Profilbild von melange

melange

Lesejury Star
offline

melange ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit melange über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.08.2019

Erst stirbt die Katze, dann der Mensch

Blutsbande
0

Zum Inhalt:
In Stockholm werden einige ertränkte Katzen gefunden, kurz danach findet ebenfalls eine Psychologin ihr unfreiwilliges Ende unter Wasser. Die Stockholmer Polizei muss feststellen, dass Fingerabdrücke ...

Zum Inhalt:
In Stockholm werden einige ertränkte Katzen gefunden, kurz danach findet ebenfalls eine Psychologin ihr unfreiwilliges Ende unter Wasser. Die Stockholmer Polizei muss feststellen, dass Fingerabdrücke auf einen alten Fall hinweisen, bei dem eine weitere Frau im Wasser gestorben ist. Als klar wird, dass Teile des Teams privat involviert sind, wird der Druck zur Täterfindung nicht nur extern, sondern auch intern erhöht.

Mein Eindruck:
Geschickt zelebriert Carin Gerhardsen die Leserverwirrung auf drei Zeitebenen, ihr Aufbau falscher Fährten ist fast brillant. „Fast“ deshalb, weil die letzte Wendung dann doch ein bisschen sehr überraschend und damit unbefriedigend gerät und das Ende zu abrupt geschildert ist. Sonst gibt es jedoch am „Hauptfall“ wenig zu kritteln: Er ist stringent, die handelnden Personen agieren folgerichtig und werden in einer Tiefe dargestellt, die weit entfernt von Holzschnitten ist. Leider kann sich Gerhardsen nicht vom üblichen Krimiklischee lösen, das immer wieder private Probleme bis zum Exzess in einen eigentlich guten Fall hineinverwursten muss. Dass gleich mehrere Personen des Teams persönliche Verbindungen zu Tätern und/oder Opfern haben, ist absurd und überkonstruiert und die daraus resultierenden Alleingänge nerven. Gefallen kann man jedoch durchaus an der Zusammenarbeit der Polizisten finden, - einer steht für den anderen ein und kümmert sich um die Kolleg/inn/en.
Da es sich bei „Blutsbande“ um einen Teil einer Reihe handelt, kommen Altfälle zu Sprache und nicht jeder Vorgang findet sein Ende; allerdings ist der Weg des Umgangs mit diesem Dilemma ein guter: Auch in Unkenntnis der älteren Bücher ist es möglich, sich zurechtzufinden.
Apropos zurechtfinden: Vielleicht sollte man bei der Übersetzung auf deutsche Leser Rücksicht nehmen und die typisch schwedische Angewohnheit, Personen mit Vor-, Nach- oder Spitznamen zu erwähnen entweder auf den Namen beschränken oder ein Glossar anbieten.


Mein Fazit:
Viele Spuren, noch mehr private Verwicklungen, mittlere Wertung

Veröffentlicht am 16.08.2019

Stereotyp

Blind Date
0

Zum Inhalt:
Er sieht wahnsinnig gut aus und sucht sich seine Opfer online: Der Sadist Mister Right Now hat sich als nächstes Objekt seiner tödlichen Begierde Paige ausgewählt, doch diese zeigt sich - durch ...

Zum Inhalt:
Er sieht wahnsinnig gut aus und sucht sich seine Opfer online: Der Sadist Mister Right Now hat sich als nächstes Objekt seiner tödlichen Begierde Paige ausgewählt, doch diese zeigt sich - durch ihr Umfeld immer wieder um das Date gebracht - widerspenstig. Aber ist das schönste am Erfolg nicht die Jagd? Und so zieht er seine Kreise um Paige, die nicht merkt, dass sie schon bald zur Strecke gebracht werden soll.

Mein Eindruck:
Die Sterne erhält einzig und allein die Sprecherin, denn dieser Thriller ist weder spannend, noch hat er tiefgründige Charaktere. Es ist zum Beispiel völlig egal, wie intelligent die Frauen (angeblich) sind. Sie definieren sich nur über Klamotten, Schuhe, ihre Haare (ich weiß jetzt alles über das Wetter und was es einer guten Frisur zufügen kann) und legen die gleichen Maßstäbe bei ihren Männern an. Hauptsache eine Augenweide (wen kümmern schon innere Werte) und Mister Right Now ist so gutaussehend, dass praktisch jedes (und ich meine wirklich jedes) weibliche Wesen zu sabbern anfängt, wenn er in dessen Blickfeld gerät. Noch holzschnittartiger die anderen weiblichen Charaktere: Entweder nur lieb oder nur dumm, keine Zwischentöne. Geht es trivialer? Oh ja, es geht. Denn hauptsächlich wird über Sex geredet und er praktiziert - ebenfalls unabhängig vom Alter - und die Höhe der Absätze der Damen spielt eine größere Rolle, als irgendeine Krimispannung.
Das Allerschlimmste ist jedoch der Schluss (Vorsicht Spoiler, wenn auch nicht inhaltlich):

Wer hat beschlossen, dass es cool ist, ein Ende offen zu lassen, - und das in jeder Beziehung? Der zweite Krimi in der letzten Zeit, der anscheinend das nicht mehr gewogene Publikum auf einen nächsten Band anfüttern will. Vergisst es! Nicht mit mir! Das war es mit Joy Fielding!

Mein Fazit:
Gute Stimme, keine gute Stimmung

Veröffentlicht am 16.08.2019

Überspannt

Gespräche mit Freunden
0

Zum Inhalt:
Die Studentinnen Frances und Bobbi lernen Melissa – eine Fotografin – und ihren Mann, den Schauspieler Nick kennen. Obwohl das Ehepaar gut 10 Jahre älter ist, findet sich eine gemeinsame Ebene, ...

Zum Inhalt:
Die Studentinnen Frances und Bobbi lernen Melissa – eine Fotografin – und ihren Mann, den Schauspieler Nick kennen. Obwohl das Ehepaar gut 10 Jahre älter ist, findet sich eine gemeinsame Ebene, auf der zuerst diskutiert und dann geliebt wird.

Mein Eindruck:
Viel Gequatsche um fast nichts. Oder: Mir persönlich hat sich der Hype um dieses Debüt der irischen Schriftstellerin Sally Rooney und seine vielfache Prämierung nicht erschlossen. Dass es junge Menschen geben mag, die so reden, wie in diesem Buch eloquent parliert wird, ist durchaus möglich (die Autorin ist kaum älter als ihre beiden Hauptfiguren Frances und Bobbi gewesen, als sie das Buch schrieb), aber eher ungewohnt. Der Schreibstil war gut, aber auch nicht der Überflieger – das mag der Übersetzung geschuldet sein – und dass mancher Leser das Buch nicht aus der Hand legen konnte, erschließt sich mir ebenfalls nicht. Aber – wie sagt man so schön bei Abschieden, die nicht zu weh tun sollen – es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Ich verstand nicht, was das Buch mir letztendlich sagen sollte. Zu vieles darin war mir zu unglaubwürdig und zu gewollt. Die Dialoge waren gestelzt, die Ausgangslage (warum traf man sich eigentlich überhaupt andauernd bei Melissa?) zu bemüht und die Entwicklung der Beziehung/en seltsam. Man hat ein großes Schmerzproblem durch eine schlimme Krankheit und verschweigt dieses nicht nur vor den Menschen, die einem nahe stehen, sondern auch in der Uni und verbaut sich möglicherweise seinen ganzen Lebensweg? Weshalb?
Für mich ist das Buch ein typisches folgender Sorte: Ich schreibe jetzt einen tiefgründigen Roman, was nehme ich da? Komplizierte Beziehungen, Krankheit, schwere Kindheit, fertig!
Und siehe da, - es wird ein Bestseller! Herzlichen Glückwunsch, alles richtig gemacht.


Mein Fazit:
Der Roman wird seine Liebhaber finden, mir war er jedoch zu kapriziös

Veröffentlicht am 11.08.2019

Schlag in den Magen

Wir von der anderen Seite
0

Zum Inhalt:
Während eines Krankenhausaufenthaltes treten bei der Drehbuchautorin Rahel Komplikationen auf und sie wird in ein künstliches Koma versetzt. Nach dem Erwachen fehlen ihr Erinnerungen und ihr ...

Zum Inhalt:
Während eines Krankenhausaufenthaltes treten bei der Drehbuchautorin Rahel Komplikationen auf und sie wird in ein künstliches Koma versetzt. Nach dem Erwachen fehlen ihr Erinnerungen und ihr Körper sieht nicht nur anders aus, sondern funktioniert nicht mehr so, wie sie es vor diesem Einschnitt gewohnt war. Glücklicherweise steht ihre komplette Familie hinter ihr und auch ihre Freunde versuchen, sie auf dem steinigen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu begleiten.

Mein Eindruck:
Bei diesem Roman mit autobiographischen Zügen beschreitet Decker Wege abseits der leichten Muse, für die sie sonst bekannt ist. Denn auch wenn sie treffsicher und pointiert Einsprengsel ihres Humors einsetzt, bleibt „Wir von der anderen Seite“ doch ein eher ernster Roman über die Probleme, welche ein plötzlicher krankheitsbedingter Schicksalsschlag mit sich bringt. Dass sich Decker durch ihren eigenen Hintergrund in ihre Protagonistin – genial gesprochen von Katja Riemann – perfekt einfühlen kann, macht die Geschichte noch einen Ticken besser, als sie ohne dieses Wissen wäre. Sprachlich einwandfrei (von einer langjährigen, erfolgreichen Autorin erwartbar) bekommt die Leserschaft einen ungeschönten Blick auf das Schauspiel-Business mit all seinen Höhen und Tiefen und einen Eindruck der Ängste eines Freiberuflers. Doch hauptsächlich geht es um den Kampf gegen die Nachwirkungen der Krankheit, die damit verbundenen Probleme, den steinigen Weg in eine ungewisse Zukunft. Dass dabei nicht alles Gold ist, was glänzt, welchen Einfluss die Erziehung und das Umfeld auf den Charakter hat und wie aus etwas Schlechtem auch etwas Gutes erwachsen kann, bildet dafür den perfekten Rahmen.
Man kann diesen Roman mögen oder nicht, - ungerührt bleiben wird aber wohl niemand. Er ist definitiv nicht für das Hören oder Lesen in der Öffentlichkeit geeignet, denn oft bleibt kein Auge trocken.
Das Ende zeigt die Entwicklung der Figur und ist wie der Rest des Buches – nicht nur positiv, aber ergebnisoffen mit einem Silberstreif am Horizont.


Mein Fazit:
Ein Highlight in diesem Jahr

Veröffentlicht am 21.07.2019

Bitter

Dann schlaf auch du
0

Zum Inhalt:
Myriam und Paul sind beide beruflich erfolgreich – sie als Anwältin, er als Musikproduzent – und gönnen sich für ihre beiden kleinen Kinder den Luxus eines Kindermädchens. Keines mit Migrationshintergrund, ...

Zum Inhalt:
Myriam und Paul sind beide beruflich erfolgreich – sie als Anwältin, er als Musikproduzent – und gönnen sich für ihre beiden kleinen Kinder den Luxus eines Kindermädchens. Keines mit Migrationshintergrund, sondern Louise, eine Blondine mit guten Referenzen. Doch schleichend beginnt Louise, sich in dem Leben der Familie einzunisten. Als sie bemerkt, dass Myriam und Paul das nicht länger dulden werden, kommt es zur Katastrophe.

Mein Eindruck:
Das Buch beginnt direkt mit dem Paukenschlag des Doppelmordes an zwei kleinen Kindern und dem Selbstmordversuch der Mörderin. Danach gleitet die Geschichte in ein ruhigeres Fahrwasser und Slimani führt ihre Leser ganz behutsam in den Abgrund. Durch die Kenntnis des Schlusses stellt sich gleich zu Beginn ein unbehagliches Gefühl ein, - egal, wie viel Liebe, Zärtlichkeit und Rosenduft Louise versprüht. Als dieses Gefühl irgendwann auch das glückliche Paar erfasst, ist es schon zu spät. Und obwohl Slimani eindringlich schildert, lässt sie viel im Unklaren. Zum Schluss bleibt man genauso fassungslos wie zu Beginn, ungeachtet dessen, dass man meint, eine ganze Menge über Louises Gefühle und ihr Leben mit und abseits der Kinder gelesen zu haben. Doch alles ist an der Oberfläche, in die Tiefe gelangt man nicht und ist trotz der 200 Seiten Text und den Einblicken in die Vergangenheit und die Gedanken der Täterin so fassungslos, wie zu Beginn des Buch. Warum die Verzweiflung Louises an ihrem Dasein in einen erweiterten Suizid mündet, bleibt unklar, - ebenso wie der Verbleib der Menschen, die bis dahin in ihrem Leben eine Rolle spielten. Dass man sich dennoch nicht von der Autorin verschaukelt fühlt, ist die große Kunst Slimanis. Denn wie sie die immer größer werdende dunkle Wolke über dem vermeintlich glücklichen Leben malt, ist meisterhaft.

Mein Fazit:
Unsagbar traurig