Das Wesentliche im Leben
Im SchneeIch lebe seit 41 Jahren in demselben Dorf, seit meiner Geburt. Überschaubar ist es noch immer, doch im Grunde längst kein Dorf mehr, eher kleinstädtisch auf eine Art, die manch einen sicher bedrücken und ...
Ich lebe seit 41 Jahren in demselben Dorf, seit meiner Geburt. Überschaubar ist es noch immer, doch im Grunde längst kein Dorf mehr, eher kleinstädtisch auf eine Art, die manch einen sicher bedrücken und einengen würde, mich aber liebevoll festhält. Ich mag gerade das Überschaubare daran, das Konstante, Zuverlässige, nur langsam sich Verändernde. Vielleicht liegt hier meine Begeisterung für Romane begründet, die hinter die Mauern solcher alteingesessenen Gemeinschaften blicken, an der idyllischen Fassade kratzen und doch dieser tiefen Verbundenheit der Menschen untereinander und mit dem Land Raum geben.
Ich kenne es also gut, dieses Gefühl, wenn jede Ecke eine Erinnerung birgt, jeder Winkel eines Ortes einem zutiefst vertraut ist. Die Vergangenheit ist dann zwangsläufig allgegenwärtig und mit fortschreitendem Lebensalter und einer parallel dazu schrumpfenden Zukunft scheint sie noch an Kontur, an Klarheit, vielleicht auch an Bedeutung und Gewicht zu gewinnen. Schöne Erinnerungen sind das, die nun an dem alten Austhaler Max vorüberziehen, an die Kindheit in diesem langsam aussterbenden Dorf, das er nie wirklich verlassen hat, an Schorsch ganz besonders, der jetzt tot ist und doch immer da war, bis heute. Aber da sind auch düstere Erinnerungen an schier unsagbare Dinge, vom großen Schweigen zugedeckt, wie die altvertraute Erde ganz sanft von dem Schnee, der unablässig fällt. Friedlich nennt es, wer es nicht besser weiß, und alle anderen nehmen nun also Abschied von einem der Ihren, halten gemeinsam Wache am Totenbett (auch das ist mir nur allzu vertraut), erzählen und erinnern sich, diskutieren, ob es wohl einen Platz im Himmel gibt für diesen Menschen.
Nein, Tommie Goerz’ Protagonist verklärt und romantisiert nichts am Dorfleben. Schön war es und schrecklich auch. Aber so ist’s nun einmal, das Leben, und so sind auch die Menschen, und alles zusammen genommen war es schon gut, und wenn einer geht, fehlt er. So einfach ist es manchmal und so klar und auf den Punkt ist „Im Schnee“, ein wunderbar zartes, traurigschönes, aufs Wesentliche reduzierte Buch für Liebhaber von Seethalers „Ein ganzes Leben“ und Pettersons „Pferde stehlen“. Große Empfehlung!