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Veröffentlicht am 22.04.2020

Eine Zufallsbekanntschaft mit Mehrwert

Marianengraben
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„Gedanken sind oft so unkontrollierbar wie die Liebe, die sie auslöst. Und jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem ...

„Gedanken sind oft so unkontrollierbar wie die Liebe, die sie auslöst. Und jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.“

Inhalt

Paula verkraftet den Tod ihres kleinen Bruders Tim nicht, der bei einem Badeunfall im Urlaub auf Mallorca ums Leben kam. Sie fällt in eine Depression, pausiert mit dem Studium und beginnt eine Therapie, die nur mäßigen Erfolg hat. Zunächst soll sie es irgendwie schaffen, das Grab ihres Bruders zu besuchen, auch wenn ihr sofort klar ist, dass sie das nur nachts machen kann, wenn sie ganz allein ist. Doch auf dem Friedhof trifft sie den alten Helmut, der in der Dunkelheit doch tatsächlich die Urne seiner Ex-Frau ausgräbt. In der Not vereint und vom Friedhofspersonal überrascht, flüchten die beiden gemeinsam.

Helmut schlägt Paula vor, ihn doch im Wohnmobil zu begleiten, denn trotz seiner schlechten gesundheitlichen Lage, muss er das letzte Versprechen, das er der Verstorbenen Helga gegeben hat, zu Ende bringen. Er wird ihre Asche in die Berge bringen und dort verstreuen, an den Ort, den er als Kind und Jugendlicher seine Heimat nannte und wo die Liebe der beiden begann. Für Paula ist das alles eher skurril, doch aus Mangel an anderweitigen Unternehmungen und einem Funken Mitleid, stimmt sie dem Vorschlag zu. Und trotz seiner eigenwilligen Art wächst ihr Helmut bald ans Herz, denn mit seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz an Verlusten und Todesfällen naher Angehöriger, ist er ein echter Trauerexperte, der trotz schwerer Schicksalsschläge nicht aufgegeben hat. Der abenteuerliche Roadtrip mit allerlei eklatanten Zwischenfällen wird für Paula zur besten Therapie überhaupt, denn sie erkennt, dass sie auch ohne Tim weitermachen muss und wenn sie selbst nicht mehr leben würde, dann wäre auch ihr Bruder ohne Spuren aus dieser Welt verschwunden …

Meinung

Die junge Autorin Jasmin Schreiber, die selbst als Sterbebegleiterin arbeitet, thematisiert in ihrem Roman „Marianengraben“ den traumatischen Verlust einer geliebten Person, die schwere Zeit danach und die ersten winzigen Schritte in eine Zukunft, in der das Leben weitergeht.

Dieses Buch hat einen ganz speziellen Ton, der recht ungewöhnlich für die traurige Wahrheit hinter dem ganzen Aktionismus ist, denn an vielen Stellen blitzt Humor auf, ergeben sich spektakuläre Zwischenfälle und dann auch wieder neue, traurige Entwicklungen. Zunächst war mir diese Art der literarischen Umsetzung etwas fremd, denn bedrückende Schwere und emotionale Verzweiflung kommen hier eher wenig vor. Paula führt mit Tim direkte Gespräche, sie erinnert sich an seine muntere, lebensbejahende Art und ihre geliebte Rolle als die große Schwester eines so intelligenten, fröhlichen kleinen Jungens, der schon mit 11 Jahren auf tragische Art und Weise sein Leben verloren hat.

Die Lebendigkeit wird auch in der Gegenwartshandlung sichtbar: eine spannende Reise mit spektakulären Erlebnissen und wenigen aber alles verändernden Gesprächen zwischen einem Mann mit Lebenserfahrung und einer jungen Frau, die es alleine nicht schafft, aus dem emotionalen Tief aufzutauchen und im Marianengraben ihres Herzens zu versinken droht. Der für mich zunächst befremdliche Erzählton hat mir aber immer besser gefallen und passt hervorragend zur Gesamtaussage des Romans und zu den jungen Menschen, die als Protagonisten auftreten. Überhaupt gelingt es der Autorin einprägsame, detaillierte Personenbeschreibungen anhand von kleinen Anekdoten aus dem Leben erlebbar zu machen. Sowohl Paula als auch Helmut bereichern die Geschichte ungemein und ergeben ein seltsames Paar, welches trotz aller Unterschiede doch auch genügend Gemeinsamkeiten aufweisen kann.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für einen traurig-schönen Roman über das Leben, das Sterben und sämtliche Nuancen des persönlichen Verlusts. Manchmal war mir der Stil zu lapidar, die Erlebnisse so humorvoll und lebensbejahend erzählt. Doch dazu muss man bedenken, dass Tims Todeszeitpunkt schon 2 Jahre zurückliegt, die Trauer also gar nicht mehr so neu für Paula ist und auch Helmut hat über viele Jahre seines Lebens verteilt immer wieder eine kleine Dosis von Abschieden hinnehmen müssen.

Idealerweise liest man das Buch ohne aktuellen Trauerfall oder dann, wenn man an dem Punkt angelangt ist, an dem man einsieht, dass der geliebte Mensch in dieser Welt nicht mehr greifbar sein wird, das eigene Leben aber auch einen Sinn besitzt und nicht nachlässig weggeworfen gehört. Für diese Zeit, in der es ganz langsam wieder aufwärts geht, macht die Reise von 11.000 km unter der Wasseroberfläche zurück nach oben viel Mut und bringt positive Aspekte mit sich. Ein richtig guter Roman, bei dem die Sentimentalität gezielt eingesetzt wird und auch nach dem Lesen eine Sinnhaftigkeit bestehen bleibt. Ungewöhnliche, aber lesenswerte Umsetzung über das Trauern in all seinen Facetten.

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Veröffentlicht am 19.04.2020

Vaters Messer

Meine Schwester, die Serienmörderin
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„Sie ist meine Schwester. Ich will nicht, dass sie im Gefängnis verrottet, und außerdem würde Ayoola, so wie sie nun einmal ist, das Gericht wahrscheinlich davon überzeugen, dass sie unschuldig wäre. Ihre ...

„Sie ist meine Schwester. Ich will nicht, dass sie im Gefängnis verrottet, und außerdem würde Ayoola, so wie sie nun einmal ist, das Gericht wahrscheinlich davon überzeugen, dass sie unschuldig wäre. Ihre Taten seien die Schuld ihrer Opfer gewesen, und sie habe gehandelt, wie jeder andere vernünftige und bildschöne Mensch es unter diesen Umständen auch getan hätte.“

Inhalt

Während Korede, die ältere aber maximal durchschnittlich attraktive Schwester in einem Krankenhaus arbeitet, sonnt sich Ayoola, die bildhübsche jüngere Schwester lieber an der Seite attraktiver Männer, die sie spielend um den Finger wickelt. Ihre Vorliebe sind gutaussehende bestenfalls wohlhabende Partner, die ihr jeden Wunsch erfüllen und die sie genau so lange liebt, wie alles nach Plan läuft. Doch sobald irgendetwas das empfindliche Gleichgewicht in ihren Männergeschichten stört, sieht sie sich gezwungen, Vaters Messer zu ergreifen und ihren Bis-eben-noch-Freund zu ermorden. Derer waren es nun schon drei und jeden Mal telefoniert sie umgehend mit Korede, damit diese gemeinsam mit ihr, die Leiche entsorgt und das Blutbad beseitigt.

Für Korede ist das kein Zuckerschlecken, denn ihre Mitwisserschaft, sorgt dauerhaft für ein schlechtes Gewissen und sie versucht den neuen Liebhabern ihrer Schwester subtile Hinweise zu liefern, warum Ayoolas Schönheit auch ein Fluch sein könnte. Doch als Ayoola plötzlich die Geliebte von Tade wird, auf den eigentlich Korede schon lange Zeit ein Auge geworfen hat, denn er ist ihr Kollege, wird es schwierig für die beiden Schwestern. Korede ist sich ziemlich sicher, das Tade die Liebschaft mit Ayoola nicht überleben wird, wenn sie selbst nicht rechtzeitig eingreift …

Meinung

Nachdem ich einige positive Lesermeinungen zu diesem Buch wahrgenommen habe und mich von einer sehr humorvollen Leseprobe überraschen ließ, wollte ich diese durchaus böse Geschichte über zwei ganz unterschiedliche Frauen mit perfiden Hobbys kennenlernen. Die eine mordet und hüllt sich in Schönheit und Naivität, die andere putzt und übernimmt den verantwortungsvollen Part, der zwar keinen Mord gutheißt, ihn allerdings auch nicht ändern kann oder will. Und tatsächlich überwiegt in dieser Geschichte der schwarze Humor, der nur hin und wieder von einem Anflug Ehre und Gewissen überlagert wird.

Der Debütroman der nigerianischen Autorin Oyinkan Braithwaite ist mal etwas ganz anderes, denn ein richtiger Thriller ist es nicht und für einen Roman kommen eindeutig zu viele Leichen darin vor. Die Grundstory zweier ganz unterschiedlicher Schwestern ist zwar nichts Neues, doch die Intension, die sich hier vor allem durch die Handlung erschließt, verdient schon etwas Aufmerksamkeit. Sprachlich schildert allein Korede rückblickend und vorausschauend gleichermaßen die Entwicklung ihrer allseits beliebten Schwester, der sich einfach niemand, erst recht kein Mann entziehen kann und die immer alles bekam, was sie wollte.

Gerade die Rollenbilder der beiden Geschwister und ihre dennoch intakte Beziehung zueinander haben mich gefesselt – viele Entscheidungen, die hier getroffen wurden, sind für mich unvorstellbar, wirken aber sehr glaubhaft in dieser Geschichte. Besonders reizvoll fand ich auch den gesellschaftskritischen Aspekt, der immer wieder zur Sprache kommt und auch langfristig diese teilweise surreale Geschichte nicht im Klamauk versinken lässt. Was macht denn eine Frau in Nigeria aus, welchen Wert besitzt das Aussehen, welche Wertschätzung erfährt der Verstand? Einmal abgesehen davon, dass Vieles überspitzt wird und die Männer in der Geschichte tatsächlich ganz blasse Gestalten abgeben, kann man den gelebten Feminismus hier spüren.

Zwei Punkte gibt es, die mich nicht ganz überzeugen konnten: Zum einen hätte ich zu gern Ayoolas Blick auf das Geschehen aus erster Hand erfahren, hätte mich lieber in ihren Gedankenkreis begeben als nur den reumütigen Blick von Korede zu erhalten. Zum anderen hätte mir die Fokussierung auf eine Aussage besser gefallen, statt das Anschneiden zweier Möglichkeiten. Zunächst wirkt alles bewusst übertrieben und ironisch, doch im Verlauf der Geschichte bekommen die Dinge mehr Gewicht und münden in regelrechte ethisch vertretbare Aussagen oder eben das Fehlen solcher. Schöner wäre es gewesen entweder nur das Bitterböse zu betonen oder das schockierend Unfassbare.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen ungewöhnlichen Roman mit einem betont alternativen Frauenbild und einer locker-leichten Erzählweise, die echten Unterhaltungswert besitzt. Das Buch bietet sicherlich keine neuen Erkenntnisse, es klagt auch weniger an, als ich zunächst vermutet habe, ist aber auch kein ganz und gar unglaubwürdiges Konstrukt, in dem die Fantasie der Autorin mit ihr durchgegangen wäre. Wer sich auf so eine leichte Geschichte mit schwerwiegenden Hintergründen einlassen kann, ist hier ganz gut beraten. Eigentlich würde mir hier eine Verfilmung vorschweben, in der die Schauspieler so viel Herzblut hineinlegen, wie die Protagonisten des Buches, dann wäre man zwischen selbstgebackenem Kuchen und Bleiche bestens aufgehoben.

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Veröffentlicht am 19.04.2020

Mord in den besten Kreisen

Blutmond
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„Er stützte sich auf die Reling und betrachtete seinen Atem, der aufstieg und zu einem Teil der Wolkendecke wurde. Es war so einsam und still um das Boot und im Hafen, dass er sich ebenso gut auf einem ...

„Er stützte sich auf die Reling und betrachtete seinen Atem, der aufstieg und zu einem Teil der Wolkendecke wurde. Es war so einsam und still um das Boot und im Hafen, dass er sich ebenso gut auf einem Vorposten in der Antarktis hätte befinden können.“

Inhalt

Auf der Fashion Week in Copenhagen kommt es zu einem mörderischen Zwischenfall: der Modezar Alpha Bartholdy wird Opfer eines Anschlags und verstirbt kurz nach dem Verlassen der Party an den Verätzungen, die ihm der verabreichte Abflussreiniger zugefügt hat. Nur wenige Tage später kostet der gleiche Modus Operandi der attraktiven Sängerin Christel Toft das Leben, die ebenso wie Bartholdy in den Kreisen der Reichen und Schönen verkehrte. Polizeiassistent Jeppe Kørner und seine Kollegin Anette Werner werden auf die Fälle angesetzt, um die offensichtliche Verbindung zwischen den Todesfällen herauszufinden und schnellstmöglich ein Motiv zu ermitteln, bevor der nächste Mord geschieht. Jeppes Freund Johannes Ledmark rückt schon bald ins Visier der Mordkommission, denn er hatte mit Bartholdy ein intimes Verhältnis und kannte auch Christel ganz persönlich. Doch Jeppe weigert sich an die Schuld seines Vertrauten zu glauben und scheint auch Recht zu behalten, denn Johannes wird kurz nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft fast zum dritten Opfer des immer noch ominösen Serienkillers. Die Polizei tappt im Dunkeln, denn gerade das Umfeld der Reichen und Schönen bietet mehr als nur ein plausibles Mordmotiv. Erst ein entscheidender Hinweis von außen bringt sie voran, doch diesmal zeigt die Kompassnadel in eine ganz andere Richtung als erwartet …

Meinung

Dies ist der zweite Band aus der Kørner-Werner-Reihe, der sich diesmal in die Welt der Stars und Sternchen vorwagt, um einen verzwickten Fall zu präsentieren, in dem es zahlreiche potentielle Mörder gibt und ebenso viele Gründe, die versnobten Egoisten hinzurichten. Trotz der Tatsache, dass ich den ersten Band („Krokodilwächter“) bisher noch nicht gelesen habe, bin ich inhaltlich prima mit dem Setting und den Figuren klargekommen. Gerade die liebevoll beschriebenen Protagonisten waren es, die mich von diesem Thriller überzeugen konnten, während ich die Auflösung des Falles eher als zweitrangig empfand.

Natürlich gelingt es der Autorin Katrine Engberg eine wirklich ansprechende Story zu entwerfen, in der man gerne miträtselt, Theorien aufstellt und sie wieder verwirft und mit unvorhersehbaren Wendungen neue Wege beschreiten muss. Doch die übergeordnete Erzählperspektive hat mir persönlich nicht so gut gefallen, weil dadurch eine gewisse Distanz entsteht und man die Motive des Täters nicht unmittelbar nachvollziehen kann.

Umso überzeugender waren die detailliert ausgearbeiteten Charaktere mit ihren vielen Ecken und Kanten. Egal ob es der vom Leben gebeutelte Jeppe mit seiner frischen, doch instabilen Partnerschaft zu einer deutlich jüngeren Frau ist, oder die Mittvierzigerin Anette, deren Essverhalten sie in gesundheitliche Probleme stürzt – sie sind äußerst bildhafte, glaubwürdige Menschen, deren Befindlichkeiten in zahlreichen humorvollen Interaktionen spürbar werden.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen sympathischen, erzählenden Thriller, der durch Atmosphäre, überraschende Wendungen und differenzierte Personenbeschreibungen punkten kann – immer ist man als Leser nah dran am Geschehen und direkt involviert in die Ermittlungsarbeit. Das Buch kommt auch ohne große Gewaltszenen und blutige Ereignisse aus. Ich freue mich schon auf den 3. Band der Reihe („Glasflügel“), der abermals niveauvolle Krimiunterhaltung verspricht und den ich möglichst bald lesen möchte.

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Veröffentlicht am 11.04.2020

Alle Figuren sind böse und gleichzeitig gut

Long Bright River
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„Ich wollte, dass alles so blieb wie es war. Ich fürchtete die Wahrheit mehr als die Lüge. Die Wahrheit würde die Umstände meines Lebens verändern. Die Lüge war statisch. Die Lüge war friedlich. Ich war ...

„Ich wollte, dass alles so blieb wie es war. Ich fürchtete die Wahrheit mehr als die Lüge. Die Wahrheit würde die Umstände meines Lebens verändern. Die Lüge war statisch. Die Lüge war friedlich. Ich war mit der Lüge zufrieden.“

Inhalt

Mickey Fitzpatrick arbeitet bei der Sitte in Philadelphia, in ihrem Bezirk Kensington wimmelt es nur so von Dealern, Prostituierten und Gewalttaten auf offener Straße. Ihre Schwester Kacey, ist selbst eine der Frauen, die am Straßenrand steht und auf irgendeinen Freier wartet, um sich den dringend benötigten nächsten Schuss setzen zu können. Und Mickey, die zwar seit 5 Jahren kein Wort mehr mit ihrer kleinen Schwester gewechselt hat, behält sie dennoch im Auge. Als eine Mordserie an jungen Prostituierten die Gegend erschüttert, kommt sie als Polizistin nicht drum herum sich mit den Opfern abzugeben und voller Sorge an jeden neuen Tatort zu fahren, immer in der Erwartung dort auf Kaceys Leiche zu treffen.

Mickey mobilisiert ihr gesamtes privates Umfeld und einige wenige Kollegen, denen sie vertraut, um einen Hinweis auf Kaceys Verbleib zu erhalten. Doch bald schon merkt sie, dass sie auf eine Mauer des Schweigens trifft – denn andere scheinen bewusst Informationen vor ihr zu verbergen, damit sie ihrer Schwester nicht zu nahekommt. Denn schon einmal hat Mickey etwas von Kacey genommen, um es zu retten und es damit für ihre drogenabhängige Schwester unerreichbar werden zu lassen und nun steckt die junge, hilfsbedürftige Frau in einer ganz ähnlichen Situation …

Meinung

Die in Philadelphia wohnhafte Autorin Liz Moore schafft mit ihrem vierten Roman ein authentisches Porträt einer zerrütteten Stadt, vieler am Rande der gesellschaftlichen Anerkennung lebenden Menschen und zweier Frauen, die unter schwierigen Umständen groß geworden sind und sich doch vollkommen unterschiedlich entwickelt haben. Dieses Buch stand schon längere Zeit auf meiner Wunschliste, weil die Lesermeinungen dazu durchweg positiv waren und ich mir einen bewegenden Familienroman über zwei Schwestern vorstellen konnte, denen das Leben diverse Steine in den Weg gelegt hat. Und gerade der Mix aus Gesellschaftskritik, persönlicher Lebensgeschichte und Kriminalhandlung macht tatsächlich den Reiz des Buches aus und lässt den Leser tief hineinschauen in ein Szenario, dem man im echten Leben möglichst fernbleiben möchte.

Zunächst ist es genau dieser Handlungsschwerpunkt, der mich nicht so ganz in den Roman hineinziehen konnte, weil mich die Berührungspunkte mit dem Leben der Drogenabhängigen und Straßenkinder generell etwas befremdet haben und stellenweise schockierend ehrlich aber gleichermaßen unvorstellbar auf mich wirkten. Die sich ständig wiederholende Schleife aus Drogenkonsum, Entziehungskuren, Zeiten der Abstinenz und dem erneuten Rückfall und das gleich in geballter Ladung, weil es sich hier nicht um Einzelschicksale, sondern um gesellschaftliche Brennpunkte handelt, erscheint mir dramatisch und unverständlich zugleich.

Doch die Autorin legt ihr Augenmerk nicht auf die Rahmenhandlung sondern lässt Mickey, die Hauptprotagonistin ganz nebenbei aus ihrem Leben als Polizistin erzählen, von ihrer Kindheit, in der sie selbst eine drogenabhängige, jung verstorbene Mutter und einen abwesenden Vater hatte, in der sie miterleben musste, wie ihre Schwester mit der Pubertät in die Drogenspirale geriet, in der sie trotz guter Noten nie die Chance bekam, etwas wirklich bedeutendes aus ihrem Leben zu machen und in der ihre erste große Liebe ein verheirateter Mann war, der ihre Schwester geschwängert hat. Diese Blicke in die Vergangenheit in Kombination mit der Gegenwartshandlung lassen diesen Roman so lebendig und spannend wirken, sie sind ein regelrechtes Feuerwerk an Unterhaltungskunst und machen eine doch eher traurige Normalität zu einer ganz besonderen Erzählung.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen sozialkritischen Unterhaltungsroman, der mehrere Lebensgeschichten gekonnt miteinander verknüpft und ganz nebenbei eine spannende Kriminalhandlung aufgreift, in der eine ambitionierte Polizistin versucht einem Frauenmörder das Handwerk zu legen, bevor ihre eigene Schwester in dessen Hände gerät.

Doch die Thematik generell ist viel weiter gefasst als man vermuten möchte, denn es geht auch um Selbstbestimmung, um Benachteiligung, um gescheiterte Lebensentwürfe und große Gesten. Es geht um starke Frauen, die kämpfen müssen, um sich ihren Platz zu verdienen und die im richtigen Moment zurücktreten, um andere schützen zu können. Ebenso vielfältig wie die Handlung sind auch die Charaktere – man baut trotz der immer wieder anklingenden Klischees und Vorurteile eine emotionale Bindung zu ihnen auf und folgt begeistert ihren Wegen. Ein sehr lesenswerter Roman, der zwar nicht alle meine Erwartungen erfüllen konnte, mich aber in seiner Gesamtheit überzeugt hat.

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Veröffentlicht am 05.04.2020

Die biografische Fernerkundung der Vergangenheit

Das flüssige Land
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„Von manchen Sehnsüchten wissen wir gar nicht, dass wir sie haben, bis wir auf sie stoßen: Ich war zum ersten Mal in meinem Leben angekommen.“

Inhalt

Ruth Schwarz hat die leidvolle Aufgabe, nach dem ...

„Von manchen Sehnsüchten wissen wir gar nicht, dass wir sie haben, bis wir auf sie stoßen: Ich war zum ersten Mal in meinem Leben angekommen.“

Inhalt

Ruth Schwarz hat die leidvolle Aufgabe, nach dem Unfalltod ihrer Eltern, deren letzten Wunsch zu erfüllen. Da beide in der österreichischen Gemeinde Groß-Einland, die seltsamerweise auf keiner Karte verzeichnet ist, aufgewachsen sind, möchten sie dort auch ihre letzte Ruhestätte finden. Ruth gelingt es, die mysteriöse Gemeinde aufzuspüren, deren Paradoxon sehr gut zum Thema von Ruths Habilitation passt: Die Zeit scheint hier stillzustehen, Monate vergehen wie Stunden und die Vergangenheit ist ebenso präsent, wie die Zukunft. Die junge Frau, fühlt sich dort aufgehoben und verliert ihr ursprüngliches Ziel schnell aus den Augen. Stattdessen erwirbt sie das Geburtshaus ihrer Eltern und tritt in die Dienste der Gräfin, die als adliges Oberhaupt der Gemeinde gilt.

Denn Groß-Einland hat ein elementares Problem, welches Ruth durch ihre Kenntnisse der Physik möglicherweise beheben könnte. Vor Jahrzehnten war der Ort ein Bergbaurevier und die diversen Grabungen an allen möglichen Orten der Stadt führen nun dazu, das immer mehr Erdschichten absinken und mit sich die Häuser und Gebäude in die Tiefe reißen. Ganz in der Nähe des Marktplatzes befindet sich das wohl gefährlichste Objekt, ein Loch welches wie ein wildes Tier diverse Erdschichten verschluckt. Doch obwohl die Gräfin wünscht, dass Ruth der Natur Einhalt gebietet, indem sie die Gesteinsschichten vor dem Verfall bewahrt, so vehement wehrt sie sich gegen deren Erkundungen, warum der Boden so löchrig ist und wer oder was unter den bereits eingestürzten Gebieten ruht …

Meinung

Der Debütroman der niederösterreichischen Autorin Raphaela Edelbauer, verspricht eine magisch-mystische Erzählung in Verbindung mit einer spannenden Geschichte über die Opfer der Vergangenheit und den Wunsch Einzelner, Verborgenes im Verborgenen zu belassen. Tatsächlich bietet dieser ungewöhnliche Ansatz ein buntes Potpourri an Menschen, Ereignissen und Unterlassungen, sowie eine faszinierende Ausarbeitung einer eher schlichten Thematik, die auf den ersten Blick recht unscheinbar wirkt und es letztlich auch bleibt.

Die Lektüre lebt gerade zu Beginn von den Unwahrscheinlichkeiten und mysteriösen Begebenheiten, entwickelt sich aber in ihrem Verlauf zu einer Art Erkundung der Familiengeschichte, die direkt mit den Ereignissen vor Ort verknüpft zu sein scheint. Irgendwie muss man sich auf den Plot einlassen, erinnert er doch stark an ein Märchen und beschwört genau solche Bilder herauf, die dazu passen würden. Die Protagonistin selbst ist kein einfacher Mensch und lebt zwischen ihrer Drogenabhängigkeit und der Lethargie einer heimatlosen Seele, so dass man ihr die Ermittlungsarbeit nicht so ganz zutraut, doch im Anbetracht der nicht verrinnenden Zeit, der statischen Probleme und ihrer gewissenhaften Erledigung des Arbeitsauftrages, dringt immer wieder eine glasklare Entwicklung in den Vordergrund: In Groß-Einland schlummern Dinge, die bisher niemand hinterfragt hat, die möglicherweise vertuscht wurden und sich nun mit Macht ihren Weg an die Oberfläche bahnen.

Meine Kritikpunkte beziehen sich in erster Linie auf die Gestaltung des Textes, der gerade im Mittelteil unschöne Längen hat. Angefangen mit den hundertsten und tausendsten Veränderungen in einer ohnehin erdachten Welt, hin zu unbedeutenden Gesprächen in der Ortskneipe und stundenlangen Aufenthalten in der Bibliothek, zur Recherchearbeit an der Chronik. All das hat mein Lesevergnügen zusehends geschmälert, zumal keine bahnbrechenden Neuigkeiten zu Tage gefördert werden. Und obwohl Ruth zunächst ein wahres Zuhause in dieser unbekannten Gegend gefunden hat und so etwas wie Wärme und Geborgenheit empfindet, muss auch sie einsehen, dass ihre neue Heimat nicht für die Ewigkeit gemacht ist.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne, die ich zu 4 Sternen aufrunde für diesen innovativen, märchenhaften Roman, der den Leser in eine kleine Welt entführt, die sich gar nicht weit von der unsrigen in einem kurzen Abschnitt zwischen Raum und Zeit befindet. Die Ansätze bezüglich wichtiger Themen wie Herkunft, Familie, Zuhause werden jedoch von den Ereignissen vor Ort immer wieder überlagert und verschmelzen zu einem eigenartigen Gebilde aus Fantasie, Geschichte und Realität. So wie es der Protagonistin ergeht, so vollzieht sich die Wirkung auch beim Leser: man ist immer unterwegs, entdeckt etwas Neues, findet eine Antwort und stellt im gleichen Augenblick fest, wie unbedeutend sie ist. Das Buch bringt unterhaltsame Stunden in einem Paralleluniversum mit sich, hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck bei mir.

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