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Veröffentlicht am 17.04.2018

Hänschen klein

Hänschen klein
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Eine Mutterliebe, die so stark ist, dass sie Jahrzehnte der Trennung überwindet. Ein Wahn, der sein Ziel nie aus den Augen verliert, und ein Hass, der so stark ist, dass eine Mutter buchstäblich über Leichen ...

Eine Mutterliebe, die so stark ist, dass sie Jahrzehnte der Trennung überwindet. Ein Wahn, der sein Ziel nie aus den Augen verliert, und ein Hass, der so stark ist, dass eine Mutter buchstäblich über Leichen geht, um ihren Sohn wieder zu finden.

Andreas Winkelmann hat ein Thema gewählt, das eine sehr gute Grundlage für einen atemberaubenden Thriller bietet. Die Spannungselemente sind gekonnt in den Plot eingebaut, und der Spannungsbogen bleibt bis zum dramatischen Finale sehr hoch. Dennoch kam es zum ersten Mal vor, dass ein Buch eines meiner favorisierten Thriller-Autoren es nicht schaffte, mich in seinen Bann zu ziehen.

Ich hatte Schwierigkeiten mit sämtlichen Protagonisten, konnte mich nicht in sie hinein versetzen, empfand zu viele Handlungen und Entwicklungen als wenig glaubwürdig bzw. nachvollziehbar.

Was mich zudem störte war der Fäkaljargon, insbesondere der äußerst verschwenderische Umgang mit dem Wort „Scheiße“, der mir das Lesevergnügen beträchtlich verleidete.

Schade.

Veröffentlicht am 17.04.2018

Gnadenlos

Gnadenlos
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Ein Telefonanruf, der die heile Welt des Protagonisten Tom Meron in Sekundenschnelle zusammen brechen lässt, der blutige Verfolgungsjagden auslöst und skrupellose Auftragskiller auf den Plan ruft. Ein ...

Ein Telefonanruf, der die heile Welt des Protagonisten Tom Meron in Sekundenschnelle zusammen brechen lässt, der blutige Verfolgungsjagden auslöst und skrupellose Auftragskiller auf den Plan ruft. Ein lange zurück liegendes Verbrechen, das um jeden Preis vertuscht werden muss und welches das Ermittlerduo Mike Bolt und Mo Khan auf den Plan ruft. Simon Kernick schreibt von Korruption, Mord, Bestechung, Ehebruch und Kidnapping und verdeutlicht durch seine Geschichte, wie ein plötzliches Ereignis einen langweiligen Alltag in Sekundenschnelle durcheinander bringen kann, wie eine bisher heile Welt urplötzlich aus den Fugen gerät und den Menschen in einen tödlichen Strudel an seine physischen und psychischen Grenzen treibt. Die Umsetzung seiner Idee ist Kernick meines Erachtens bravourös gelungen, insbesondere im Bereich der Spannung.

Der Schreibstil des Autors fand durchaus meine Zustimmung. Die Ich-Form als gewählte Erzählform des Protagonisten Tom hebt sich gut von der Erzählung des Autors ab und verweist auf diese Art noch deutlicher auf den Szenenwechsel (Übergang Erzählung durch Tom zur Erzählung durch Kernick als Beobachter). Die Sprache war zeitweise durchaus brutal, die Beschreibungen blutrünstig – jedoch in diesem Fall zum Thema passend. Eine kleine Leseprobe, ein Dialog von S. 122, veranschaulicht vielleicht, wie sehr dem Leser durch die detaillierten Beschreibungen die Beklemmung, ja die Todesangst, nahe gebracht wird: "Der Bewaffnete trat auf mich zu, hob die Pistole und zielte auf meine Kniescheibe. Ich wand mich wie wild in meinen Fesseln, absolut hilflos, und Angst jagte in heißen, lähmenden Stößen durch meinen Körper. Der Lauf der Pistole kam näher und näher, bis er nur noch dreißig Zentimeter von meinem Knie entfernt war. Ich konnte den Mann dahinter atmen hören. Seine Augen waren grau und ausdrduckslos, ohne das geringste Fünkchen Mitgefühl. Ich wandte den Kopf ab, damit ich diesen Blick nicht länger ertragen musste."

Simon Kernick schafft es hier spielend, mich das ganze Buch hindurch "bei der Stange zu halten" und in gewisser Weise kam es mir vor, als säße ich anstelle von Tom handlungsunfähig und dem Tode nahe vor dem Killer.

Die Spannung wird bereits durch besagten Telefonanruf zu Beginn aufgebaut, Angst und Beklemmung begleiten den Leser bis zur letzten Seite und Szenen wie eben beschrieben verschärfen sich im Tempo und bezüglich Brutalität. Kernick jagte mich gewissermaßen durch dieses Buch und holte im letzten Teil noch einmal gewaltig aus, was Spannung und Thrill angeht. Ein fulminantes Ende mit einigen Überraschungen …

Kernicks Protagonisten, das Ehepaar Tom und Kathy Meron, das Ermittlerduo Mike Bolt und Mo Khan, und der gewissenlose und äußerst brutale Psychopath Lench werden sehr detailliert gezeichnet. Meine Reaktionen als Leserin waren jedoch zwiespältig. Einerseits empfand ich Erleichterung aufgrund der realistischen Beschreibung der Figur des Tom Kernick, der keinen strahlenden, unverwundbaren, mutigen und selbstlosen Held darstellt, sondern einen „Mann von nebenan“ mit all seinen Fehlern und Schwächen. Auf der anderen Seite war mir der Charakter des Auftragskillers Lench nicht stimmig genug … das ganze Buch über ein wenig zu perfekt – zu brutal, zu skrupellos, zu unmenschlich – um dann gegen Ende in ein Verhalten von beinahe weinerlicher Angst umzuschlagen. Hier blieb Kernick seiner Figur des knallharten Bösewichts nicht treu.

Eine bis zuletzt undurchsichtige Person stellt für mich Kathy Meron dar. Auf Kathy wird anfangs eher wenig eingegangen, Kernick übertreibt es jedoch bis zum Finale bei der Darstellung ihrer Person. Ohne zuviel verraten zu wollen, möchte ich dennoch bemerken, dass ich mir ihre vielen Fehltritte und Sünden in so kurzem Zeitraum nicht vorstellen kann. Der Autor gibt mir an dieser Stelle das Gefühl, so viel wie möglich in diesen Charakter verpacken zu wollen. Kathy ist trotz ihrer Schwächen keine Person, die Mitgefühl oder gar Verständnis hervorzurufen vermag. Sehr ansprechend wiederum wirkte das Ermittlerduo Bolt – Khan, das nicht nur realistisch dargestellt wurde, sondern bei dem es Kernick sehr gut gelungen ist, den Gewissenskonflikt der Polizei in Extremsituationen zu beschreiben. Er bringt durch Mike Bolt das viel diskutierte Thema zur Sprache, wie die Hüter des Gesetzes in Sekundenschnelle reagieren, im Grunde über Leben und Tod entscheiden müssen. Auf der einen Seite das strikte Befolgen der Vorschriften im Auge zu behalten – auf der anderen Seite das Richtige zu tun, Loyalität und vor allem Charakterstärke zu zeigen.
Auf die Nebenfiguren des Buches, wie beispielsweise den Freund des Ehepaares, Jack Calley, der den Stein ins Rollen brachte - aber auch auf den geheimnisvollen Drahtzieher im Hintergrund - wird meines Erachtens zu wenig eingegangen. Die Figur „Daniels“ bleibt ein Mysterium und als Leser schwankte ich laufend zwischen den Eindrücken „Guter Cop – böser Cop“, ohne auf die erstaunliche Entwicklung am Ende dieses Thrillers auch nur im Geringsten gefasst zu sein.

Es handelt sich hierbei um ein Taschenbuch mit einem optisch besonders ansprechendem Cover. Dunkler, fast schwarzer Hintergrund, der Blutfleck und die Aufschrift „Gnadenlos“ sind erhoben und mit blutroter Farbgestaltung eindrucksvoll gelungen – allein die Optik vermittelt Grauen und Spannung.

Für den Freund von Spannung ist dieses Paradebeispiel von atemberaubender Spannung und halsbrecherischem Tempo absolut zu empfehlen. Für einen Krimifreund, der die detaillierte Fährtensuche bevorzugt, könnten winzige Logikfehler im Buch störend wirken.

Gemäß dem Zitat der „Times“ habe ich mir zwar keinesfalls „vor Spannung sämtliche Fingernägel abgebissen“, ich muss jedoch zugeben, dass ich bei einigen Passagen durchaus nahe dran war …

Veröffentlicht am 17.04.2018

Ewig sollst du schlafen

Ewig sollst du schlafen
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Dass die junge Journalistin und Tochter eines Richters, Nikki Gillette, eine Schlüsselrolle in diesem Hörbuch spielt, wird einem nach kurzer Zeit klar. Lisa Jackson widmet ihrer Protagonistin die meiste ...

Dass die junge Journalistin und Tochter eines Richters, Nikki Gillette, eine Schlüsselrolle in diesem Hörbuch spielt, wird einem nach kurzer Zeit klar. Lisa Jackson widmet ihrer Protagonistin die meiste Aufmerksamkeit und ihr berufliches und privates Umfeld, wie auch ihre Vorlieben, Hobbies und ihr Charakter werden ausführlich beschrieben. Ein Serienkiller, der Menschen betäubt und sie zu verwesenden Leichen in den Sarg legt, sie lebendig begräbt, treibt sein Unwesen in Savannah. Seine sadistische Vorgehensweise kündigt er aus zunächst unerfindlichen Gründen stets durch kryptische Nachrichten an Detective Pierce Reed an. Als auch Nikki Gillette solche Briefe des Mörders erhält, erklärt sich die Polizei widerstrebend zur Zusammenarbeit mit der jungen Frau bereit. Doch der „Überlebende“, wie der Mörder sich selber bezeichnet, scheint ihnen stets einen Schritt voraus zu sein, die Ermittlungen scheinen in eine Sackgasse zu verlaufen. Als er schließlich Nachrichten in Nikki Gillettes Wohnung deponiert, nimmt diese die drohende Gefahr endlich ernst. Doch es scheint bereits zu spät zu sein, denn das drohende Unheil nimmt bereits seinen Lauf.

Lisa Jackson schockiert den Leser anfangs durch die detaillierte Beschreibung der Vorgehensweise dieses eiskalten Mörders. Er wählt seine Opfer akribisch aus, studiert ihre Gewohnheiten und deren Gefangennahme und Entführung bleibt in den meisten Fällen vollkommen unbemerkt. Als die betäubten Menschen erwachen, befinden sie sich bereits nackt in einem verschlossenen, dunklen Sarg, der langsam in die Erde gesenkt und zugeschüttet wird. Im Sarg liegt jedoch zudem noch eine verwesende Leiche – und ein Mikrofon, mit dem ihr Peiniger ihren Todeskampf, ihr Betteln um das Leben, erregt mitverfolgt. Die erste Szene hat mich vollkommen aus der Fassung gebracht und mir einen kalten Schauer bereitet. Als Jackson jedoch dieses Szenario auch mit allen weiteren Entführungsopfern genauso detailliert beschreibt, begann es mich zu langweilen. Im Verlauf des Hörbuchs tauchen immer wieder einige Längen auf und bei einigen der handelnden Personen hätte ich nach Erklärungen betreffend ihr Verhalten gesucht. Insgesamt wurde mir viel zu wenig auf die Nebenfiguren eingegangen, die ich gerne näher kennen gelernt hätte.

Die Autorin konzentriert sich im letzten Teil auf Nikki, Pierce und den „Überlebenden“ und treibt die Geschichte in rasantem Tempo voran.

Auf der letzten CD dann das adrenalingeladene Finale, dessen Spannung jedoch durch die jämmerliche Haltung des Killers für meine Begriffe verdorben wurde. „Ewig sollst du schlafen“ war zwar kein schlechter Unterhalter für ein paar Stunden, ich würde es jedoch kein weiteres Mal hören.


(Rezension zum Hörbuch)

Veröffentlicht am 17.04.2018

Erwartung

Erwartung DER MARCO-EFFEKT
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Kaum zu fassen, aber Jussi Adler-Olsens Thriller gewinnen von Fall zu Fall mehr an Spannung und Intensität. Mit „Erwartung. Der Marco-Effekt“ , dem fünften Fall mit dem sympathischen Ermittler Carl Morck ...

Kaum zu fassen, aber Jussi Adler-Olsens Thriller gewinnen von Fall zu Fall mehr an Spannung und Intensität. Mit „Erwartung. Der Marco-Effekt“ , dem fünften Fall mit dem sympathischen Ermittler Carl Morck und seinem Assistenten Hafez el Assad glänzt der Autor erneut mit einem hoch brisanten Fall von Wirtschaftskriminalität, der seine Kreise zieht.

Der Einstieg in den Plot versetzt den Leser aufgrund eines mit 250 Millionen an dänischen Entwicklungshilfegeldern dotierten Projekts namens „Baka“ nach Afrika. Die zweite Perspektive beleuchtet das armselige Leben des fünfzehnjährigen Marco Jameson, der unter der strengen Fuchtel des skrupellosen Clanchefs Zola dazu gezwungen wird, Geld durch Straßendiebstähle und kleine kriminelle Handlungen einzubringen. Der gut organisierte Ring wird durch die Furcht vor der Brutalität sowie der Tatsache, dass alle Mitglieder sich illegal im Land aufhalten und keine Identitätsnachweise besitzen, aufrechterhalten. Angst regiert die Welt des jungen Marco, der sich verzweifelt nach einer Familie, nach Geborgenheit und nach Bildung sehnt. Marco ist Zola jedoch bald ein Dorn im Auge, denn der Junge verbringt seine ganze Freizeit heimlich in Bibliotheken, wo er sich autodidaktisch Wissen aneignet und seinem Lerneifer Nahrung gibt. Als Zolas Brutalität alle Grenzen überschreitet, hetzt er den gesamten Clan auf Marco, der sein Heil in der Flucht sucht. Der Junge weiß zu viel – genug, um das kleine Imperium des Clans zusammen brechen zu lassen. Dieser Junge war lt. Autor wie der sprichwörtliche Schmetterlingsflügel in Südamerika, der einen Orkan in Japan auslösen konnte. Marco stieß einen Dominostein an und brachte eine ganze Steinreihe zum Umfallen. Die Gefahr, die von ihm ausging, war zu groß. Und plötzlich war nicht nur der Clan auf der Suche nach Marco, plötzlich tauchten ehemalige Kindersoldaten aus Afrika aus, deren eiskalte Brutalität gnadenlos war. Und gnadenlos war auch die Verfolgungsjagd, die sich durch das gesamte Buch zog, und den Leser dabei in atemloser Spannung hielt.

Ein hervorragend aufgebauter Plot, viele, zunächst vollkommen undurchschaubare Machenschaften im Hintergrund, und dazu das mir bereits lieb gewordene Ermittlerteam um den Vizepolizeikommissar des Sonderdezernats Q vom Polizeipräsidium Kopenhagen, Carl Morck. Der Autor lässt ein wenig aus dem Privatleben seiner Protagonisten einfließen, er berichtet von den kleinen Erfolgen des ehemaligen Kollegen Hardy, der querschnittgelähmt und bislang am Leben verzweifelnd in diesem Fall nun seine Hoffnung auf ein lebenswertes Leben wieder erlangen darf. Er streift dabei auch Morcks Beziehungsproblem mit Mona, und lüpft erneut einen Zipfel vom Geheimnis, das Morcks undurchschaubaren Assistenten Hafez el Assad umgibt. Ein Assistent, dessen Fähigkeiten Dimensionen annehmen, die beinahe schon misstrauisch werden lassen. Der kluge, intelligente Mann gibt sich einerseits naiv und betont ahnungslos, während er seine andere Seite, die kühle und berechnende Logik und blitzschnelle Handlungen, basierend auf einem sicheren Instinkt für gefährliche Situationen, gut zu verbergen scheint.

Rose Knudsen, die Dritte im Bunde, arbeitet ebenfalls an der Seite der beiden Männer im Sonderdezernat Q, dessen Aufgabe es ist, sich der Wiederaufnahme ungelöster Fälle zu widmen.

Jussi Adler-Olsen liefert nicht nur hoch spannende Thriller-Unterhaltung, sondern baut gleichzeitig sehr viele amüsante Dialogen zwischen den Ermittlern ein, die mich sehr oft zum Schmunzeln brachten. Ich habe den verbalen Schlagabtausch zwischen Carl Morck und seinen beiden Assistenten in diesem Buch sehr genossen.

Veröffentlicht am 17.04.2018

Die letzte Zeugin

Die letzte Zeugin
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Die sechzehnjährige Elizabeth Fitch, von Gleichaltrigen stets als „Das Superhirn“ bezeichnet, lebt ein Leben in strengster Disziplin unter den Argusaugen ihrer emotionslosen, kalten Mutter. Dr. Susan L. ...

Die sechzehnjährige Elizabeth Fitch, von Gleichaltrigen stets als „Das Superhirn“ bezeichnet, lebt ein Leben in strengster Disziplin unter den Argusaugen ihrer emotionslosen, kalten Mutter. Dr. Susan L. Fitch stellt von Beginn an klar, dass Elizabeth das Produkt einer kalkulierten Selektion von Samenspendern darstellt und formt das Kind nach ihren Vorstellungen: die Kleidung wird von ihrer persönlichen Einkäuferin ausgewählt, das spartanische Essen vom Ernährungsberater und dem persönlichen Koch ihrer Mutter dargereicht, und im Unterricht wird ihr äußerstes Disziplin und harte Arbeit abverlangt. So ist es kein Wunder, dass die junge Elizabeth einige Klassen überspringt und im Alter von sechzehn Jahren bereits in Harvard studiert. Sie spricht mehrere Sprachen, spielt Klavier und Geige, hat Bildungsreisen nach Europa und Afrika unternommen und ist das Produkt eines gewissenhaft und ausführlich geplanten Programms ihrer Mutter. Und plötzlich ist sie es leid, das Experiment ihrer lieblosen Mutter zu sein, wo jede Minute des Tages organisiert, gelenkt und geplant ist, damit sie deren Erwartungen erfüllt. Elizabeth möchte eigene Entscheidungen treffen, ein eigenes Leben führen – und begehrt auf. Nach einem fürchterlichen Streit mit ihrer Mutter, nachdem diese ruhig und gelassen zu ihrem Bildungsvortrag fährt, bleibt das Mädchen alleine im Haus zurück. Und nach der ersten Rebellion geht sie konsequent die weiteren Schritte: sie verändert radikal ihr Aussehen, schneidet und färbt ihre Haare, sticht sich Löcher in die Ohrläppchen und begibt sich auf die Suche nach Kleidung, die sich von ihrer in erlesen-teurem Stil, strikt konservativ und in gedämpften Farben gehaltenen Garderobe völlig abheben soll. Zum ersten Mal in ihrem Leben geht Elizabeth einkaufen und in den Momenten der Reizüberflutung, als all die neuen Eindrücke sie zu überwältigen drohen, trifft sie auf eine ehemalige Schulkollegin, Julie Masters. Das fröhliche, lebenslustige Mädchen hilft ihr bei der Auswahl ihrer neuen Kleider und lädt sie ein, den Abend mit ihr zu verbringen. Der Eintritt in die angesagte Diskothek erfordert zwei gefälschte Ausweise – eine Aufgabe, die eine Leichtigkeit für die Computerspezialistin Elizabeth darstellt. Im Club treffen die beiden auf zwei junge Russen, die an ihnen interessiert zu sein scheinen … und nach einigen alkoholischen Getränken und den Umgarnungsversuchen von Alexi und Ilya willigen die beiden ein, die Männer in ihr Haus zu begleiten, die Party in privaterem Rahmen ablaufen zu lassen. Doch Ilya wird aufgehalten … und so fährt Alexi mit den beiden Teenagern alleine los. Im luxuriös eingerichteten Penthouse eskaliert die Situation und Elizabeth sieht sich plötzlich betrunken und alleine der russischen Mafia gegenüber, die soeben vor ihren Augen zwei Menschen exekutiert hatte. Elizabeth gelingt es, zu fliehen – und eine unbarmherzige Jagd nach der einzigen Zeugin beginnt…

Allein der Einstieg in die Geschichte ist höchst spannend und in außergewöhnlich lebhaftem Schreibstil erzählt. Das mitleiderregende Leben der mit einem überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten und einem eidetischen Gedächtnis ausgestatteten Elizabeth zieht den Leser emotional sofort auf ihre Seite. Ihre Unschuld, ihre erwachende Freude an den Dingen, die für Millionen anderer junger Amerikaner selbstverständlich und alltäglich sind, ihr Glücksrausch über die neu gewonnenen Freiheiten und das ungewohnte Gefühl, eine Freundin zu haben, währen nur sehr kurz. Elizabeth musste aufgrund der Erziehungsmaßnahmen ihrer Mutter sehr rasch erwachsen werden, und darf jedoch auch nach ihrer Rebellion ihre versäumten Jugendjahre nicht nachholen. Sie wird zum meist gejagten Opfer in diesem grausamen Spiel: nicht nur die russische Mafia, sondern auch die von ihr gekauften FBI-Mittelsmänner versuchen mit rigoroser Gnadenlosigkeit, sie aufzuspüren und sie zu töten.

Elizabeth gelingt es dank ihrer Klugheit und ihrem angeeigneten Spezialwissen in der Computerkriminalität, unterzutauchen. Sie studiert unter falschem Namen, lebt unter ständig wechselnden Identitäten und lässt sich schließlich an einem einsamen Stück Land in Bickford, einer Kleinstadt in den Ozarks, nieder. Ihr Haus gleicht einer Festung, ihren Lebensunterhalt verdient sie mit der Konstruktion von ausgeklügelten Alarmanlagen und computergesteuerter Überwachung für ihre Kunden. Ein eigener Schießstand und eine Waffenkammer sorgen ebenso für ihre Sicherheit, wie auch „Bert“, ein riesiger, bestens ausgebildeter Kampfhund, der keine Sekunde von ihrer Seite weicht.

Und mitten in ihren von Vorsicht und Isolation bestimmten Alltag platzt der sympathische Polizeichef von Bickford, Brooks Gleason. Mit seiner unerschütterlichen Ruhe, seinem Humor und seiner liebenswürdigen Hartnäckigkeit gelingt es ihm schließlich, die Barrieren der unzugänglichen, sich mit einer geheimnisvollen Aura umgebenden Abigail Lowell, wie Elizabeth sich mittlerweile nennt, zu durchbrechen. Doch die dunklen Geheimnisse ihrer Vergangenheit lassen Abigail keine Ruhe und letztendlich rüstet sie sich mit Brooke an ihrer Seite zum letzten Kampf gegen die russische Mafia…

Dieses Buch hat mich von Beginn an so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich es beim Lesen der immerhin beinahe 600 Seiten einfach nicht schaffte, es zwischendurch aus der Hand zu legen. „Die letzte Zeugin“ ist nicht nur ein Eintauchen in die Arbeit des FBI, das das Zeugenschutzprogramm und die Infiltrationen des russischen Geheimdienstes erzählt. Vielmehr handelt es sich hierbei auch um eine Geschichte voller Emotionen, die Nora Roberts geschickt in den Plot einbaut. Man erfährt viel über die beiden Protagonisten Abigail und Brooke, darf die sympathische Familie und die Freunde des jungen Polizeichefs kennenlernen und erwärmt sich immer mehr für die Einwohner dieser malerischen Kleinstadt. Der Spannungsbogen bleibt konstant hoch gehalten und die Furcht vor ihrer Entdeckung lässt die Protagonistin niemals ihre Vorsichtsmaßnahmen vergessen. Einzig die Tatsache, dass mir die Geschichte am Ende ein wenig zu rasch aufgelöst wurde und ich noch gerne einige Hintergründe über Abigails Mutter erfahren hätte, hindert mich daran, die Höchstnote bei der Bewertung dieses Buches zu vergeben. Auch die wenig erfolgreiche Arbeit der russischen Mafia und ihre langjährige scheinbare Erfolglosigkeit im Aufspüren von Elizabeth als einzige Überlebende erschien mir ein wenig unglaubwürdig. Ansonsten kann ich dieses Buch als hoch spannende, aber zugleich auch warmherzige und äußerst interessante Lektüre empfehlen!

Die gebundene Ausgabe dieses Buches weist ein romantisches, in warmen Farben gehaltenes Coverfoto auf, bei dem ein kleines Boot seinen Weg auf einem kleinen Fluss zu einem großen, einsamen Haus sucht. Die Gräser zu beiden Seiten des Wassers wirken durch das Sonnenlicht regelrecht vergoldet und der Gesamteindruck vermittelt das Bild einer vollkommenen Idylle. Das in dreißig Kapitel geteilte Buch ist in angenehmer Schriftgröße gehalten, das rote Lesebändchen konnte jedoch angesichts der Tatsache, dass ich das Buch anhand der großen Spannung auf einmal durchlesen musste, seinen Zweck diesmal nicht erfüllen.

Fazit: Obgleich mich die Frauen-/Liebesromane von Nora Roberts bislang nicht zu begeistern vermochten, genoss ich die Lektüre dieses Spannungsromans in vollen Zügen und hoffe auf weitere dieser Art.