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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.12.2020

Leicht lesbare, etwas unrealistische Thriller-Unterhaltung

Als die Nacht begann
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Aus der Reihe rund um Jan Tommen und sein Ermittlerteam hatte ich bisher noch nichts gelesen. Nach Lektüre dieses vorliegenden 7. Bandes habe ich jedoch große Lust, auch die früher erschienenen Bücher ...


Aus der Reihe rund um Jan Tommen und sein Ermittlerteam hatte ich bisher noch nichts gelesen. Nach Lektüre dieses vorliegenden 7. Bandes habe ich jedoch große Lust, auch die früher erschienenen Bücher zu lesen.

Auf offener Straße wird eine junge Frau erschossen. Alles bleibt rätselhaft und lässt die Vermutung aufkommen, dass ein Heckenschütze wahllos sein Opfer ausgesucht hatte. Doch dann wird ein weiterer Toter gefunden, der aus großer Entfernung auf einer Parkbank sitzend erschossen wurde. Jetzt geraten Jan und sein Team zunehmend unter Druck, da weitere Opfer zu befürchten sind.

Der Thriller ist leicht lesbar. In klar strukturierter Weise bauen sich Handlung und Spannung auf bis hin zum sehr spannenden Finale, das für mich durchaus überraschend war, denn der geschickt konstruierte Plot lässt den Leser lange im Ungewissen. Mit dem immer wieder durchblitzenden Humor werden die Protagonisten auf lebendige Weise in ihrer Individualität dargestellt, ohne dass das private „Gedöns“ zu breiten Raum einnimmt. Vielleicht tauchen etwas zu viele Namen auf, was Verwirrung schafft, vielleicht gibt es etwas zu viele Tote und vielleicht hat sich der Autor zu einigen unrealistischen Szenen hinreißen lassen. Doch trotz der insgesamt etwas realitätsfernen Geschichte fühlte ich mich insgesamt auf angenehme und spannende Weise gut unterhalten.

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Veröffentlicht am 13.12.2020

Die Grenzen des Romanhaften

Wo du nicht bist
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„Worte können erlebtes Leid niemals erschöpfend darlegen.“ So steht es irgendwo im Buch. Und genauso ist es. Die Autorin stößt mit ihrer Geschichte an die Grenzen des Erzählbaren. Umso mehr, da die erzählte ...


„Worte können erlebtes Leid niemals erschöpfend darlegen.“ So steht es irgendwo im Buch. Und genauso ist es. Die Autorin stößt mit ihrer Geschichte an die Grenzen des Erzählbaren. Umso mehr, da die erzählte Geschichte eine wahre Begebenheit ist. Und so bin ich streckenweise völlig gefangen im Buch, streckenweise jedoch bleibe ich als neutraler Beobachter außen vor.

Wir lernen Irma Weckmüller und ihre jüngere Schwester Martha im Berlin der späten 20er Jahre kennen. Irma arbeitet als Stoffverkäuferin im KaDeWe, Martha als Hausmädchen in einer begüterten Familie. Als Martha von ihrem Dienstherrn schwanger wird, lernt Irma auf der Suche nach Hilfe für ihre Schwester den Arzt und Juden Erich Bragenheim kennen und lieben. Doch der an die Macht kommende Nationalsozialismus verändert alles…

In verschiedenen Perspektiven erfahren wir von einer Liebe, so unfassbar stark, wie es wohl nur wenige Menschen erleben. Die Rückblicke in die Jahre ab 1929 in das Alltagsleben der beiden Schwestern, die Geburt des unehelichen Kindes, das Abgleiten der Schwester Martha in Lethargie und später in verblendeten Egoismus, das vorsichtige Sich-Annähern von Irma und Erich – diese Rückblicke sind lebendig, atmosphärisch dicht, nachvollziehbar und fesselnd, ebenso die Sequenzen ab 1945 im zerstörten Berlin und die verzweifelte Suche nach Erich, mit der Irma sich aufrecht hält. Die Autorin scheitert jedoch meiner Meinung nach in den Darstellungen der furchtbaren, der fürchterlichsten Gräueltaten der Nazis an Juden, an der kaum in Worte zu fassenden Entsetzlichkeit dessen, was Menschen in dieser Zeit ertragen mussten. Anke Gebert erzählt zwar schonungslos, aber dennoch bleibt der Leser oft außen vor. Es fehlt die wahre Intensität, der penetrante Leichengestank, die Asche zwischen den Zähnen, es fehlen die grässlichen Schmerzen des Hungers und der grenzenlosen Angst. Es fehlt an Unausweichlichkeit und Nachvollziehbarkeit. Zu glatt und nüchtern kommen diese schlimmen und allerschlimmsten Szenen auf den Leser zu. Es stimmt ja auch: „Worte können erlebtes Leid niemals erschöpfend darlegen.“ Dass Irmas Liebe zu Erich seinen Tod überdauert und sie geradezu besessen auf Legitimation beharrt, ist beklemmend und wohl nur aus der kämpferischen Stärke der Irma Weckmüller heraus zu verstehen.

Fazit: Ein lesenswertes Buch, das jedoch streckenweise an den Grenzen einer romanhaften Schilderung jener unsäglichen Zeit scheitert.


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Veröffentlicht am 11.12.2020

Eine große kleine Erzählung

Bonnie Propeller
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Wenn eine mit vielen Preisen gewürdigte Literatin über ihren Hund, nein, über ihr Leben mit Hund, schreibt, kann nur etwas Besonderes entstehen. Und in der Tat, diese kleine Geschichte ist groß. Groß ...


Wenn eine mit vielen Preisen gewürdigte Literatin über ihren Hund, nein, über ihr Leben mit Hund, schreibt, kann nur etwas Besonderes entstehen. Und in der Tat, diese kleine Geschichte ist groß. Groß in der Sprache, groß in der Beobachtung, groß im Inhalt. Anders kann ich die Wirkung dieses kleinen großen Textes nicht zusammenfassen.

„Ich saß verloren in meiner Wohnung… Mein Hund war gestorben und hatte mich in die Einsamkeit entlassen.“ Die Autorin ist Jahrgang 1941. Da verweigern Tierheime eine Vermittlung. Doch intensive Internetrecherche und ein dummer Schreibfehler bewirken, dass Propeller aus Ungarn angereist kommt. Und dieser Hund sieht so ganz anders aus als auf den Internetfotos und in den Wunschträumen der Autorin: Er ist zu dick, zu klein, hat zu krumme Beine. Keine Liebe auf den ersten Blick, im Gegenteil.

Monika Maron deckt selbstkritisch und ironisch auf, wie oberflächlich wir nach Äußerlichkeiten beurteilen, wie wir uns abhängig machen von der Beurteilung Dritter, wie wir permanent Vergleiche anstellen und wie schwer wir uns tun, Unvollkommenes zu akzeptieren. Das allein schon ist das Lesen dieser Geschichte wert. Über ihre Form der Tierliebe könnte man vielleicht an manchen Stellen der Erzählung diskutieren, da der neue krummbeinige Hund Erwartungen und Projektionen in einem Maß erfüllen soll, das weit über seine Möglichkeiten geht. Aber Bonnie Propeller mit der den Hunden eigenen Fähigkeit der seismographischen Wahrnehmung der Menschen um ihn herum gelingt es über die Zeit hinweg auf zu Herzen gehende Weise, eine unauflösbare Bindung zu dieser im Inneren einsamen Frau aufzubauen. Und nicht nur einmal denke ich mir beim Lesen, dass Hunde die besseren Menschen sind.


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Veröffentlicht am 10.12.2020

Ein Buch wie heißer Tee und Bitterschokolade

Drei Frauen im Schnee
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Sonja ist Mutter von Teenager-Zwillingen, die zunehmend anfangen, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie ist Ehefrau eines vielbeschäftigten Ehemannes, der sich aus allem heraushält. Und im Dachgeschoss lebt ...


Sonja ist Mutter von Teenager-Zwillingen, die zunehmend anfangen, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie ist Ehefrau eines vielbeschäftigten Ehemannes, der sich aus allem heraushält. Und im Dachgeschoss lebt die Schwiegermutter, die viel auf Traditionen hält und Sonja entsetzlich auf die Nerven geht. Da Sonja vor kurzem ihren Job verlor, bleibt alle Arbeit an ihr hängen, gerade jetzt in den Tagen vor Weihnachten. Als am Weihnachtsabend ganz ungeplant das Chaos ausbricht, verschwindet Sonja aus diesem Leben und gerät durch Zufall in ein ganz anderes Leben in den Bergen, mit neuen Freundinnen und ganz neuen Sorgen.

Nein, ein lustiges Buch ist das nicht, wie ich finde. Wie ein Voyeur fühlt man sich als Leser, wenn man mit der Erzählerin in das Familienleben von Sonja hineinschaut. Es sind die wohlvertrauten, altbekannten Familienmuster, die so oder ähnlich fast jeder von uns kennt. Elternabende, Vergeblichkeit des Putzens, seltsame Gespräche mit pubertierenden Kindern. Egozentrik, Gedankenlosigkeit, Selbstverständlichkeit – Sonja erträgt alles, bis schließlich das Maß übervoll ist. Ab hier nimmt die Geschichte seinen besonderen, fast weihnachtlichen Verlauf und bringt sowohl Sonja als auch dem Leser ein versöhnliches Ende. Ein kleines Büchlein, das wunderbar zur Unterhaltung dient an einem neblig-trüben Nachmittag. Man nimmt einen Schluck heißen Tee, verbrennt sich die Zunge, schüttelt den Kopf und schimpft und schmunzelt sich durchs Sonjas Alltag. Zurück bleibt von der Lektüre ein Gefühl wie Bitterschokolade: süß und herb zugleich.

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Veröffentlicht am 09.12.2020

Familie ist, wenn man sich liebt

Das alles ist Familie
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Familie ist, wenn man sich liebt

Dieses Bilder-/Vorlesebuch für Vierjährige und älter hat sich ein wichtiges Thema vorgenommen und verlockt mich sehr, dieses Thema als Lesepatin aufzugreifen: Was ist ...

Familie ist, wenn man sich liebt

Dieses Bilder-/Vorlesebuch für Vierjährige und älter hat sich ein wichtiges Thema vorgenommen und verlockt mich sehr, dieses Thema als Lesepatin aufzugreifen: Was ist Familie? Wie vielfältig sind die Möglichkeiten, eine Familie zu sein? Und alle Formen des Miteinanders haben Respekt und Toleranz verdient.

Auf sehr gelungene, dem Zielgruppenalter angepasste Weise schlägt Michael Engler mit seinem Buch eine Bresche für die Vielfalt der Lebensmöglichkeiten. Er verpackt seine Botschaft geschickt in eine Handlung, die sogar eine gewisse Spannung mit sich bringt, denn der kleine Lars findet vor der Haustür ein Päckchen. Allerdings ist das Etikett verschmiert, sodass niemand weiß, wem das Päckchen gehört. Da kommt Lars auf die Idee, in der Nachbarschaft herumzufragen und bekommt schnell Unterstützung von Lina, deren Eltern viel streiten, sich aber auch schnell wieder vertragen. Wo immer die beiden Kinder klingeln, öffnet sich für sie eine andere Welt des Zusammenlebens, so wie sie es aus ihrem eigenen Zuhause nicht kennen. Ob zwei Frauen mit Kind zusammenleben oder ob eine Großfamilie mit 7 Kindern und Oma und Opa im Haus leben oder ob Lars und Lisa eine Patchworkfamilie kennenlernen – alles bringt sie zum Staunen. Und sie erfahren, dass es vielfältige Möglichkeiten des Zusammenlebens gibt und dass die Liebe zu- und füreinander das feste Band ist, das Familie zusammenhält.

Sensibel und liebevoll lässt Michael Engler Bewusstsein für Vielfalt und Toleranz entstehen. Zum Ende des Buches werden die die verschiedenen Formen des Zusammenlebens in kindgerechter Weise noch einmal genauer dargestellt. Was ist ein Mehrgenerationenhaushalt oder was ist eine Regenbogenfamilie? Wie funktioniert eine Patchworkfamilie? Die wunderschönen zarten, feinen Illustrationen von Julianna Swaney setzen Handlung und Thema des Buches zusätzlich perfekt in Szene. Ein sehr gelungenes Buch für die Kleinen, das seine Wirkung gerade beim Vorlesen durch Erwachsene entfaltet

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