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Veröffentlicht am 21.07.2020

Zeitenwende

Das Brauhaus an der Isar: Im Sturm der Zeit
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München 1919: Nachdem ihr Bruder kurz nach dem Krieg an der Grippe gestorben ist, soll Clara das Brauhaus Bruckner von ihren Eltern Melchior und Antonia übernehmen. Aber Clara kann den Schmerz über den ...

München 1919: Nachdem ihr Bruder kurz nach dem Krieg an der Grippe gestorben ist, soll Clara das Brauhaus Bruckner von ihren Eltern Melchior und Antonia übernehmen. Aber Clara kann den Schmerz über den Verlust ihres Bruders nicht überwinden, außerdem gehört sie einer Strömung an, die ein Leben mit Freikörperkultur und Sport und ohne Alkohol- und Fleischkonsum führen will. Trotzdem ordnet sie sich dem Willen ihrer Eltern unter und lässt sich in das Brauwesen einarbeiten, studiert sogar Chemie und drückt dem Familienunternehmen ihren eigenen Stempel auf – sie braut alkoholfreies Malzbier und lässt mit Wasser verdünnten Saft ausschenken, um mit den Männern auch deren Familien ins Gasthaus zu locken.

Clara ist eine starke Persönlichkeit mit Herz, Verstand und Schnauze. Sie muss sich den Respekt ihrer Angestellten und das Vertrauen ihrer Eltern erst verdienen. Zum einen, weil sie „nur“ eine Frau ist, und zum anderen, weil die Arbeiter Angst haben, dass sie die Produktion komplett auf alkoholfreies Bier umstellt und deswegen Leute entlassen wird. Doch deswegen einfach einen passenden Mann zu heiraten und ihm die Firma zu übergeben, ist für Clara keine Option. „Die Welt stand ihr offen. Und ihre Aufgabe war es nicht, den richtigen Mann zu finden. Sondern die Frau zu sein, die sie sein wollte.“ (S. 196)
Ihre Freundin Magdalena hingegen wählt diesen Weg. Sie muss nach dem Tod des Vaters die Malzfabrik der Familie leiten und wünscht sich einen starken Partner an ihrer Seite. Dass ihre Wahl dabei auf Alfred fällt, der mit Hitler sympathisiert, passt Clara gar nicht. Kann sie die Freundin vor ihm retten?

Außerdem fühlt sie sich zu zwei Männern hingezogen. Der Journalist René hat im Krieg Furchtbares erlebt. Er sucht ständig die Gefahr und den Nervenkitzel als Beweis dafür, dass er noch lebt. „Bei ihm habe ich das Gefühl zu leben, als wäre nie Krieg gewesen. Er hat so eine Leichtigkeit, ganz gleich, was um ihn herum geschieht.“ (S. 160) Aber ist er auch ein Mann fürs Leben?
Dann ist da noch der undurchsichtige Ferdinand Schwabinger. Ein Mann mit Ambitionen, von dem niemand weiß, wie er zu seinem Geld gekommen ist. Er will mit aller Macht die Monarchie zurück, hat Interesse am Brucknerbräu und könnte Clara die Welt zu Füßen legen ...

Der zweite Teil der Münchner Brauhaus Saga von Julia Freidank dreht sich vor allem um Clara und ihr Leben in einer Zeit, die ständig im Wandel scheint und sehr unruhig und gefährlich ist. „Der Krieg ist vorbei, aber es schwelt in der Stadt. Ein Funke genügt und alles brennt wieder lichterloh.“ (S. 59) Die Räterepublik versucht nach der Absetzung des Königs den Freistaat Bayern als sozialistischen Staat zu etablieren, es kommt zu Straßenkämpfen zwischen der Reichswehr und der „Roten Armee“. Die Reparationszahlungen lösen eine Hyperinflation aus, dazu kommen Arbeiteraufstände, Kreise, die die Monarchie wieder einführen wollen, und Hitler, der immer mehr Anhänger um sich schart. Außerdem wollen die Brauer unbedingt das Oktoberfest wiederbeleben, brauchen aber einen Schirmherrn oder Sponsoren.

Julie Freidank lässt eine interessante Zeit lebendig werden, in der es zumindest kurz so aussah, als wären Frauen genau so viel wert wie Männer. Durch die vielen Gefallenen oder als Invaliden Heimgekommenen sorgen oft die Frauen für den Unterhalt der Familien. Sie können studieren, die Frisuren und Röcke werden kürzer und man heiratet nicht gleich, nur weil man sich liebt, muss dann aber auch mit dem Gerede der Leute leben. Doch schon bald wollen die Kirche und die Nazis Frauen wieder auf ihren angestammten Platz verweisen – ins traute Heim mit einer Schaar Kinder um sich, sich ihrem Mann komplett unterordnend.

„Das Brauhaus an der Isar – Im Sturm der Zeit“ ist wieder sehr spannend, aber zum Teil etwas langatmig. Ich hätte mir an einigen Stellen etwas weniger Politik und dafür mehr Clara gewünscht.

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Veröffentlicht am 17.07.2020

Auf die Freundschaft

Klammerblues um zwölf
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Wer kennt die Filmszene nicht, in der Bridget Jones heulend und ungepflegt auf ihrem Sofa hockt, Unmengen Eis in sich hineinlöffelt, Wodka trinkt und dabei traurige Lieder mitgrölt? Genau so geht es Fee ...

Wer kennt die Filmszene nicht, in der Bridget Jones heulend und ungepflegt auf ihrem Sofa hockt, Unmengen Eis in sich hineinlöffelt, Wodka trinkt und dabei traurige Lieder mitgrölt? Genau so geht es Fee nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Teddy. Sie wollten ihren Lebensabend gemeinsam genießen, die Winter in Zukunft im warmen Süden verbringen. Fee hat sogar ihren Job gekündigt, denn wenn sie sich ein bisschen einschränkten, würde seine Rente reichen. Nach Teddys Tod bricht ihre Welt zusammen, sie verbringt die Tage mit Alkohol, ungesundem Essen, Serienmarathons und ihrer Musiksammlung auf der Couch. Ausgerechnet in der Silvesternacht stellt sich ihre neue Nachbarin Claudine vor, ihr gefällt Fees Musikgeschmack, doch die will nur in Ruhe in Selbstmitleid baden. Am nächsten Tag zieht Fee endlich ehrlich Bilanz. Sie ist 57, hat in 3 Monaten 15 kg zugenommen, keinen Job, kaum noch Geld und ihre Töchter wohnen weit weg. „Reicht es nicht, dass ich alt werde, musste ich auch noch fett werden?“ (S. 35)
Zum Glück gibt Claudine nicht auf, sondern wird ihre Freundin und macht ihr einen ungewöhnlichen Vorschlag. Sie will mit ihrer Freundin Mary und Fee eine WG gründen. Drei Singlefrauen in den besten Jahren, die ab sofort füreinander da sind und ihr Leben gemeinsam statt einsam verbringen – neue Liebe(n) natürlich nicht ausgeschlossen, schließlich sind sie noch nicht tot!

Schon bei „Der Alte muss weg“ hat mich Carla Berling durch ihrem Schreibstil und ihre schrägen Figuren begeistert und auch „Klammerblus um zwölf“ hat mich wieder restlos überzeugt. Mit viel Herz und Kölscher Schnauze schreibt sie über drei Frauen, die sich trotz 60+ neu erfinden.

Fee ertrinkt in Selbstmitleid (und angefressenem Kummerspeck), als Claudine, Mary und ihr bester schwuler Freund Gerd-Karsten (ein Highlight!) ihr klarmachen, dass sie endlich die Kurve kriegen muss: „Sorry, Liebelein, du darfst dich nicht so gehen lassen, das Leben geht doch weiter, meine Güte, du musst dich aber wirklich zusammenreißen.“ (S. 60) Statt immer neuer Ausreden, braucht sie wieder eine Aufgabe und Pläne, statt Essen Freude und Erfolgserlebnisse. „Du schaust anderen beim Leben zu und vergisst dabei dein eigenes.“ (S. 99) Und dann gibt es da ja auch noch Winnetou und Taxi, die ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen …
Doch auch Claudine und Mary haben ihre Päckchen zu tragen und schwere Schicksale hinter sich haben.

Mir hat sehr gut gefallen, dass das Buch trotz des traurigen Grundthemas locker und unterhaltsam geblieben ist. Carla Berling schreibt lustig, spannend, warmherzig und gefühlvoll. Sie erzählt von Trauer und Verlust, Depressionen und schlimmen Schicksalen, aber auch von hoffnungsvollen Neuanfängen, alter junger Liebe, Freundschaften und der Freiheit, Ballast loszuwerden. „Mir wurde immer klarer, dass ich eine horrende Miete für Räume zahlte, in denen ich lauter Zeug aufbewahrte, das ich nie brauchte.“ (S. 91)
Ein echtes Highlight, ich bin schon sehr gespannt auf ihr nächstes Buch.

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Veröffentlicht am 09.07.2020

Silverager

Nordfriesenzauber
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Inken, Nele und Wiete sind beste Freundinnen, sogenannte „Silverager“. Sie singen gemeinsam im Husumer Shanty-Chor, wohnen zusammen und arbeiten in Inkens Restaurant „Wattparadies“.
Inkens Mann ist vor ...

Inken, Nele und Wiete sind beste Freundinnen, sogenannte „Silverager“. Sie singen gemeinsam im Husumer Shanty-Chor, wohnen zusammen und arbeiten in Inkens Restaurant „Wattparadies“.
Inkens Mann ist vor kurzem gestorben und hat vorher das ganze Geld durchgebracht - das traut sie sich aber weder ihren Freundinnen, noch ihrer Tochter zu sagen, um sein Andenken nicht zu beschmutzen, denn bis dahin haben sie eine perfekte Ehe geführt. Sie versucht um jeden Preis und gegen den Willen der Bank, ihr Restaurant zu halten.
Neles Mann ist nach einem Konkurs mit einer Jüngeren durchgebrannt und Wietes große Liebe schon vor Jahrzehnten heimlich über Nacht nach Brasilien ausgewandert. Auch Nele und Wiete haben jeweils ein Geheimnis, für das sie sich schämen und dass sie vor den anderen unbedingt verbergen möchten. Dabei wäre es so viel einfacher und vor allem befreiender, die Sorgen zu teilen. Es muss allerhand Dramatisches und Amüsantes passieren, bis endlich alle Fakten auf dem Tisch liegen und sie neu durchstarten können.

„Nordfriesenzauber“ von Merle Jensen ist ein netter Sommer, Sonne, Nordseeroman mit viel Flair und sympathischen Protagonistinnen in den besten Jahren. Die Handlung ist zwar an einigen Stellen vorhersehbar, hat aber auch ein paar Überraschungen auf Lager. Alles in allem ein gelungener Mix aus Liebe, Freundschaft, Geheimnissen und hoffnungsvollem Neubeginn. 3,5 Sterne

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Veröffentlicht am 08.07.2020

Die T-U-F-Methode

Prost, auf die Wirtin
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„Immer wenn es am ungünstigsten ist …“ (S. 9) denkt Kommissar Constantin Tischler, als er am Sonntagmorgen zu einem Mord gerufen wird. Dabei ist er gerade erst nach Brunngries gezogen, lebt noch aus Umzugskartons ...

„Immer wenn es am ungünstigsten ist …“ (S. 9) denkt Kommissar Constantin Tischler, als er am Sonntagmorgen zu einem Mord gerufen wird. Dabei ist er gerade erst nach Brunngries gezogen, lebt noch aus Umzugskartons und sein Dienst beginnt eigentlich erst am Montag, aber darauf hat der Mörder leider keine Rücksicht genommen.

Doch zum Fall. Franziska, die Wirtin des Dorfes, liegt erschossen im Wald und da ihr Mann ein Säufer, extrem eifersüchtig, aufbrausend, gewalttätig und ein Waffennarr ist, gilt er als Hauptverdächtiger. Leider kann Tischler ihm die Tat nicht nachweisen. Ist der Wirt besonders geschickt vorgegangen oder war es jemand anderes?!

„Prost auf die Wirtin“ ist der Auftakt einer humorvollen Krimireihe von Friedrich Kalpenstein. Kommissar Constantin Tischler ist Anfang 30 und hat sich aus München in die Chiemgauer Alpen versetzen lassen, weil man auf dem Land schneller Karriere machen kann und er seine Jugend auf einem Internat in der Nähe verbracht hat. Daher kennt er auch die Gegend und Bewohner noch etwas. Er ist Single, sehr auf seinen Oldtimer, einen Jaguar E-Type 1969, und seine Hightech-Kaffeemaschine fixiert.
Zu Tischlers Mitarbeitern gehört der übereifrige Polizeiobermeister Fink. Fink ist ungefähr gleichalt, immer etwas übereifrig, mit einem Faible für Trachtenjanker und bespricht leider alles mit seiner Mutter – auch aktuelle Ermittlungsstände. Er wird von den Kollegen gemobbt, auch Tischler muss ihn sich erst „zurechtstoßen“. (In dem Zusammenhang fand ich es übrigens sehr witzig, dass Tischler für das kollegiale DU ist, beim Anschnauzen aber siezt.) Doch nicht nur Fink, auch Sachbearbeiterin Luise Brandt treibt Tischler durch ihre eigenmächtigen Aktionen an den Rand der Verzweiflung. Überhaupt scheinen in Brunngries immer alles über alles Bescheid zu wissen und jeden zu kennen – wie das auf dem Dorf eben so ist.

Man merkt dem Krimi an, dass Friedrich Kalpenstein ein großer Fan der Eberhofer-Reihe von Rita Falk ist – schon wegen der Kneipe und dem Metzger mit seinen Leberkäs-Semmeln als Ortsmittelpunkt. Aber für mich hätte es noch etwas mehr Spannung und bayrischer Lokalkolorit sein können und dafür etwas weniger Privatleben des Ermittlers.

Ach ja, wenn ihr wissen wollt, was die T-U-F-Methode ist, müsst ihr das Buch schon selbst lesen .

Mein Fazit: Ein schöner Urlaubskrimi und ambitionierter Auftakt einer neuen Reihe mit etwas Luft nach oben.

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Veröffentlicht am 07.07.2020

Ein wichtiges Buch #gegendasvergessen, auch wenn der Erzählstil nicht meins war

Ein neuer Himmel
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Ein wichtiges Buch gegendasvergessen, auch wenn der Erzählstil nicht meins war

Berlin 1938: „Die Zeit mit Dir war die schönste in meinem Leben.“ (S. 78) sagt Peter zum Abschied zu seiner großen Liebe ...

Ein wichtiges Buch

gegendasvergessen, auch wenn der Erzählstil nicht meins war

Berlin 1938: „Die Zeit mit Dir war die schönste in meinem Leben.“ (S. 78) sagt Peter zum Abschied zu seiner großen Liebe Hannah, denn er wird eine andere heiraten.
Peter ist ein aufstrebender Jurist im Reichsinnenministerium, Hannah Musiklehrerin und Jüdin. Die beiden verbindet eine große Liebe, aber seine Karriere und Familie gehen mit einer jüdischen Ehefrau nicht konform. Hannah versteht und schweigt, sagt ihm nicht, dass sie schwanger ist und zieht die gemeinsame Tochter Melina allein auf. Aber vergessen können sich die beiden nie.
Als Hannah Anfang der 40er Jahre ihre Arbeit als Lehrerin und ihre Wohnung verliert, will sie in die Schweiz emigrieren, schafft es allerdings nur bis in die Nähe von Würzburg auf ein einsames Gehöft, den Sandnerhof. Die Familie Sandner nimmt sie bereitwillig auf und versteckt sie viele Jahre, sie gehören quasi zur Familie, aber es wird immer gefährlicher für alle …
In der gleichen Zeit macht Peter Karriere. Er ist für die „Judenfrage“ zuständig, organisiert die „Umsiedlungen“ und denkt lange, dass die Juden nur dazu gebracht werden sollen, das deutsche Gebiet zu verlassen. Er entwickelt das Ghetto Theresienstadt als Vorzeigeobjekt und verschließt seine Augen vor dem, was wirklich geschieht. Erst, als es fast zu spät ist, begreift er was die Nazis planen, und versucht den Wahnsinn zu stoppen ...

Autorin Margit Steinborn erzählt in „Ein neuer Himmel“ die Geschichte des 2. Weltkrieges anhand fiktiver Protagonisten. Sie beschreibt Hannahs Leben im Untergrund, die ständige Angst vor Entdeckung und wie ihre Tochter Melina damit aufwächst. Parallel dazu erlebt man Peters Aufstieg, seine Gewissensbisse und Sorgen wegen Hannah – er denkt, sie sei emigriert – und wie er langsam begreift, was in den Ghettos und Lagern wirklich passiert. Außerdem kommen auch zwei Pfarrer, die über Jahre Juden aus dem Land schmuggeln, und die Sandners selber regelmäßig zu Wort. Diese häufigen Perspektivwechsel sollen die Schrecken der Nazis und den Widerstand der Bevölkerung aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen, mir allerdings wechseln sie in zu kurzen Abständen und bremsen dadurch immer wieder meinen Lesefluss. Zudem bindet die Autorin sehr viele geschichtliche Fakten und Daten in die Handlung ein, ich hatte an einigen Stellen das Gefühl, eher ein Geschichtslehrbuch zu lesen. Und obwohl mich die Geschehnisse an sich sehr bewegen, mir Hannah und Melina extrem leidtaten, konnte das Buch durch seinen etwas emotionslosen und hölzernen Erzählstil keine echten Gefühle bei mir wecken. Trotzdem ist es ein sehr wichtiges Buch

gegendasvergessen.

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