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Veröffentlicht am 10.06.2019

Mord ohne Leiche

Tote kriegen keinen Sonnenbrand
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„Mittendurch und am anderen Ende wieder raus. Möglichst unbeschadet und fahrtauglich.“ (S. 23) will Pianistin Henni (Henriette Sophie von Kerchstein) Omas xten 60. Geburtstag überstehen. Älter wird eine ...

„Mittendurch und am anderen Ende wieder raus. Möglichst unbeschadet und fahrtauglich.“ (S. 23) will Pianistin Henni (Henriette Sophie von Kerchstein) Omas xten 60. Geburtstag überstehen. Älter wird eine Dame nach deren Ansicht nämlich nicht und außerdem hält der schlosseigene Schnaps „Melisandengeist“ von innen und außen jung. Seit 11 Jahren lädt Oma die gleichen noch verbliebenen Landadeligen ein, damit Henni (mit 28!) endlich einen passenden adeligen (!) Ehemann wählt. Schließlich soll das Geschlecht derer „von Kerchstein“ nicht aussterben.
Den angedachten Ehemännern kann Henni wie immer absagen, aber beim Angebot von Gesangslehrer Friedemann Bond wird sie schwach. Sie soll seinen Meistersängerkurs für zukünftige Opernstars als Pianistin begleiten. 7 Tage, je 8 h á 100 € in einer toskanischen Villa – das kann sich Henni einfach nicht entgehen lassen. Dafür nimmt sie auch den überkandidelten Bond und seine nicht weniger exaltieren Schüler in Kauf.

Doch auch in der Toskana ist sie vor Verehrern nicht sicher. Bastian Poggenpohl, Bonds größte Hoffnung – von Henni liebevoll Moppeltenor genannt – baggert sie ununterbrochen an. Dabei findet Henni Bruno Sonego, den Neffen des Verwalterehepaars, viel interessanter. Doch der scheint gegen ihre Annäherungsversuche immun zu sein. Nach einen feuchtfröhlichen Abend mit großen Erinnerungslücken fehlt Bruno. Henni bildet sich ein, nachts durch eine Blutlache gewatet zu sein, natürlich ist am nächsten Morgen keine Spur mehr davon zu sehen ... Die entspannten Tage á la „... das Stück Pizza im Mund, der Rotwein im Glas, das Lachen in der Kehle.“ (S. 317) sind damit aber vorbei. Henni ermittelt.

„Tote kriegen keinen Sonnenbrand“ ist der Auftakt der neuen Cosy-Krimi-Reihe um Henni und ihren sie stets begleitenden Kater „Walter von Stolzing“, der gerne nachts singt, die örtlichen Katzendamen beglückt, ein begnadeter Mäusejäger ist und dabei unabsichtlich wichtige Hinweise entdeckt. Auch Henni weiß das Leben zu genießen, liebt gutes Essen und guten Wein und hat noch keine Ambitionen, einen Ehemann zu finden. Sie jagt lieber Mörder, denn leider stolperte sie schon öfter in ungewöhnliche Todesfälle.

Hilke Sellnicks Figuren und ihre Art zu erzählen erinnern zwar ein wenig an Tatjana Kruses Reihe mit der ermittelnden Operndiva Pauline Miller, trotzdem hat sie einen ganz eigenen Kosmos erschaffen. Die zukünftigen Meistersänger und ihr Lehrer sind alle ziemlich crazy, auf Henni wirken sie wie „Willenlose Wesen im Bann von Lord Voldemort.“ (S. 93). Kein Wunder, dass sie da lieber ermittelt anstatt den dauernden Demütigungen des Meisters beizuwohnen.

Das Buch ist sehr lustig, spannend und etwas mystisch (es gibt z.B. Geheimgänge und nächtliche Besuche einer Frau in Schwarz ...). Perfekt für ein gemütliches Wochenende und eine amüsante Auszeit vom Alltag. Ich bin schon sehr gespannt auf Hennis nächsten Fall, der im Dezember erscheinen wird.

Veröffentlicht am 09.06.2019

Tödlich Seilschaften

Der dunkle Bote
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„Sag mir, wie du dir den Teufel vorstellst, und ich sage dir, wer du bist.“
Wien, November 1920: Die Stadt hat sich immer noch nicht vom Krieg erholt und ein Kälteeinbruch hat sie zusätzlich fest im Griff. ...

„Sag mir, wie du dir den Teufel vorstellst, und ich sage dir, wer du bist.“
Wien, November 1920: Die Stadt hat sich immer noch nicht vom Krieg erholt und ein Kälteeinbruch hat sie zusätzlich fest im Griff. Kriminalinspektor August Emmerich kämpft derweil gegen seine ganz eigenen Dämonen. Er hat den Drogen abgeschworen und sich der Suche nach seiner großen Liebe Luise verschworen. Deren Mann Xaver galt als im Kieg gefallen, ist aber vor einiger Zeit zurückgekehrt und hat seine Ansprüche an ihr und den Kindern geltend gemacht. Er will sich an Winter und Luise für die angebliche Untreue rächen: „Er war nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, er hatte den Krieg mitgebracht.“

Da wird eine ungewöhnlich inszenierte Leiche gefunden. Der Tote wurde mittels kaltem Wasser eingefroren, allerdings nur bis zum Hals, die Zunge fehlt. Letztere taucht kurz danach bei mit einem Begleitschreiben der engagierten Journalistin Alma Lehner auf: „Lassen Sie die Welt wissen, dass ich mir seine Seele geholt habe.“
Bald folgen weitere Tote und die Ermittlungen ergeben, dass sie alle Dreck am Stecken hatten. Der Täter (der dunkle Bote) kennt ihre Taten und bestraft sie dafür. Aber woher weiß er davon? „Unser Mörder schafft dort Recht, wo die Gesetzgebung versagt.“

Die Reihe um August Emmerich ist für mich nicht nur ein historischer Krimi, sondern gleichzeitig auch eine Gesellschaftsstudie. Alex Beer zeigt die Verlierer der Geschichte, die Abgründe der Menschen, ihre schlechten Seiten. Es geht Bandenkriege, Schmuggel, Kriegsheimkehrer, Menschen ohne Zukunft, aber mit Idealen und Plänen, Politik. Besonders erschreckend fand ich die Schilderungen, wie eine (noch) kleine Gruppe die Wut gegen Ausländer und Juden schürt und sich nationalsozialistische Ideen immer weiter ausbreiten. Der alte Krieg scheint schon vergessen und der nächste in Vorbereitung zu sein. „Um das Böse zu finden, muss man nicht ein Geist und Dämonen glauben. Ein Blick in die menschliche Seele, reicht voll und ganz.“

Emmerichs Assistent Ferdinand Winter ist erwachsen geworden und ihm inzwischen ebenbürtig. Er überflügelt Emmerich bei den Ermittlungen und entdeckt entscheidende Hinweise und Zusammenhänge oft eher, da dieser durch seine Suche nach Xaver und Luise abgelenkt ist. Unterstützt werden sie auch von der „Hühnerarmee“: den Sekretärinnen und Telefonistinnen der Polizei – ebenfalls exzellente Ermittlerinnen, aber die Frauen durften damals ja nur Hilfsarbeiten erledigen.
Auch Alma ist ihrer Zeit etwas voraus. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht hat, in ihren Artikeln auf die herrschenden Missstände gegenüber Kindern und Frauen hinzuweisen, in der Hoffnung, damit etwas ändern zu können.

Das (Hör-)Buch spannend bis zur letzten Minute, wenn die verschiedenen Handlungsstränge zusammenlaufen und der Täter entlarvt wird. Bis dahin präsentiert Alex Beer mehrere Verdächtige, nur um kurz darauf Zweifel zu säen und den Hörer zu verwirren.

Cornelius Obonya hat es wieder geschafft, jeder Figur eine ganz eigene Stimme zu geben und dabei auch die charakterlichen Merkmale desjenigen herauszuarbeiten. Das ist ganz großes Hör-Kopf-Kino.

Veröffentlicht am 08.06.2019

Pipe Dream

Eine Handvoll Asche
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Kalkutta, Weihnachten 1921: Für einen Pipe Dream – ein Hirngespinst – hält der britische Ermittler Sam Wyndham zuerst die grausam zugerichtete Leiche, über die er nachts stolpert, als er wegen einer Razzia ...

Kalkutta, Weihnachten 1921: Für einen Pipe Dream – ein Hirngespinst – hält der britische Ermittler Sam Wyndham zuerst die grausam zugerichtete Leiche, über die er nachts stolpert, als er wegen einer Razzia aus einer Opiumhöhle flieht. Aber sie ist sehr real und seine Kleidung voller Blut. Als er am nächsten Tag noch einmal dort nachsieht, findet er allerdings keine Spur von dem Toten. Sollte er ihn sich doch nur eingebildet haben?
Eigentlich haben Wyndham und sein indischer Sergeant Surrender-not Banerjee auch genug andere Sorgen. Der Besuch von Prince Edward of Wales steht unmittelbar bevor und sie sollen Chitta-Rajan Das, einen brillanten Anwalt und Gandhis rechte Hand, dazu bringen, dass dieser die geplanten Demonstrationen zu Edwards Besuch absagt. Dies bringt Surrender-not in eine Zwickmühle. Seine Familie ist mit Chitta-Rajan befreundet und auch er achtet ihn sehr, außerdem kann er seinen Standpunkt verstehen (und denkt insgeheim genau so). Wie soll er sich verhalten?

Abir Mukherjee hat es wieder geschafft, ein mir bis dato völlig unbekanntes Stück indische Geschichte mit einem spanenden Kriminalfall zu verbinden. Vor dem Hintergrund der „Kampagne der Nichtkooperation“, bei der die Inder u.a. westliche Kleidung verbrennen, bis nur noch „eine Handvoll Asche“ übrig ist, versuchen Wyndham und Surrender-not nicht nur die angekündigte Großdemonstration zu verhindern, sondern auch weitere Morde - denn bei dem einen Toten bleibt es nicht ...

Im Gegensatz zu den ersten beiden Büchern („Ein angesehener Mann“ und „Ein notwendiges Übel“) überwiegt diesmal der Romananteil. Der Kriminalfall ist in reale historische Ereignisse eingebettet und nimmt erst am Ende Fahrt auf. Dann überschlagen sich allerdings die Ereignisse und Sam Wyndham zeigt, dass er trotz seines Drogenkonsums ein exzellenter Ermittler ist. Und Surrender-not ergänzt ihn perfekt.
Wyndham ist sehr pragmatisch und analytisch. Ihm ist klar, dass er seine Opiumsucht dringend in den Griff bekommen muss und dass seine Tage (und die der Kolonialzeit) in Indien gezählt sind, wenn die Inder ihre Ziele erreichen. „Wir würden den Kampf, in den wir hier verstrickt waren, dieses verzweifelte Ringen um ein Indien unter britischer Herrschaft, zwangsläufig verlieren.“ (S. 226)
Surrender-not hat es ebenfalls nicht leicht. Da er weiterhin für die Engländer arbeitet anstatt zu streiken, gilt er als schwarzes Schaf der Familie und hat seit einem Jahr keinen Kontakt mehr zu ihr.

„Eine Handvoll Asche“ gibt wieder spannende neue Einblicke in das damalige Leben in Kalkutta, die Verwaltung des riesigen Landes und die Unterschiede zwischen arm und reich, Engländern und Indern. Das besondere Augenmerk liegt diesmal in deren fortschreitendem Kampf um ihre Unabhängigkeit vor einer sehr exotischen Kulisse.

Veröffentlicht am 05.06.2019

Feenmädchen

Islandsommer
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Als Merits Freund ihr sagt, dass er sich in eine Andere verliebt hat und sie sich schnellstmöglich eine eigene Wohnung suchen soll, ist sie ratlos. Sie ist freischaffende, bildende Künstlerin und ihre ...

Als Merits Freund ihr sagt, dass er sich in eine Andere verliebt hat und sie sich schnellstmöglich eine eigene Wohnung suchen soll, ist sie ratlos. Sie ist freischaffende, bildende Künstlerin und ihre Einnahmen reichen gerade so zum Überleben, aber eine eigene Wohnung in Berlin kann sie sich davon nicht leisten. Auf einem Wohnungsportal stößt auf Ísrúns Annonce. Die sucht für ein halbes Jahr eine Haus- und Katzensitterin – in Reykjavík! Da Merits Eltern Diplomaten waren, ist sie mehrsprachig, kosmopolitisch und an häufige Ortswechsel gewöhnt. Also zieht sie kurzerhand für einige Monate nach Island.
Kristján ist Pilot auf Island und ein echter Frauenschwarm. Gerade hat er sich von Sunny, einer verheirateten Affäre, getrennt und fürs Erste von der Liebe die Nase voll. Auf der Fähre sieht er Merit zum ersten Mal und es knistert sofort zwischen ihnen ....

„Islandsommer“ ist eine nette, etwas vorhersehbare, Liebesgeschichte, die mich vor allem durch ihre Beschreibungen der Insel und seiner Bewohner verzaubert hat.
Merit ist eine elfenhafte, zarte Persönlichkeit mit viel innerer Stärke. Sie hat (genau wie Kristján) in ihrer Vergangenheit etwas Dramatisches erlebt, über das sie (noch) nicht reden will. Diese Gemeinsamkeit bedingt auch die Anziehung zwischen ihnen beiden.
Merit ist sehr aufgeschlossen und findet durch einen Sprachkurs schnell neue Freunde und einen Job. Der Freund eines Freundes will ein Café im Berliner Stil eröffnen und braucht dringend Hilfe. Dies zieht einen Folgeauftrag nach sich und dann tritt noch ein ehemaliger Kunstprofessor wieder in Merits Leben und bietet ihr einen Platz in seinem Atelier an. Ihr Leben könnte also nicht besser laufen. Wenn da nicht ihr Ex und Kristjáns Verflossene wären ...

Die Geschichte wird abwechselnd aus Merits und Kristján Sicht erzählt, dadurch erfährt man viel über ihr Innenleben und ihre Vergangenheit.
Der Schreibstil ist locker und sehr bildlich, die Geschichte leicht erotisch angehaucht. Mit anderen Worten: Das perfekte Buch für ein gemütliches Wochenende oder den (Island-)Urlaub.

Veröffentlicht am 04.06.2019

Harmonie in Hamburg?

HAMMONIA
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Wonach geht ihr, wenn ihr ein neues Buch kauft? „Hammonia“ hätte ich im Laden nie in die Hand genommen. Ich finde das Cover unheimlich und auch der Titel gibt keinen Hinweis auf den Inhalt oder das Genre. ...

Wonach geht ihr, wenn ihr ein neues Buch kauft? „Hammonia“ hätte ich im Laden nie in die Hand genommen. Ich finde das Cover unheimlich und auch der Titel gibt keinen Hinweis auf den Inhalt oder das Genre. Man versteht beides erst, wenn man den Klappentext liest.

1992: Die hanseatische Kaufmannsfamilie Bartelsen ist in Hamburg eine Institution. Man hält sich dezent im Hintergrund, prahlt nicht mit seinem Reichtum und fördert unauffällig soziale Projekte wie z.B. den Wohnungsbau. Familienvorstand Adele ist schon 75, führt den Konzern aber immer noch mit harter Hand und festen Prinzipien: „Mache Dich niemals abhängig von anderen. Lasse dich niemals erpressen. Verpfände niemals die Firma, um kurzfristigen Gewinn zu erhaschen.“ (S. 11) Ihr Mann Friedrich hält ihr den Rücken frei und greift nur ein, wenn es nötig ist. Langsam wird es Zeit, dass einer ihrer 4 Söhne (immerhin sind die auch schon über 50) sie ablöst, aber wer? Eine Satzung sagt, dass es nur ein leibliches und ehelich geborenes Kind sein kann, damit fällt der adoptierte Gero schon mal aus. Er ist der Sohn von Adeles Bruder und Kriegswaise. Konni, der Drittälteste, ist Künstler und will nichts mit der Firma zu tun haben. Bleiben noch Claus, der Älteste und Hans. Für Claus war es immer klar, dass er mal der neue Chef wird, aber Adele bevorzugt in seinen Augen Hans.
Während die Wirtschaft in der Nachwendezeit Kapriolen schlägt, Goldgräber und Schaumschläger auf Geschäfte aus sind und Betongold immer wertvoller wird, taucht ein alter Bekannter von Adele auf und der Konkurrenzkampf innerhalb der Familie spitzt sich zu: „Irgendwie haben wir uns alle voneinander entfernt und vergessen, was uns mal ausmachte.“ (S.10)

Kai Lüdders hat es mir nicht leicht gemacht. Der Auftakt seiner Hamburg-Trilogie ist einerseits eine spannende Familiengeschichte, bei der mir vor allem die Rückblicke bis in den 2. WK sehr gut gefallen haben, andererseits hatte ich oft das Gefühl, ein Wirtschaftsgeschichtslehrbuch zu lesen. Er beschreibt Schritt für Schritt, wie Adele ihr Imperium aufgebaut hat, wem wie viele Anteile gehören und was das für jede Entscheidung bedeutet. Dazu kommen die detailliert beschriebenen Aktionen ihres Gegenspielers.

Mit Adele bin ich nicht so richtig warm geworden. Sie ist selbstbewusst, zielstrebig und erfolgreich. Friedrich und sie verbindet die ganz große Liebe, aber durch den Verlust ihres Bruders schottet sie sich von ihren Söhnen ab. Es ist Friedrich, der die Familie die ganzen Jahre zusammenhält und den Brüdern die nötige Liebe und Rückhalt gibt, ihr Selbstbewusstsein stärkt.

Die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sind sehr spannend und explosiv. Mir hat gefallen, wie nach und nach verschiedene Verbindungen und Geheimnisse aufgedeckt wurden und es bis zuletzt überraschend blieb. Allerdings hätte ich mir trotzdem mehr Spannung gewünscht – erst die letzten 100 Seiten können mich so richtig fesseln.

Mein Fazit: Interessante Familiengeschichte aber bitte weniger Wirtschaftsdetails in den Folgebänden.