auch Kontrolle und Anpassungsdruck innerhalb der Community.

McGuire lässt seine Leser eintauchen in eine Vergangenheit, die nicht die gute alte Zeit ist und in der Hoffnung weitgehend unbekannt ist. Dieses Buch hat mich bis fast zum Schluss überzeugt - dort allerdings kam es dann zu einer für mich überraschenden und irgendwie nicht zufriedenstellenden Entwicklung, die mich ein bißchen ratlos zurückließ. Die Sprache McGuires, die düsteren Bilder seines Romans und die eindringliche Atmosphäre beeindrucken jedenfalls.

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Veröffentlicht am 17.06.2021

Auf jeden Fall spannend

Shalom Berlin – Gelobtes Land
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pannend ist es einmal mehr im dritten Teil der "Shalom Berlin" Serie von Michael Wallner um den jüdischen Ermittler Alain Liebermann, "Gelobtes Land". Waren die vorangegangenen Bände vor allem Politthriller, ...

pannend ist es einmal mehr im dritten Teil der "Shalom Berlin" Serie von Michael Wallner um den jüdischen Ermittler Alain Liebermann, "Gelobtes Land". Waren die vorangegangenen Bände vor allem Politthriller, geht es hier mehr noch als zuvor um Familie - zum einen die große, über Länder und Kontinente verzweigte Familie der Liebermanns, deren Matriarchin Alains Großmutter Helene ist, aber auch um gebrochene Familien, zerstörte Familien, Familiengeheimnisse.

Alain will eigentlich Verlobung feiern, als er zu einem Tatort gerufen wird: Ein toter Junge ist gefunden worden. Hier beginnt leider auch der unlogische und unglaubwürdige Teil des Buches, des Alain ist schließlich beim Staatsschutz. Nicht politisch motivierte Kriminalität, einschließlich Kapitalverbrechen, sind überhaupt nicht sein Bereich. Es ist ja auch keineswegs so, als habe der Staatsschutz gegenwärtig wenig zu tun und könne andere Abteilungen unterstützen. Aber dann: Auch ein MEK als eigene Spezialeinheit des Staatsschutzes entspricht eher nicht der Realität. Oder das Berliner LKA unterscheidet sich grundlegend von vergleichbaren anderen Behörden bundesweit.

Trotzdem ermitteln Alain und sein Team. Sie vermuten einen Serienmörder, denn der tote Junge ist nicht der erste, der in den vergangenen Monaten getötet wurde. Gemeinsam war ihnen nur, dass sie aus Einwandererfamilien stammten, in einem Fall war sexueller Missbrauch festzustellen. Auf dem türkisch-arabischen Kiez von Berlin schnappen die Ermittler Gerüchte auf, von einem "Rattenfänger" ist die Rede, doch als die Polizisten endlich einen Verdächtigen ausmachen, ist der ihnen immer einen Schritt voraus und setzt sich ins Ausland ab.

Statt auf Zielfahnder zu setzen, nehmen Alain und sein Team selbst die Verfolgung auf, die Jagd nach dem Verdächtigen führt sie bis nach Israel - daher der Buchtitel "Gelobtes Land". Doch der Einsatz verläuft ganz anders als gedacht - und auch das Morden hat kein Ende. Alain ahnt: Will er Erfolg haben, könnte das mit persönlichen Verlusten verbunden sein.

Ist "gelobtes Land" spannend und atmosphärisch geschrieben? Ja, auf jeden Fall. Wer sagt, Realität ist mir egal, ich will einfach einen spannenden Fall mit Nervenkitzel, ist damit gut aufgehoben. Letztlich ist es ja Fiktion.

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