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Veröffentlicht am 16.01.2023

Nicht meine Reihe

Sand Castle Ruins - The Boys of Sunset High
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Als ich die angekündigte Reihe von Vivien Summer im Programm von Lyx entdeckt habe, habe ich gleich eine gewisse Skepsis verspürt. Das lag sicherlich nicht am Umstand, dass Summer das Pseudonym einer deutschen ...

Als ich die angekündigte Reihe von Vivien Summer im Programm von Lyx entdeckt habe, habe ich gleich eine gewisse Skepsis verspürt. Das lag sicherlich nicht am Umstand, dass Summer das Pseudonym einer deutschen Autorin ist, denn nach der Nationalität unterscheide ich bei NA schon länger nicht mehr, aber es war mehr der Klappentext. Mein Geschmack in dem Genre hat sich über die Jahre durchaus etwas verändert und wenn es schon um Multimillionäre geht, wo die arme Kirchenmaus verfällt, dann hmm ja, dann greife ich nicht mehr so gerne zu. Bei „Sand Castle Ruins“ habe ich nun aber zugegriffen und ich habe es nicht per se bereut, aber für mich steht dennoch schon fest, dass ich die Reihe nicht weiterverfolgen werde, weil mir die Atmosphäre zu düster ist und ich auch paar Botschaften eher grenzwertig finde. All das hat aber nichts damit zu tun, wie ich Summer als Autorin einschätze. Ich kannte sie bislang noch nicht, aber sie hat mich zügig mit ihrem Stil durch die Handlung getragen und sie hat auch eine angedeutete Tiefe, die ich ihr hoch anrechne.

Kommen wir aber zum eigentlichen Inhalt und den Figuren. Kit mochte ich eigentlich echt gerne, auch wenn sie sich etwas zu lästig in Connors Gegenwart vergessen hat, aber dennoch durfte sie eine starke Frau mit bewundernswertem Verantwortungsgefühl sein, die ihr Herz definitiv am rechten Fleck hat. Egal, wie das Leben ihr bislang mitgespielt hatte, sie kann sich in manchen Aspekten verschlossen haben, aber das was zählt, das ist immer geblieben. Connor dem gegenüber war mir definitiv zu sehr Macho. Er hat sich mit den anderen Jungs da wunderbar ergänzt und tatsächlich sind es auch die Männer, weswegen ich die Reihe nicht weiterverfolgen wurde, denn es wurde überdeutlich klar gemacht, dass auch die anderen mit Connor sehr vergleichbar sind und es war doch etwas anstrengend. Ich bin zwar auch dem Knistern verfallen, das zwischen Kit und Connor erzeugt werden konnte, aber es wurde irgendwann doch auch belastend für meine Psyche, wie lange die beiden sich immer angegangen sind. Verletzte Gefühle hin oder her, aber es war schon verrückt, wie mutwillig sie sich gegenseitig immer wieder verletzt haben. Bei Connor habe ich es dann eben noch kritischer gesehen, weil er die ganze Zeit die Geheimnisse hatte und damit das Heft in der Hand hatte und dennoch nicht auf eine klare Weise sich positioniert hat. Er war auch deutlich derjenige, der sich mehr im Griff hatte und ich fand das gegenüber Kit etwas unfair, dass sie dann immer so unterwürfig wirken musste.

Insgesamt finde ich auch, dass die Geschichte sehr konstruiert wirkte. Das ist zwar speziell bei diesen Geschichten nicht selten, aber dennoch ist es mir hier sehr deutlich aufgefallen. Bei beiden Elternseiten, also bei Connor nur die Mutter, hat es mir total gefehlt, da Ganze näher zu erläutern. Wir bekommen zwar bei Kit angedeutet, dass ihre Mutter die Affären des Vaters spitz bekommen hat, aber danach erleben wir auf einmal die Gegenwart, wo beide Rabeneltern sind und spielsüchtig. Wie ist das denn passiert? Mir hat sich das nicht erklärt. Und auch Connors Mutter, die von heute auf morgen die schlechteste Mutter der Welt wird und wie eine Marionette eines geldgeilen Mannes agiert. Das war mir irgendwie zu parallel und jeweils unerklärlich, zumal es eben wieder jeweils die Frauen sind, die da so schwach dargestellt werden. Weiterhin fand ich die Vergangenheitskapitel nicht gut, denn ich habe sie nicht wie gewünscht als Ergänzung gefunden, sondern sie haben nur die düstere Stimmung verstärkt. Zudem wurde die ganze Zeit Spannung bezüglich des Trennungsgrunds aufgebaut und im Grunde gab es gar keinen Auslöser, sondern nur eine Entwicklung, aber da wurde aus nichts ganz viel gemacht, was dann eben enttäuschend wirkte. Insgesamt fängt das das Buch gut ein, denn die Geschichte ist sehr aufgebauscht, der eigentliche Kern aber eher gering. Dennoch fand ich das Ende dann wieder toll, denn es war kein übertriebenes Happy End, aber viel wichtiger war vorher noch den Abstand, den Kit sucht, denn das war genau das, was mich bei ihr auch gereizt hat und es war schön, dass sie sich das auch genommen und Connor es auch akzeptiert hat.

Fazit: Ich habe es mal wieder mit den steinreichen Bad Boys versucht, aber es ist einfach nicht mehr meins. Auch wenn ich auch inhaltlich und stilistisch größere Schwächen gefunden habe, weil die Geschichte mir zu sehr aufgebauscht war, so habe ich doch das Prickeln der Erzählung gut nachvollziehen können und Summer hat auch als Autorin großes Potenzial. Doch meine Reihe ist es einfach nicht.

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Veröffentlicht am 10.01.2023

Erinnerte mich sehr an "Someday, someday"

When You Come Back to Me
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Die Lost Boys-Reihe von Emma Scott ist im vergangenen Jahr mit „The Girl in the Love Song“ gestartet und auch wenn ich grundsätzlich die Ausrichtung der Reihe sofort mochte, so musste ich andererseits ...

Die Lost Boys-Reihe von Emma Scott ist im vergangenen Jahr mit „The Girl in the Love Song“ gestartet und auch wenn ich grundsätzlich die Ausrichtung der Reihe sofort mochte, so musste ich andererseits doch auch erkennen, dass viel von der Emotionalität weggenommen wurde, weil die Erzählung in stetigen Zeitsprüngen erzählt war, so dass zwar das Schicksal von beiden einnehmend war, es aber auch immer abgebrochen wirkte, weil wieder ein Zeitsprung nötig war. Dennoch ist man für die anderen beiden Paare schon angefixt worden und so ging es nun in „When You Come Back to Me“ um Holden und River.

Ich hatte im ersten Band auch kritisiert, dass es zu viele eindeutige Anspielungen auf das Schicksal von Holden, River, Ronan und Shiloh gab, weil die Handlungen parallel spielen. Die Andeutungen waren teilweise wirklich immens, aber der Vorteil ist doch, dass alle drei Teile mit zeitlichem Abstand erscheinen, so dass als Vielleserin detaillierte Erinnerungen doch etwas schwächer wurden, weswegen ich mich vorbehaltlos auf das Abenteuer von River und Holden einlassen konnte. Es gibt auch in diesem Band Zeitsprünge, aber diese sind deutlich reduzierter und das wichtigste ist, dass die entscheidende Phase für die beiden als Paar so viel Zeit konstant eingeräumt bekommen hat. Die beiden kennen sich eben nicht schon seit sie Kinder sind, sondern sie lernen sich als junge Erwachsene kennen, weswegen das letzte Jahr an der High School voll ausgelebt werden kann. Das hat der Geschichte merklich gut getan, weswegen ich sie auch viel emotionaler als den ersten Band fand. Die späteren Zeitsprünge haben Sinn ergeben und ich hatte auch das Gefühl, dass die überbrückte Zeit auch immer wieder gut eingefangen wurde, dass man sofort erfährt, was gerade Sachstand und was in der Zwischenzeit passiert ist.

Zunächst hatte ich mich auch gefreut, dass es zu einem Crossover mit der Only Love-Reihe von Emma Scott gibt, denn aus „Someday, Someday“ taucht Silas auf, der mit Holden gemeinsam das Konversationscamp durchlaufen hat. Das fand ich schon süß, zumal es da auch gar nicht um eine verpasste Liebesgeschichte ging, sondern dass es zwei junge Männer waren, die füreinander an einem Tiefpunkt ihres Lebens da waren. Dennoch war danach auch augenscheinlich, dass die Parallelen zwischen den beiden Büchern auch deutlich da sind. Max ist Holden und Silas ist River und dann doch wieder umgekehrt und auch die Geschichten drum herum waren sehr ähnlich. Es fühlte sich dadurch manchmal etwas wiederholt an, was schade ist, denn Scott ist es erneut sehr gut gelungen, die Traumata darzustellen, in diesem Fall eben die von Holden. Bei ihm war es gut gelungen, dass man ihn oft schütteln wollte nach dem Motto, wach endlich auf, aber es hat eben auch gepasst, dass es für traumatisierte Menschen unheimlich schwer ist, alten Mustern zu entfliehen, weil sie zu tief eingebrannt sind. River wiederum musste erstmal mit seinem Coming-Out kämpfen und dennoch war er deutlich der Stabilere von beiden, denn nachdem er sich einmal bekennen konnte, war er die Konstante der Geschichte, weswegen ich River auch deutlich lieber mochte. Alles in allem hätte ich die Geschichte aber wahrscheinlich noch mehr genießen können, wenn es „Someday, Someday“ noch nicht gegeben hätte.

Abschließend will ich noch einmal auf die titelgebenden Lost Boys kommen, die für mich in diesem Band etwas untergegangen sind. Schon zur Zeit der High School hatte ich den Eindruck, dass es im Verhältnis weniger gemeinsame Szenen als im ersten Band gab, wo uns alles aus Millers Sicht erzählt wurde. Auch wenn die Verbindung von Holden zu ihm und Ronan erzählt wurde, war es mir nicht so stark genug. Spätestens nach den Zeitsprüngen hatte es sich dann auch völlig erledigt, weil Holden da keinen offensichtlichen Kontakt mehr hatte. So haben wir nur durch Rivers Perspektive noch Violet erlebt. Ich fand es auch schön, dass die entstandene echte Freundschaft zwischen den beiden sehr schön erzählt worden ist, aber die Jungs sind leider völlig zu kurz gekommen.

Fazit: „When You Come Back to Me” fand ich innerhalb der Lost Boys-Reihe definitiv starker als den ersten Band, weil es durch weniger Zeitsprünge mehr emotional zugehen durfte. Nur leider waren mir die Parallelen zu „Someday, Someday“ etwas zu groß, weswegen sich die Geschichte schon zu vertraut anfühlte. Auch die Lost Boys sind diesmal eher untergegangen. Alles in allem dennoch die Fortsetzung einer Reihe mit einer schönen Botschaft.

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Veröffentlicht am 04.01.2023

Gigantisches Potenzial mit noch unerfahrener Autorin

Lightlark
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TikTok ist ein mir völlig fernes soziales Medium, aber ich habe mir sagen lassen, dass es eine neue Plattform für vielfach abgelehnte Autor*innen ist, die endlich durchstarten können. So hat es schon Olivie ...

TikTok ist ein mir völlig fernes soziales Medium, aber ich habe mir sagen lassen, dass es eine neue Plattform für vielfach abgelehnte Autor*innen ist, die endlich durchstarten können. So hat es schon Olivie Blake mit „The Atlas Six“ auf den deutschen und demnach auch internationalen Buchmarkt geschafft. Genauso hat auch Alex Aster mit „Lightlark“ einen Hype ausgelöst, weswegen auch dieses nun für deutsche Interessenten erschienen ist. Dazu zähle ich auch mich, denn ich habe mir „Lightlark“ nun einmal zu Gemüte geführt. Ich habe im Vorfeld – ähnlich wie bei Blake – mitbekommen, dass es große Kontroversen gab und gibt, aber das führe ich mir lieber erst hinterher zu, um möglichst unbefangen meine eigenen Eindrücke zu schildern.

Ich habe „Lightlark“ als Hörbuch konsumiert und ich habe die Erzählstimme von Nina Reithmeier von Anfang an als sehr angenommen empfunden. Mit einem neuen Kapitelanfang hatte ich manchmal den Eindruck, dass die Stimme sich etwas verändert hat, aber über so ein langes Hörbuch hinweg ist das vielleicht normal, weil so etwas natürlich nicht an einem Tag eingelesen wird. Störend war es auch nicht, zumal sich der Eindruck immer schnell relativierte. Ich hatte zudem auch den Eindruck, dass die sehr ruhige Stimme von Reithmeier mir geholfen hat, mit Isla wärmer zu werden. Diese fand ich zwar nicht per se unsympathisch, weil ich auch verstehen kann, dass sie zeitlebens eingesperrt gewisse Freiheitsbedürfnisse hat, aber sie war mir doch zu oft zu egoistisch und auch zu launisch. Das ist mir oft aber erst in der nachträglichen Bewertung aufgefallen, weil eben die Erzählstimme, die ich so toll fand vieles abgefedert hat. Daher insgesamt wirklich ein großes Kompliment für die Produktion des Hörbuchs, zumal sie für die sonstige übertriebene Länge auch nichts können.

Das ist nämlich ein Kritikpunkt, den ich „Lightlark“ definitiv vorwerfen möchte, denn ich fand die Handlung stellenweise zu langatmig bzw. auch für die großen Zeitsprünge zwischendurch zu oberflächlich. Ich weiß natürlich nicht, was Aster für die Zukunft der Reihe noch geplant hat und ich hinterher sage, das war schon alles richtig so, aber meine Intuition sagt mir zunächst, dass man vielleicht nicht das gesamte Centennial mit dem ersten Band hätte abbilden sollen. Denn verständlicherweise wollte sich Aster viele Enthüllungen für ein spannendes Ende aufbewahren, doch das hat dazu geführt, dass es zwischendurch eher langweilig wurde. Der Anfang war noch dadurch gerettet, dass regelmäßig die Wettbewerbe stattfanden, die als inhaltliche Höhepunkte zu charakterisieren sind. Als aber später Isla mit Oro ein Team bildet und sie nach dem Herzen von Lightlark suchen, da scheint innerhalb des Centennials alles zum Erliegen zu kommen. Keine Wettbewerbe mehr, kaum noch Begegnungen mit den anderen und das hat sich mir einfach nicht als logisch erwiesen. Natürlich haben diese Episoden stellenweise mit guter Charakterarbeit ausgeholfen, aber eben auch einseitig, denn eigentlich geht es vorrangig um Isla, Oro und Grimm. Selbst Celeste, die beste Freundin von Isla, wird zu wenig ins Zentrum gerückt, von Cleo und Azul ganz zu schweigen. Ich würde daher sagen, dass die Erzählstilistik nicht ganz gelungen ist, weil angesichts des breiten Erzählpotenzials einerseits zu einseitig erzählt wurde und weil andererseits irgendwann eine große inhaltliche Delle sich ereignet, die das Buch zu lang erscheinen lässt.

Nun aber genug gemeckert, denn es ist schließlich auch Asters großer Durchbruch. Sie hat zwar schon davor geschrieben, aber vermutlich bekommt sie erstmals in einem so großen Ausmaß Feedback, was ihr durchaus noch helfen kann. Fakt ist aber erstmal, dass Aster eine großartige Fantasie hat, denn mir hat es richtig gut gefallen, welche Idee sie entwickelt hat. Es ist sicherlich nicht alles neu, aber ich fand das Konzept mit den sechs Reichen und den sechs Flüchen spannend und trotz einer gewissen benötigten Komplexität verständlich präsentiert. Während ich bei anderen Fantasy-Reihen schon mal völlig oder lange genug überfordert bin, habe ich hier wunderbar reingefunden und das ist sehr lobenswert. Auch sehr viele inhaltliche Tendenzen fand ich echt toll. Durch die Flüche hatte es etwas angenehm Düsteres, auch die Wettbewerbe haben den Eindruck verstärkt. Ich fand auch die meisten Enthüllungen echt spannend, auch weil am Ende die Geschichte irgendwie abgeschlossen wirkt, aber gleichzeitig noch so viele Möglichkeiten bereit hält. Die Geschichte und das Potenzial sind echt gigantisch und ich finde, dass auch in der Charakterarbeit abseits des genannten Trios noch sehr viel möglich ist. Ich fand aber auch, dass die Liebesgeschichte ungewöhnlich erzählt ist, weil es eine gibt, von der wir lange nichts wissen (zumindest nicht im kompletten Ausmaß) und parallel entsteht ganz leise und still eine andere. Es wird sicherlich spannend, was Aster noch für die Zukunft vorhat. Fakt ist aber, dass es mich nicht wundert, dass es schon einen Produktionsdeal gibt, denn die Geschichte sieht auf dem großen Bildschirm sicherlich fantastisch aus.

Fazit: „Lightlark“ hat ein wirklich tolles Potenzial, weil Aster mit viel Fantasie und mit einer angenehmen Art, ihre Welt zu präsentieren, überzeugt. Erzählstilistisch ist aber noch viel Luft nach oben. Die Erzählung war zu langatmig und die Höhepunkte nicht gleichmäßig genug verteilt. Die Charakterarbeit hätte insgesamt auch nicht so einseitig sein müssen. Abschließend wiederhole ich auch gerne noch einmal mein Lob für die Hörbuch-Produktion, die ich wirklich sehr genossen habe und die mich durch die Schwächen gut durchleiten konnte.

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Veröffentlicht am 30.12.2022

Überraschend spannender Roman

Ein ganzes Leben lang
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„Ein ganzes Leben lang“ von Rosie Walsh war eine Leihgabe mit dicker Empfehlung, aber von der Autorin hatte ich bis dato noch nichts gehört, wenn mir auch das Cover von ihrem ersten Bestseller „Ohne ein ...

„Ein ganzes Leben lang“ von Rosie Walsh war eine Leihgabe mit dicker Empfehlung, aber von der Autorin hatte ich bis dato noch nichts gehört, wenn mir auch das Cover von ihrem ersten Bestseller „Ohne ein einziges Wort“ durchaus mal ins Auge gefallen war. Deswegen war das Ganze für mich also völliges Neuland und ich war überrascht, wie rätselhaft die Handlung erzählt wurde. Natürlich ist „Ein ganzes Leben lang“ kein Thriller oder Krimi, aber ich fand, dass das Miträtseln tatsächlich ein wichtiger Hauptfaktor dieser Geschichte war. Manches war mehr vorhersehbar als anderes, aber alleine die Tatsache, dass dann auch im letzten Fünftel noch etwas Neues ausgepackt wird, diese Aufgabe habe ich teilweise in dem typischen Genre Thriller/Krimi nicht erfüllt gesehen, weswegen ich dementsprechend schon einmal angetan war.

Zuvorderst ist „Ein ganzes Leben lang“ aber eine gefühlsbetonte Geschichte, weil wir das gemeinsame Leben von Emma und Leo kennenlernen. Es geht um ihre Liebesgeschichte, der wir in Rückblenden beiwohnen und es geht vor allem um Emmas Lebensgeschichte, die in ihren 39 Jahren wirklich sehr bewegend und abwechslungsreich ist. Dennoch macht es das Buch mit ihr nicht einfach. Den Umständen entsprechend muss sie im Gegensatz zu Leo undurchschaubar bleiben. Zwar merkt man deutlich, dass sie ein gutes Herz hat, weswegen meine Alarmglocken nie geschrillt haben, aber dennoch bleibt sie in ihrem ganzen Handeln undurchdringlich, weil auf der einen Seite diese deutlich spürbare Liebe für ihre Familie ist und weil sie auf der anderen Seite dennoch an ihren jahrelangen Geheimnissen festhält, obwohl es wohl das 1x1 einer Beziehung ist, dass so etwas nie gut ausgehen kann. Auch wenn Emmas Verhalten später erklärt wird und in einem engen Verhältnis zu Leos Geschichte steht und welche Muster wohl durch die Wahrheit bei ihm bedient worden wäre, so ist doch augenscheinlich, dass vor allem Angst der Antrieb war, Angst, Leo zu verlieren.

Leo ist wirklich die herzensgute Seele dieses Buchs. Bis auf den zweiten Teil, der Emmas Vergangenheit aufklärt, sind seine Kapitel in der Überzahl und er ist auch ein wirklich guter Kompass für diese Geschichte, denn er steht sinnbildlich für uns Leser, denn er ist so unwissend wie wir und gemeinsam graben wir nach der Wahrheit. Auch wenn im Verlauf der ganzen Entdeckungen viele hässliche Gedanken durch Leos Kopf zirkeln (aber kann man ihm das wirklich vorwerfen?!), so ist er ein sehr verzeihender Mensch, aber einer, der es im eigenen Tempo machen muss. Am Ende war ich etwas enttäuscht, dass die Versöhnung des Paares relativ simpel gelöst worden ist, weil sie mit ihrer Liebe doch für mich das Zentrum bildeten, was dann nach hinten raus etwas vernachlässigt wurde. Mir war zwar immer klar, dass die Liebe zwischen den beiden alles überstehen wird, aber eine richtige Aufarbeitung hätte deswegen sicherlich nicht geschadet.

Ein wirklich beeindruckender Aspekt des Buchs ist auch der zweite Teil, der wie angedeutet, Emmas Vergangenheit erklärt. Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen, weil es zu viel vom eigentlichen Inhalt wegnehmen würde, aber ich war beeindruckt, wie Walsh hier ihre Perspektive dargestellt bekommen hat. So etwas habe ich bislang wirklich selten zu lesen bekommen und ich war tief beeindruckt, wie echt sich das alles anfühlte. Es war düster und man hätte einerseits gerne die Seiten überblättert, um endlich wieder Licht im Dunkeln zu sehen, aber andererseits war es auch zu faszinierend und einnehmend, hier solche Gedanken einmal geschildert zu bekommen. Janices Perspektive, die anteilig nur wenig Rolle spielt, aber dennoch sehr entscheidend ist, ist eine gute Ergänzung, auch weil die beiden Frauen so sinnbildlich für viele Konflikte stehen.

Fazit: Ich war überrascht, wie spannend „Ein ganzes Leben lang“ gelungen ist. Manches war sicherlich irgendwann abzusehen, aber nicht alles und diese Aufgabe erfüllt mancher Krimi oder Thriller nicht. Vielleicht ging für die Spannung manchmal die Gefühlsebene etwas unter, gerade der Ausgang war dann doch etwas abrupt, aber alles in allem ein wirklich empfehlenswerter Roman.

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Veröffentlicht am 27.12.2022

Zwischen Thriller und Roman

Happy New Year – Zwei Familien, ein Albtraum
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Auch wenn „Happy New Year“ nicht als Thriller etc. vermarktet wurde, so ist der Cover doch sehr typisch für das Genre, weil es mystisch und in seiner simplen Schönheit doch auch bedrohlich wirkt. Dazu ...

Auch wenn „Happy New Year“ nicht als Thriller etc. vermarktet wurde, so ist der Cover doch sehr typisch für das Genre, weil es mystisch und in seiner simplen Schönheit doch auch bedrohlich wirkt. Dazu noch der Unterteil „Zwei Familien, ein Alptraum“ und ich war erst recht wieder bei Thriller. Letztlich ist „Happy New Year“ aber wirklich eher ein Zwitterding, denn es hat etwas Rätselhaftes an sich, wo man sich so seine Gedanken machen kann, was wohl passiert ist und wer wo Verantwortung trägt. Letztlich ist das Buch aber vor allem eine tiefgehende psychologische Studie, die durch drei Perspektiven intensiv beleuchtet werden.

Wofür ich Malin Stehn auf jeden Fall loben kann, das ist ihre Art, ihren drei Perspektiven so treu zu bleiben und mit Frederik, Nina und Lollo auch drei Charaktere zu schaffen, die alle auf ihre Weise keine Sympathieträger sind, weil die Autorin wirklich verdammt tief gräbt. Wir haben sicherlich alle unsere hässlichen Seiten, aber die werden selten so geballt gezeigt. Zwar war das Buch so wahrlich kein Stimmungsaufheller, aber ich fand es doch auch faszinierend, diese Charaktere so ehrlich und verblümt kennenzulernen. Bei Lollo erleben wir sofort eine sehr oberflächliche Persönlichkeit, die an ihre Freundinnen keinen guten Gedanken lässt und die alles mit einem prüfenden Auge bedenkt, ob es nur ja einen äußeren Anschein wahrt. Später als ihre Tochter Jennifer verschwunden ist, wandelt sich das Bild und es wird deutlich, dass sie den Hass auf ihre eigene Persönlichkeit in Hass auf ihren Ehemann umwandelt, obwohl sie sich immer einig bei allem waren. Es ist sicherlich nicht einfach, bedingungsloses Mitleid mit Lollo zu empfinden, aber es ist dennoch interessant mitzuverfolgen, wie sie quasi durch diesen Schrecken ‚aufwacht‘.

Nina ist sicherlich die normalste in der ganzen Geschichte, die auch in den ganzen sich entfaltenden Ereignissen ein fast schon außenstehender Posten ist. Sie hat damit zu kämpfen, wie ihr Mann den Boden unter den Füßen verliert, sie sieht ihre leidende Tochter und sie schämt sich auch gegenüber Lollo, weil sie für sie nicht die bedingungslose Freundin sein kann, weil zu viel reinspielt. Sie ist ein wenig die Kümmerin, die Bodenständige, auf deren Rücken unwissentlich so viel ausgetragen wird und der irgendwann auch einfach mal der Kragen platzt. Dennoch ist sie auch die Figur, bei der man am wenigsten entdecken kann, weil sie auch keine Geheimnisse hat, sie ist einfacher Mensch, der damit arbeitet, was ihr angeboten wird. Frederik wiederum ist der, zu dem die meisten Andeutungen gemacht werden und wo man nicht sicher ist, wie dunkel das Grauen bei ihm wirklich ist. Er war durch seine Stimmungen sicherlich der unerträglichste, aber ich fand es durchaus auch interessant, wie er immer in der Liebe zu seiner Familie und seinen Schuldgefühlen schwankte. Da er gerade auch zu Beginn der Geschichte für mich den vernünftigsten Eindruck machte, war ich auch gespannt, wie weit seine Schuld nun tatsächlich reicht.

Während nun also diese Figurenebene wirklich sehr interessant und ungewöhnlich für mich war, so bin ich zu dem Erzählstil noch etwas unentschlossen. Dieses Figurenbasierte fließt natürlich einteilig groß ein, aber dennoch hemmt es auch in einigen Aspekten. Denn das, was am Ende noch alles aufgedeckt wird, das passiert eher im Off und wird dann aus dem Hut gezaubert. Vielleicht muss ich mich an der Stelle mehr daran erinnern, dass es eben kein Thriller ist, aber dennoch war es schon eher ungewöhnlich. Ich habe zwar zwischendurch in eine ähnliche Richtung gedacht, die finale Lösung fand ich dennoch überraschend und dazu hätte ich mir noch etwas mehr Innenleben gewünscht und nicht nur den Strafprozess dann. Manche Wendungen waren mir auch etwas zu übertrieben, auch weil mir dann im nächsten Schritt die ausführlichere Darstellung von Jennifer gefehlt hat, denn sie ist für diese Geschichte enorm wichtig, auch wenn sie aktiv keine große Rolle spielt. Es hat auch immer mal wieder Rückblenden gegeben, aber bis auf die eine entscheidende waren die auch eher austauschbar. Es ist also ein etwas schmaler Grat, auf dem der Erzählstil hier wandelt. Die Vor- UND Nachteile sind offensichtlich.

Fazit: „Happy New Year“ war in meinem Lesejahr 2022 ein ungewöhnliches Buch, weil es irgendwo zwischen Thriller und psychologischem Roman schwankte und weil auch der Erzählstil dementsprechend seine Vor- und Nachteile aufzuweisen hat. Während ich die intensiven Figurenperspektiven zu schätzen wusste, so fühlte sich das Buch in anderen Aspekten wiederum unfertig an.

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