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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.01.2022

Ein traurig-komischer Roadtrip

Ende in Sicht
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Ein ungewöhnlicher Roadtrip wird uns hier von Ronja von Rönne präsentiert, die ihren Roman auch selbst eingesprochen hat. Hella, fast 70 Jahre alt, ist unterwegs in die Schweiz, um dort Sterbehilfe zu ...


Ein ungewöhnlicher Roadtrip wird uns hier von Ronja von Rönne präsentiert, die ihren Roman auch selbst eingesprochen hat. Hella, fast 70 Jahre alt, ist unterwegs in die Schweiz, um dort Sterbehilfe zu empfangen. Juli, 15 Jahre alt, möchte ihr Leben durch einen Sprung auf die Autobahn beenden. Und genau dort begegnen sich die beiden und es beginnt ein komisch-trauriger Roadtrip gen Süden.
Der Autorin gelingt es, nicht in die typische Alles-wird-gut-Falle zu tappen und so wird die Hoffnung auf eine positive Wendung immer wieder enttäuscht. So leicht ist es dann eben doch nicht, sich wieder dem Leben zuzuwenden.
Beide Charaktere sind nicht unbedingt sympathisch, und sie gehen miteinander nicht sehr feinfühlig um. Ihr Umgangston ist eher ruppig und nur ab und an blitzt so etwas wie Verstehen und Empathie auf.
Die Fahrt geht ohne großen Spannungsbogen vor sich, und so manche Szene wirkt konstruiert. Der Schluss lässt einen fragend zurück und wo davor manches sehr lange ausgebreitet wurde, gerät das Ende zu kurz.
Die Idee für diesen Roman finde ich sehr gut, die Umsetzung für nicht ganz gelungen. Dennoch habe ich die Fahrt der beiden gerne verfolgt und mit ihnen gehofft. Beide sind so unterschiedlich und haben dennoch so viel gemeinsam. Die Themen Einsamkeit, Depression, fehlende Liebe und von anderen Menschen nicht gesehen werden, kommen sehr gut rüber und machen betroffen.
Und manchmal braucht es halt nur einen Moment, einen ganz besonderen Moment, der alles verändern kann.

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Veröffentlicht am 26.01.2022

Genremix mit historischem Anstrich

Die Schule der Redner
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Wir befinden uns im Jahre 1246 und lernen Leon kennen. Er ist ein Neffe des Fürsten Rudolf von Habsburg. Er lebt mit seinem älteren Bruder Richard auf der Habsburg bei seinem Onkel. Als er eine Liebschaft ...

Wir befinden uns im Jahre 1246 und lernen Leon kennen. Er ist ein Neffe des Fürsten Rudolf von Habsburg. Er lebt mit seinem älteren Bruder Richard auf der Habsburg bei seinem Onkel. Als er eine Liebschaft mit Cecile beginnt, die allerdings Rudolf versprochen ist, wird er hart bestraft und steht fortan unter Arrest. Sein Lehrer Albert von Breydenbach bittet ihn ein geheimnisvolles Buch zu einer Schule für Redekunst bei Sankt Gallen zu bringen.
Wir begleiten Leon bei seiner halsbrecherischen Flucht, verbringen einige Zeit mit ihm in seinem Zufluchtsort im Wald, lernen die Schule der Redner inklusive den undurchsichtigen Lehrern und wahren Freunden kennen.
Zwischendurch erfahren wir so einiges über Rhetorik.
Es handelt sich hier um einen genreübergreifenden Roman, wobei die historische Komponente für mich nicht im Vordergrund steht.
Gäbe es nicht brutale Kampf- und grausame Folterszenen, würde ich das Buch als einen Abenteuerroman für Jugendliche einordnen. Beim Lesen hatte ich „Harry Potter" und dann auch wieder „Herr der Ringe“ vor meinem geistigen Auge.
Es geht um Liebe, Freundschaft, Verluste, Intrigen, Wortmagie und geheimnisvolle Schriften. Ein spannend geschriebener Mix, der mich gut unterhalten hat. Allerdings hatte ich mir von einem historischem Roman etwas anderes erwartet. Die Sprache ist doch sehr jugendlich modern und nicht so passend für das Mittelalter.
Ein Pluspunkt sind die Rhetorik-Sequenzen, die mir viel Spaß gemacht haben.
Alles in allem ist es dennoch ein Abenteuerroman, der am Ende immer mehr ins Fantastische abdriftet.

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Veröffentlicht am 20.01.2022

Ein Leben zwischen Dekadenz und Absturz

Der letzte Sommer in der Stadt
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Wir befinden uns in Rom Anfang der 70er Jahre und lernen Leo Gazzarra kennen. Er kommt ursprünglich aus Mailand. Kaum in Rom angekommen, findet er gleich Anschluss, ebenso eine Wohnung, einen alten Alfa ...

Wir befinden uns in Rom Anfang der 70er Jahre und lernen Leo Gazzarra kennen. Er kommt ursprünglich aus Mailand. Kaum in Rom angekommen, findet er gleich Anschluss, ebenso eine Wohnung, einen alten Alfa Romeo und eine Stelle beim Corriere dello Sport. Abends ist er auf der Piazza, in Cafés und Bars unterwegs und genießt sein unstetes Leben. Meist leidet er unter Geldknappheit, was ihn aber nicht allzu sehr beunruhigt. Immer wieder findet er jemanden, der ihm eine Mahlzeit oder einen Drink spendiert.
Dann lernt er Arianna kennen, die ihn völlig fasziniert. Arianna ist psychisch ziemlich labil und so gestaltet sich auch die Beziehung zwischen den beiden.
Der Roman erschien bereits 1973, geriet in Vergessenheit, um dann aufs Neue wieder entdeckt zu werden.
Gianfranco Calligarich lässt seinen Protagonisten Leo in der Ich-Form erzählen. Der Schreibstil ist lakonisch, melancholisch und distanziert.
Wir erfahren über ein Leben zwischen Dekadenz und Abgrund. Das viel gepriesene Dolce Vita paart sich mit Alkoholexzessen und Verzweiflung.
Der Roman entwickelt beim Lesen einen Sog und ist wirklich gut geschrieben. Allerdings hält einen der Protagonist auf Abstand. Ich konnte ihm nie richtig nahe kommen und daher auch nicht so gut mit ihm mitfühlen.
Am Ende bleibt man traurig zurück und wünscht sich, dass Leo irgendwann eine andere Abzweigung genommen hätte.

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Veröffentlicht am 14.01.2022

Derb und poetisch zugleich

Ohne Halt ins Blaue
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Salvatore lebt ein zweigeteiltes Leben auf einer kleinen italienischen Insel. Im Sommer fährt er mit seinem Boot Touristen und noch lieber Touristinnen spazieren. Im Winter arbeitet er illegal auf einer ...

Salvatore lebt ein zweigeteiltes Leben auf einer kleinen italienischen Insel. Im Sommer fährt er mit seinem Boot Touristen und noch lieber Touristinnen spazieren. Im Winter arbeitet er illegal auf einer Baustelle.
Dort freundet er sich mit Atangana, einem ebenfalls illegalen Arbeiter aus Kamerun, an. Die Arbeitsverhältnisse auf dem Bau sind katastrophal, vor allem was die Sicherheitsvorkehrungen betrifft.
In einem Sommer lernt der junge Schulabbrecher Salvatore eine Studentin der Journalistik kennen und verliebt sich in sie.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Salvatore erzählt.
Auch wenn er wenig Bildung hat und seine Sprache einfach gehalten ist, hat er doch immer wieder tiefgründige Erkenntnisse und manchmal auch fast poetische Anwandlungen. Darüber hinaus hat er eine gute Beobachtungsgabe.
Anna Pavignano zeigt uns das Leben eines jungen Mannes, der in ärmlichen Verhältnissen lebt, kaum Chancen auf einen sozialen Aufstieg und gute Bildung hat. Das Leben auf der Insel findet in festgelegten Bahnen statt und bietet wenig Abwechslung oder Perspektiven.
Salvatore macht im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durch, was man auch an der sich verändernden Sprache merkt.
Über allem liegt eine Perspektivlosigkeit und Melancholie.
Ein trauriges Buch, das mich berührt hat. Dennoch blieb mir Salvatore immer etwas fremd und distanziert.

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Veröffentlicht am 31.12.2021

Eindringlicher und berührender Roman

Pullikalb
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Die 17-jährige Merle kommt unerwartet auf einen Bauernhof und beginnt dort ein Praktikum. Ein ziemlicher Ortswechsel. Raus aus einer lieblosen Hochhauswohnung, in der sie bisher mit ihrer Mutter lebte, ...

Die 17-jährige Merle kommt unerwartet auf einen Bauernhof und beginnt dort ein Praktikum. Ein ziemlicher Ortswechsel. Raus aus einer lieblosen Hochhauswohnung, in der sie bisher mit ihrer Mutter lebte, die keine Zeit und auch keine rechte Zuneigung für ihre Tochter hatte. Hin zu einem Bauernhof, in dem es feste Mahlzeiten, eine Menge Arbeit, Kirchgang und Unterstützung gibt.
Merle hat viel Negatives in ihrem noch recht kurzen Leben erfahren und dies hat sie geprägt. An Weihnachten, als sie ihre Hochhauswohnung verlässt, ist sie völlig einsam und verzweifelt.
Nun fügt sie sich in das Leben auf dem Bauernhof in der Familie ein und kann mit der Wertschätzung, die ihr entgegen gebracht wird, kaum umgehen. Die Arbeit erdet sie allerdings und hilft ihr immer wieder.
Als sie sich in den Nachbarjungen verliebt und dieser ihre Gefühl erwidert, brechen sich die Leere und der Selbsthass in Merle Bahn und sie zerstört sich selbst und das Gute um sie herum.
Christina Kunellis hat einen eindringlichen und äußerst emotionalen Roman geschrieben. Die Autorin versteht es, den Abgrund, der sich in Merle auftut, absolut authentisch darzustellen. Wie Positives vom Dunklen und Schwarzen überschwemmt wird, wie Merle alles um sich kaputt schlägt und gar nicht anders kann, wie sie immer tiefer fällt.
Da sind allerdings nicht nur zugewandte Menschen um sie, die ihr helfen, sondern auch ein himmlischer Unterstützer.
Mithilfe des Glaubens, der Zuneigung, Liebe und der Wertschätzung durch ihre Mitmenschen schafft die Protagonistin Halt und Schritt für Schritt langsam ihren Weg zu finden.
Der Roman hat mich sehr berührt und beeindruckt.
Man merkt, dass Christina Kunellis weiß, wovon sie schreibt. Wer mit vernachlässigten und/oder missbrauchten Menschen arbeitet, kann die schriftstellerische Umsetzung von Merles Innenleben absolut nachvollziehen und bestätigen.
Einige wenige Kritikpunkte von mir gibt es dennoch: Es wundert mich, weshalb der Großteil der Erwachsenen nicht merkt, was mit Merle los ist, und diesen Punkt finde ich schwer nachvollziehbar. Weiterhin ist mir nicht ganz klar, wie Merle denn nun auf diesen Hof gekommen ist. Und zu guter Letzt empfinde ich das Cover und ebenso den Titel des Romans (auch wenn er Sinn macht) nicht so recht passend, da man auf den ersten Blick nicht diese Art von Geschichte dahinter vermuten würde. Ich bin sehr froh, dass ich das Buch trotzdem gelesen habe, und kann es auf jeden Fall empfehlen. Es ist keine leichte Kost und ein wenig Offenheit für religiöse Themen sollte man auch mitbringen. Für mich war der Roman ein Gewinn und wird mich noch nachhaltig beschäftigen.

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