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Veröffentlicht am 07.05.2026

Wie nach Hause kommen

Erzähl mir alles
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Verbundenheit ist das erste Wort, das mir zu Elizabeth Strout einfällt; ich empfinde eine tiefe Verbundenheit zu ihrer Romanwelt. Mit manchen Figuren verbindet mich mehr, mit anderen weniger, genau wie ...

Verbundenheit ist das erste Wort, das mir zu Elizabeth Strout einfällt; ich empfinde eine tiefe Verbundenheit zu ihrer Romanwelt. Mit manchen Figuren verbindet mich mehr, mit anderen weniger, genau wie im echten Leben, und vielleicht fühlt es sich deshalb jedes Mal wie nach Hause kommen an, wenn ich die fiktive Küstenstadt Crosby in Maine besuche. Natürlich liegt es zum Teil auch daran, dass mich dort alte, sehr liebgewonnene Freunde erwarten. In „Erzähl mir alles“ tummeln sich nun erstmals alle wichtigen Protagonisten des Stroutschen Mikrokosmos gemeinsam und fungieren nicht nur als Randfigur, als Statist in der Geschichte des jeweils anderen. Da ist der warmherzige Bob Burgess mit seinen Geschwistern Jim und Susan, die Schriftstellerin Lucy Barton und ihr Ex-Mann William und natürlich die kratzbürstige, alte Olive Kitteridge, der ich seit neuestem auf besonders zärtliche Weise zugetan bin, die ich in diesem Roman nochmal ganz anders wahrgenommen habe. Auch das gehört für mich zum Strout-Lesen dazu; ich lerne die Figuren in jedem Buch ein bisschen neu kennen, ich selbst bin auch jedesmal eine etwas andere und manch eine Sympathie, eine Verbindung verschiebt sich dabei.

Bob, Lucy und Olive - drei Figuren, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten - finden über das Erzählen und Zuhören zueinander. In behutsamen Gesprächen öffnen sie sich einander und lassen das Leben in all seiner Brüchigkeit durch ihre Geschichten hindurchfließen. Elizabeth Strout interessiert sich dabei besonders für die leisen Zwischentöne: für Einsamkeit und Verbundenheit, für die Fragilität der Liebe und die Frage, was wir auch im höheren Alter noch bereit sind, für sie aufs Spiel zu setzen. Für den unschätzbaren Wert echter Freundschaft und die oft unscheinbaren Gesten, in denen sich Zuneigung überhaupt erst zeigt. All das entfaltet sich, wie immer bei Strout, im scheinbar Gewöhnlichen, im Alltag mit seinen Höhen und Tiefen, was das Erzählte so besonders nahbar und anrührend macht.

Erzähl MIR alles, liebe Elizabeth Strout – in mir hast du eine treue Zuhörerin gefunden.
Das nächste Buch werde ich allerdings im Original lesen, da ich den Eindruck habe, dass ein Teil des typischen Strout-Charme durch die Übersetzung ins Deutsche leider verloren geht.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Tolle Atmosphäre

Die Schwestern
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Die Schwestern, das sind September und Juli, ein knappes Jahr auseinander und unzertrennlich. Kein Blatt passt zwischen die temperamentvolle Ältere und die introvertierte Jüngere, auch deren Mutter Sheela ...

Die Schwestern, das sind September und Juli, ein knappes Jahr auseinander und unzertrennlich. Kein Blatt passt zwischen die temperamentvolle Ältere und die introvertierte Jüngere, auch deren Mutter Sheela ist eher Randfigur als Autoritätsperson, nicht viel mehr als eine stille Beobachterin, den Dynamiken zwischen den ungleichen Mädchen hilflos ausgeliefert. Und die sind mitunter fragwürdig. Auch an jenem Tag ist irgendetwas in der Schule vorgefallen, etwas so Schreckliches, dass Sheela nicht darüber sprechen kann, die Beiden aber kurzerhand ins Auto verfrachtet und in das alte Cottage ihres verstorbenen Vaters bringt, nach Yorkshire, an die Küste, in die Einöde. Dort angekommen sind die Mädchen komplett sich selbst überlassen, Sheela verfällt in eine schwere Depression und ist nicht mehr in der Lage sich um die Teenager zu kümmern. Die genießen anfangs die neue Freiheit, fläzen stundenlang vor dem Fernseher, gehen in Spielen auf, die nur sie verstehen, knüpfen ein engeres Band denn je. Das alte Haus wird zu ihrem Unterschlupf, einem schützenden Kokon, der sich um sie legt, wie ein Schutzwall zur Außenwelt. Doch Wort für Wort schleicht sich etwas Dunkles an sie heran, in die Geschichte hinein, und die Grenzen zwischen den Mädchen beginnen zu verschwimmen.

Wieder einmal gelingt es Johnson hier grandios, eine fast greifbare Atmosphäre zu erzeugen, die vor Spannung nur so knistert. Inhaltlich nicht der ganz große Wurf, weil etwas vorhersehbar, dafür hat mich die zutiefst lebendige, phantasievolle Sprache wieder komplett abgeholt, die habe ich sehr genossen. Bleibt weiter auf meinem Radar, die Daisy Johnson!

Aus dem Englischen von Birgit Maria Pfaffinger.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Pageturner incoming

Das Geflüster
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Der 10jährige Xavier liegt auf der Intensivstation, sein Leben hängt am seidenen Faden nachdem er mitten in der Nacht aus seinem Kinderzimmerfenster zwei Stockwerke tief in den Garten fiel. Doch was ist ...

Der 10jährige Xavier liegt auf der Intensivstation, sein Leben hängt am seidenen Faden nachdem er mitten in der Nacht aus seinem Kinderzimmerfenster zwei Stockwerke tief in den Garten fiel. Doch was ist geschehen, wie konnte es zu einem so tragischen Unfall in dieser idyllischen Siedlung kommen? Die ganze Harlow Street ist in Aufruhr, das Geflüster beginnt. Da sind Whitney, Blair, Rebecca und Mara, vier Frauen, vier Leben, vier Wahrheiten - doch wer hat was zu verbergen, wer was zu verlieren, wenn der Junge aufwacht und sich an alles erinnert?

„Das Geflüster" ist eine Geschichte über Mutterschaft und all ihre Facetten, über Kinder, die sich so ganz anders entwickeln, als wir es uns vorstellen, die sich unserer Kontrolle entziehen, über die Entscheidungen, die wir in jeder einzelnen Sekunde unseres Lebens treffen - und die Auswirkungen dieser.

Desperate Housewives meets Celeste Ng. Hab einen kurzweiligen Pageturner erwartet und einen kurzweiligen Pageturner bekommen. Nicht mehr und nicht weniger. Bisschen klischeehaft, bisschen sexy, sehr amerikanisch, extrem catchy und eingängig geschrieben. Hat mich nicht so umgehauen wie „Der Verdacht", aber definitiv auch in den Bann gezogen (knapp 400 Seiten in 24 Stunden, just sayin).

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Liebe auf den ersten Blick

Notstand
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Heute möchte ich euch unbedingt dieses tolle Buch von Daisy Hildyard vorstellen und davon erzählen, wie unsere Beziehung begann, nämlich mit einem kostbaren, weil sehr seltenen Glücksgefühl: dem der Liebe ...

Heute möchte ich euch unbedingt dieses tolle Buch von Daisy Hildyard vorstellen und davon erzählen, wie unsere Beziehung begann, nämlich mit einem kostbaren, weil sehr seltenen Glücksgefühl: dem der Liebe auf den ersten Blick. Noch nie bei Instagram gesehen, von niemandem empfohlen bekommen, lag es eines Tages einfach in der Buchhandlung und lachte mich strahlend an und sofort war da dieses leichte Herzklopfen, das wunderbar untrügliche Gefühl, einen kleinen Schatz ganz alleine und vor allem zur richtigen Zeit aufgespürt zu haben.

Es ist Lockdown im Frühjahr 2020 und die Erzählerin/Autorin ist der Isolation in ihrer Wohnung ausgesetzt. Alles ist auch hier im Umbruch, die Seelen wackeln, eine kollektive Unsicherheit hat die Welt erfasst und sie zum Erliegen gebracht. Notstand. Was der Protagonistin bleibt, ist der Blick aus dem Fenster und - mehr noch - der Blick nach innen, zurück in die eigene Vergangenheit, die das fast surreale Heute unverrückbar prägt. Da ist die Kindheit im ländlichen Plymouth der 90er-Jahre, die Freundin Clare, mit der die begrenzte Welt neugierig und mit Staunen erkundet, wenn auch nicht ganz erfasst wird, das pralle Leben der reichen Natur und der Steinbruch, von dem das Dorf lebt, bis Fortschritt und Wandel ihn brach legen.

Ich habe den Roman als Einladung zum Hinsehen empfunden, zum Erkunden der Zusammenhänge und Eintauchen in den unbedarften Wunderraum Kindheit, wo die Welt sich langsamer dreht und die Zeit sich ausdehnt. Den erzwungenen Rückzug als Chance zu begreifen, einfach mal innezuhalten, durchzuatmen und aus dem Hamsterrad unserer schnelllebigen Zeit auszusteigen. Hat mich und mein Nature Writing Herz total abgeholt.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Atmosphärisch dicht

Mistral
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Es ist Sommer, der Lavendel blüht und duftet, der Mistral weht über Land und Felder, den Menschen ins Gesicht, liebkost sie mit seiner rohen Wildheit. Auf einem Bauernhof wächst diese Marie mit sieben ...

Es ist Sommer, der Lavendel blüht und duftet, der Mistral weht über Land und Felder, den Menschen ins Gesicht, liebkost sie mit seiner rohen Wildheit. Auf einem Bauernhof wächst diese Marie mit sieben Geschwistern und fleißigen Eltern zu einer strahlend selbstbewussten, jungen Frau heran. Das Schicksal meint es gut mit ihr, sie hat alles, was sie braucht, wenn auch nicht mehr, ist im Reinen mit sich und ihrem Platz in der pittoresken Welt, die sie umgibt. Doch dann tritt Olivier wie eine Naturgewalt in ihr Leben, hinterlässt seine Spuren auf ihrer Haut und in ihrem Herzen, bevor er wieder verschwindet, und einen dunklen Keim in ihrer Seele, der unaufhaltsam zu wuchern beginnt.

„Wer weiß, ob es nicht an den Wegen oder auf dem Hügel ein Kraut gegen das Herzweh gibt, das einem den Schlaf raubt, einen Faser für Faser vom Leben abtrennt, wie der Wind, der an einem Baum rüttelt und ihn aus der Erde löst.“ S. 98

Das war wirklich unfassbar schön, aber auch sehr traurig. Welch eine betörende Sprachgewalt, welch eine große Liebeserklärung an diese weite, ursprüngliche Landschaft, an die Schönheit des Lebens - und wie grausam spielt eben jenes Leben sein Spiel manchmal, trampelt auf Träumen herum und zerlegt das Glück mit einem Wimpernschlag in Schutt und Asche. Wehmütig lässt mich diese Geschichte zurück, aber auch auf eine Art beglückt, wie es nur wahrhaft guter Literatur gelingt.

„Mistral“ von Maria Borrely ist der erste von insgesamt vier Romanen der Autorin und wurde 1930 erstmals veröffentlicht. Eine großartige Neuentdeckung und -übersetzung also, über die ich sehr froh bin. Aus dem Französischen und mit einem wunderbaren Nachwort von Amelie Thoma.

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