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Veröffentlicht am 11.04.2023

Verstörend genial

Die marmornen Träume
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Im Berlin des Jahres 1942 sterben Frauen von berühmten und einflussreichen Nazi-Größen, ihre Körper werden verstümmelt, Spuren keine hinterlassen. Der SS-Offizier Franz Beewen wird mit der Ermittlung beauftragt, ...

Im Berlin des Jahres 1942 sterben Frauen von berühmten und einflussreichen Nazi-Größen, ihre Körper werden verstümmelt, Spuren keine hinterlassen. Der SS-Offizier Franz Beewen wird mit der Ermittlung beauftragt, was ihm nicht gefällt, denn eigentlich will er unbedingt an die Front, um gegen den Feind zu kämpfen. Bei den Ermittlungen stößt Franz auf den Psychiater Simon Kraus, der als Psychoanalytiker mit den getöteten Frauen zu tun hatte. Als dann auch noch die Psychiaterin Minna von Hassel in die Sache hineingezogen wird, merken die drei, dass sie zusammenarbeiten müssen, um das Böse zu stoppen.

Dies war mein erstes Buch des Autors und es wurde gleich ein Volltreffer! Der Erzähler durch die Geschichte widmet sich immer wieder einer der drei Hauptpersonen und informiert mich über Vergangenheit und Gegenwart, gibt Auskunft und beantwortet Fragen, die ich nicht gestellt, deren Beantwortung ich mir aber gewünscht habe. Nach und nach habe ich so ein Bild vor den Augen und bin in der Lage, gegenwärtige und auch vergangene Ereignisse besser zu verstehen und nachzuvollziehen. Durch die Sprünge zwischen den drei Akteuren, die sich oft überschneiden und immer ergänzen, habe ich das Gefühl, ich bin mitten im Geschehen drin, was der Erzählung eine persönliche Note gibt. Lediglich die Fülle an wirklich sehr vielen Fremdwörtern bremst meinen Lesefluss regelmäßig, hier wäre weniger tatsächlich mehr gewesen.

Die Suche nach der Täterperson gestaltet sich schwierig, da permanent gelogen, vertuscht und intrigiert wird, Fakten werden verschwiegen, die Wahrheit verdreht. Die Dynamik zwischen den drei Beteiligten begeistert mich hierbei am meisten; man kann nicht ohne einander, aber zusammen geht es oft ebenfalls nicht. Der feine, manchmal auch sehr bissige Humor tut hierbei sein übriges, das Buch zu einem Vergnügen zu machen, das mich vergessen lässt, wieviele Seiten noch vor mir liegen. Der Autor hat historische Gegebenheiten und Personen meisterlich in die Handlung eingebaut, den Fall interessant und mysteriös genug gestaltet und durch einige tolle und unerwartete Wendungen für Abwechslung gesorgt. Hervorheben möchte ich hierbei, dass Sprache und Ausdrucksweise der damaligen Zeit entsprechen, es also einige kritische Worte gibt, die heute undenkbar wären und dessen Benutzung mittlerweile nicht gewünscht ist. Für die Atmosphäre im Buch war dies unverzichtbar und trug genauso zum Gesamtbild bei, wie die vielen Gräueltaten, die das Schaffen der Nazis mit sich brachte, über die immer wieder ausführlich geschrieben wird.

Ein grandioser Thriller, ein Lesevergnügen der besonderen Art; kombiniert mit einem der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte ergab dies eine unwiderstehliche Mischung, die mir unvergessliche Lesestunden beschert hat. Für mich ein weiteres Highlight dieses Jahres. Fünf Sterne mit Sternchen gibt es dafür von mir.

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Veröffentlicht am 05.04.2023

Der Tanz des Deutschenmädchens

Als Großmutter im Regen tanzte
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Juni flieht vor ihrem gewalttätigen Ehemann auf eine kleine norwegische Insel in das Haus ihrer verstorbenen Großeltern. Vor kurzem starb ihre Mutter, die ebenfalls dort gewohnt hat, und Juni fängt an, ...

Juni flieht vor ihrem gewalttätigen Ehemann auf eine kleine norwegische Insel in das Haus ihrer verstorbenen Großeltern. Vor kurzem starb ihre Mutter, die ebenfalls dort gewohnt hat, und Juni fängt an, die Unterlagen ihrer Familie durchzugehen. Dabei findet sie Dokumente und Fotos, die ihre Großmutter in Zusammenhang mit einem deutschen Soldaten bringen. Es gibt kaum noch Familienmitglieder, die ihr Antworten geben könnten, aber diese und alle anderen Zeitzeugen mauern und verweigern die Auskunft. Bei ihren weiteren Nachforschungen kommt Ungeheuerliches ans Licht. Wer war ihre Großmutter und welche Gräuel hat sie erlebt?

Der einfache Schreibstil hat es mir von Anfang an leicht gemacht, in die Geschichte einzutauchen. Abwechselnd konnte ich die Bemühungen von Juni, die als Ich-Erzählerin fungierte, verfolgen, ihre Familiengeschichte Stück für Stück zu rekonstruieren und herauszufinden, was kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges passierte und wo ihre Großmutter eigentlich herkommt. Als diese gelebt hat, war die Vergangenheit ein Tabuthema, über das nie gesprochen wurde. Dazwischen gab es Rückblenden in die Vergangenheit, in denen die Geschichte von Tekla, der Großmutter von Juni, erzählt wurde. Diese Rückblicke fand ich persönlich fast noch spannender als die Gegenwart, obwohl diese immer schwerer zu ertragen waren. Ich fieberte regelrecht nach diesen Abschnitten, die Spannung war oft kaum auszuhalten.

Wieder einmal wurde ich durch ein Buch überrascht mit Themen, die mir vollkommen unbekannt waren. Natürlich habe ich gewusst, dass die deutschen Soldaten in den von ihnen besetzten Ländern sich in die Frauen dort verliebten und umgekehrt. Norwegen stand hierbei allerdings noch nie in meinem Fokus. Dass die Frauen mit einem abwertenden Ausdruck belegt, aus ihren Familien vertrieben und als Landesverräterinnen abgestempelt wurden, die man schnellstmöglich loswerden wollte und denen man die Staatsbürgerschaft aberkannt hat, das habe ich nicht gewusst. Als ob dies nicht tragisch genug wäre, hat sich die Autorin einem Thema zugewandt, das mich fast an meine Grenzen gebracht hat. Die Rede ist von Demmin im Osten Deutschlands und was dort nach dem Einmarsch der russischen Truppen Anfang Mai 1945 passiert ist, überstieg meine Vorstellungskraft so sehr, dass ich kaum glauben konnte, was ich da erfuhr. Ein weiteres Stück deutscher Geschichte, das mich mit Grauen erfüllt zurückgelassen hat.

Ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr mich das Schicksal der Menschen berührt hat, welche Emotionen da über mich kamen. Auch die fiktive Geschichte von Tekla hat mich sehr bewegt; wie stark und zäh muss eine Frau sein, das zu überstehen und das Geschehene in ihrem Inneren einzuschließen für alle Zeit, wobei Tekla für mich stellvertretend für die Frauen steht, die die damalige Zeit überlebt haben. Danke für dieses wunderbare Buch und das Erinnern an Ereignisse, die nie vergessen werden dürfen. Dass es ein Highlight für mich geworden ist, und das trotz des Themas, brauche ich wohl kaum noch zu erwähnen. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 03.04.2023

Zu viel Drama, statt Thriller

Das Sanatorium
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Detective Inspector Elin Warner und ihr Lebensgefährte Will werden zur Verlobungsfeier von Elins Bruder Isaac in ein Luxushotel hoch in den Schweizer Bergen eingeladen. Das Fünf-Sterne-Hotel war früher ...

Detective Inspector Elin Warner und ihr Lebensgefährte Will werden zur Verlobungsfeier von Elins Bruder Isaac in ein Luxushotel hoch in den Schweizer Bergen eingeladen. Das Fünf-Sterne-Hotel war früher ein Sanatorium zur Behandlung von Tuberkulosepatienten und ein wenig von dem morbiden Charme ist auch nach dem Umbau übrig geblieben. Als Isaacs Verlobte Laure verschwindet, unternimmt Elin auf eigene Faust Ermittlungen, um sie wiederzufinden. Erschwert wird die Suche durch einen starken Schneesturm, der zu einem Lawinenabgang führt, was darin gipfelt, dass das Hotel evakuiert werden muss. Bevor der letzte Bus abfahren kann, gibt es einen erneuten Erdrutsch und die restlichen Gäste und Angestellten werden von der Außenwelt abgeschnitten. Als ein Mord geschieht, ist schnell klar, dass sich unter den eingeschlossenen Personen ein Mörder befindet.

Dieses Buch lässt mich zwiegespalten zurück. Einerseits gab es viele Passagen, die interessant und durchaus spannend waren, andererseits gab es aber zu viele Kapitel, die so ausschweifend und ermüdend waren, dass ich mir eine rigorose Kürzung gewünscht hätte. Die Protagonistin Elin war hierbei ein Teil des Problems. Ihre Unsicherheit, ihre Rastlosigkeit und die Unfähigkeit, das eigene Potential anzuerkennen, sowie einige andere sprichwörtliche Baustellen ließen mich an vielen Stellen die Augen verdrehen. Es wurde immer wieder auf einigen Gegebenheiten rumgeritten, so dass ich es satthatte, auch nur eine weitere Seite zum Thema zu lesen. Dabei klang es toll; ein früheres Sanatorium, geheimnisvoll und mysteriös, eine verschwundene Person, ein Schneesturm, ein Mord und der Weg raus ist abgeschnitten. Hierzu noch so viele zusätzliche Komponenten einzubauen, wirkte konstruiert und überladen auf mich. Ich wollte zuletzt nur noch wissen, wie es ausgeht und bekam eine Lösung präsentiert, die mich zwar überraschte, aber auch enttäuschte. Damit habe ich nicht gerechnet und passend fand ich es persönlich ebenfalls nicht. Eine Andeutung zum Schluss lässt vermuten, dass dies noch lange nicht das Ende war. Es bleibt abzuwarten, was die Autorin sich für die Fortsetzung einfallen lässt.

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Veröffentlicht am 02.04.2023

Traurig oder schön, vielleicht beides

Der Inselmann
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Der zehnjährige Hans zieht mit seinen Eltern auf eine Insel, in die Einsamkeit Mitten auf dem See. Dort kümmert sich der Vater um die Schafe, die Mutter ums Haus und Hans hilft beiden dabei. Als der Schiffer ...

Der zehnjährige Hans zieht mit seinen Eltern auf eine Insel, in die Einsamkeit Mitten auf dem See. Dort kümmert sich der Vater um die Schafe, die Mutter ums Haus und Hans hilft beiden dabei. Als der Schiffer mit den Vorräten kommt und ein amtliches Schreiben mitbringt, wonach Hans in die Schule muss, wird es ernst für das Kind. Die Schikanen in der Schule und die Sehnsucht nach der Insel bringen Hans auf dumme Gedanken, das Unheil nimmt seinen Lauf.

„Auch diese Geschichte breitet sich aus in konzentrischen Kreisen, im Verschwinden begriffen, in ihrer Mitte ein versunkener Stein. Ist sie traurig? Ist sie schön? Ist sie beides?“ (Seite 23)

Die Handlung spielt vor unserer Zeit, was ich aus verschiedenen Anmerkungen schließe, wobei der Klappentext verrät, dass die Überfahrt Anfang der Sechziger stattgefunden hat. Warum genau die Familie auf die Insel zieht, bleibt im Dunkeln verborgen, ist aber auch nicht wichtig. Die schönen Sätze, einer Poesie gleich, zogen mich schon bald in ihren Bann. Manche Absätze las ich mehrmals, so gefesselt war ich von ihrem Charme. Es ist eine melancholische Erzählung, die Hoffnung nach Liebe und Glück tränkt die Seiten; nass von Tränen, gedacht und ungeweint. Familie, Freundschaft, Heimat sowie die Suche nach Zugehörigkeit und Einsamkeit, zusammengefasst in einen Roman, der mir schöne Lesestunden beschert hat und mich hoffen lässt auf viele weitere Werke nach diesem großartigen Debüt. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 01.04.2023

Unsichtbar sein

Seht mich an
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Frances Hinton ist jung, ledig und vermögend, sie lebt zusammen mit der früheren Hausangestellten ihrer verstorbenen Eltern in der elterlichen, für die beiden Frauen eigentlich viel zu großen Wohnung. ...

Frances Hinton ist jung, ledig und vermögend, sie lebt zusammen mit der früheren Hausangestellten ihrer verstorbenen Eltern in der elterlichen, für die beiden Frauen eigentlich viel zu großen Wohnung. Ihre einzige Abwechslung zum eintönigen Alltag ist ihre Stelle in der medizinischen Bibliothek, in der auch der charismatische Nick angestellt ist. Als Nick und seine Frau Alix eines Tages Frances zu sich einladen, beginnt für Frances eine aufregende Zeit, in der diese sich nicht mehr so unsichtbar fühlt. Als die Runde um James erweitert wird, der sich um Frances bemüht, wähnt sich diese am Ziel ihrer Träume. Zu spät merkt sie, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, und dass die Freundschaft mit Nick und Alix einen hohen Preis fordert.

Die Ich-Erzählerin Frances ist einsam, die Einsamkeit sickert aus jedem ihrer Sätze, fließt aus jedem Absatz und zieht sich durch das ganze Buch. Immer wieder schreit sie innerlich den titelgebenden Satz: Seht mich an! Und immer wieder scheitert sie kläglich in dem Bemühen, so zu sein, wie sie glaubt, dass andere es gerne hätten. Die toxische Freundschaft mit Nick und Alix ist für die junge Frau ein Lichtblick in ihrem ansonsten so tristen Leben. Erst langsam und zögerlich erkennt sie, welchen Preis sie für die Gesellschaft mit den beiden geselligen und augenscheinlich beliebten Eheleuten zahlen muss. Frances analysiert, reflektiert und hinterfragt ihr eigenes und auch das Verhalten aller anderen, die ihren Weg kreuzen, trotzdem kann sie nicht aus ihrer Haut.

Ich hätte sie so gerne geschüttelt, sie in den Arm genommen und ihr gesagt, dass ich sie sehe. Ich sehe dich! Das hätte ich gerne gerufen, obwohl ich nicht sicher bin, ob sie es mir geglaubt hätte. Lange dachte ich, ich wüsste, wie diese tragische Geschichte ausgeht, da gab es eine unerwartete Wendung und meine Vermutung stürzte zusammen wie ein Kartenhaus. Ich musste zusehen, was passierte, kommentiert durch die Protagonistin selbst, die wie immer treffend und punktgenau die Geschehnisse wiedergab. Ein grandioser Roman, der sicherlich nicht das letzte Werk der Autorin bleiben wird, das ich lese. Volle Punktzahl und eine Leseempfehlung gibt es dafür von mir.

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