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Veröffentlicht am 04.05.2025

Rentner-Detektive zwischen Hamlet und Hundemord

Crime im Heim
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Es gibt mehr Dinge im Altersheim, als auf den Tod zu warten - jedenfalls für Yogalehrerin Katja, den Impresario Friedhelm und die übrigen Mitglieder einer leicht exzentrischen Seniorengruppe, die sich ...

Es gibt mehr Dinge im Altersheim, als auf den Tod zu warten - jedenfalls für Yogalehrerin Katja, den Impresario Friedhelm und die übrigen Mitglieder einer leicht exzentrischen Seniorengruppe, die sich zusammengeschlossen hat, um "Hamlet" auf die Bühne ihres Seniorenheims zu bringen. Es ist eine recht unterschiedlich zusammengewürfelte Truppe, die in Ida Tannerts Cozy-Krimi "Crime im Heim" zusammenkommt: Die verwitwete Gräfin, die Hunde lieber mag als Menschen und nicht nur eine eindrucksvolle Waffensammlung mit ins Heim genommen hat, sondern auch weiß, wie man Schlösser knackt. Der Zahnarzt, der im Innern immer noch ein Rebell a la James Dean ist und eine Vorliebe für Heavy Metal hat. Der reimende Lehrer, der Vogelfreund mit empfindlichem Darm und Rollator, der sensible Ex-Bauer Hans, der spanische Lyrik liebt und der Anarchist, trotz Arthritis und Diabetes immer noch im Herzen Revolutionär und als Neuzugang im Heim Auslöser einiger Ereignisse, die erst im Laufe der Handlung aufgeklärt werden.

Am Anfang jedoch steht ein Mord am Mops einer Heimbewohnerin. Zwar konnte kaum jemand außer der Besitzerin das bissige kleine Vieh leiden - aber Schüsse im Park der Senioren, das geht nun wirklich nicht. Als dann auch noch eine menschliche Leiche auftaucht, fühlen sich die Senioren zwar leicht überfordert, nehmen aber die Herausforderung an, auch diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Gar nicht so einfach, wenn die bevormundende Heimleiterin versucht, die Aktivitäten ihrer Schützlinge zu kontrollieren.

Während die einen mit Feuereifer als Hobby-Detektive loslegen, ist nur Friedhelm verzweifelt: Wird sein Hamlet je zur Aufführung kommen? Oder lassen sich die unorthodoxen Ermittlungen gewissermaßen als method acting verwerten? Der humorvoll geschriebene Cozy erinnert ein wenig als Richard Osmans Donnerstag-Mordclub, der trotz altersbedingter Einschränkungen gar nicht daran denkt, im seniorengerechten Relaxsessel dahinzudämmern. Dass nicht alle so rüstig und aktiv sind wie die Schauspielgruppe, wird ebenfalls nicht verschwiegen. Altwerden ist kein reines Vergnügen. Dieses Buch allerdings schon.

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Veröffentlicht am 04.05.2025

Girl Power gegen toxische Männlichkeit

Riot Girl
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Als Sachbuchautorin befasst sich Susanne Kaiser mit Mysogynie, Genderstereostypen, toxischer Männlichkeit, Sexismus und Feminismus. Da ist es kaum verwunderlich, dass auch in ihrem Debütroman Gewalt gegen ...

Als Sachbuchautorin befasst sich Susanne Kaiser mit Mysogynie, Genderstereostypen, toxischer Männlichkeit, Sexismus und Feminismus. Da ist es kaum verwunderlich, dass auch in ihrem Debütroman Gewalt gegen - sehr junge - Frauen thematisiert wird. In "Riot Girl" schlagen die Mädchen, denn es geht um eine Bewegung von Teenagerinnen - zurück, organisieren sich über soziale Medien und die Vertaggung durch Influencerinnen, um flashmobs zu organisieren, die buchstäblich Wellen schlagen.

LKA-Forensikerin Obalski wird als verdeckte Ermittlerin ins Münchner Jugendamt eingeschleust, um Informationen über die Organisation der Influenzas und ihre Ziele zu ermitteln. Schon bald stellt sie fest - es scheint eine Untergruppe zu geben, die sich radikalisiert. Als nach einer konspirativen Party an der Isar eine Leiche auftaucht, stellt sich die Frage - greifen die Gruppenmitglieder auch zu Gewalt? Und was hat es mit dem runenförmigen Symbol zu tun, das bei mehreren Mädchen in den Arm geritzt wurde? Sind das Selbstverletzungen oder Spuren von systematischer Gewalt, denen sie ausgesetzt sind?

Obalski hat schon bald das Gefühl, dass ihr die Zeit davonläuft - nicht nur, weil Interna der Soko an die Medien durchgestochen werden. Es muss einen "Maulwurf" im Kreis der Ermittler geben. Kann sie ihren Kollegen trauen? Verstörende Bilder lassen zudem darauf schließen, dass es eine Gruppe mächtiger Männer gibt, die darauf abfahren, Mädchen Gewalt anzutun.

Vielleicht liegt es ja an den Fällen, mit denen sich Kaiser in ihrer nicht-literarischen Tätigkeit befasst, aber die Charaktere des Romans sind ein wenig sehr holzschnittartig geraten. Hier die Träger männlicher Privilegien, da die Machos und Aufreißer unter Obalskis Kollegen und in ihrer Stammkneipe und als einsamer Leuchtturm in der Nacht toxischer Männlichkeit eben die empathische Obalski, die nicht nur als erste den Durchblick hat, sondern auch ziemlich problemlos das Vertrauen der Mädchen gewinnt. Da sind die Rollen einfach zu klischeehaft verteilt, um echte Spannung aufkommen zu lassen und das Ergebnis erinnert ein bißchen an Agitprop-Literatur wie in den 70-er Jahren. Vielleicht hätte die Autorin ihren Leser*innen genug Intelligenz und Empathie zutrauen sollen, Schlussfolgerungen zu ziehen, ohne dass jedes Mal der Wink mit der Litfassäule kommen muss. Schade angesichts des wichtigen Themas. Der Plot ist dennoch spannend und nachdenkenswert.

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Veröffentlicht am 30.04.2025

Geheimnis in den Wäldern Norfolks

Die Schatten, die dich jagen
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Die Buchbeschreibung von "Ein Schrei, den niemand hört" von Alex Smith machte schon einmal neugierig: Ausgerechnet ein auf Vermisstenfälle spezialisierter Ermittler ist nun selbst betroffen: Robert Kletts ...

Die Buchbeschreibung von "Ein Schrei, den niemand hört" von Alex Smith machte schon einmal neugierig: Ausgerechnet ein auf Vermisstenfälle spezialisierter Ermittler ist nun selbst betroffen: Robert Kletts Frau ist entführt worden, er weiß nicht, ob sie überhaupt noch lebt. Trotz all seines Spezialwissens kann er seinen liebsten Menschen nicht finden. Als ob das allein nicht schon belastend genug wäre, ist er unversehens alleinerziehender Vater, der für seine drei kleinen Töchter im Alter von 18 Monaten, drei und sieben Jahren, alle mit höchst unterschiedlichem Temperament Normalität wahren muss.

In Norfolk, einer neuen Umgebung, soll Klett eigentlich auf andere Gedanken kommen und sich auf seine Kinder konzentrieren. Doch das spurlose Verschwinden zweier Mädchen lässt die angedachte Auszeit scheitern. Klett bietet der örtlichen Polizei seine Zusammenarbeit und Expertise an. Der örtliche Kripochef, Typ Grantler, ist davon zunächst einmal gar nicht angetan. Zum einen, weil er Londoner Polizisten generell Besserwissertum unterstellt, zum anderen, weil Klett immer mindestens ein Kleinkind im Schlepptau hat und die Kinderbetreuung sicherstellen muss. Das ist mit hochtourigen Polizeiermittlungen nur begrenzt kompatibel.

Zum besonderen Reiz dieses Spannungsroman gehört, dass er nicht nur fesselt, sondern trotz aller Dramatik Humor hat. Dafür sorgen schon Kletts Probleme mit dem lieben Kleinen. Die können nämlich ganz schön nervig werden und zeigen: Elternsein ist nichts für Weicheier. Auch Kletts Kollegen haben alle so ihre besonderen Eigenheiten, an die er sich erst mal gewöhnen muss. Mit dieser Mischung hat mich Smith eingefangen - so sehr, dass ich nicht nur "Ein Schrei, den niemand hört" in einer Nacht durchlas, weil ich einfach nicht aufhören konnte, ich musste auch sofort den Folgeband "Die Schatten, die dich jagen" lesen, der zeitlich wenige Wochen nach Kletts erstem Fall spielt.

Klett ist mittlerweile Teil des Ermittlerteams in Norfolk, von seinem letzten Fall aber noch angeschlagen, nicht nur physisch, sondern auch wegen eines kryptischen Hinweises auf die Entführung seiner Frau. Ein Leichenfund im Wald erinnert an eine alte Volkssage, den dämonischen "Black Shuck", der in den Wäldern mordet. Großstadtmensch Klett findet die dichten Wälder zwar eher unheimlich, glaubt aber nicht an Gespenster. Doch das Böse, er ahnt es, ist hier am Werk.

Auch der zweite Band ist unglaublich spannend, denn Klett ist engagiert bis zur Schmerzgrenze und wenn er sich in einen Fall verbissen hat, pfeift er sowohl auf Dienstvorschriften wie auf Risiko. An diesem Punkt habe ich mitunter meine Probleme mit der Impulsivität Kletts, der keineswegs unfähige Kolleginnen und Kollegen hat. Dennoch ignoriert er wiederholt die Tatsache, dass er für drei kleine Mädchen der einzig verbliebene Elternteil ist. Zwar macht er sich wiederholt klar, wie traumatisch es für seine Töchter wäre, würden sie auch ihn verlieren - doch dann prescht er doch wieder im Alleingang vor. Spannung und Dramatik sind auch hier garantiert - da lässt sich ahnen, dass der Abschlussband der Triologie noch einmal sämtliche Register zieht.

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Veröffentlicht am 30.04.2025

Vermisstenfall in Norfolk

Ein Schrei, den niemand hört
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Die Buchbeschreibung von "Ein Schrei, den niemand hört" von Alex Smith machte schon einmal neugierig: Ausgerechnet ein auf Vermisstenfälle spezialisierter Ermittler ist nun selbst betroffen: Robert Kletts ...

Die Buchbeschreibung von "Ein Schrei, den niemand hört" von Alex Smith machte schon einmal neugierig: Ausgerechnet ein auf Vermisstenfälle spezialisierter Ermittler ist nun selbst betroffen: Robert Kletts Frau ist entführt worden, er weiß nicht, ob sie überhaupt noch lebt. Trotz all seines Spezialwissens kann er seinen liebsten Menschen nicht finden. Als ob das allein nicht schon belastend genug wäre, ist er unversehens alleinerziehender Vater, der für seine drei kleinen Töchter im Alter von 18 Monaten, drei und sieben Jahren, alle mit höchst unterschiedlichem Temperament Normalität wahren muss.

In Norfolk, einer neuen Umgebung, soll Klett eigentlich auf andere Gedanken kommen und sich auf seine Kinder konzentrieren. Doch das spurlose Verschwinden zweier Mädchen lässt die angedachte Auszeit scheitern. Klett bietet der örtlichen Polizei seine Zusammenarbeit und Expertise an. Der örtliche Kripochef, Typ Grantler, ist davon zunächst einmal gar nicht angetan. Zum einen, weil er Londoner Polizisten generell Besserwissertum unterstellt, zum anderen, weil Klett immer mindestens ein Kleinkind im Schlepptau hat und die Kinderbetreuung sicherstellen muss. Das ist mit hochtourigen Polizeiermittlungen nur begrenzt kompatibel.

Zum besonderen Reiz dieses Spannungsroman gehört, dass er nicht nur fesselt, sondern trotz aller Dramatik Humor hat. Dafür sorgen schon Kletts Probleme mit dem lieben Kleinen. Die können nämlich ganz schön nervig werden und zeigen: Elternsein ist nichts für Weicheier. Auch Kletts Kollegen haben alle so ihre besonderen Eigenheiten, an die er sich erst mal gewöhnen muss. Mit dieser Mischung hat mich Smith eingefangen - so sehr, dass ich nicht nur "Ein Schrei, den niemand hört" in einer Nacht durchlas, weil ich einfach nicht aufhören konnte, ich musste auch sofort den Folgeband "Die Schatten, die dich jagen" lesen, der zeitlich wenige Wochen nach Kletts erstem Fall spielt.

Klett ist mittlerweile Teil des Ermittlerteams in Norfolk, von seinem letzten Fall aber noch angeschlagen, nicht nur physisch, sondern auch wegen eines kryptischen Hinweises auf die Entführung seiner Frau. Ein Leichenfund im Wald erinnert an eine alte Volkssage, den dämonischen "Black Shuck", der in den Wäldern mordet. Großstadtmensch Klett findet die dichten Wälder zwar eher unheimlich, glaubt aber nicht an Gespenster. Doch das Böse, er ahnt es, ist hier am Werk.

Auch der zweite Band ist unglaublich spannend, denn Klett ist engagiert bis zur Schmerzgrenze und wenn er sich in einen Fall verbissen hat, pfeift er sowohl auf Dienstvorschriften wie auf Risiko. An diesem Punkt habe ich mitunter meine Probleme mit der Impulsivität Kletts, der keineswegs unfähige Kolleginnen und Kollegen hat. Dennoch ignoriert er wiederholt die Tatsache, dass er für drei kleine Mädchen der einzig verbliebene Elternteil ist. Zwar macht er sich wiederholt klar, wie traumatisch es für seine Töchter wäre, würden sie auch ihn verlieren - doch dann prescht er doch wieder im Alleingang vor. Spannung und Dramatik sind auch hier garantiert - da lässt sich ahnen, dass der Abschlussband der Triologie noch einmal sämtliche Register zieht.

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Veröffentlicht am 29.04.2025

Zurück nach Deutschland, zwei Generationen später

Deutschstunden
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Vielleicht hätte sich Pippa Goldschmidt ohne den Brexit nicht zu diesem Schritt entschlossen - die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, zusammen mit ihrem Vater, der - wie sie später in ihrem Buch ...

Vielleicht hätte sich Pippa Goldschmidt ohne den Brexit nicht zu diesem Schritt entschlossen - die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, zusammen mit ihrem Vater, der - wie sie später in ihrem Buch "Deutschstunden" andeutet - davon zunächst gar nicht begeistert war. Ein Recht auf einen deutschen Pass, ohne Einbürgerungstest und Sprachnachweis, hatte sie aufgrund ihrer Familiengeschichte: Großvater Ernst war als junger Mann in den 1930-er Jahren aus seiner Heimatstadt Frankfurt nach Großbritannien emigriert. Der Jurist, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte, wusste, dass er als Jude im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr sicher war. Seine Mutter würde ihm später folgen, gerade noch rechtzeitig.

Pippa Goldschmidt hatte ihren Großvater nie kennengelernt, er war vor ihrer Geburt gestorben. Ihre Großmutter, die aus ihrer Geburtsstadt Wien vor den Nazis nach Großbritannien geflüchtet war, hatte nie von ihren Erfahrungen und dem Schicksal ihrer Familie berichtet. Goldschmidt macht sich zwei Generationen nach der Flucht ihrer Großeltern auf Spurensuche in Frankfurt und Offenbach. Es ist eine vorsichtige Annäherung, mit Besuchen in Archiven und an den alten Wohnorten. Über das Archiv von Yad Vashem erhält sie Aufschluss über das Schicksal ihrer Wiener Urgroßeltern: Ermordet in Auschwitz. Nicht die besten Voraussetzungen, um in der neuen Heimat heimisch zu werden.

Es ist die Zeit der Pandemie, des Lockdowns in einer winzigen Wohnung, in der Goldschmidt und ihr Partner in den ersten Monaten leben. Das trägt vermutlich zum Gefühl der Beklemmung noch weiter bei. Goldschmidt ist Astronomin, und sie nähert sich ihrem Thema mit der sachlichen Suche und präzisen Sprache einer Naturwissenschaftlerin. Zugleich ist es eine zutiefst persönliche Geschichte, die sie erzählt - ihre eigene, aber auch die ihrer Großeltern. Dabei nähert sie sich dem nie gekannten Großvater an, versucht, sich seine Gedanken und Gefühle vorzustellen.

Zugleich zeichnet "Deutschstunden" den Bogen von der individuellen Familiengeschichte zu Antisemitismus auch vor dem Dritten Reich, zur Verdrängung und den Lügen der deutschen Nachkriegsgesellschaft, etwa über die 1938 "arisierten" jüdischen Geschäfte und Unternehmen. Gleichzeitig beobachtet sie die Versuche von Aufarbeitung und Erinnerung, etwa durch Stolpersteine.

"Deutschstunden" macht nachdenklich und öffnet den Blick für eine andere Perspektive und Erfahrung deutscher Geschichte. Goldschmidt nachdenkliche und reflektierte Annäherung an den unbekannten Großvater berührt.