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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.12.2022

Fesselnder und erschreckend realistischer Politik- und Gesellschaftsthriller

Turmgold
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Zehn Jahre nach der Geiselnahme von drei Nazis im Turm, einem Hochbunker, rückt dieser wieder ins Rampenlicht, und zwar diesmal durch ein rechtsradikales Attentat auf dem im Turm beherbergten jüdischen ...

Zehn Jahre nach der Geiselnahme von drei Nazis im Turm, einem Hochbunker, rückt dieser wieder ins Rampenlicht, und zwar diesmal durch ein rechtsradikales Attentat auf dem im Turm beherbergten jüdischen Kindergarten. Zunächst können die beiden Erzieherinnen mit den Kindern flüchten, doch lauert in den Katakomben des Turms noch ein weiteres Geheimnis, nämlich verschollenes Gold der Nazis, für das manche bereit sind, über Leichen zu gehen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Mit "Turmgold" hat Peter Grandl es geschafft, einen brisanten und erschreckend realistischen Polit- und Gesellschaftsthriller zu schreiben, der zu keiner Zeit an Spannung einbüßt und das über mehr als 580 Seiten.
Erzählt wird die Geschichte, die nicht nur hochaktuell und kritisch ist, sondern auch durchaus historisch interessant, aus Sicht mehrerer Charaktere und teils zu verschiedenen Zeitpunkten, ohne dabei für Verwirrung zu sorgen. Obwohl es sich um eine fiktive Handlung handelt, sind die einzelnen Handlungsstränge und die Gedanken- und Gefühlswelt der handelnden Personen so realistisch beschrieben, dass man meint, es entspreche der Realität. Besonders die gesellschaftliche und politische Stimmung sowie das Innenleben der betroffenen Personen weiß der Autor gekonnt einzufangen. Zusammen mit dem intensiven und eindringlichen Schreibstil entwickelt der Thriller von Anfang an eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann.
Nicht nur die Charaktere sind gut gezeichnet und authentisch beschrieben auch wie der Titel des Thrillers schon andeutet, spielt der Turm eine wichtige Rolle innerhalb des Handlungsgeschehens. Der Autor schafft es auf eindrückliche Art und Weise, die beklemmende, bedrohliche und geheimnisvolle Atmosphäre innerhalb des Turmes während des rechtsradikalen Attentates auf den jüdischen Kindergarten darzustellen und so den Turm regelrecht lebendig werden zu lassen. Was sich im Turm und um den Turm herum abspielt, sorgt für den ein oder anderen Schockmoment und regt aufgrund der sehr aktuellen Themen, wie z. B. Rechtsradikalismus, Antisemitismus, politischen Extremismus, Sensationsgier der Medien, Angriffe auf Politiker und Corona, zum Nachdenken an und hallt noch lange nach. Trotz der Themenfülle und Charakteranzahl fühlt man sich beim Lesen jedoch zu keinem Zeitpunkt an, dass es zu viel ist. Einzig zum Ende hin hätte ein bisschen weniger Action der Glaubwürdigkeit der Handlung gutgetan.

Alles in allem ist "Turmgold" ein Thriller, der seinem Namen alle Ehre macht. Hochaktuelle und brisante Themen gepaart mit einer gut konstruierten und erschreckend realistischen Handlung sorgen für Spannung und Schockmomente von Anfang bis Ende. Fesselnde Lesestunden garantiert!

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Veröffentlicht am 28.11.2022

Spannend und gut recherchierter Roman über die Wikingerzeit, passend zum Spiel

CATAN - Der Roman (Band 1)
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"CATAN – Der Roman" von Klaus Teuber ist, wie der Name schon andeutet, das Buch zum bekannten Gesellschaftsspiel "Die Siedler von Catan" und so wie man mit dem Spiel tolle Spieleabende verbringen kann, ...

"CATAN – Der Roman" von Klaus Teuber ist, wie der Name schon andeutet, das Buch zum bekannten Gesellschaftsspiel "Die Siedler von Catan" und so wie man mit dem Spiel tolle Spieleabende verbringen kann, so kann man auch mit dem Buch tolle Lesestunden verbringen.

Wir schreiben das Jahr 860 und Asla, die Tochter des Wikingerfürsten Halldor, flieht mit Hilfe von Thorolf, ihr Geliebter und Vater ihres ungeborenen Kindes und dessen Brüdern Digur und Yngvi vor einer Zwangsheirat. Doch ihre Flucht hat schwerwiegende Konsequenzen. Sie werden für mehrere Jahre verbannt und begeben sich gemeinsam mit mehreren ausreisewilligen Gefolgsleuten auf die Reise nach Catan in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch wird sich ihr Wunsch erfüllen oder sind die Herausforderungen, die sich durch die Neubesiedelung einer fremden Insel ergeben zu groß?

Diese Frage sowie noch viele andere Themen werden im Verlaufe des ersten Bandes der Romantrilogie aufgeworfen bzw. behandelt. Besonders im Rahmen der Besiedlung der Insel werden Religion, Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen vor dem Hintergrund der Wikingerzeit von einigen Siedlern neu gedacht, was unweigerlich zu Konflikt auch innerhalb der eigenen Familie führt. Eingebettet ist dies in eine spannend erzählte Handlung, die durch mehrere dramatische Wendungen lebendig gehalten wird. Der Autor ist hierbei sichtlich bemüht, ein authentisches und detailliertes Bild der zahlreichen Charaktere und der Wikingerzeit zu zeichnen, was manchmal jedoch in etwas langatmigen und eher sachlich wirkenden Abschnitten endet. Insgesamt schafft Teuber es jedoch, die Waage zwischen informativen Inhalt und neugierig machender Geschichte mit überzeugender und glaubwürdiger Charakterzeichnung zu halten. Jedoch sollte man kein rasantes Erzähltempo erwarten, vor allem wenn es in den Aufbau der Siedlung geht ist, ist die ein oder andere ausschweifende Beschreibung vorhanden.

"CATAN - Der Roman" ist ein Buch, auf, das man sich einlassen muss, aber wenn man dazu bereit ist, wird man mit einer fesselnden Geschichte über Familie, Liebe, Gesellschaftsstruktur und -entwicklung, Glauben und Macht belohnt.

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Veröffentlicht am 20.11.2022

Spannendes Wiedersehen mit Harry Hole

Blutmond (Ein Harry-Hole-Krimi 13)
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Jo Nesbøs neuer Band "Blutmond" aus der Reihe rund um den alkoholabhängigen und eigenwilligen, aber dennoch auf seine eigene Art und Weise sympathischen Ermittler Harry Hole ist ein Thriller, der seinem ...

Jo Nesbøs neuer Band "Blutmond" aus der Reihe rund um den alkoholabhängigen und eigenwilligen, aber dennoch auf seine eigene Art und Weise sympathischen Ermittler Harry Hole ist ein Thriller, der seinem Namen alle Ehre macht. Fesselnd geschrieben, nichts für schwache Nerven und voller Twists fliegt man förmlich durch die mehr als 500 Seiten.

Das Buch beginnt damit, dass Harry Hole nach L.A. gegangen ist, um sich nach dem Tod seiner Frau zu Tode zu trinken. Fertig mit dem Leben, macht er dort die Bekanntschaft mit einer älteren Frau, die ihn an seine Mutter erinnert und um sie vor dem mexikanischen Kartell zu retten, nimmt er den Auftrag eines Anwaltes, dessen Klient, ein reicher Immobilienmakler, verdächtigt wird, etwas mit den Morden an zwei Frauen zu tun zu haben. Ehe er sich versieht, befindet sich Hole als Privatermittler wieder in Norwegen. Um den Fall zu lösen, stellt er eine etwas ungewöhnliche Ermittlergruppe bestehend aus einem krebskranken Psychologen, einem korrupten Polizisten und einem Schulfreund, der mit Kokain dealt, zusammen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Dank des flüssigen, bildreichen und atmosphärischen Schreibstils des Autors wird man schon nach den ersten Seiten in die Geschichte hineingezogen. Anfangs noch etwas langsam, nimmt die Spannung von Seite zu Seite und endet in einem rasanten und wendungsreichen Finale mit dem Blutmond als passende Hintergrundkulisse. Besonders zum Ende hin zeigt Nesbø, dass er ein Meister darin ist, den Leser zu verwirren, falsche Hinweise zu geben, sodass der wirkliche Täter lange im Dunklen bleibt.
Die Charakterzeichnung des Täters, aber auch der altbekannten Gesichter ist glaubwürdig und authentisch und sorgt besonders im Falle des Mörders für Gänsehautfeeling. Wechselnde Perspektiven und kurze Kapitel sorgen für Spannung und im Falle des Mörders auch für leichten Ekel.

Alles in allem ist "Blutmond" ein spannendes Wiedersehen mit Harry Hole, das durch eine interessante Handlung, tolle Charaktere mit Stärken und Schwächen und einem fesselnden und stimmungsvollen Schreibstil zu überzeugen weiß und Lust macht auf eine Fortsetzung.

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Veröffentlicht am 14.11.2022

Schonungslose Identitätssuche

Anleitung ein anderer zu werden
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In dem ausdrucksstarken autobiografischen Roman "Anleitung ein anderer zu werden" von Edouard Louis beschreibt Louis, wie er sein Leben und sich selbst verändert hat. Er geht hierbei einen äußerst schmerzhaften ...

In dem ausdrucksstarken autobiografischen Roman "Anleitung ein anderer zu werden" von Edouard Louis beschreibt Louis, wie er sein Leben und sich selbst verändert hat. Er geht hierbei einen äußerst schmerzhaften Weg zwischen Selbstverleugnung und Selbsterfindung, sein Weg ist übersät mit Menschen, die er zurückgelassen hat, und er empfindet eine Menge Bedauern, dennoch tut es ihm nicht leid, denn er ist jetzt sein eigener Mann.

Wie auch schon in seinen vorherigen autobiografischen Romanen erzählt Louis von seiner Kindheit in prekären Verhältnissen, die von Gewalt und Armut überschattet war sowie von Rassismus und Homophobie geprägt war. Er spricht über seine Eltern, seinem gefühlskalten Vater, dem Entdecken seiner Homosexualität und seiner Flucht aus der nordfranzösischen Provinz.

Im Gegensatz zu seinen anderen Romanen liegt der Schwerpunkt aber mehr auf seiner radikalen Selbstverwirklichung, Louis spricht über seine Gedanken und Bemühungen zu fliehen, die von seinem Wunsch nach Rache angetrieben werden. Louis wollte, dass die Menschen, die ihn wegen seiner Homosexualität schikanierten und diskriminierten Scham empfinden, und er gibt auch zu, dass das Abstreifen seiner alten Identität als Intellektueller in Paris, die ihn von seiner eigenen Familie wegführte, ihm das Gefühl gab, Macht über das Erbe zu haben, für das er sich selbst schämte.

Aber der Roman ist auch eine Danksagung und eine Entschuldigung an die Menschen in Louis Leben, die von seinem Wunsch nach Veränderung betroffen waren. Der erste Teil ist an Elena gerichtet, einer Freundin, die er während seines Studiums in Amiens kennengelernt hat und deren Familie von Akademikern zu Vorbildern für Louis werden. Der zweite Teil richtet sich an Didier Eribon, der auch zu seinem Vorbild und Freund wird und der dritte wieder an Elena. Außerdem gibt es auch Passagen, in denen er sich direkt an seinen Vater wendet, und einige, in denen er mit seinem eigenen Spiegelbild spricht. Trotz seines sozialen Aufstiegs ist er innerlich zerrissen, hat nicht das Gefühl angekommen zu sein und er kann seine Herkunft und seine Unsicherheit nicht überwinden.

"Anleitung ein anderer zu werden" ist ein starkes Buch über Identitätssuche, indem Louis schonungslos offen und ehrlich ist und das aufgrund seines Inhalts und des direkten und präzisen Schreibstils von Louis noch lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 13.11.2022

Langatmiger französischer Gesellschaftsroman

Connemara
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"Connemara" von Nicolas Mathieu ist die Geschichte von Hélène, die verheiratet ist, zwei Kinder hat und ihr Leben gemeistert hat. Hélène und Christophe wachsen in der gleichen Stadt auf und bewegen sich ...

"Connemara" von Nicolas Mathieu ist die Geschichte von Hélène, die verheiratet ist, zwei Kinder hat und ihr Leben gemeistert hat. Hélène und Christophe wachsen in der gleichen Stadt auf und bewegen sich in unterschiedlichen sozialen Kreisen. Er ist ein Eishockeystar, der von seinen Kollegen verehrt wird und dem ein großes Schicksal bevorsteht. Sie setzt alles auf ihre hervorragenden schulischen Leistungen, um aus dieser Situation herauszukommen, alles, um nicht wie ihre Eltern zu sein. Hélène hat ihre Heimat verlassen, um in Paris zu studieren, dort eine glänzende Karriere zu machen, eine schöne Ehe zu führen, kurz gesagt, dort das Leben zu leben, von dem sie geträumt hat. Jahre später, im Alter von 40 Jahren, begegnen sich Hélène und Christophe zufällig. Eine Flamme, die bei beiden längst erloschen ist, wird wieder entfacht. Doch schon bald stellt sich die entscheidende Frage: Worum geht es in dieser Beziehung wirklich?

Ich bin bei diesem Buch sehr hin- und hergerissen zwischen Anziehung und Langeweile. Die Geschichte fand ich besonders am Anfang interessant, doch gleichzeitig war ich stellenweise sehr gelangweilt, weil ich den beiden Protagonisten nicht wirklich nahekam und ich mich so nicht großartig für ihr Schicksal interessierte.
Zu Beginn wurde ich in den Roman hineingezogen: Als sich die Handlung entwickelte, ließ mein Interesse jedoch etwas nach, was vor allem auch an unnötigen langen Ausführungen über nicht handlungsrelevante Themen wie z. B. die Funktionsweise von HR-Beratungsfirmen lag.
Auch war das Ende mir zu abrupt im Vergleich zum Rest der Geschichte.

Gut gefallen hat mir jedoch der Schreibstil des Autors. Mit schonungsloser Klarheit und Genauigkeit schreibt Nicolas Mathieu über die Jugendträume, die man erreicht oder nicht erreicht, über Frankreichs Gesellschaft und darüber, was der Ausdruck "Erfolg im Leben" bedeutet.

Die Stärke des Romans ist sein sozialkritischer Aspekt. Es geht um den sozialen Fahrstuhl, die Konkurrenz in der Schule, die Uni und später im Beruf. Ebenso wird auf die Vergänglichkeit unserer Existenz angespielt, die Realität des Alterns und die Verleugnung, die es mit sich bringt und das ein guter Posten und volle Bankkonten nicht alles im Leben ist.

Insgesamt ist "Connemara" ein Buch mit starken Ansatz, aber mit Schwächen in der Umsetzung und dem besonders im Mittelteil weniger Seiten besser getan hätten.

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