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Veröffentlicht am 30.11.2025

Eindringlich, schmerzvoll und unglaublich wichtig

Die Krähen
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[TW: physische, psychische und 6ualisierte Gewalt gegen Kinder]

„Die Krähen“ war mein erstes tschechisches Werk, weshalb ich so gar nicht wusste, was mich sprachlich erwartet. Und ich wurde hier wirklich ...

[TW: physische, psychische und 6ualisierte Gewalt gegen Kinder]

„Die Krähen“ war mein erstes tschechisches Werk, weshalb ich so gar nicht wusste, was mich sprachlich erwartet. Und ich wurde hier wirklich positiv überrascht, wenngleich meine Gefühle zum Romaninhalt so gar nicht positiv waren. Petra Dvořáková schreibt nämlich gleichermaßen einfühlsam und nüchtern über ein Thema, das mich an einer sehr wunden Stelle getroffen hat.

Ich war hin und weg davon, wie leichtfüßig sich dieses Werk lesen lässt, obwohl es emotional so schwer ist. Die Seiten flogen nur so dahin, obwohl ich zwischenzeitlich die Zähne zusammengebissen habe vor schmerzhaftem Mitgefühl. Diese beeindruckende Balance spricht für ein literarisches Talent, das ich nun auf jeden Fall im Blick behalte.

Der Roman springt zwischen den Perspektiven von Mutter und Tochter. Auch die sprachliche Differenzierung gelingt der Autorin hier wirklich makellos. Die kindliche Sicht auf die erfahrene Gewalt, die damit einhergehenden Schuldgefühle und das gleichzeitige Unverständnis tun unglaublich weh, weil sie so authentisch sind. Kinder sind schutzbedürftig und machen keine Fehler, für die Erwachsene sie beschuldigen oder, noch schlimmer, bestrafen dürfen. Das allein ist schon schrecklich genug zu lesen. Bára bemüht sich nach Kräften, ihren Eltern keinen Grund mehr zu geben für deren Wut und scheitert natürlich daran, weil sie keine Schuld trägt. Eine Befreiung aus der Situation erscheint aufgrund von Abhängigkeit und Manipulationsstrategien aussichtslos.

Doch die Ergänzung um die mütterliche Perspektive, teilweise triefend vor Abneigung, macht die Lektüre umso schlimmer. Die Autorin spricht der Mutter zwar auch ihre eigenen Hürden im Leben zu, nimmt sie jedoch nie aus der Verantwortung. So gelingt es auch, dass ich für manche Wut (bspw. dem Kindsvater gegenüber) zwar Verständnis aufbringen konnte, die Mutter aber nie als Opfer ihrer Umstände gesehen habe. Wer hier das Opfer ist, wird schnell klar und die geschilderte Mobbingdynamik innerhalb der Familie tut wirklich, wirklich weh.

Sprachlich ist das Werk eindringlich und gleichzeitig nüchtern-distanziert. Die Autorin hat es geschafft, die Figuren hier wirklich selbst erzählen zu lassen, was trotz der damit einhergehenden Distanziertheit hoch emotional ist. Ich denke, noch mehr Nähe und Details hätte ich auch gar nicht ausgehalten. Die Geschichte bietet eine Projektions- und Identifikationsfläche für die eigenen Erfahrungen und das macht ihre Stärke aus. Die kurzen Abschnitte aus Sicht der Krähen runden die Handlung ab und gehen trotz ihrer Abstraktheit manchmal regelrecht durch Mark und Bein.

Ich bin wirklich beeindruckt und empfehle den Roman ausdrücklich. Er trifft punktgenau das richtige Maß an Nähe zur Handlung, sodass der Schmerz beim Lesen aushaltbar und reflektierbar bleibt. Das Ende ist dagegen fast unbefriedigend offen, aber genau das ist leider oft der Punkt dieser Gewalt.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Für Fans obsessiver Figuren und metaphernreicher Sprache

Mit deinen Augen
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Ich bin sehr unvoreingenommen an diesen Roman gegangen, da ich noch kaum Berührungspunkte zu italienischer Literatur hatte. Die Kürze des Buches in Kombination mit einem queeren Kontext sowie dem tollen ...

Ich bin sehr unvoreingenommen an diesen Roman gegangen, da ich noch kaum Berührungspunkte zu italienischer Literatur hatte. Die Kürze des Buches in Kombination mit einem queeren Kontext sowie dem tollen Cover hat mich sehr angesprochen. Schon während des Lesens musste ich für mich aber feststellen: So sehr mich obsessive Figuren immer wieder reizen, so wenig bereiten sie mir doch während der Lektüre Freude.

Schon recht am Anfang war ich etwas verwirrt von Gaias Perspektive auf andere Menschen und das Leben allgemein. Ich habe zum Beispiel bis zum Ende nicht verstanden, warum sie fremden Personen einfach andere, in ihren Augen passendere Namen gibt. Das wirkt auf mich schon recht selbstzentriert und tendenziell unsympathisch. Und auch abgesehen davon hatte ich ziemlich große Schwierigkeiten mit der Obsession der Protagonistin. Diese absolute Verkörperung ihrer Ex-Freundin hat mich in ihrer Intensität regelrecht verstört.

Dabei ist die grundlegende literarische Idee dieser Verwandlung eigentlich wirklich gut. Sie bietet Gaia eine Möglichkeit des Ausbruchs aus ihrem seit Geburt vorbestimmten Leben und des Loslösens von der Herkunftsfamilie (die wirklich nur schwer auszuhalten ist). Die Trennung löst damit auch einen Prozess der Identitätsfindung aus, der mir am Ende aber doch zu nichtssagend blieb. Einige gesellschaftskritische Passagen blitzen immer mal wieder auf, als sonderlich reflektiert würde ich Gaia dennoch nicht bezeichnen.

Schon zwischendrin, aber vor allem zum Schluss habe ich mich dann gefragt, was genau nun die Kernaussage des Romans ist. Manche Elemente, die ich durchaus als metaphernreich bezeichnen würde, sind dabei greifbarer als andere. Aber abschließend gesehen blieb mir die Entwicklung der Hauptfigur zu vage. Das muss nicht pauschal schlecht sein, aber ich bin lieber sehr nah dran an Figuren, die einen deutlichen Entwicklungsprozess durchleben.

Weiterhin schwierig fand ich ich die Isolation Gaias. Sie hat in der gesamten Handlung eigentlich keinen wirklichen Fixpunkt - weder Familie noch Freund*innen spielen eine wahrnehmbar stabilisierende Rolle. Dafür muss mensch wahrscheinlich eine Vorliebe haben und mir sind ehrliche Interaktionen sowie echte Verbundenheit mit anderen Figuren schon ziemlich wichtig. Deshalb war es für mich kein sonderlich überragendes Werk. Phasenweise lässt es sich recht gut lesen, an anderen Stellen war es mir zu stockend. Menschen, die obsessive Figuren und Geschichten mit starkem Prota-Fokus mögen sowie Metaphern nicht scheuen, finden hier aber durchaus ein wertvolles Stück Literatur.

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Früher Abbruch und absolute Enttäuschung

I’m a Fan
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Ich habe mir hier wirklich so viel mehr erwartet: Ein gesellschaftskritisches Werk, das sich mit weißem Feminismus und Klassismus auseinandersetzt. Und in Anbetracht dessen könnte ich nicht enttäuschter ...

Ich habe mir hier wirklich so viel mehr erwartet: Ein gesellschaftskritisches Werk, das sich mit weißem Feminismus und Klassismus auseinandersetzt. Und in Anbetracht dessen könnte ich nicht enttäuschter sein.

Die Kapitel sind kurz und lassen sich flott lesen. Das ist aber in meinen Augen auch schon der einzige Pluspunkt. Dem gegenüber steht der größte Minuspunkt: die absolut unsympathische Protagonistin, die ohne jegliche Reife und Selbstreflektion auszukommen scheint. Sie stalkt diverse Menschen, romantisiert ihren toxischen sowie völlig respektlosen "Liebhaber" und bleibt zudem absolut oberflächlich. Ich empfand sie als kindisch und ehrlicherweise enorm schnell einfach nur nervig.

Das ein oder andere Element der erwarteten Gesellschaftskritik verschwindet hinter diesen Figuren einfach komplett, was das Werk für mich ungenießbar machte. Ich breche weniger als eine Handvoll Bücher im Jahr ab, aber das war eines davon.

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Veröffentlicht am 16.11.2025

Der perfekte Krimi für alle, denen Krimis zu viel Krimi sind

Miez Marple und die Tatze der Verdammnis
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Ich bin ein echter Fan der Miez-Marple-Reihe und auch der dritte Band, in einem neuen Verlag erschienen, hinterlässt mich begeistert. Der Humor mit all seinen kätzischen Wortspielen und Anspielungen auf ...

Ich bin ein echter Fan der Miez-Marple-Reihe und auch der dritte Band, in einem neuen Verlag erschienen, hinterlässt mich begeistert. Der Humor mit all seinen kätzischen Wortspielen und Anspielungen auf die menschliche Welt ist sicherlich nicht jedermenschs Geschmack - ABER VERSTEHEN KANN ICH DAS NICHT!! 😃

Es ist Miez’ erster Auswärtsfall und dann gleich so ein glamouröser. Eingecheckt im Luxustierhotel dauert es nicht lange, bis es den ersten Mord gibt. Und dabei soll es nicht bleiben. Alle Luxusgäst*innen haben irgendwie Dreck am Stecken und der Autor schafft es erneut bis zum Schluss, die Auflösung offen zu halten.

Der Krimi ist wirklich die perfekte Wahl für alle, die eigentlich keine Krimis lesen. Wie ich, denn für all die Gewalt und Kriminalität bin ich viel zu zart besaitet. Doch die Bücher der Reihe lesen sich allesamt nicht nur grandios schnell weg, sondern sorgen durch den in meinen Augen sehr besonderen Humor für eine optimale Auflockerung. Die Taten werden auch nicht detailliert beschrieben, es geht eher um die Auflösung des Rätsels und den aktuellen Teil würde ich sogar als besonders entspannt beschreiben im Vergleich zu den beiden Vorgängern.

Ich liebe die kätzische Überlegenheit Menschen gegenüber und wie sie uns als Spezies belächeln. Wieso können wir uns auch nicht einmal selbst ordentlich sauber lecken, sondern müssen auf so etwas wie Seife zurückgreifen?! Ich liebe die zahlreichen (!) Anspielungen, einige hätte ich ohne den Austausch mit anderen nicht einmal gefunden. Meine Freude mit Schnurrsanne, Pawtricia und Co. war endlos!

Wenn ich etwas kritisieren müsste, dann vielleicht die Kürze des Romans. Manchmal wirkte die Handlung stark eingekürzt, sodass es da für mich noch 50 Seiten mehr hätten sein können. Und ganz manchmal waren mir die Wortwitze zu dicht beieinander.

Aber muss ich wirklich etwas kritisieren? Ich denke nicht! Der Roman ist lustig, spannend, unterhaltsam bis zum Schluss und locker an einem Tag lesbar. Auf was wartet ihr noch?

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Veröffentlicht am 07.11.2025

Eine ruhige, aber überaus tiefgründige Geschichte über Heilung und Identität

Beste Zeiten
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Ich mochte Jenny Mustard bereits in ihrem Debüt außerordentlich gerne. Denn obwohl ich mit ruhigen Geschichten oft mal meine Probleme habe, nimmt mich ihr Schreibstil einfach immer völlig in sich auf. ...

Ich mochte Jenny Mustard bereits in ihrem Debüt außerordentlich gerne. Denn obwohl ich mit ruhigen Geschichten oft mal meine Probleme habe, nimmt mich ihr Schreibstil einfach immer völlig in sich auf. So war es auch mit ihrem zweiten Roman, der dem ersten in nichts nachsteht und doch anders ist.

Während Mustards Debüt eine Paarbeziehung im Zentrum stehen hatte, dreht sich die Handlung hier noch einmal viel stärker um die Entwicklung der Hauptfigur sowie eine ganz tolle und angenehm unperfekte Freundinnenschaft. Sickan versucht ihren früheren Traumata sowie ihrem eher ärmlichen Wohnumfeld durch einen Umzug nach Stockholm zu entkommen. Das ist mit Anfang 20 ein sehr nachvollziehbarer Move, aber dass er die Probleme nicht wird lösen können, ist uns sicher allen klar.

Dabei wirkt es doch einige Zeit so, als würde die Freundinnenschaft zur selbstsicheren Hanna genau das tun. Sickan, die eigentlich um jeden Preis den coolen Leuten auffallen will, wächst an der Seite ihrer etwas eigenbrötlerischen Freundin zunächst deutlich. Doch irgendwann holen sie die früheren Prägungen ein. Ich finde es ganz toll, wie die Autorin hier wiederholt politisch wird, deutlicher als in ihrem Debüt. Es geht um Klassismus und was er sowie Mobbing mit Menschen nachhaltig anrichten können. Es geht ebenso um 6ualisierte Gewalt und auch hier schafft es Mustard, das Trauma zu verdeutlichen, ohne die Betroffene einzig darüber zu definieren. Sie macht die Auswirkungen stets klar, ohne effekthascherisch ins Detail zu gehen.

Sickan beginnt in ihrem „neuen Leben“ auch eine weitere Beziehung, die ebenso von viel Ehrlichkeit und Authentizität geprägt ist, aber zu meiner großen Freude nicht als Heilsbringer dargestellt wird. Und obwohl romantische Liebe eine Rolle spielt, macht Mustard deutlich, dass andere Beziehungen mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar bedeutsamer sind. Die Autorin zeigt wie schon in ihrem Debüt ihr Händchen für sanfte und reflektierte Männerfiguren. Loyalität, Ehrlichkeit und ein verletzliches Miteinander - all das spielt eine zentrale Rolle und das ganz unabhängig von der Beziehungsart.

Wer ruhig und fundiert erzählte Geschichten mag, die nah an der Hauptfigur sind, hat hier einen Treffer. Ich mochte „Beste Zeiten“ tatsächlich noch einmal mehr als den Vorgänger, weil er deutlich politischer und noch einen Ticken weniger romantisch ist. Sickans Suche nach Heilung und einer eigenen Identität ist schmerzhaft ehrlich und ich gehe rundum zufrieden aus dem Buch.

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