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Veröffentlicht am 03.04.2026

Zurechtfinden in 2 unterschiedlichen Extremsituationen

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Hätte ich nicht gewusst, dass "Ich, die ich Männer nicht kannte" bereits 1995 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, hätte ich es zweifellos für ein modernes Buch gehalten. Dazu tragen die Themen und die ...

Hätte ich nicht gewusst, dass "Ich, die ich Männer nicht kannte" bereits 1995 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, hätte ich es zweifellos für ein modernes Buch gehalten. Dazu tragen die Themen und die sensible Ausarbeitung dieses schwierigen Themas genauso bei wie die tolle und flüssige Übersetzung von Luca Homburg.

Der Roman erzählt die erschreckende und beklemmende Geschichte der namenlosen Ich-Erzählerin, die mit 39 anderen Frauen in einem Keller gefangen gehalten und bewacht wird. Als einzige ist sie als Baby eingesperrt wurden und hat im Gegensatz zu den anderen Frauen keine Erinnerungen an das Leben in Freiheit. Sie kennt weder Sessel noch Busse, Bücher oder sonstigen Alltagsgegenstände, weil die Frauen nur mit dem Nötigsten am Leben gehalten werden. Eine formelle Bildung hat sie nie erhalten. Als die Frauen dem Kerker durch einen Zufall entkommen, gelangen sie in eine trostlose, karge Welt ohne Zeichen menschlicher Zivilisation. Die Ich-Erzählerin ist gezwungen, sich zusammen mit den anderen Frauen in zwei sehr unterschiedlichen Extremsituationen zurechtzufinden, ohne eine Erklärung für die Geschehnisse zu haben.

Die Handlung ist relativ überschaubar und sie stellt mehr Fragen, als dass sie Antworten gibt. Aber Jacqueline Harpman gelingt es, die dystopischen Geschehnisse anschaulich und mitreißend durch die Augen und die inneren Monologe ihrer Protagonistin zu erzählen. Mich hat das Buch absolut mitgerissen und ich konnte es kaum aus der Hand legen.

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Veröffentlicht am 11.03.2026

Parallelleben sensibel und poetisch erzählt

Zugwind
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An "Zugwind" hat mir am meisten die poetische, ausdrucksstarke Sprache und das aktuelle Setting gefallen. Iryna Fingerova schreibt wirklich phänomenal. Mit beeindruckendem sprachlichen Geschick lässt sie ...

An "Zugwind" hat mir am meisten die poetische, ausdrucksstarke Sprache und das aktuelle Setting gefallen. Iryna Fingerova schreibt wirklich phänomenal. Mit beeindruckendem sprachlichen Geschick lässt sie Figuren lebendig werden. Im ersten Drittel des Romans lernen wir die Protagonistin Mira kennen, die vor einigen Jahren mit ihrem Mann aus der Ukraine nach Deutschland ausgewandert ist und hier als Hausärztin arbeitet. Mit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges kommen immer mehr ukrainische Geflüchtete in ihre Praxis, oft suchen sie eher Trost als eine medizinische Behandlung. Diese vielen Personen, denen Mira in der Praxis begegnet, beschreibt die Autorin knapp und fast stakkatohaft mit ganz wenigen Eigenschaften und einem kurzen Einblick in Miras Diagnose. Obwohl man eigentlich kaum etwas über diese Personen erfährt und sie nur für einen Moment auftauchen, hat die Autorin ein echtes Geschick, sie lebendig werden zu lassen.

Überrascht hat mich, dass die im Klappentext angekündigte Reise nach Odesa erst so spät im Roman passiert ist und dann auch nur sehr kurz dauert. Iryna Fingerova beschreibt den absurden Kontrast zwischen Krieg und einem Alltag, der trotzdem irgendwie weitergeht. Mira besucht Familie, geht zu einer Party, auf ein Konzert und auf einen Flohmarkt. Unterbrochen wird dieses scheinbar normale Leben durch Luftangriffe und Soldaten, die sie für kurze Momente in der Stadt sieht.

Mit der Rückkehr nach Deutschland scheint Mira freudig gestimmt und plötzlich erwacht. Der Trip hat viele positive Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit ausgelöst, aber sie scheint auch die Momente mit ihrem Mann und ihrer Tochter mehr als vorher zu genießen. Der Krieg wird eher zu einem Hintergrundrauschen. Es folgt eine weitere Reise, dieses Mal nach Mallorca. Doch die gute Laune hält nicht an, schließlich kehrt Mira zur Arbeit zurück, hat dort wieder intensiven Kontakt zu vielen ukrainischen Patient:innen, sodass sie die grausame Realität des Krieges in ihrer Heimat und das schwer zu ertragende friedliche Parallelleben in Deutschland zunehmend vor Herausforderungen stellt. Die Geschichte ist so sensibel, aber gleichzeitig sehr bewegend erzählt, sodass die Lektüre eine echte Bereicherung ist!

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Eine herausfordernde, sensibel erzählte Geschichte über weibliche Gewalt

Gelbe Monster
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"Gelbe Monster" erzählt auf sensible und packende Weise die Liebesgeschichte von Charlie und Valentin, die alles andere als romantisch ist - und trotzdem können beide nicht voneinander lassen. Clara Leinemann ...

"Gelbe Monster" erzählt auf sensible und packende Weise die Liebesgeschichte von Charlie und Valentin, die alles andere als romantisch ist - und trotzdem können beide nicht voneinander lassen. Clara Leinemann nähert sich ihren Charakteren mit klarer Sprache und lässt uns tief in Charlies Psyche blicken.

In einem Punkt widerspreche ich dem Klappentext: Auf mich wirkte die Beziehung zu keinem Zeitpunkt perfekt. Von Anfang an spürt man das große Ungleichgewicht zwischen beiden. Charlie nimmt es persönlich, dass Valentin sich nach ihrer ersten Zufallsbegegnung nicht bei ihr meldet, sie ist unsicher gegenüber Valentins Ex-Freundin und scheint sich aus Eifersucht und Unsicherheit nie wirklich geborgen und sicher in der Beziehung zu fühlen. Ihre Stimmung hängt extrem davon ab, ob Valentin ihr Zuneigung zeigt oder abweisend reagiert. Dieses Ungleichgewicht eskaliert nach und nach zu verbaler und dann zu psychischer Gewalt. Die Frau als Täterin ist eine spannende und zugleich erschreckende Perspektive, die selten erzählt wird. Die Autorin hinterfragt gekonnt Geschlechterbilder und Abhängigkeiten.

Die Geschichte wird in Zweitsprüngen zwischen zwei Ebenen erzählt: der Vergangenheit, die zeigt, wie Charlie und Valentin zusammenkommen sind und wie sich ihre Beziehung entwickelt, und der Gegenwart, in der Charlie an einem Antiaggressionstraining für Frauen, die partnerschaftliche Gewalt ausgeübt haben, teilnimmt. Das finde ich sehr spannend, denn Charlie durchlebt sehr widersprüchliche Gefühle, die in den beiden parallel verlaufenden Erzählsträngen ein komplexes Bild abgeben. Es ist oft schwer, mit Charlie auch nur ansatzweise mitzufühlen, sie ist eine wahre Anti-Heldin und wird trotzdem komplex und mit Empathie beschrieben. Dadurch liest sich der Roman extrem schnell und flüssig und regt einen beim Lesen stark zum Nachdenken an.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Wortgewaltig

Shuggie Bain
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Am meisten hat mich die Ausdruckskraft des Autors begeistert: Selbst in Szenen, in denen eigentlich nicht viel passiert, schafft es Douglas Stuart mit seinem wortgewaltigen Stil, die Atmosphäre greifbar ...

Am meisten hat mich die Ausdruckskraft des Autors begeistert: Selbst in Szenen, in denen eigentlich nicht viel passiert, schafft es Douglas Stuart mit seinem wortgewaltigen Stil, die Atmosphäre greifbar zu machen und die Leser:innen komplett in diese häufig trostlosen Situationen zu versetzen. Dadurch kommen die Emotionen der Charaktere und Geschichte besonders gut rüber.

Dazu kommt , dass er den jungen Protagonisten Shuggie Bain und seine Mutter Agnes als komplexe Charaktere zeichnet. Selbst Agnes, die wirklich keine gute Mutter ist, wird nicht einfach als die Böse dargestellt, sondern als eine vielschichtige Frau, deren Beziehung zu ihrem Sohn aus verschiedenen Gründen schwierig ist.

Am Anfang fand ich den Slang, in dem viele Dialoge geschrieben wurden, etwas gewöhnungsbedürftig, aber die Übersetzerin Sophie Seitz hat es gut gelöst, sodass alles verständlich ist.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Kammerspiel über Familienplanung und Lebensentwürfe

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
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2 Paare, die sich im finanziellen Status und dem Stand ihrer Familienplanung sehr unterscheiden, fahren gemeinsam in den Urlaub nach Frankreich. Idylle kommt in der traumhaften Urlaubskulisse gar nicht ...

2 Paare, die sich im finanziellen Status und dem Stand ihrer Familienplanung sehr unterscheiden, fahren gemeinsam in den Urlaub nach Frankreich. Idylle kommt in der traumhaften Urlaubskulisse gar nicht erst auf: Alle versuchen krampfhaft, Normalität und Augenhöhe zu spielen, aber Dita Zipfel lässt die Leser:innen von Anfang an hinter die Fassade schauen und macht Unsicherheiten und Machtgefälle sichtbar. Gekonnt zeigt sie den Widerspruch zwischen dem, was die 4 tun, und dem, was sie denken. Die tiefen Einblicke in das innere Leben der Charaktere, besonders das der beiden Frauen, fand ich sehr spannend. Die kinderlose Linn und die jüngere Eva, die bereits zweifache Mutter ist, sind sehr unterschiedliche Frauen. Gekonnt zeichnet die Autorin dieses Kennenlernen wie ein intimes Kammerspiel: Sie nähern sich an und entfernen sich dann wieder, nur um wieder einen Schritt aufeinander zuzugehen. Die zwischenmenschlichen Konflikte beschreibt sie mit klarer, ausdrucksstarker Sprache.

Während die Geschichte hyperrealistisch anfängt, wird sie mit dem Verlauf der Handlung immer abstrakter, bis sie in einem offenen Ende mündet. Das hat mich leider unbefriedigt zurückgelassen. Ansonsten hat mich das Buch aber gut unterhalten.

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