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jules_jude

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.05.2023

Eine besondere Freundschaft - berührend erzählt

Leonard und Paul
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Leonard und Paul sind gute Freunde, Mitte dreißig, zwei ruhige und bescheidene Männer, die noch bei ihren Eltern wohnen und sich einmal in der Woche zum Brettspielen treffen. Beide scheinen zufrieden mit ...

Leonard und Paul sind gute Freunde, Mitte dreißig, zwei ruhige und bescheidene Männer, die noch bei ihren Eltern wohnen und sich einmal in der Woche zum Brettspielen treffen. Beide scheinen zufrieden mit ihrem ruhigen und für den ein oder anderen ihrem langweilig erscheinenden Leben zu sein. Leonard lebt mit seiner verwitweten Mutter zusammen, und er genießt die gemeinsame Freundschaft sowie Gesellschaft mit Paul. Paul hat eine Schwester, die bald heiraten wird und er liebt seine Eltern und könnte sich nicht vorstellen, sein Leben anders zu gestalten. Die beiden sind sozial ziemlich unbeholfen, Leonard ist schüchtern und wenig selbstbewusst, während Paul einige Symptome von Autismus zeigt, auch wenn dies nie ausdrücklich erwähnt wird. Es ist eine Freude zu sehen, wie die beiden ihre Komfortzone verlassen und sich der Welt öffnen.

Der Inhalt von "Leonard und Paul" kommt auf den ersten Blick ruhig und unscheinbar daher. Doch das bedeutet nicht, dass nichts von Interesse im unaufgeregten und feinfühlig erzählten Roman passiert. Erzählt aus verschiedenen Perspektiven, liegt die Stärke des Buches in seiner feinen Beobachtungsgabe des Innenlebens der jeweils auf ihrer eigenen Art besonderen und liebenswerten Charaktere, die man einfach in ihr Herz dafür schließt, dass sie so sind wie sie sind. Man wird Zeuge ihrer kleinen inneren Dramen und wünscht ihnen einfach nur das Beste.

"Leonard und Paul" steckt voller Wärme für seine Charaktere, sodass die Bezeichnung Wohlfühlbuch hier nicht fehl am Platz ist. Keine überflüssigen Dramen, die die Spannung künstlich erhöhen sollen, um so die Leser*innen bei der Stange zu halten, sondern einfach vielschichtig gezeichnete Personen, die durch ihre Einfachheit und aufgrund ihrer ereignisarmen Alltagsleben eher selten in einer Romanhandlung stehen. Aber genau das macht diesen Roman so besonders und lesenswert.

Es ist eine kurzweilige, leicht humorvolle, berührende und empathisch erzählte Geschichte, die einem für einen kurzen Moment, aus dem Alltag entfliehen lässt und so den Stress und mögliche Sorgen vergessen machen lässt.

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Veröffentlicht am 29.04.2023

Reise in die Welt der Toten mit Schwächen

Als wir Vögel waren
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"Als wir Vögel waren" ist eine mythische Liebesgeschichte, die in Trinidad und Tobago spielt, und ein Roman, der mich leider nicht komplett überzeugen konnte. Gut gefallen hat mir das stilistische Element ...

"Als wir Vögel waren" ist eine mythische Liebesgeschichte, die in Trinidad und Tobago spielt, und ein Roman, der mich leider nicht komplett überzeugen konnte. Gut gefallen hat mir das stilistische Element des magischen Realismus und die geheimnisvolle Atmosphäre der Geschichte. Weniger gut hat mir die fehlende Tiefe in Bezug auf den Inhalt zum Ende des Romanes gefallen.
Darwin, der in einem strengen Elternhaus aufgewachsen ist, nimmt den einzigen Job an, der ihm zur Verfügung steht, den eines Totengräbers. Um seine Familie zu ernähren, muss er gegen seine Traditionen und das einzige Leben, das er je gekannt hat, verstoßen.
Yejide stammt aus einer Familie von Frauen, die in der Lage sind, mit den Toten zu kommunizieren, und die für den Übergang der Seelen ins Jenseits verantwortlich sind. Doch Yejides Beziehung zu ihrer Mutter war schon immer angespannt, und nach deren Tod ist Yejide nicht darauf vorbereitet, ihre Bestimmung zu erfüllen.
Bald treffen sich Darwin und Yejide auf dem Friedhof, zusammengeführt durch ihre Verbindung zu den Toten.

Was den stimmungsvoll geschriebenen Roman, der von Familie, Liebe, Verlust und Selbstfindung handelt, so besonders und außergewöhnlich macht, ist der Friedhof als wichtiger Handlungsort und die Rolle, welche die Totenwelt und die Kommunikation dabei spielt. Man taucht dank der beiden Hauptcharaktere in eine fremde Kultur ein und wird Teil dieser.
Erzählt aus den Perspektiven beider Protagonisten, gewinnt man ein vielschichtiges Bild von Darwin und Yejide und deren gesellschaftlichen und familiären Hintergrund. Leider konnte ich jedoch nicht wirklich eine emotionale Bindung zu beiden aufbauen. Ihre Liebesgeschichte blieb für mich vergleichsweise blass. Auch konnte mich der Handlungsverlauf an sich nicht komplett überzeugen. Anfangs nimmt die Geschichte sich vergleichsweise viel Zeit bei ihrer Entwicklung um dann zum Schluss hin deutlich an Fahrt aufzunehmen, wodurch manche Handlungsstränge etwas zu einfach gelösten bzw. zu oberflächlich abgehandelt werden. So verliert die Handlung als Ganzes betrachtet bedauerlicherweise an inhaltlicher Stärke und Tiefe. Was wirklich Schade ist, den der magische Aspekt der Geschichte ist besonders gut dargestellt.

Insgesamt kann "Als wir Vögel waren" mit einem einzigartigen Konzept, Setting und einem bildlich und stimmungsvollen Schreibstil aufwarten, dessen inhaltliche Umsetzung jedoch nicht komplett überzeugen kann, abgesehen vom magischen Aspekt. Aber es ist definitiv eine interessante Lektüre, die einen in eine fremde Kultur um Tod und Leben eintauchen lässt.

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Veröffentlicht am 29.04.2023

Ein vielversprechender Roman, der zu viel will

Malibu Rising
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TJR weiß es, wie man Romane schreibt, die einen schnell in die Handlung eintauchen lassen, die für Stimmung sorgen und die sich schnell weglesen lassen. Doch leider konnte mich "Malibu Rising" nicht so ...

TJR weiß es, wie man Romane schreibt, die einen schnell in die Handlung eintauchen lassen, die für Stimmung sorgen und die sich schnell weglesen lassen. Doch leider konnte mich "Malibu Rising" nicht so fesseln wie erhofft.

Es ist August 1983 und die berühmten Geschwister Riva geben ihre jährliche Party und Malibu Beach steht in Flammen.
Bevor die eigentliche Party Gegenstand der Handlung wird, folgen erstmal Rückblicke in die Vergangenheit. Man erfährt, wie sich die Eltern der Geschwister Riva kennenlernten und wie die dysfunktionale Beziehung zu ihrem berühmten Sänger-Vater zustande kam. Ihr Vater war kaum Teil ihrer Erziehung, er hatte häufige Affären und verließ auch oft die gemeinsame Familie. Ihre Mutter war zwar physisch anwesend ist, die Sehnsucht nach ihrem untreuen Ehemann ließ sie jedoch in die Alkoholabhängigkeit abgleiten. So zieht die älteste Tochter Nina ihre Brüder und Schwestern auf, während ihre Mutter noch lebt. Diese Verantwortung prägt sie in einer Weise, die dazu führt, dass sie keinen Sinn für Selbsterhaltung hat, keinen Sinn für die Pflege ihres persönlichen Raums oder ihrer Gefühle. Alle Kinder haben ein überwältigendes Gefühl des Verlassenseins, aber sie haben einander.
Zurück in die Gegenwart von 1983 treten immer mehr Konflikte und unterdrückte Gefühle an die Oberfläche und zusammen mit unerwarteten Besuchen kommt es im Verlaufe der Party zur Katastrophe.

Der Anfang beginnt noch vielversprechend. Die Rückblenden in die Vergangenheit sind erzähltechnisch auch die besten Passagen im Buch. Besonders wenn es zum Handlungsstrang in die Gegenwart 1983 und zur Party an sich kommt, verliert sich der Roman in Oberflächlichkeiten und unnötiger Dramatisierung, die in einem vergleichsweise lahmen Ende gipfelt.
Anfangs kann die Beschreibung der Geschwister, deren Charakterzeichnung sowie die Beschreibung deren komplexen Familiendynamik noch mit Tiefe überzeugen. Je mehr der Fokus jedoch auf die Party gerichtet wird, desto stärker geht diese jedoch verloren. Zwar ist es ein kluger stilistischer Schachzug, die Party aus verschiedenen Personenperspektiven zu erzählen, doch bleiben so die jeweiligen Personen, aus deren Sicht erzählt wird, enttäuschenderweise sehr blass und oberflächlich. Auch dass der Schwerpunkt auf Drogen, Sex, Alkohol und Schönheit gelegt, führt eher zu einem stereotypen Bild dieser und lässt den erwarteten Schockeffekt ungünstigerweise verpuffen.
Des Weiteren fand ich die subtilen Anspielungen auf Charaktere, die in Reids anderen Büchern eine Rolle spielen, etwas zu viel des Guten.

Für Fans und wer auf der Suche nach einer leichten und angenehm und atmosphärisch geschriebenen Geschichte über die Stärke des Bandes zwischen Geschwistern vor dem Hintergrund der verlogenen Welt der Reichen und Schönen im sonnigen Malibu ist, der wird Gefallen an "Malibu Rising" von TJR finden. Mehr als eine nette Urlaubs- oder Strandlektüre ist es jedoch nicht.

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Veröffentlicht am 22.04.2023

Feinfühliges und leise erzähltes Porträt einer Stadt und deren Bewohner

Das Café ohne Namen
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Unaufgeregt und mit feiner Beobachtungsgabe erzählt Robert Seethaler in seinem Roman "Das Café ohne Namen" von Robert Simon, der am Anfang des Buches noch Gelegenheitsarbeiter auf dem Karmelitenmarkt in ...

Unaufgeregt und mit feiner Beobachtungsgabe erzählt Robert Seethaler in seinem Roman "Das Café ohne Namen" von Robert Simon, der am Anfang des Buches noch Gelegenheitsarbeiter auf dem Karmelitenmarkt in Wien in den 1960er-Jahren ist. Zwanzig Jahre nach Kriegsende befindet sich Wien im Aufbruch und Robert Simon ergreift die Gelegenheit und erwirbt ein Café. Bald schon wird sein Café Treffpunkt der arbeitenden und ärmeren Bevölkerungsschicht, die in seinem Café für einen Moment ihren tristen und harten Alltag für entfliehen können. Im Verlaufe der Geschichte begegnet man ehemaligen Näherinnen, Boxern, Künstlern, Metzgern oder auch Obdachlosen und wird Zeuge ihrer Wünsche und Sehnsüchte. So entsteht ein feinfühliges Gesellschafts- und Zeitporträt von Wien in den 60er- und 70er-Jahren.

Wie der Titel des Romanes schon andeutet, hat Robert Simons Café keinen Namen. Demzufolge steht auch nicht das Café an sich, sondern die unterschiedlichen porträtierten Personen im Vordergrund der spärchlichen Handlung, allen voran sein Besitzer Simon, seine Gäste und seine Angestellten. Mit viel Gespür für die leisen Töne, zeichnet Seethaler ein einfühlsames und differenziertes Bild der einzelnen Charaktere und erzählt hierbei fast schon vignettenhaft von einzelnen Ereignissen in deren Leben. Es kommt dabei gelegentlich zu großen Zeitsprüngen, die die ansonst flüssig und stimmungsvoll sowie leicht melancholischen erzählte Handlung etwas sprunghaft und zusammenhangslos erscheinen lässt. Der Sogwirkung des Romans tut diesen jedoch keinen Abbruch, die trotz der ereignisarmen Handlung entsteht.

"Das Café ohne Namen" ist ein Roman, der erst nach und nach seine Wirkung voll erzielt und den man erst auf sich wirken lassen muss. Hier ist kein Wort zu viel, es kommt auf die Zwischentöne an. Es ist ein leises und gefühlvolles Porträt einer Stadt im Wandeln und eines ärmeren sozialen Milieus. Lediglich etwas weniger große Zeitsprünge hätten der Handlung gutgetan.
Nicht nur für Fans von Robert Seethaler empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 22.04.2023

Lauwarme Mördersuche auf einer Insel

Wenn Worte töten
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Als Ex-Polizist und jetzt Privatdetektiv Daniel Hawthorne und der Autor Anthony Horowitz zu einem exklusiven Literaturfestival auf die Insel Alderney eingeladen werden, ahnen sie noch nicht, dass sie sich ...

Als Ex-Polizist und jetzt Privatdetektiv Daniel Hawthorne und der Autor Anthony Horowitz zu einem exklusiven Literaturfestival auf die Insel Alderney eingeladen werden, ahnen sie noch nicht, dass sie sich bald mitten in einer Mordermittlung wiederfinden. Zunächst verläuft noch alles wie geplant im Verlauf des Literaturfestivals. Hawthorne und Horowitz lernen die anderen Festivalgäste kennen, darunter eine blinde Wahrsagerin, französische Dichterin, ein bekannter Fernsehkoch, ein Historiker und ein Kinderbuchautor. Jedoch schon kurz nach Beginn des Festivals wird der Geldgeber des Literaturfestivals unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden. Daraufhin wird die Insel abgeriegelt, niemand darf sie betreten oder verlassen. Steht der Mord im Zusammenhang mit einem geplanten Stromprojekt auf der Insel oder ist der Mörder unter den Gästen des Literaturfestivals zu finden? Hawthorne und Horowitz beginnen zu ermitteln.

Eines muss man Horowitz lassen, er schafft es unterhaltsame und gut zu lesende Krimis zu schreiben, die in der Regel mit gut konstruierten Handlungsverläufen überzeugen können. Er versteht es, den Leser zu fesseln, indem er immer wieder infrage stellt, wer der Mörder sein könnte. Man kennt alle Verdächtigen, man hat alle Hinweise gehört, aber trotzdem kann die Auflösung am Ende überraschen.
Leider konnte mich dieser Kriminalroman im Kriminalroman nicht so wirklich begeistern, wie ich mir das erhofft habe.
Zum einen fiel es mir schwer, mich mit der Dynamik zwischen Hawthorne und Horowitz anzufreunden. Sie arbeiteten nicht wirklich zusammen, sondern eher jeder für sich und Hawthorne ließ Horowitz manchmal etwas dümmlich dastehen. Sympathisch ist was anderes.
Was die Handlung angeht, begann diese vielversprechend und erinnerte stellenweise an locked-room-Krimis à la Agatha Christie. So richtig außergewöhnlich und fesselnd ist "Wenn Worte töten" jedoch im Vergleich zu diesen jedoch nicht.

Wer auf der Suche nach einem kurzweiligen und unterhaltsamen Krimi ist und Fan von Horowitz, wird Gefallen am dritten Band um Horowitz und Hawthorne finden. Ein Muss ist jedoch nicht.

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