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Veröffentlicht am 24.03.2023

Berührender Abschuss

Die Frauen vom Reichstag: Schritte in eine neue Welt
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New York, Mai 1941: „Endlich. Nach so vielen Jahren auf der Flucht war sie angekommen. Und doch konnte sie nicht restlos glücklich sein, war die Freiheit ohne Max an ihrer Seite, nicht vollständig.“ (S. ...

New York, Mai 1941: „Endlich. Nach so vielen Jahren auf der Flucht war sie angekommen. Und doch konnte sie nicht restlos glücklich sein, war die Freiheit ohne Max an ihrer Seite, nicht vollständig.“ (S. 212) Die ehemalige Abgeordnete Marlene Emden (geborene von Runstedt) kommt in Amerika an. Wo ihr Mann Max ist, weiß sie nicht, denn seit Jahren haben sie nur noch losen Kontakt. „Ich habe ihn irgendwo in Frankreich verloren.“ (S. 104)

„Schritte in eine neue Welt“ ist der Abschluss der Trilogie über „Die Frauen vom Reichstag“ von Micaela A. Gabriel und das Buch der Reihe, dass mich am meisten berührt hat. Sie erzählt, wie es mit den ehemaligen Reichstagsabgeordneten Marlene Emden, Sophie Maytrott und Paula von Hagedorn nach 1933 weitergeht, wie sehr sich ihr Leben unter den Nazis verändert und welche Repressalien und Einschränkungen sie hinnehmen müssen. Es ist aber auch die Geschichte zweier großer Lieben.

Marlene ist als Sozialdemokratin nach dem Brand des Reichstags im Februar 1933, den die Nazis einem Kommunisten zur Last legen, besonders gefährdet. Max überredet sie, sich in Frankreich in Sicherheit zu bringen. Er will nachkommen, sobald sich die Situation beruhigt hat. Keiner von ihnen ahnt, wie sehr sich die Lage in Deutschland zuspitzen wird und was Max als Jude in den nächsten Jahren noch bevorsteht. Während sich Marlene in Paris notgedrungen ein neues Leben aufbaut, hält er in Deutschland durch. Irgendwann muss auch er fliehen, doch ohne gültige Papiere scheint ein Wiedersehen unmöglich. Trotzdem findet Max immer wieder Mittel und Wege, dass sie sich wenigstens kurz irgendwo in Europa treffen.

Sophie und den Pfarrer Leonard Harnack verbindet eine heimliche, platonische und vor allem verbotene Liebe, schließlich ist sie auf dem Papier immer noch verheiratet, auch wenn sie seit Jahren von ihrem Mann getrennt lebt, und er hat sich als Pfarrer dem Zölibat verpflichtet. Aber warum führt Gott sie dann immer wieder zusammen, damit sie sich in ihren schwersten Stunden beistehen können?
Sophie betreibt seit Jahren ein Landjugendheim, in dem sie auf Leonards Bitte jüdische und aus politischen Gründen gefährdete Kinder versteckt. Unter ihnen ist auch Lena, die uneheliche Tochter von Sonja Grawitz und Justus von Ostwald. Als Sophie Lena aus dem Land bringen will, tarnt sie die Reise als Besuch bei ihren Eltern – ein fataler Fehler, der sie in große Gefahr bringt …

Paula hat Berlin schon 1933 verlassen und arbeitet seitdem in New York für eine jüdische Organisation, die politisch Verfolgte und Juden nach Amerika holt. Eines Tages findet sie Marlenes und Max` Namen auf den Listen von Inhaftierten und setzte sie auf die Liste derer, die die nächsten Visa erhalten sollen. Aber Marlene lehnt ab …

Micaela A. Gabriel schreibt sehr lebendig und mitreißend und gewährt einen umfassenden Einblick in die von der Verfolgung Andersdenkender bzw. -glaubender und vom Krieg geprägten Zeit. Die Politik ist hier zu Gunsten der Liebe etwas in den Hintergrund gerückt, was mir persönlich gut gefallen hat. Ich fand die Schicksale der drei Frauen und ihrer Partner extrem bewegend.

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Veröffentlicht am 20.03.2023

100 Rezepte aus 10 Gemüsesorten

The Veg Box
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Bei uns gibt es zwar oft veganes Essen und ich folge auf Instagram auch einigen Food-Bloggern, Stephen & David Flynn alias „The happy Pear“ kannte ich bisher aber noch nicht. In ihrem Kochbuch „The Veg ...

Bei uns gibt es zwar oft veganes Essen und ich folge auf Instagram auch einigen Food-Bloggern, Stephen & David Flynn alias „The happy Pear“ kannte ich bisher aber noch nicht. In ihrem Kochbuch „The Veg Box“ stellen sie 100 vegane Rezepte aus 10 Gemüsesorten vor, ergänzt durch Saucen und Dips.

Da Buch ist sehr hochwertig ausgestattet und ich mag auch das gezeichnete Cover, weil es nicht überladen ist und man sofort erkennt, dass es um Gemüse geht.
Vor dem eigentlichen Rezeptteil gibt es eine umfangreiche Einleitung, in der sie u.a. ihre Philosophie und Beweggründe vorstellen, Tipps zum Gemüseanbau und gegen Lebensmittelverschwendung geben.
Die Rezepte sind in die 10 Gemüse (Aubergine, Blumenkohl, Brokkoli, Karotte, Kartoffel, Kohl, Lauch, Pilze, Rote Beete, Zucchini) getrennt, die wiederum auf je 2 Doppelseiten ausführlich vorgestellt werden.

Die ausprobierten Rezepte haben (fast) alle gut funktioniert und geschmeckt, sind sich allerding zum Teil in ihrer Hauptkomponente und der Zubereitung recht ähnlich (wie z.B. der Karottenhumus mit einfachen Falafeltalern und der Karotten-Sesam-Burger). Außerdem wird mir zu viel mit Hülsenfrüchten und Tomaten aus der Dose gearbeitet, letztere gibt es ja nun wirklich das ganze Jahr frisch. Überhaupt habe ich mich gewundert, dass es die Tomate nicht ins Buch geschafft hat.

Die Gerichte bestehen aus maximal 10 Zutaten. Die Zubereitungszeit und Personen-anzahl hat bei den getesteten Rezepten gut funktioniert. Leider gibt es nicht zu jedem Essen ein Foto und dann gibt es Gerichte, wo auf dem Foto eine Zutat drauf ist, die dann im Rezept fehlt (z.B. die Granatapfelkerne der mexikanischen Karotten-Tajine oder die Avocado und der Rotkohl (?) bei den Zucchinipuffern).

Mein Fazit: Schönes veganes Kochbuch, auch für Anfänger geeignet, aber ich hätte mehr Abwechslung und frisches Gemüse statt Konserven erwartet.

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Veröffentlicht am 18.03.2023

Als Frau in einer Männerwelt

Die Entdeckerin des Lebens
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„Im Kindesalter hatte Rosalind nie das Gefühl gehabt, sich als Mädchen besonders behaupten oder zurückhalten zu müssen. … Vermutlich hatte sie in Cambridge das erste Mal über ihre Rolle als Frau in der ...

„Im Kindesalter hatte Rosalind nie das Gefühl gehabt, sich als Mädchen besonders behaupten oder zurückhalten zu müssen. … Vermutlich hatte sie in Cambridge das erste Mal über ihre Rolle als Frau in der Arbeitswelt nachgedacht.“ (S. 68) Rosalind Franklin ist erst 31, hat sich aber schon einen Namen als Biochemikerin und Spezialistin für Kristallfotografie gemacht, als sie 1951 von Paris nach London zurückkehrt und ans King´s College wechselt. Entgegen vorheriger Absprachen soll sie den Aufbau der DNA mit Ultraviolett- und Rotlicht erforschen. Aber das ist nicht ihr einziges Problem. In Paris war das Leben und Arbeiten frei und gleichberechtigt, in ihrer neuen Fakultät ist die Luft testosteron-geschwängert. Ihr Laborkollege ignoriert sie und die anderen Männer behandeln sie wie eine Putzfrau oder Assistentin, oder, noch schlimmer, beschimpfen sie als Jüdin. Und der Fakultätschef mischt sich nur dann in die internen Streitigkeiten ein, wenn diese die Arbeit behindern. Dabei droht die größte Gefahr von außen. Das King´s ist nämlich nicht die einzige Einrichtung, die sich mit der Erforschung der DNA befasst. Der Wettlauf gegen die Zeit und Konkurrenten hat längst begonnen und es wird mit harten Bandagen und unlauteren Mitteln gekämpft ...

Petra Hucke hat es geschafft, mich von Beginn an in Rosalinds Kosmos zu ziehen, in der Bildung für Mädchen kein Privileg war, sondern von ihrer gutsituierten Familie, der ein Bankhaus gehört, auch erwartet wurde. Als eine Cousine von ihr nicht studieren, sondern jung heiraten will, läuft die Verwandtschaft Sturm.

Rosalind ist eine mutige, intelligente, selbstbewusste und streitbare Frau, aber Männern gegenüber etwas unbeholfen, wenn es um Partnerschaften und das Zwischenmenschliche geht. Sie ist sich nie sicher, ob jemand mit ihr flirtet und hat auch kein Interesse an einer Beziehung oder gar Familie. „Rosalind wollte selbst keine Kinder, denn mit einer Karriere war das nicht zu vereinbaren.“ (S. 117) Zudem ist sie durch ihre Herkunft und Erziehung snobistisch und nicht frei von Standesdünkeln, regt sich z.B. niedere Akzente und Dialekte auf oder kann sich nicht vorstellen, dass jemand kein Geld für eine neue Brille hat, wenn die alte kaputt ist.
Ihr Chef sammelt gute Wissenschaftler wie andere Briefmarken, setzt die Leute dann aber nicht in ihren Spezialgebieten ein. Auch die Ablehnung durch ihre männlichen Kollegen macht ihr zu schaffen. Einzig ihr Assistent Oliver, der ihr aus Paris gefolgt ist, steht (meist) zu ihr.
Ich konnte verstehen, dass sich Rosalind da sehr unwohl gefühlt hat und war wütend wegen der extrem frauenfeindlichen Sprüche und dem, was ihr zum Teil angetan wurde. Mir wurde wieder einmal bewusst, wie gut wir Frauen es heutzutage haben.

Natürlich geht Petra Hucke auch auf die Untersuchungsmethoden, Verfahren und chemischen Vorgänge ein, die Rosalind und ihre Kollegen bei der Entschlüsselung der DNA nutzen, erklärt diese aber allgemeinverständlich und vermittelt so einen guten Einblick in die wissenschaftliche Arbeit und Forschung der damaligen Zeit.

Mein Fazit: Eine interessante Biographie über eine spannende Frau und die Entschlüsselung der DNA.

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Veröffentlicht am 16.03.2023

Charlie and His Orchestra

Mr. Goebbels Jazz Band
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… sind 15 vollkommen unterschiedliche Künstler, deren einzigen Gemeinsamkeiten die Liebe zu ihrer Musik und ein perfekt geschnittener Smoking zu sein scheinen. Zu dieser Erkenntnis kommt der österreichische ...

… sind 15 vollkommen unterschiedliche Künstler, deren einzigen Gemeinsamkeiten die Liebe zu ihrer Musik und ein perfekt geschnittener Smoking zu sein scheinen. Zu dieser Erkenntnis kommt der österreichische Schriftsteller Fritz Mahler, der 1941 von William Joyce alias Wilhelm Froehlich engagiert wird. Er soll einen Roman über Joseph Goebbels‘ gegen England gerichteten Propagandasender German Calling schreiben, dessen Zugpferd „Ein hauseigenes Orchester, sozusagen eine musikalische Schattenarmee … die in der Lage sei, die Briten Tag und Nacht mit dem allerfeinsten Propagandajazz zu bombardieren.“ (S. 18) ist.

Mahler wird dafür extra nach Berlin geholt. Doch je länger er dort lebt, sich durch die Nachtclubs treiben lässt, in dem Versuch, sich mit den Musikern anzufreunden, die ihn auf Abstand halten, weil sie ihn für Goebbels Spion halten, um so weniger weiß er, woran er seine Handlung festmachen soll. Ihm fehlt der rote Faden, die Leitfigur. Mehr aus einer Laune heraus rückt er Froehlich in den Mittelpunkt – und plötzlich schreibt sich das Buch fast von allein. Statt eines Romans über den Sender und die Jazzband, die aus Ausländern, Juden und Homosexuellen besteht, versucht er sich an Froehlichs wechselvoller Biographie, der als englischer Nazi nach Deutschland kam. Währenddessen tobt um ihn herum der Krieg, von dem Mahler außer ein paar Bombenangriffen nichts mitzubekommen scheint.

„Lange, verschnörkelte Sätze, altmodische Wörter, manierliche Wendungen …“ (S. 276) sagt Froehlich über Mahlers Roman, und genauso empfinde ich auch Demian Lienhards Schreibstil. Er kommt vom Hundertsten ins Tausendste, verliert sich in scheinbaren Nebensächlichkeiten, in Mahlers wirren Gedanken und Träumen. Alles ist irgendwie surreal, man weiß nie, ob es jetzt Dichtung oder Wahrheit ist und die Schlussbemerkungen inkl. Nachwort verwirren noch mehr. Darin erzählt Lienhard, dass er auf der Suche nach seiner Familiengeschichte in einem Archiv auf das Manuskript dieses Romans gestoßen ist und dieses jetzt veröffentlicht hätte.

Vielleicht verstehe ich das literarische Konzept einfach nicht, vielleicht bin ich auch mit falschen Erwartungen an das Buch gegangen. Ich hatte gehofft, etwas über die einzelnen Musiker und ihre Schicksale zu erfahren und was Joyce im Radio erzählt, um die Hörer zu beeinflussen, stattdessen geht es um Mahlers Ringen um Worte. Wichtige Fakten werden in Nebensätze eingestreut, die man wie Perlen suchen muss. So erzählt ihm einer der Musiker in einer lauen Stunde, dass das Orchester sie vor der Front rette. „Zu wenig Jude, um von der Wehrpflicht befreit zu sein, aber zu viel, um als Deutscher durchzugehen.“ (S. 191)

Auch wenn es nicht mein Buch war, lasst Euch davon bitte nicht abschrecken und bildet Euch eine eigene Meinung.

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Veröffentlicht am 14.03.2023

Geschockt und sprachlos

Es war einmal in Brooklyn
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… lässt mich „Es war einmal in Brooklyn“ zurück. Erwartet hatte ich eine traurig-schöne Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Blackout 1977 in New York, bekommen einen Coming-of-Age-Roman und die Geschichte ...

… lässt mich „Es war einmal in Brooklyn“ zurück. Erwartet hatte ich eine traurig-schöne Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Blackout 1977 in New York, bekommen einen Coming-of-Age-Roman und die Geschichte zweier Familien – und (Spoiler!) eine Vergewaltigung. Für letztere hätte ich mir eine Triggerwarnung gewünscht, denn dann hätte ich das Buch nicht gelesen. Ich habe an der Stelle lange überlegt, ob ich es abbreche, zumal mich auch der Schreibstil nicht richtig packen konnte, habe es dann aber doch zu Ende gelesen. Syd Atlas erzählt sehr weitschweifig, springt zwischen Juliette und David, ihren Familien, der Vergangenheit und Gegenwart hin und her, lässt sogar alternative Varianten der Handlung einfließen, die nicht passieren. Auch ist ihr Erzählton sehr roh, zum Teil brutal, und der Blackout kommt mir zu spät und zu kurz.

Ihre Figuren aber hat sie perfekt ausgearbeitet. Juliette ist die Außenseiter in ihrer Klasse. „Sie ist einfach zu groß, hat immer noch eine Zahnspange und liebt Latein.“ (S. 15) Ihre Großeltern zahlen für die teure Privatschule, ohne zu wissen, dass sie gemobbt wird. Die Ehe ihrer Eltern besteht seit Jahren nur noch auf dem Papier. Ihr Bruder ist nach London geflüchtet, um frei leben zu können. Zum Glück gibt es Davids Familie, ihre direkten Nachbarn, bei denen sie sich mehr zu Hause und geborgen fühlt als bei ihren Eltern. Allerdings wird David im Abschlussjahr todkrank. Er erträgt die Behandlungen und (Für-)Sorge seiner Eltern kaum, ist mehrfach kurz davor, seinem Leben ein Ende zu setzen. „Er kommt sich vor wie ein Käfer unter einer Lupe, kurz davor, von der Sonne verschmurgelt zu werden.“ (S. 26) Doch Juliette kommt, ohne es zu wissen, immer rechtzeitig.
Die beiden kennen sich seit frühester Kindheit. Für David war immer schon klar, dass sie später heiraten würden, wenn sie ihre Erfahrungen gemacht hätten. Aber für Juliette ist er nur ihr bester Freund, fast schon ein Bruder. Als sie mit dem smarten Pizzaboten Rico anbändelt, setzt David alles auf eine Karte.
Rico ist ein extrem unangenehmer Mensch, sehr berechnend, von sich überzeugt und kann sich gut auf andere einstellen. Er schafft es, dass Juliette glaubt, in ihn verliebt zu sein – weil er der erste ist, der nicht die Zahnspange, sondern die Frau in ihr sieht und ihr Komplimente macht. Bei seinen Auftritten hatte ich regelmäßig Gänsehaut.

Auch wenn es nicht mein Buch war, lasst Euch davon bitte nicht abschrecken und bildet Euch eine eigene Meinung.

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