Wie nach Hause kommen
Erzähl mir allesVerbundenheit ist das erste Wort, das mir zu Elizabeth Strout einfällt; ich empfinde eine tiefe Verbundenheit zu ihrer Romanwelt. Mit manchen Figuren verbindet mich mehr, mit anderen weniger, genau wie ...
Verbundenheit ist das erste Wort, das mir zu Elizabeth Strout einfällt; ich empfinde eine tiefe Verbundenheit zu ihrer Romanwelt. Mit manchen Figuren verbindet mich mehr, mit anderen weniger, genau wie im echten Leben, und vielleicht fühlt es sich deshalb jedes Mal wie nach Hause kommen an, wenn ich die fiktive Küstenstadt Crosby in Maine besuche. Natürlich liegt es zum Teil auch daran, dass mich dort alte, sehr liebgewonnene Freunde erwarten. In „Erzähl mir alles“ tummeln sich nun erstmals alle wichtigen Protagonisten des Stroutschen Mikrokosmos gemeinsam und fungieren nicht nur als Randfigur, als Statist in der Geschichte des jeweils anderen. Da ist der warmherzige Bob Burgess mit seinen Geschwistern Jim und Susan, die Schriftstellerin Lucy Barton und ihr Ex-Mann William und natürlich die kratzbürstige, alte Olive Kitteridge, der ich seit neuestem auf besonders zärtliche Weise zugetan bin, die ich in diesem Roman nochmal ganz anders wahrgenommen habe. Auch das gehört für mich zum Strout-Lesen dazu; ich lerne die Figuren in jedem Buch ein bisschen neu kennen, ich selbst bin auch jedesmal eine etwas andere und manch eine Sympathie, eine Verbindung verschiebt sich dabei.
Bob, Lucy und Olive - drei Figuren, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten - finden über das Erzählen und Zuhören zueinander. In behutsamen Gesprächen öffnen sie sich einander und lassen das Leben in all seiner Brüchigkeit durch ihre Geschichten hindurchfließen. Elizabeth Strout interessiert sich dabei besonders für die leisen Zwischentöne: für Einsamkeit und Verbundenheit, für die Fragilität der Liebe und die Frage, was wir auch im höheren Alter noch bereit sind, für sie aufs Spiel zu setzen. Für den unschätzbaren Wert echter Freundschaft und die oft unscheinbaren Gesten, in denen sich Zuneigung überhaupt erst zeigt. All das entfaltet sich, wie immer bei Strout, im scheinbar Gewöhnlichen, im Alltag mit seinen Höhen und Tiefen, was das Erzählte so besonders nahbar und anrührend macht.
Erzähl MIR alles, liebe Elizabeth Strout – in mir hast du eine treue Zuhörerin gefunden.
Das nächste Buch werde ich allerdings im Original lesen, da ich den Eindruck habe, dass ein Teil des typischen Strout-Charme durch die Übersetzung ins Deutsche leider verloren geht.