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Veröffentlicht am 10.04.2019

„Sonnenallee“ meets „Die Verschwörung“

Schabowskis Zettel
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„Wir gehen nicht weg. Wir bauen dieses Land um.“ (S. 88) ist das Credo der meisten Montagsdemonstranten im Herbst 1989. Zu ihnen gehört auch Nadja, die neu in Berlin ist und Journalistin werden will. Zur ...

„Wir gehen nicht weg. Wir bauen dieses Land um.“ (S. 88) ist das Credo der meisten Montagsdemonstranten im Herbst 1989. Zu ihnen gehört auch Nadja, die neu in Berlin ist und Journalistin werden will. Zur Zeit schreibt sie für die Untergrundzeitung „Die Brücke“. Ihr letzter Artikel handelte von den verschwiegenen Mauertoten. Klar, dass die Brücke-Gruppe Angst vor der Stasi hat. Als nach einer Demo Rene, ihr Fotograf, verschwunden ist, bittet Nadja Juri um Hilfe. Der ist Volkpolizist und wohnt in dem Haus, in dem sie gerade eine Wohnung besetzt hat. Juri sagt nein, doch dann wird Nadja beinahe überfahren ...

Stefan Keller erzählt in „Schabowskis Zettel“, wie es auch zur Öffnung der Grenze und damit zum Ende der DDR hätte kommen können.

Juri ist ein ganz normaler Volkpolizist. Seit seiner Kindheit hat er von diesem Beruf geträumt. Er sieht sich als „Freund und Helfer“ der Bürger seines Staates. Und auch wenn es in der DDR zur Zeit nicht so gut läuft und inzwischen Hunderttausende auf die Straße gehen, glaubt er doch an den Sozialismus.
Nadja wollte eigentlich Journalismus studieren und arbeitet jetzt in einem Chemiewerk. Sie träumt von einer Reise nach Paris und dass sie doch noch studieren kann. Dafür geht sie auf die Straße. Die wenigsten Demonstranten wollen das Ende der DDR, sie wollen nur mehr Freiheiten, Alternativen.
Bei einer Demo stehen sich Nadja und Juri plötzlich gegenüber.

Die Geschichte wird abwechselnd aus Nadjas und Juris Sicht erzählt, dadurch ist man immer ganz nah am Geschehen, spürt ihre Sehnsüchte und Ängste. Als Nadja ins Visier der Stasi rückt erkennt Juri, dass das System so nicht mehr funktioniert und seine Ansichten ändern sich rapide. „Der Sozialismus ... ist tot. ... Die DDR ist pleite und die Bosse raffen es nicht. Der ganze Karren fährt spätestens in drei Monaten gegen die Wand.“ (S. 103)

Stefan Keller schreibt sehr spannend und erhöht systematisch das Tempo. Juris Suche nach einem Ausweg für Nadja wird zum Wettlauf gegen die Suche der Stasi nach ihr. Wer ist schneller und wird am Ende gewinnen?

Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe viele Situationen wiedererkannt. Meine Eltern haben z.B. genau wie Nadja ihre erste Wohnung nur dadurch bekommen, dass sie sie einfach besetzt haben. 1989 war ich 14 und habe Wendezeit bewusst erlebt. Die Gänsehaut von damals ist beim Lesen sofort wieder da.

Sehr spannender Wende-Roman (für mich schon ein Krimi ) auch für alle, die diese Zeit damals nicht selbst miterlebt haben.

Veröffentlicht am 08.04.2019

Konnte mich nicht annähernd so berühren, wie ich es erwartet hatte

Wenn du das hier liest
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Iris ist Anfang 30, als sie kurz vor Neujahr die Diagnose Krebs erhält: „Um den Tod kommt keiner von uns herum, doch Ihnen steht er aller Wahrscheinlichkeit nach binnen sechs Monaten oder auch schon früher ...

Iris ist Anfang 30, als sie kurz vor Neujahr die Diagnose Krebs erhält: „Um den Tod kommt keiner von uns herum, doch Ihnen steht er aller Wahrscheinlichkeit nach binnen sechs Monaten oder auch schon früher bevor.“ (S. 12) Ein halbes Jahr später ist sie wirklich tot, auch wenn es zwischendurch so aussah, als hätte sie eine Chance.
Als ihr Nachfolger ihren Schreibtisch ausräumt findet er eine Mappe, die für ihren Chef bestimmt ist: „Smith, wenn du meinst, dass das hier irgendwas taugt, steht es dir frei, es zu veröffentlichen.“ (S. 29) Smith und Iris waren Freunde, trotzdem wusste er nicht, dass sie ihr kurzes Leben mit dem Krebs in einem Blog dokumentiert hat – ihre Ängste, Sehnsüchte, Hoffnungen, Wünsche und Träume. Aber Smith will die Aufzeichnungen nicht ohne die Zustimmung von Iris Schwester Jade veröffentlichen und schreibt ihr eine Mail ..

Die Idee des Buches ist nicht neu – auch in „eMail für Dich“ und „Gut gegen Nordwind“ kommunizieren die Personen überwiegend über Mails, hier kommt noch die Komponente Krebstod hinzu. Trotzdem konnte es mich nicht annähernd so berühren, wie ich es erwartet hatte. Das lag zum einen daran, dass hier verschiedene Personen Mails tauschen und es dadurch teilweise recht unübersichtlich wurde. Es gab sogar einen Strang mit Mails einer etwas durchgedrehten Kundin, der m.E. völlig überflüssig war, genau wie die Spam-Mails und Smith’ Bettelbriefe um neuen Kunden zu akquirieren – es wäre auch ohne sie deutlich gewesen, dass es seiner Firma nicht gut geht. „Wenn ein paar Dinge schlecht laufen, ruiniert man gleich alles, dann kann es wenigstens nicht noch schlimmer werden.“ (S. 166)
Ich hätte mir stattdessen gewünscht, dass Iris’ Blog und ihre Geschichte mehr Raum einnehmen, denn diese kurzen Passagen haben mich wirklich bewegt: „Die ganze Zeit dachte ich, mein richtiges Leben hätte noch gar nicht angefangen. Jetzt stellt sich raus: Das hier war mein leben.“ (S. 14) oder die angekündigte Liebesgeschichte zwischen Jade und Smith.
Generell kommt man den Protagonisten leider nicht so nah, wie man es erwartet hätte. Obwohl sie alle keine leichte Kindheit und zum Teil daraus resultierende Traumata haben, bleibt man beim Lesen seltsam reserviert und außen vor. Schade, ich hatte mir mehr erhofft.
Leider nur 3 Sterne.

Veröffentlicht am 06.04.2019

Literatur oder Krimi?

Goethespur
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Hendrik Wilmut ist Literatur-Dozent an der Uni Frankfurt am Main mit dem Spezialgebiet Goethe. Zu Studienzeiten war er eng mit Eddie befreundet, der damals allerdings am Tag vor der letzten Prüfung verschwand. ...

Hendrik Wilmut ist Literatur-Dozent an der Uni Frankfurt am Main mit dem Spezialgebiet Goethe. Zu Studienzeiten war er eng mit Eddie befreundet, der damals allerdings am Tag vor der letzten Prüfung verschwand. Jetzt, 20 Jahre später, steht Eddie plötzlich vor ihm und lädt ihn auf eine Reise ein. Du sollst mein Reiseführer sein, mein Cicerone. Und vor allem mein Berater.“ (S. 18)
Denn Eddie will Goethes erste Italienreise nachstellen und beweisen, dass der die damals gar nicht gemacht haben kann. Darüber will der jetzige Taxifahrer ein Enthüllungsbuch schreiben und so mit einem großen Knall in die Literaturwelt zurückkehren. Natürlich lehnt Hendrik ab. Die aufgestellten Thesen widersprechen allem, was er seit Jahren lehrt und erforscht. Eddie macht sich allein auf die Reise, hält Hendrik aber via SMS auf dem Laufenden. 3 Tage später kommt ein Anruf von Eddie – er wurde angeschossen. Hendrik kommt ins Grübeln. Warum sollte jemand Eddie umbringen wollen? Geht es „nur“ um den Erbstreit der Familie, von dem er erzählt hatte, oder will jemand mit aller Macht verhindern, dass Eddie seine Thesen bezüglich Goethes Reise beweisen kann?

Dass „Goethespur“ bereits der 4. Krimi mit dem ermittelnden Dozenten Hendrik Wilmut ist, war mir leider nicht bewusst. Als Neueinsteiger in diese Serie hatte ich Probleme, die Anspielungen und Hinweise auf die vorherigen Fälle und Hendriks Umfeld (Freunde, Bekannte etc.) zu verstehen. Man sollte sie vielleicht besser in der entsprechenden Reihenfolge lesen.
Auch sonst bin ich mit diesem Literaturkrimi nicht so richtig warm geworden. Mir fehlte die Spannung. Die eigentliche Krimihandlung beginnt erst nach ca. einem Drittel des Buches und plätschert eher vor sich hin. Zudem war mir schon nach der Hälfte klar, wer warum dahinter steckt. Erst zum Ende hin überschlagen sich plötzlich die Action-Szenen, um irgendwie Schwung in das Geschehen zu bringen.
Ansonsten begleitet man Eddie und Hendrik auf ihrer Reise in Richtung Italien und liest endlose Variationen desselben Diskussionsthemas: Hat Goethe die Reise damals nun gemacht oder nicht? Was spricht dafür, was dagegen? Das ist zwar auch interessant, nimmt für meine Begriffe aber viel zu viel Raum ein.

Mit den Protagonisten habe ich mich ebenfalls etwas schwer getan. Hendrik und seine Frau Hanna haben wohl schwere Traumata erlitten (Evtl. beim Lösen des letzten Falls?), auf die aber nicht näher eingegangen wird. Trotzdem verhält er sich von jetzt auf gleich wie ein Polizist und ermittelt, statt es der richtigen Polizei zu überlassen. Am Ende ist es auch er, der den entscheidenden Hinweis liefert. Da waren mir zu viele konstruierte Zufälle am Werk. Auch die gekünstelte, irgendwie hölzerne Sprachweise der Protagonisten passte für mich nicht so richtig. Wahrscheinlich soll damit ihre hohe Bildung dargestellt werden.

Mein Fazit: Literatur ja, Krimi eher nein. Leider nur 2,5 von 5 Sternen.

Veröffentlicht am 04.04.2019

Eine echte Entdeckung

Usedom
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Seit 20 Jahren fahren mein Mann und ich fast jeden Sommer und auch einige Winter nach Usedom. Kann uns ein Buch da wirklich noch neue, unbekannte Kleinode auf „unserer Insel“ nennen? Ja, Autorin Claudia ...

Seit 20 Jahren fahren mein Mann und ich fast jeden Sommer und auch einige Winter nach Usedom. Kann uns ein Buch da wirklich noch neue, unbekannte Kleinode auf „unserer Insel“ nennen? Ja, Autorin Claudia Pautz hat es geschafft, uns zu überraschen. Mit ganz viel Liebe zum Detail schreibt sie über ihre Heimat und teilt neben (uns) bereits bekannten, auch ihre geheimen Tipps. Dabei orientiert sie sich an der Insel selbst. An der Grenze Ahlbeck beginnend und in Swinemünde endend, nimmt sie den Leser auf eine Rundreise mit. Zur besseren Übersicht gibt es zu Beginn des Buches eine Karte, in der die Nummern der Sehenswürdigkeiten verzeichnet sind – so kann man sich einen schnellen Überblick verschaffen, wo man sein ausgesuchtes Ziel findet oder was noch in der Nähe ist. Sie empfiehlt z.B. Eisdielen und Restaurants, Museen und Galerien, versteckte Kirchen und abgelegene Naturschönheiten, besondere Aussichtpunkte und Orte der Ruhe. Hier sollte sich wirklich für jeden Geschmack und jede Stimmung etwas finden lassen. Außerdem gibt es zu jedem Ziel noch einen kleinen Zusatz-Tipp. Illustriert werden diese von sehr stimmungsvollen Fotos, welche die Sehnsucht nach Usedom schüren.
Bei unserem nächsten Besuch werde ich mir z.B. den Bücherbaum in Zempin ansehen, wo man die ausgelesene Urlaubsliteratur tauschen kann, aber auch die Kirche im Walde, der Kur- und Heilwald in Heringsdorf und der Sieben-Seen-Blick in Neu Sallenthin haben uns neugierig gemacht.
5 Sterne und meine Empfehlung für alle neuen und altgedienten Usedom-Urlauber.

Veröffentlicht am 03.04.2019

Ein Feldpostbrief für Martha

Honigduft und Meeresbrise (Neuauflage)
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... ist es, der die Geschichte ins Rollen bringt.

Anna steckt gerade in einer Lebenskrise. Ihre beste Freundin Mona ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und kurz darauf starb auch noch ihr ...

... ist es, der die Geschichte ins Rollen bringt.

Anna steckt gerade in einer Lebenskrise. Ihre beste Freundin Mona ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und kurz darauf starb auch noch ihr Opa. Ihr Freund Jens hat kein wirkliches Verständnis für ihre anhaltende Trauer, weil er gerade mitten in seiner Doktorarbeit steckt. Also verkriecht sich Anna bei ihrer Oma Johanna in Lüdinghausen. Schon der Duft des frisch geschleuderten Honigs, den ihre Oma selber erntet und verarbeitet, lässt Anna etwas zur Ruhe kommen.
Da steht der Postbote mit einer Reporterin und einem alten Feldpostbrief vor Johannas Tür. Der Brief wurde 1941 auf Jersey von einem gewissen Johann Kranichberg an Johannas Mutter Martha, wohnhaft in Ahrenshoop, geschrieben. Johanna glaubt erst an eine Verwechslung, ihre Mutter war ihres Wissens nach nie in Ahrenshoop und auch der Absender sagt ihr nicht. Trotzdem lässt sie sich von Anna überreden und öffnet den Brief - und erfährt ein altes Familiengeheimnis. Um zu erfahren, was damals wirklich passiert und aus Johann geworden ist, fahren Anna und Oma Johanna spontan nach Ahrenshoop. Vielleicht können sie dort mehr über die Vergangenheit erfahren?
Der Darß hält wirklich so einige Geheimnisse für Anna bereit. Warum kennt sich Johanna in dem gemieteten Haus so aus, wenn sie noch nie da war? Wieso sieht eine junge Frau dort Johannas Vater so ähnlich? Und was hat es mit der Muschel auf ihrer Fensterbank auf sich, die der ihrer Uroma so ähnlich sieht?

„Honigduft und Meeresbrise“ ist nach „Apfelkuchen am Meer“ und „Drei Schwestern am Meer“ bereits der 3. Roman von Anne Barns mit echter Meeres-Wohlfühlgarantie. Ganz schnell ist man auf dem Darß und im Buch angekommen. Mir gefällt, dass Anne Barns Protagonisten immer sehr vielschichtig und aus dem Leben gegriffen sind.
Anna hat mir sehr leid getan. Sie gibt sich die Schuld an Monas Tod, weil diese damals auf dem Weg zu ihr war, als der Unfall passierte. Auch Timo, Monas Partner, ist noch nicht darüber hinweg. Er war damals der erste Mann, für den Anna und Mona gemeinsam geschwärmt haben. Mona hat ihn bekommen, doch jetzt entwickeln sich zwischen ihm und Anna zarte Bande. Wäre das nicht Betrug an Mona?! Und was ist mit Jens? Ihre Beziehung läuft zur Zeit zwar nicht so toll, aber daran könnte man ja arbeiten.
Dann taucht auch noch Annas beste Freundin Peggy aus Kindertagen wieder auf. Mona hat Peggy damals abgelöst, man hatte sich aus den Augen verloren. Trotzdem verstehen sich die beiden jetzt auf Anhieb wieder. Aber so ganz kann Anna ihre Vorbehalte gegenüber Peggy noch nicht fallen lassen. Die Auszeit am Meer kommt Anna da gerade recht. Auf dem Darß fallen ihr die Entscheidungen plötzlich viel leichter: „Über Ahrenshoop liegt ein Zauber, dem du dich nicht entziehen kannst.“ (S. 207)
Ihre Oma Johanna habe ich sofort gemocht. Sie ist eine Frau mit einem großen Herzen und tollem Humor, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Sie ist immer für andere da, obwohl sie selbst um ihren Mann trauert. Johanna fängt Anna auf, versorgt sie mit Honig(Schnaps), guter Hausmannskost, Lebensweisheiten und lenkt sie mit der Suche nach der Vergangenheit von ihrer Trauer ab.

„Honigduft und Meeresbrise“ ist ein wunderbarer Roman über Geheimnisse, Freundschaft, Liebe, Familie und Mee(h)r, bei dem man den Sand zwischen den Zehen, den Honig im Mund und Wind und Wellen auf der Haut spüren kann.