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Veröffentlicht am 08.01.2026

Ein herzzerreißend gutes Jahreshighlight

Da, wo ich dich sehen kann
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Das ist das im besten Sinne schlimmste Buch, welches ich 2025 gelesen habe. Dass Jasmin Schreiber, die ich schon als meine Lieblingsautorin bezeichnen würde, großartig schreiben kann und meine Emotionen ...

Das ist das im besten Sinne schlimmste Buch, welches ich 2025 gelesen habe. Dass Jasmin Schreiber, die ich schon als meine Lieblingsautorin bezeichnen würde, großartig schreiben kann und meine Emotionen kitzelt, war mir völlig klar. Aber dieser Roman hat all meine Vorstellungen und Erwartungen zu Sternenstaub werden lassen.

Keiner anderen Person würde ich beim Romanthema „Femizîd“ auch nur annähernd so vertrauen wie Schreiber. Denn sie schreibt gleichermaßen messerscharf wie streichelnd zärtlich und geht damit genau dahin, wo es wehtun muss, damit sich etwas verändert. Und das allerwichtigste: Sie gibt dem Täter entgegen so vielen Berichten, Podcasts oder Dokus KEINE Bühne und fokussiert sich auf die, die in den Schatten der Tat rutschen: die Hinterbliebenen.

Schreiber legt den Finger wieder und wieder und wieder in die Wunde, findet dann weitere wunde Stellen und legt ihren Finger auch auf diese. Doch gleichzeitig nimmt sie ihre Lesenden durch die Solidarität sowie das Mitgefühl ihrer Figuren in den Arm und schafft es so, dass es beim Lesen zwar so so weh tut, aber gleichzeitig eben nicht zu sehr. Ich habe mich beim Lesen in so vielen Facetten gespürt: Wut, Trauer, Zuneigung, Verzweiflung, Freude - alles war da und hat mich lebendig fühlen lassen. Keine andere Autor*in schafft das bei mir so zuverlässig wie Schreiber.

Doch auch stilistisch und literarisch ist das Werk makellos, es hat ein gutes Tempo mit Entschleunigung an den richtigen Stellen. Manchmal brauchte ich eine kurze Pause, um alles sacken zu lassen und auch das ging problemlos. Außerdem sind die Figuren so vielschichtig, dass wir dadurch automatisch jegliches Schwarz-Weiß-Denken links liegen lassen und Menschen in der Fülle ihrer Menschlichkeit sehen müssen. Der Hass auf den Täter steht neben der Zuneigung zu ihm, gemeine Gedanken den Eltern des Täters gegenüber neben eigenen Schuldgefühlen als Elternteil der Verstorbenen. Alle Hinterbliebenen sind mehr als ihre Trauer, auch wenn diese viel und vielschichtig Raum einnimmt.

Deren Leben sind durch die Tat von verschiedenen Folgebelastungen geprägt: Zwangs- und Angststörungen, Depressionen, Erschöpfungszustände. Schreiber beschreibt feinfühlig, dass kein Mensch Schuld hat außer dem Täter und dass es leider sehr wahrscheinlich ist, dass die Betroffene nicht gerettet werden kann. Denn „Männer töten Frauen, weil sie es wollen und weil sie es können“. Damit beschreibt sie einen Verlust des Vertrauens gegenüber Männern und damit auch eines Sicherheitsgefühls - denn woher willst du schon wissen, wie er wirklich ist und ob er Frauen nicht doch genug hasst, um sie auch zu töten?! Bestimmt kennen viele Menschen diese Gedanken und es ist zu schrecklich, dass sich diese wohl auch nicht so bald in Luft auflösen werden.

Die Auseinandersetzung mit Schuldgefühlen kann hier auch auf alle möglichen anderen Szenarien übertragen werden, sodass mich das emotional wirklich zerstört hat. Schreiber ist einfach abgrundtief ehrlich, auch in Bezug auf Therapie. Die spielt eine zentrale Rolle im Trauerprozess verschiedener Figuren, was ich unglaublich wichtig finde. Es geht aber auch um männliche Nebenfiguren, die Therapie aus anderen Gründen in Anspruch genommen haben und um Figuren, die ihre eigenen Vorurteile gegenüber Therapie hinterfragen. Gleichzeitig ist sie eben auch kein Allheilmittel, vieles bleibt schlimm, aber doch oft die beste Chance von Menschen in schwierigen Lebenslagen.

Sie findet ebenso klare Worte für True Crime Podcasts und Thriller (oft von Männern geschrieben), in denen Gewalt an Frauen nur der Unterhaltung dient oder auch gern die Charakterentwicklung des männlichen Protagonisten untermauert. Ich möchte, dass einfach alle Menschen mit entsprechenden Kapazitäten dieses Buch lesen. Es ist unglaublich hart, aber mindestens dreimal so wichtig. Natürlich werden es wieder vor allem Menschen lesen, die sich mit den Themen Femizîd oder patriarchale Gewalt schon auseinandergesetzt haben - also wahrscheinlich wieder mehrheitlich Betroffene. Doch auch als Person, die in diesem Bereich schon sensibilisiert ist, habe ich noch mal einiges dazugelernt und meine Sichtweise festigen können. Vor allem aber ist es eines dieser Bücher, die uns ins Fühlen zwingen und trotzdem auch sanft wieder heraus führen.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Eindrücklich, lehrreich und ermutigend

Chile ist aufgewacht
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Ich habe die erste Auflage des Sachcomics gelesen, also ohne die aktuellen Entwicklungen. Die erste Auflage endet nämlich ziemlich hoffnungsvoll und der Gedanke daran, was aus dem neuen Verfassungsentwurfs ...

Ich habe die erste Auflage des Sachcomics gelesen, also ohne die aktuellen Entwicklungen. Die erste Auflage endet nämlich ziemlich hoffnungsvoll und der Gedanke daran, was aus dem neuen Verfassungsentwurfs dann geworden ist, hat mir echt das Herz gebrochen.

Nichtsdestotrotz finde ich das Buch wirklich ganz toll und optimal, um niedrigschwellig etwas über Chile und seine jüngste Vergangenheit sowie Gegenwart zu lernen. Durch ein gutes Verhältnis von Text zu Bild ist das Buch weder zu überladen noch zu vereinfachend. Natürlich dient dieses Format eher einem ersten Eintauchen, aber das hätte nicht besser gemacht werden können.

Ich bewundere die Menschen Chiles sehr für ihren Mut, sich dem diktatorischen Regime und seiner Verfassung entgegenzustellen. Der paritätische Verfassungskonvent und der von ihm entwickelte Verfassungsentwurf zeigen trotz ihres Scheiterns, dass Menschen viel erreichen können, wenn sie mit- statt gegeneinander arbeiten.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Konnte mich emotional leider nicht so erreichen wie gehofft

Rift
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Eine Geschwistergeschichte, die vom nahenden Tod eines Geschwister bedroht wird, hat mich emotional sehr gereizt. Doch beim Lesen habe ich schnell festgestellt, dass die starke Introspektion Zuzannas und ...

Eine Geschwistergeschichte, die vom nahenden Tod eines Geschwister bedroht wird, hat mich emotional sehr gereizt. Doch beim Lesen habe ich schnell festgestellt, dass die starke Introspektion Zuzannas und die eher nüchterne Erzählweise meine Hoffnungen auf eine emotionale Geschichte nicht erfüllen können.

Einige Absätze fand ich durchaus stark, da sie die Zerrissenheit der Protagonistin gut abbilden konnten. Einerseits die enorme Sorge um ihren Bruder sowie die Liebe zu ihm, andererseits aber auch die Beklemmung aufgrund der Last, die sie sich bei dieser letzten Reise mit ihm aufgebürdet hat. Von so einer leisen und doch auch eindrücklichen Gefühlswucht habe ich bislang selten gelesen.

Doch neben diesen wenigen Absätzen stand zu viel Text, der auf mich oberflächlich und nüchtern wirkte, in dem ich die Protagonistin einfach nicht greifen konnte. Für mich war es einfach zu wenig Dialog und zu viel Monolog bei gleichzeitig eher bildhafter und poetischer Sprache, die nur selten für mich funktioniert. Mit deutlich mehr greifbaren Emotionen hätte mein Urteil vielleicht anders ausgesehen, aber so bleibe ich sehr ernüchtert zurück.

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Veröffentlicht am 30.12.2025

Eine weihnachtlicher, queerer Safer Space voller Warmherzigkeit

Ein Weihnachtswunder für uns
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Ich mochte schon die vorangegangene Weihnachtsgeschichte von Lizzie Huxley-Jones sehr gern, weil sie (abgesehen von den ständigen Beschreibungen tierlicher Ausbeutungsprodukte, die unbedingt verzehrt werden ...

Ich mochte schon die vorangegangene Weihnachtsgeschichte von Lizzie Huxley-Jones sehr gern, weil sie (abgesehen von den ständigen Beschreibungen tierlicher Ausbeutungsprodukte, die unbedingt verzehrt werden müssen) ein echter Safer Space in Romanform war. Auch dieses Buch konnte meine entsprechenden Erwartungen wieder erfüllen.

Enemies-to-Lovers ist nicht mein liebster Trope und ich würde auch sowieso nicht von einer echten Feindschaft sprechen, aber Huxley-Jones hat das wirklich gut gemacht. Es ist einfach spürbar, dass they einen hohen Anspruch an die Inklusivität der Geschichte hat. Nicht nur ist Nash ein transmännlicher Protagonist, er hat auch eine Behinderung - beide Elemente seiner Lebensrealität werden gleichermaßen respektvoll wie unaufgeregt thematisiert. Die Kommunikation zwischen den Protagonisten hätte für meinen Geschmack zwar gern etwas direkter sein dürfen, aber ich drücke hier ein Auge zu, weil ich die beiden einfach lieb und unterhaltsam fand.

Nebenbei ist das Setting ganz toll! Zum einen finde ich lobenswert, wie hier walisische Sprache und Kultur zumindest ein bisschen Präsenz bekommt. Zum anderen liebe ich die dörfliche, manchmal etwas raue, aber im Endeffekt doch einander zugewandte Atmosphäre sehr. Die Dorfmenschen sind stellenweise reserviert und ruppig, aber in letzter Konsequenz solidarisch und warmherzig. Damit hat Huxley-Jones erneut einen Ort geschaffen, an dem Weihnachten ein angenehmes Fest für alle sein kann. Auch das Nachwort bzgl. der Beschreibung von trans* Körpern sowie dem realen transfeindlichen Klima fand ich wichtig.

Positiv aufgefallen ist mir zudem, dass der Geschichte zwar immer noch speziesistisches Gedankengut zugrundeliegt (wo dem Kätzchen geholfen wird, wird das Lamm gegessen), aber zumindest vegane Optionen beim Essen thematisiert werden. Vielleicht kommen wir irgendwann dahin, dass wir auch Tiere in unserem Kampf gegen Diskriminierung mitdenken. Trotz dieses erneuten Wermutstropfens empfehle ich den Roman gern für alle, die sich beim Lesen eines Weihnachtsromans sicher oder sogar gesehen fühlen wollen.

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Veröffentlicht am 29.12.2025

Nett, aber greift auf viele Anekdoten aus dem Vorgänger zurück

Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung
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Wie schon den Vorgänger fand ich auch die später erschienene weihnachtliche Fortsetzung wirklich extrem gut zu lesen. Sicherlich liegt das auch an meiner eigenen Einzelhandelserfahrung, dank derer ich ...

Wie schon den Vorgänger fand ich auch die später erschienene weihnachtliche Fortsetzung wirklich extrem gut zu lesen. Sicherlich liegt das auch an meiner eigenen Einzelhandelserfahrung, dank derer ich immer wieder über Parallelen schmunzeln musste.

Und wie gewohnt finden sich in dem Text sehr viele Liebesbekundungen an das solidarische Miteinander besonders im Kollegium, aber auch seitens der Kund*innen. Doch bei aller Unterhaltsamkeit habe ich wirklich einige Erzählungen aus dem Vorgänger wiedererkannt. Mit mehr Abstand zwischen beiden Büchern ist das vielleicht weniger ein Problem und ich finde es auch nicht grundsätzlich schlimm, aber ein wenig enttäuscht war ich darüber trotzdem.

Wer einen weihnachtlichen Einblick in den Buchhandel sucht und einfach mal unkompliziert abtauchen will, ist hier dennoch an der richtigen Adresse.

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