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Veröffentlicht am 17.01.2025

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Klaus Barbie
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Die vorliegende Graphic Novel beleuchtet das Leben und die fürchterlichen Taten von Nikolaus Barbie (Spitzname: Klaus), einem am 25. Oktober 1913 geborenen SS-Mann, genannt »Der Schlächter von Lyon«. ...

Die vorliegende Graphic Novel beleuchtet das Leben und die fürchterlichen Taten von Nikolaus Barbie (Spitzname: Klaus), einem am 25. Oktober 1913 geborenen SS-Mann, genannt »Der Schlächter von Lyon«. Barbie hat es nach dem Krieg geschafft, unterzutauchen und im Gegensatz zu seinen unzähligen Opfern jahrzehntelang ein nahezu unbehelligtes Leben zu führen, bis er im Jahr 1983 nach einer gescheiterten Entführung letztendlich doch noch durch die bolivianische Regierung ausgeliefert worden ist. Im Mai 1987 begann in Frankreich ein aufsehenerregender Prozess gegen den Kriegsverbrecher.

»Der Prozess gegen Klaus Barbie ist der erste Prozess, der in Frankreich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt wird. Und da es nicht nur darum geht, einen Mann, sondern ein ganzes System zu verurteilen, wird das Verfahren vollständig gefilmt und von mehr als 600 Journalisten aus der ganzen Welt beobachtet. Dieser Prozess wird in die Geschichte eingehen.« (Seite 91)

Als Klaus Barbie der Prozess gemacht wurde, war ich noch zu jung, um richtig erfassen zu können, um was es geht. Natürlich war ich thematisch in der Lage, zu verstehen, was ihm zur Last gelegt wurde, allerdings habe ich der Gerichtsverhandlung damals noch nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken können, sodass ich umso erfreuter war, als ich die Graphic Novel entdeckte, da mir der doch eher ungewöhnliche Name bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Die Aufteilung der Graphic Novel in verschiedene Bereiche war klug gewählt, allerdings ergab sich dadurch auch das Problem, dass gerade zu Beginn ein klein wenig der rote Faden fehlte, weil es etwas chaotisch wurde wegen der vielen Zeitsprünge. Dazu kommt, dass es schwierig ist, besonders die politischen Verwicklungen auf so wenigen Seiten wiederzugeben, sodass ich manchmal das Gefühl hatte, nicht folgen zu können. Die zeitliche Zuordnung wird aber in einem Dossier mit der Überschrift »Klaus Barbie - Ein Kind des Fanatismus« von Jean-Olivier Viout, dem stellvertretenden Generalstaatsanwalt von Lyon beim Prozess, sehr gut abgebildet, sodass sich ein ziemlich genaues Bild ergab.

Insgesamt eine phantastisch gezeichnete Graphic Novel, die mich, insbesondere was die Zeugenaussagen angeht, emotional sehr berührt hat. Wer sich intensiv mit der Person Klaus Barbie beschäftigen möchte, dem würde ich zusätzlich zu einem ausführlichen Sachbuch raten, wer aber, wie ich, seinen Horizont erweitern und sich informieren möchte, wer dies war und was es mit dem spektakulären Prozess auf sich hat, dem lege ich diesen Comic für Erwachsene ans Herz.

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Veröffentlicht am 16.01.2025

Düstere Spannung

Aschezeichen
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Ein Familienvater wird ermordet, während er mit seinen Kindern in Jütland auf einer Insel zelten ist. Die vierzehnjährige Shirin findet ihn tot im Zelt, flieht und versteckt sich bei einem Verwandten, ...

Ein Familienvater wird ermordet, während er mit seinen Kindern in Jütland auf einer Insel zelten ist. Die vierzehnjährige Shirin findet ihn tot im Zelt, flieht und versteckt sich bei einem Verwandten, während der Bruder verschwunden bleibt. Der Leiter der Mordkommission bittet die Privatdetektivin Liv Jensen um Unterstützung, die sich mit vollem Einsatz in die Ermittlungen stürzt. Diese führen sie dreißig Jahre in die Vergangenheit, zurück in ein Flüchtlingslager, in dem das iranisch-dänische Mordopfer seinerzeit auf die Bewilligung seines Asylantrags gewartet hat.

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den zweiten Teil der Reihe mit der Privatermittlerin Liv Jensen, deren Auftakt mit dem Titel »Glutspur: Die Wurzeln des Schmerzes« mich vor längerer Zeit außerordentlich beeindruckt hat. Um dem aktuellen Fall folgen zu können, sind keine Vorkenntnisse erforderlich, um die Verwicklungen der drei im Vordergrund stehenden Personen zu verstehen ist es allerdings von Vorteil, die Reihenfolge einzuhalten und mit dem ersten Band zu beginnen. Dieses Buch ist nicht ganz so undurchschaubar aufgebaut wie der Vorgänger, was vorrangig daran liegt, dass die erwähnten Figuren und ihre Beziehung zueinander mir bereits bekannt waren, wobei sich viele Einzelheiten erst aus dem Kontext ergaben, da mir über ein Jahr später nicht mehr alles Wichtige im Gedächtnis geblieben ist. Dennoch hatte ich keinerlei Probleme damit, der Geschichte folgen zu können.

Ein komplexer Fall, Ereignisse, die weit in die Vergangenheit zurückreichen, eine fremde Kultur, interessante Beteiligte sowie drei Hauptpersonen, die allesamt ihr eigenes Päckchen zu tragen haben; wieder einmal konnte mich die Autorin in eine Welt entführen, die mir unzählige spannende Stunden beschert hat. Einige Wendungen führten mich auf falsche Fährten, den Ausgang hätte ich mir dennoch nicht einmal annähernd so vorgestellt. Wie bereits im ersten Buch wurde der Kriminalfall restlos aufgeklärt, das Privatleben der drei Figuren allerdings bietet erneut viel Stoff für eine weitere Folge. Ich freue mich darauf!

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Veröffentlicht am 14.01.2025

Familie und andere Katastrophen

Eigentlich bin ich nicht so
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Die Konfirmation von Linnea steht an, ein Fest wird geplant, die gesamte Verwandtschaft wurde eingeladen. Linneas Vater Bård will sofort danach ein neues Leben anfangen, das er bereits heimlich plant. ...

Die Konfirmation von Linnea steht an, ein Fest wird geplant, die gesamte Verwandtschaft wurde eingeladen. Linneas Vater Bård will sofort danach ein neues Leben anfangen, das er bereits heimlich plant. Hanne, seine Schwester, kommt extra aus Oslo angeflogen, mit ihrer neuen Figur kennt sie noch niemand und auch sie fühlt sich noch nicht richtig wohl in ihrer Haut. Und Linnea selbst ist gar nicht bei der Sache, ihre Freundin ghostet sie, das ist ihr wichtiger, als das bevorstehende Fest. Wie das so im Leben ist, kommt es erstens anders und zweitens als man denkt.

»Ich höre mich normal an, rede, wie ich immer rede, und während wir gemeinsam lächeln, kommt es mir kurz so vor, als wäre alles wie früher. Sie merkt mir nichts an, hat keinen Verdacht geschöpft. Das erkenne ich an ihrem Lächeln, sie fühlt sich so sicher, mein Hals schnürt sich zusammen.« (Seite 11)

Ein Wochenende lang durfte ich die Familie begleiten, hörte sie erzählen und erklären, beschwichtigen und relativieren. Ich sah zu, wie Bård balancierte, zerrissen zwischen seiner Familie und dem möglichen neuen Leben, das er sich ausgemalt hat. Besser soll es werden, nicht mehr so chaotisch, er hat sich alles ganz genau vorgestellt. Hanne wiederum ist endlich schlank, zumindest nach außen hin. Im Inneren sieht es dagegen anders aus, ihre Ängste und Sorgen quälen sie. Linnea ist ein typischer Teenager, erlebt eine Tragödie und dramatisiert, wie das in dem Alter üblich ist. Ergänzt wurde das Quartett durch Nils, den Vater von Bård und Hanne, den jedes seiner Kinder ein bisschen anders sieht.

Mir hat das Wochenende mit den Ich-Erzählern viel Spaß gemacht, gerne hätte ich mehr Zeit mit ihnen verbracht. Ein wenig habe ich das Gefühl, beim Fest dabeigesessen zu haben. Aufregend war es und lustig, ein wenig peinlich wurde es zwischendurch auch. Eine typische normale Familie halt, der ganz normale Wahnsinn. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 12.01.2025

Meisterlich!

Sag mir, was ich bin
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Deena Garvey hat ihren gewalttätigen Lebensgefährten Lucas verlassen und wohnt mit der gemeinsamen Tochter Ruby bei ihrer Schwester Nessa. Das ehemalige Paar teilt sich das Sorgerecht für die vierjährige ...

Deena Garvey hat ihren gewalttätigen Lebensgefährten Lucas verlassen und wohnt mit der gemeinsamen Tochter Ruby bei ihrer Schwester Nessa. Das ehemalige Paar teilt sich das Sorgerecht für die vierjährige Ruby. Eines Morgens bricht Deena zur Arbeit auf, kommt dort aber nie an, sondern verschwindet spurlos. Lucas behauptet, das ganze Wochenende mit Ruby und seiner Mutter verbracht zu haben, die diese Aussage bestätigt. Nessa ist überzeugt davon, dass Lucas Deena etwas angetan hat, beweisen kann sie dies aber nicht. Lucas zieht mit Ruby zurück ins Vermont zu seiner Mutter und unterbindet den Kontakt zu Deenas Familie. In der ländlichen Umgebung lernt Ruby zu überleben, ihr vergangenes Leben verschwindet allmählich aus ihrem Gedächtnis, bis ihr eines Tages ein Foto ihrer Mutter in die Hände fällt und sie zu hinterfragen beginnt, was Lukas ihr erzählt.

»Deena biss sich auf die Unterlippe. Nessa sah ihr an, dass sie mit den Tränen kämpfte. Ich sehe mich selbst als Schatten, wie ich mich durch alles bewege, was in meinem Leben vor diesem Abend passiert ist, aber ich sehe auch, wie das alles zerläuft, wie mich ein anderes Element verschluckt, mich quasi chemisch zersetzt, mich verbrennt.« (Seite 89)

Mit dem Ende fängt es an, aber ein Abschluss ist es trotzdem nicht. Unsortiert und zeitlich versetzt wird die Geschichte erzählt und trifft mich wahrscheinlich deswegen immer wieder mitten ins Herz. Durch die Zeitsprünge wird eine ungemeine Spannung erzeugt, die mich fast atemlos durch die Seiten trägt, denn unausgesprochen bleibt, was passiert ist, aber das, was zwischen den Zeilen steht, wirkt dadurch mit einer ungeheuren Wucht, die mich fast niederdrückt und an manchen Stellen verzweifeln lässt.

»Ich erinnere mich, wie ich dich das erste Mal mit Ruby im Arm gesehen habe, und wenn ich daran denke, erinnere ich mich, dass ich zwei Menschen betrauere.« (Seite 153)

Mal folge ich Ruby, man begleite ich Nessa, die Gefahr läuft, an dem Verlust ihrer Schwester und ihrer Nichte zugrunde zu gehen. Ihre Verzweiflung, ihre Trauer sowie ihr Schmerz sind bodenlos, mit ihr zusammen fühle ich Angst, Wut und Enttäuschung, verliere den Halt, wenn es erneut abwärts geht. Auch Rubys Leben verläuft nicht wunschlos glücklich, Lucas lügt, manipuliert und herrscht. Nach außen hin eine sorgenfreie Kindheit, in Wahrheit eher ein goldener Käfig, der Ruby zu zerstören droht.

Leise und unaufhaltsam nähert sich das Finale, ich halte zwischendurch wiederholt den Atem an. Irgendwann wurde aus dem Roman ein Krimi, unterbrochen von einer Tragödie mit True Crime-Elementen, oder zumindest nah dran. Mochte ich das erste Buch der Autorin mit dem Titel »Licht zwischen den Bäumen«, so bin ich hier fast euphorisch, so einen großen Sprung hat sie getan. Für mich ein Meisterwerk im Genre, das mich begeistert. Nicht ohne Grund steht das Buch auf der Krimibestenliste 2024, die 17 Literaturkritiker und Krimispezialisten für Deutschlandfunk Kultur ermittelt haben, auf Platz fünf von zehn. Ich schließe mich diesem Urteil mit Freude an.

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Veröffentlicht am 09.01.2025

Leider eher unspektakulär

Die blaue Stunde
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James Becker, Kurator der Fairbun-Stiftung, der die verstorbene Künstlerin Vanessa Chapman ihre Kunst vermacht hat, erhält einen Anruf, weil in einer Skulptur der Verstorbenen, die die Stiftung verliehen ...

James Becker, Kurator der Fairbun-Stiftung, der die verstorbene Künstlerin Vanessa Chapman ihre Kunst vermacht hat, erhält einen Anruf, weil in einer Skulptur der Verstorbenen, die die Stiftung verliehen hat, mutmaßlich ein menschlicher Knochen entdeckt worden sei. Um die Angelegenheit so diskret wie möglich zu klären, fährt Becker auf die abgeschiedene Gezeiteninsel Eris Island, auf der Chapman gelebt und die sie ihrer Vertrauten, der im Ruhestand befindlichen Ärztin Grace Haswell, vererbt hat. Haswell, gleichzeitig die Testamentsvollstreckerin der Erblasserin, besitzt eine Menge schriftlicher Aufzeichnungen von Chapman, die sie vor der Herausgabe durchsehen will und deswegen seit Jahren zurückhält. Dies ist nicht das einzige Ärgernis, auf das Becker stößt, während er nach der Wahrheit sucht.

»Bei Verstand bleibt man, indem man daran festhält - wenn man zu lange lockerlässt und seinem Verstand gestattet, Orte aufzusuchen, die er fürchtet oder nach denen er sich sehnt, riskiert man, dass er einem entgleitet. Man erlaubt es sich nicht, bestimmte Dinge wieder wachzurufen, wenn einem der eigene Verstand etwas wert ist.« (Seite 274)

Leider lässt mich dieses Buch nach dem Lesen sehr unbefriedigt zurück. Die Idee und auch den Aufbau des Buches kann ich lobend erwähnen, mir gefiel es, zwischen den Kapiteln wiederholt Bruchstücke der Aufzeichnungen der Künstlerin zu finden und auch die Rückblenden eine der zwei Hauptpersonen betreffend waren überaus interessant. Insgesamt konnte mich die Geschichte aber leider überhaupt nicht fesseln, denn abgesehen von einigen wenigen Passagen, die meine Aufmerksamkeit erregten, empfand ich die Erzählung als langatmig und überwiegend blass. Vielleicht hatte ich nach dem letzten Werk der Autorin falsche Vorstellungen, allerdings erwarte ich auch bei einem Roman eine gewissen Unterhaltungswert. Die Auflösung konnte mich zwar überraschen, aber das reicht mir persönlich nicht, um die Wertung zu verbessern. Schade, aber manchmal passt es einfach nicht.

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