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Veröffentlicht am 10.08.2020

Fakten und Wut

Heißzeit
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Skeptiker und Verschwörungstheoretiker wollen das Problem nicht wahrhaben. Das sei doch alles übertrieben. Die Sache sei beherrschbar. Bloß nicht auf Angstmacher und Lügenpresse hören! Klingt bekannt? ...

Skeptiker und Verschwörungstheoretiker wollen das Problem nicht wahrhaben. Das sei doch alles übertrieben. Die Sache sei beherrschbar. Bloß nicht auf Angstmacher und Lügenpresse hören! Klingt bekannt? Nein, es geht nicht um die Corona-Pandemie, die für deren Leugner eine Erfindung von dunklen Mächten ist, vorzugsweise in Politik und Medien. Es geht um den Klimawandel und den Umgang damit - oder vielmehr seine Negierung und Vernachlässigung von viel zu vielen Entscheidern in Politik und Wirtschaft. Mit seinem Buch "Heißzeit" hat der bekannte Klimaforscher und Meteorologe Mojib Latif eine Abrechnung mit Ignoranz, blindem Fortschrittsglauben und mangelndem Handlungsmut geschrieben.

Mit 65 Jahren ist Latif nicht gerade Teil der "Generation Greta", aber er forschte und warnte schon lange ehe die schwedische Klimaaktivistin die Weltbühne betrat und mit "Fridays4Future" internationale Aufmerksamkeit erhielt. Wer "Heißzeit" liest, erkennt dabei ein ähnliches Maß an Empörung, mit wissenschaftlichen Fußnoten versehen statt mit Twitter-Nachrichten. Mit sozialen Medien hat es Latif nach eigenem Eingeständnis nicht so. Nicht zuletzt angesichts des Ausmaßes an Ignoranz und Idiotie, das da unterwegs ist.

Teile von "Heißzeit" sind naturwissenschaftlich-technisch, aber immer noch allgemeinverständlich über den Anstieg von Kohlendioxid in der Atmosphäre, über den Forschungsstand, über die kleine mittelalterliche Eiszeit und den Prognosen des weiteren Temperaturanstiegs.


Als Wissenschaftler sei er fassungslos, so Latif: „Wir rasen im Moment mit Vollgas in die Klimakatastrophe“ Denn wenn die Menschheit einen ungebremsten Klimawandel zuließe, würden einige Regionen der Erde nicht mehr bewohnbar sein – sei es durch hohe Temperaturen, Dürre oder den Anstieg der Meeresspiegel und Verlust von Küstengebieten und Inseln. Die Folgen wären nicht nur für die Weltwirtschaft gravierend, sondern auch für die Welternährungslage und nicht zuletzt durch die Sicherheitslage – sei es durch Migrationsströme von Klimaflüchtlingen, sei es durch Konflikte um immer knappere Ressourcen.

Er fordert, Wohlstand dürfe nicht zulasten der Umwelt gehen. Ein intaktes Klima, Artenvielfalt oder gesunde Ozean seien für das Wohlergehen der Menschheit unerlässlich. Denn die Uhr tickt, betont Latif. Um die Erde vor einer gefährlichen Überhitzung zu bewahren, müsse in allen Lebensbereichen völlig umgedacht werden. Zum Beispiel die Debatte um Dieselfahrzeuge, wo man sich ans althergebrachte Technik klammere, während saubere Lösungen, die zudem bereits existieren, kaum Anwendung finden. Ein „das war schon immer so“ oder Beharren, dass Änderungen Zeit brauchen, kontert er mit einer anderen, historischen Mobilitätswende: Der Übergang vom Pferdewagen zum Automobil habe nur etwa ein Jahrzehnt gedauert.

In Teilen des Buches geht es um eine Abrechnung mit den Trumps und Bolsonaros dieser Welt, um die Verdrehung von Fakten und soziale Ungerechtigkeit, um Populisten und Nationalisten, die an so vielen Orten an Einfluss gewinnen - und unter denen sich auch besonders viele Leugner des Klimawandels befänden.

"Es steht viel auf dem Spiel, wenn Personen immer mehr an Zulauf gewinnnen und an die Macht kommen, für die Ehrlichkeit und Partnerschaft ein Fremdwort sind, schreibt Latif - und da klingt er mehr wie ein Politikwissenschaftler oder ein Aktivist als ein nüchterner Naturwissenschaftler. "Es steht nicht weniger als die moderne westliche Gesellschaft samt ihrer Freizügigkeit inklusive der freien Medien und der unabhängigen Justiz auf den Spiel. Menschen, die Populisten wählen, sollten sich darüber im Klaren sein, wen sie wählen, Wenn die Freiheit erst einmal verloren ist, wird man das Rad nur noch schwer zurückdrehen können."

Wenn nicht seriöse von unseriöser Information unterschieden werde, bestehe die Gefahr, "dass die Menschheit zum Spielball einiger weniger skrupelloser Akteure wird, für die der Planet Erde nichts weiter als eine große Gelddruckmaschine ist."

Am Ende seines Buchs schlägt Latif einen zehn Punkte-Plan zum Klimaschutz vor - etwa eine "Allianz der Willigen" in der die Länder vorangehen sollten, die sich ernsthaft dem Klimaschutz verpflichtet fühlte. Ein fairer Ausgleich zwischen den Industrieländern und den Entwicklungsländern müsse erreicht werden, klimaschädliche Subventionen müssten abgebaut werden. Eigentlich völlig klar, dass Latif auch einen massiven Ausbau erneuerbarer Energien fordert.

Und auch die Coronakrise kommt bei Latif zur Sprache: Sie zeige deutlich, dass globale Krisen, nur von der Weltgemeinschaft gemeinsam gelöst oder abgemildert werden können.: "Die Coronakrise verdeutlicht, dass die Welt im Begriff ist, auseinanderzubrechen."

Veröffentlicht am 09.08.2020

Thriller zwischen bleierner Zeit und DDR-Abwichklung

Die letzte Terroristin
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Mit dem Politthriller „die letzte Terroristin hat André Georgi einen spannenden Politthriller geschrieben, der gleichermaßen Erinnerungen an den blutigen „deutschen Herbst“ und die Zeit nach dem Zusammenbruch ...

Mit dem Politthriller „die letzte Terroristin hat André Georgi einen spannenden Politthriller geschrieben, der gleichermaßen Erinnerungen an den blutigen „deutschen Herbst“ und die Zeit nach dem Zusammenbruch der DDR geschrieben.

Wie weit würdest Du für Deine Überzeugungen gehen, welchen Preis für Deine Ideale bezahlen? Das ist die Frage, die sich die Hauptfigur des Psychothrillers "Die letzte Terroristin" stellen muss - und die Antwort findet sie letztlich viel zu spät. Schon der Start des Buches ist rasant: Ein Kommando der letzten Generation der RAF arbeitet sich durch seine Kill-Liste, ein unter Druck geratener Ermittler des Bundeskriminalamts soll weitere Anschläge verhindern. Greift das seit Jahren gepflegte Programm der V-Männer, hat er es geschafft, den streng abgeschotteten Kreis der RAF-Unterstützerszene zu durchbrechen und einen Kontaktmann einzuschleusen? Kurz kommt Hoffnung auf, den Terroristen doch noch voraus zu sein, bis ein neues Attentat das BKA nur weiter unter Druck setzt.

Es gibt viele Grautöne in diesem Buch, kein reines Schwarz-Weiß-Schema. Terroristen wie Polizisten sind Jäger und Gejagte zugleich, denn das BKA steht unter dem Druck von Öffentlichkeit und Politik. Was macht dieser Druck mit den Beamten, was macht das jahrelange Versteckspiel, das Leben in der Anonymität, mit den in den Untergrund gegangenen RAF-Mitgliedern?

Seit den 70-er Jahren sind zwei neue RAF-Generationen in den politischen Kampf gegangen, nunmehr nicht aus der Stadtguerilla und beflügelt vom revolutionärem Kampf in Lateinamerika oder Afrika, sondern geschult von Stasi-Ausbildern, die lange ihre eigene Agenda verfolgt haben, nun aber im wiedervereinigten Deutschland vor allem auch an die eigene Zukunft denken müssen. Da werfen die Terroristen, die einst im Ausbildungslager so sorgfältig mit Nato-Waffen geschult werden, einen langen und ungewollten Schatten.

Die RAF-Teams, die jedes Zaudern als Verrat ansehen und alle Brücken hinter sich verbrannt haben, glauben sich wiederum an einem historischen Wendepunkt: Im Osten Deutschlands brodelt es, Zehntausende fürchten um ihre Arbeitsplätze, ihre ganze Existenz, während die einstigen volkseigenen Betriebe abgewickelt werden.

Manchem Investor geht es nicht um „blühende Landschaften“ in Bitterfeld und anderswo, sondern darum, potenzielle Konkurrenz von Anfang an zu zerschlagen. Kein Aufbau Ost, sondern brutales Ausschlachten und Kleinhalten. Ist das der Moment, wo sich die RAF mit Anschlägen auf verhasste Manager an die Spitze einer Volksrevolte stellen könnte?

Immer wieder wechselt Georgi in seinem Thriller die Erzählperspektive, schildert die Sicht der RAF-Leute und der Ermittler, zeigt auch den Preis, den sie in diesem jahrelangen, erbitterten Kampf führen. Privatleben ist ein Luxus, das sich die BKA-Ermittler nicht mehr leisten können, die Terroristen haben das mit der Entscheidung für den Untergrund ohnehin für sich verabschiedet.

Doch was ist mit den Familien, die zurück bleiben und aus allen Wolken fallen, wenn ein Familienmitglied, jemand mit dem gleichen Nachnamen, plötzlich mit dem Fahndungsaufruf des BKA landesweit auf den Bildschirmen erscheint? Wenn Nachbarn, Kollegen, Mitschüler die Angehörigen in Kollektivverantwortung nehmen und sie letztlich den Preis zahlen müssen. Aber auch für die Familien der Anschlagsopfer, zeigt Georgi mit einem Blick in deren Zukunft, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Eine Kugel oder eine Bombe kann gleich mehrere Menschenleben zerstören.

Spannend wäre «Die letzte Terroristin» schon allein wegen des Katz und Maus-Spiels – Die Ermittler jagen die Terroristen, die wiederum ihren letzten Anschlag umsetzen wollen. Doch daneben geht es eben auch um die Jagd in den Köpfen der Beteiligten, die immer mehr zu Getriebenen werden. Druck und Angst, Zweifel und Hoffnung, Besessenheit und Enttäuschungen – als Sieger kann sich hier keiner fühlen. Das Klima von Verdächtigungen und Misstrauen, Skrupeln und Berechnungen wird eindrücklich gezeichnet. Eine beklemmende und intensive Lektüre.

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Veröffentlicht am 09.08.2020

Wenn 100 Worte reichen müssen

Vox
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Vox" ist die literarische Stimme zum "Women´s March", zur MeToo-Debatte, zu Pussy
Riot und dem Unbehagen, dass längst überwunden geglaubte Geschlechterbilder und
Gender-Identifikationen plötzlich zurückführen ...

Vox" ist die literarische Stimme zum "Women´s March", zur

MeToo-Debatte, zu Pussy
Riot und dem Unbehagen, dass längst überwunden geglaubte Geschlechterbilder und
Gender-Identifikationen plötzlich zurückführen könnten in eine Gesellschaft, wie wir sie
seit, sagen wir mal, den 50-er Jahren überwunden glaubten. In eine Gesellschaft, in der
Frauen vor allem Ehefrauen und Mütter sein sollen, eine Gesellschaft, in der Mädchen
buchstäblich mit der Gewisseheit aufwachsen, dass sie nichts zu sagen haben.

Jean McClellan, die Hauptfigur dieses Romans in einer womöglich nicht zu fernen
Zukunft, war einmal Linguistin, arbeitete in einem bedeutenden wissenschaftlichen
Projekt. Doch all das zählt nicht mehr, seit die "Reinen" das Sagen in Amerika übernahmen,
gesteuert von einem fundamentalistischem Geistlichen, der einen unheilvollen Einfluss auf
den US-Präsidenten ausübt. Jetzt ist Jean nur noch die Ehefrau von Patrick, Mutter von vier
Kindern, darunter einer sechsjährigen Tochter, die zu verstummen droht.

Denn Frauen und Mädchen in dieser gar nicht schönen neuen Welt dürfen nur noch bis zu
100 'Wörter täglich über die Lippen bringen. In der neuen Geschlechter-Apartheid besuchen
Jungen und Mädchen unterschiedliche Schulen - denn wozu sollen Mädchen lesen, wozu
ihren Intellekt schulen, wenn sie sowieso nur Ehefrau und Mutter sein sollen? Ein
"Wortzähler", am Handgelenk achtet darauf, dass Frauen sich nicht zu oft zu Wort melden -
wird das tägliche 100 Worte-Limit überschritten, sind schmerzhafte Stromschläge die
Konsequenz.

Zugleich ist die neue Welt ein perfekter Überwachungsstaat, der alle Fluchtmöglichkeiten
wie etwa den Gebrauch von Zeichensprache ausschließt. Für vorehelichen Sex, für
Homosexualität gibt es Umerziehungs- und Zwangsarbeitslager. Jean hatte die Zeichen der
Zeit verkannt, als ihre lesbische Freundin Jacko Protestmärsche organisierte. Nun muss sie
hilflos beobachten, wie die Spaltung der Gesellschaft in der eigenen Familie Einzug hält.
Doch dann tut sich plötzliche eine Chance auf, zumindest vorübergehend die Sprache
wieder zu gewinnen...

Ich habe "Vox" innerhalb von 24 Stunden verschlungen - das Thema war einfach packend,
und scheint mittlerweile längst nicht mehr überzeichnet. Ein Roman, der eine Welt schlildert,
die es zum Glück noch nicht gibt. Aber nicht erst seit

MeToo, nicht erst seit den Berichten
über die Entgleisungen eines Donald Trump ("Grab them by the pussy") ist das Thema, wie
Frauen von Männern gesehen und behandelt werden, wo die "gläsernen Decken" sind und
wo trotz aller emanzipatorischer Erfolge noch immer Abgründe zwischen den Möglichkeiten
für Männer und Frauen stehen. Die Charaktere sind glaubwürdig - Jean ist beileibe keine
Kämpferin für Frauenrechte, sondern hat sich lange eingerichtet in der Haltung, dass doch
alles nicht so schlimm sei. Es ist spannend zu lesen, wie sie plötzlich ihre bisherigen
Entscheidungen überdenkt und die Möglichkeiten zum Widerstand nutzt - und lernt, sie
steht nicht allein.


Zu viel sollte hier nicht verraten werden, aber ich finde: Ein wichtiges Thema, gar nicht so
weit hergeholt mit Identifikationsfiguren, denen der Leser einen Ausweg aus dem Dilemma
wünscht - und gleichzeitig fürchtet, dass ein happy end für alle ausgeschlossen ist.

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Veröffentlicht am 09.08.2020

Brutal-poetische Liebesgeschichte

Uns gehört die Nacht
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Schon der Anfang von „Uns gehört die Nacht“ wirkt eigentlich wie ein dramatischer Schlussakord wirkt: Ein Mann, eine Frau, ein geladenes Gewehr in einem Motelzimmer. Ein Showdown, ein sich-Belauern. Wie ...

Schon der Anfang von „Uns gehört die Nacht“ wirkt eigentlich wie ein dramatischer Schlussakord wirkt: Ein Mann, eine Frau, ein geladenes Gewehr in einem Motelzimmer. Ein Showdown, ein sich-Belauern. Wie ist es dazu gekommen? Und dann der Szenenwechsel, die Rückblende auf die erste Begegnung. Das hat etwas von einem Film Noir an sich, und auch die Sprache erinnert an das Genre - bildhaft, spröde und doch gleichzeitig sprachgewaltig, ja poetisch. Wie einer der ersten Sätze: "Die Wärme macht aus den Pfützen Parfüm: grasig, medizinisch, überirdisch."

Dem starken Auftakt folgt auch der Rest von Jardine Libaires Roman über die obsessive Beziehung zwischen Elise Peres, der in einer Sozialwohnung, in den „projects“ groß gewordenen Tocher einer Purtoricanerin, die ihren Vater nie kennengelernt hat, und Jamie Hyde, dem „golden boy“ der besseren Ostküstengesellschaft.

Elise ist von zu Hause abgehauen, lebt in einem abbruchreifen Haus. Nebenan wohnt der Yale-Student mit seinem besten Freund aus Kinderzeiten. Die Kontraste könnten nicht größer sein. Wären sie nicht Nachbarn, sie hätten sich nie getroffen. Elise ist fasziniert von dem jungen Mann aus elitärer Familie, der so ganz anders ist als diejenigen, die sie bisher kannte. Jamie fühlt sich fast abgestoßen von der Gewöhnlichkeit der jungen Frau, ihrer Aggressivität, ihrer einfachen Sprache und fehlenden Bildung. Und doch gerät er immer mehr in ihren Bann. Erst ist es der Sex, die einzige Sprache, in der sie zueinander zu finden scheinen. Doch dann erkennt er, dass da mehr ist als eine reine Sommeraffäre. Seine Familie wiederum findet Elise völlig unakzeptabel.

Die Geschichte von Elise und Jamie, sie ist keine ins 21. Jahrhundert gerückte Wiederauflage von „love story“, der Liebenden aus zwei Welten. Zuckersüße Romantik gibt es nicht, wohl aber Begehren, Begierde, ein magnetisches Verhältnis zwischen Anziehung und Abgestoßen werden. Vom schnellen Sex bis zur Erkenntnis „Ich bin nichts ohne Dich.“

Auch der junge Mann aus den besseren Kreisen hat mit seinen Dämonen zu kämpfen, war bislang vor allem Projektionsfläche für die Wünsche und Erwartungen anderer. Elise ist da wie ein Realitätscheck, eine Lebendigkeit, die es für Jamie bisher nie so gab. Statt der stets leicht gedämpften Existenz in Pastelltönen explodiert plötzlich das Leben.

Es macht einfach Spaß, in Libaires Sprache einzutauchen, voller Bilder und dann wieder drastisch, rauh und hart wie ein Rap-Song. Wer auf eine zarte Liebesgeschichte gehofft hat, ist von diesem Buch möglicherweise enttäuscht. Hier wird nichts angedeutet, hier entfaltet sich das Leben in seiner ganzen Intensität, Abgründen und Gier. Geht das Gewehr letztendlich los? Das muss der Leser selbst herausfinden.

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Veröffentlicht am 08.08.2020

Literarischer Faustschlag voll brachialer Gewalt

Der Boxer
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Rasant, genial geschrieben und ausgesprochen brutal - in seinem neuen Roman «Der Boxer» geht der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch über zahlreiche Leichen. Er zeichnet ein - ziemlich blutiges ...

Rasant, genial geschrieben und ausgesprochen brutal - in seinem neuen Roman «Der Boxer» geht der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch über zahlreiche Leichen. Er zeichnet ein - ziemlich blutiges - Sittengemälde eines Gangsterlebens der Vorkriegszeit.

Brachial, brutal, gewalttätig: Szczepan Twardochs neuer Roman «Der Boxer» ist Literatur noir mit einem schlagkräftigen Helden vom Kaliber eines Meyer Lansky. Denn der Jakub Shapiro, der Titelheld, ist nicht nur ein Boxer, er ist auch ein Gangster, die rechte Hand des «Paten» Kaplica. Der polnische Originaltitel des Buches ist «Der König» – und um zum König des kriminellen Warschaus aufzusteigen, ist Shapiro bereit, alles zu opfern.

Twardoch schreibt über Machos und Gangster, Huren und prügelnde Kunden, über Zionisten und fromme Juden. Denn Shapiro, ein Jude, hat für den Paten das Sagen in den Straßen und Gassen des jüdischen Viertels, kassiert Schutzgeld auf dem Kerelec Markt, vollstreckt brutale Strafen, rächt aber auch misshandelte Prostituierte, die unter seinem Schutz stehen. Er ist einer, der im Maßanzug rumläuft, aber auch im armen Teil des jüdischen Warschau als «einer von uns» gesehen wird. Männer bewundern oder hassen ihn, und Frauen sind ihm nur zu gerne willig.

In seiner Beschreibung des alten Muranow zeichnet Twardoch das Bild eines Warschaus, das im Zweiten Weltkrieg unterging, einer Stadt, in der Juden und Polen in zwei Welten lebten, die oft von gegenseitigem Misstrauen geprägt waren.Dieses alte Warschau existiert nicht mehr, aber für sein Gesellschaftsbild hat Twardoch sehr genau recherchiet.

Der Großteil von "Der Boxer" spielt im Jahr 1937 – zwei Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Es war auch die Zeit, als in Polen die Nationaldemokraten das Sagen hatten mit einer Politik, die sozusagen "Polen first" zu ihrer Maxime machte - und Pole, das hieß nur katholisch. Die vielen ethnischen und religiösen Minderheiten , die in der Vorkriegsgesellschaft ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, waren "die anderen".

In «Der Boxer» wird daher nicht nur flaschenweise Wodka getrunken und gekokst, geprügelt und gemordet – es geht auch um den 1937 eingeführten Numerus Clausus für jüdische Studenten an polnischen Hochschulen, um die sogenannten Ghetto-Bänke in Hörsälen. Die Frage der Emigration nach Palästina stellt sich auch für Shapiro – sein jüngerer Bruder, ein Zionist, drängt ihn ebenso, Polen zu verlassen, wie seine Frau Emilia. Seine ehemalige Geliebte dagegen, die Bordellschefin Ryfka, versucht ihm den Gedanken auszureden.
Das Politische und das Persönliche vermischen sich für den Boxer zu einem Durcheinander, das zu einem Strudel der Gewalt führt. Denn sein im letzten großen Kampf im Ring bezwungener Gegner gehört zu den Kämpfern der extremen Rechten, dessen Vater, ein führender Staatsanwalt, gegen den «Paten» und Shapiro kämpft. Und dann ist da noch Anna, die Schwester des Kontrahenten, die sich Shapiro als Liebhaber nimmt, um den verhassten Vater zu provozieren.

All das wäre schon temporeich, dramatisch und aktionsgeladen genug, um Leser zu fesseln. Doch Twardoch führt seine Leser auch noch mit seiner Erzählweise in die Irre. Wenn sein Ich-Erzähler Rückschau auf die Vergangenheit des Jahres 1937 hält, scheint der Verlauf der Erzählung eigentlich ganz klar zu sein.Und es gibt noch so manchen dramaturgischen Überraschungsmoment, den ich hier nicht verraten will.

Die Sprache des Buchs ist ziemlich genial, da werden Bilder gezeichnet, die Teils an die Bilder von Marc Chagall erinnern und teils an die Filme von Tarrantino.Es liegt nicht allein am Gangstermilieu, dass das Blut manchmal von den Buchseiten zu triefen scheint. Sicher kein Buch für allzu sensible Gemüter, aber sehr kraftvoll, bildstark und eindringlich.

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