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Veröffentlicht am 24.03.2026

Das Wesentliche im Leben

Im Schnee
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Ich lebe seit 41 Jahren in demselben Dorf, seit meiner Geburt. Überschaubar ist es noch immer, doch im Grunde längst kein Dorf mehr, eher kleinstädtisch auf eine Art, die manch einen sicher bedrücken und ...

Ich lebe seit 41 Jahren in demselben Dorf, seit meiner Geburt. Überschaubar ist es noch immer, doch im Grunde längst kein Dorf mehr, eher kleinstädtisch auf eine Art, die manch einen sicher bedrücken und einengen würde, mich aber liebevoll festhält. Ich mag gerade das Überschaubare daran, das Konstante, Zuverlässige, nur langsam sich Verändernde. Vielleicht liegt hier meine Begeisterung für Romane begründet, die hinter die Mauern solcher alteingesessenen Gemeinschaften blicken, an der idyllischen Fassade kratzen und doch dieser tiefen Verbundenheit der Menschen untereinander und mit dem Land Raum geben.

Ich kenne es also gut, dieses Gefühl, wenn jede Ecke eine Erinnerung birgt, jeder Winkel eines Ortes einem zutiefst vertraut ist. Die Vergangenheit ist dann zwangsläufig allgegenwärtig und mit fortschreitendem Lebensalter und einer parallel dazu schrumpfenden Zukunft scheint sie noch an Kontur, an Klarheit, vielleicht auch an Bedeutung und Gewicht zu gewinnen. Schöne Erinnerungen sind das, die nun an dem alten Austhaler Max vorüberziehen, an die Kindheit in diesem langsam aussterbenden Dorf, das er nie wirklich verlassen hat, an Schorsch ganz besonders, der jetzt tot ist und doch immer da war, bis heute. Aber da sind auch düstere Erinnerungen an schier unsagbare Dinge, vom großen Schweigen zugedeckt, wie die altvertraute Erde ganz sanft von dem Schnee, der unablässig fällt. Friedlich nennt es, wer es nicht besser weiß, und alle anderen nehmen nun also Abschied von einem der Ihren, halten gemeinsam Wache am Totenbett (auch das ist mir nur allzu vertraut), erzählen und erinnern sich, diskutieren, ob es wohl einen Platz im Himmel gibt für diesen Menschen.

Nein, Tommie Goerz’ Protagonist verklärt und romantisiert nichts am Dorfleben. Schön war es und schrecklich auch. Aber so ist’s nun einmal, das Leben, und so sind auch die Menschen, und alles zusammen genommen war es schon gut, und wenn einer geht, fehlt er. So einfach ist es manchmal und so klar und auf den Punkt ist „Im Schnee“, ein wunderbar zartes, traurigschönes, aufs Wesentliche reduzierte Buch für Liebhaber von Seethalers „Ein ganzes Leben“ und Pettersons „Pferde stehlen“. Große Empfehlung!

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Das richtige Buch zur richtigen Zeit

Die Ewigkeit ist ein guter Ort
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Mit der Kirche und mir ist es so eine Sache. Ich bin in einem atheistischen Elternhaus aufgewachsen, doch als Kind haben mir die evangelischen Gottesdienste und Veranstaltungen, zu denen meine Freundin ...

Mit der Kirche und mir ist es so eine Sache. Ich bin in einem atheistischen Elternhaus aufgewachsen, doch als Kind haben mir die evangelischen Gottesdienste und Veranstaltungen, zu denen meine Freundin Marie mich mitnahm, ausgesprochen gut gefallen. Versuche ich heute zu ergründen, was genau mich damals so abgeholt hat, dann war es wohl dieses Gefühl von Gemeinschaft, das Selbstverständnis, irgendwo dazuzugehören, ohne mich oder irgendetwas beweisen zu müssen. Und noch grundlegender: die verlässliche Struktur darin, die Einfachheit, die Klarheit.

Genau diese Klarheit aber ist Elke abhandengekommen – ausgerechnet in dem Moment, in dem sie ihre erste Pastoratsstelle antreten und damit ihren Vater in der heimischen Dorfkirche beerben will. Oder soll. Was auch immer, jedenfalls ist sie fort, diese Sicherheit. Gott hat sich verabschiedet und nichts als eine Menge Wut in einem luftleeren Raum hinterlassen. Die Fragen nach dem „Warum“ und „Wie soll es jetzt weitergehen?“ reißen alte Wunden auf und konfrontieren Elke mit ihrer Jugend – und mit dem schmerzhaftesten Punkt ihres Lebens, den sie tief in sich vergraben und mit einem dicken Schutzwall umgeben hat. Doch wo das Dunkle nicht hinaus kann, kann auch das Licht nicht hinein, dämmert ihr langsam, und vielleicht bedeutet Glauben an Gott am Ende tatsächlich nichts anderes, als an die Menschen zu glauben.

Manchmal findet ein Buch genau im richtigen Moment zu einem – das hier war so eines. Ganze zweieinhalb Jahre lag Tamar Noorts Debüt auf meinem SuB, bis es nun endlich in meine Hände fiel und direkt ins Herz traf. „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ ist ein echter Seelentröster, eine Geschichte voller liebenswerter Figuren, die mit einfachen Worten von schweren Dingen erzählt. Und genau darin liegt ihr Trost und ihre Kraft: in der Leichtigkeit, mit der sie den Finger auf die Wunde legt – und gleichzeitig eine Schulter zum Anlehnen bietet.

Danke besonders für die schönste Andacht, die du Elke in den Mund gelegt hast, liebe Tamar,, und die mich zu Tränen gerührt hat. Ich freue mich jetzt sehr auf deinen zweiten Roman, der im Juni erscheint, und sicher keine zwei Jahre auf seinen Einsatz warten wird.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Große Empfehlung

Das zweitbeste Leben
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Ich liebe Geschichten, die meinen Blick auf das Leben und die Menschen hinterfragen, mein Verständnis von menschlichem Handeln herausfordern und im besten Fall sogar verändern. Solche, die einfach erzählen, ...

Ich liebe Geschichten, die meinen Blick auf das Leben und die Menschen hinterfragen, mein Verständnis von menschlichem Handeln herausfordern und im besten Fall sogar verändern. Solche, die einfach erzählen, ohne zu verurteilen, die mich als Leserin mein eigenes Urteil fällen lassen, mir für einen Moment eine völlig neue Perspektive eröffnen – und dadurch meinen Horizont erweitern. Tayari Jones‘ „Das zweitbeste Leben“ ist genau so ein Buch. Mit großem Einfühlungsvermögen widmet es sich dem Thema Bigamie und stellt dabei gängige moralische Urteile infrage.

„Du bist ein Geheimnis.“ Mit diesem grausamen Wissen wächst Dana bei ihrer Mutter Gwen auf, während ihr Vater James bei seiner rechtmäßigen Ehefrau Laverne und der gleichaltrigen Tochter Chaurisse die Illusion einer intakten Familie, einer heilen Welt, aufrechterhält. Jeden Mittwoch besucht er seine Zweitfamilie, bemüht sich, deren Bedürfnisse zu erfüllen, ein verantwortungsvoller Partner und Vater zu sein – und kann letztlich nur scheitern.

Besonders faszinierend an diesem Roman ist für mich die moralische Ambivalenz. Was von außen betrachtet wie ein schier ungeheuerlicher Betrug wirkt, erscheint bei genauerem Hinsehen und tieferem Eintauchen als die Konsequenz eines schwachen, aber zutiefst menschlichen Moments. James unterscheidet sich nicht von vielen anderen Männern, die betrügen und außereheliche Kinder zeugen. Doch während andere sich entscheiden, glaubt er, sich nicht festlegen zu müssen – er will beiden Familien gerecht werden, ohne aufrichtig zu sein, ohne den Beteiligten die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden. Er beansprucht mehr für sich, als einem einzelnen Menschen gesellschaftlich oder moralisch zusteht – und kommt damit bis zu einem gewissen Punkt durch. Das ist feige, aber nicht boshaft. Kein Verrat aus Bosheit, sondern aus Schwäche, vielleicht sogar aus falsch verstandener Liebe. Tayari Jones erzählt diesen Irrweg eindrucksvoll aus den Perspektiven beider Töchter und lässt ihre Figuren mit großer sprachlicher Feinheit und Authentizität lebendig werden.

Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Britt Somann-Jung.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Atmosphärische Dorfgeschichte

Kaltblut
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Nur ein paar Zeilen zu diesem großartigen Debütroman, den ich gerade verschlungen habe und euch wärmstens ans Herz legen möchte. Ihr wisst ja, ich liebe Dorfgeschichten. Liegt das Dorf auf dem Berg, umso ...

Nur ein paar Zeilen zu diesem großartigen Debütroman, den ich gerade verschlungen habe und euch wärmstens ans Herz legen möchte. Ihr wisst ja, ich liebe Dorfgeschichten. Liegt das Dorf auf dem Berg, umso besser, und wenn dazu noch eine feine, geschichtstragende Sprache verwendet wird, ist es das absolute i‑Tüpfelchen. Hier passt einfach alles perfekt zusammen.

Eine Explosion, ein heller Blitz durchbricht die dunkle Nacht und bald darauf folgt die erschütternde Gewissheit: In der Weiberer-Hütte haben 11 Männer ihr Leben verloren. Die Ursache ist rasch geklärt: Die nebenan deponierte Ladung des Sprengmeister Stubber war schuld. Doch hat dieser Sonderling, den niemand so recht durchschauen kann, sie auch gezündet? Hat er, der seine Frau verlor und seinen eigenen Sohn zurückließ, damals, vor Jahren, nun vollends den Verstand verloren?

Wolfgang Maria Bauer erzählt in „Kaltblut“ mit großer Wucht und doch voller Zärtlichkeit von einem Außenseiter, erzählt eine dichte, atmosphärische Geschichte vom beengten Leben in einem kleinen Dorf in den Alpen, von Intrigen, Ablehnung und Schuld – aber auch von einer großen, den Tod überdauernden Liebe. Absolute Leseempfehlung und ein weiteres literarisches Highlight für mich.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ein Streifzug durch Worte und Wände

Treppe aus Papier
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Ich bin nur Mauerwerk, sagen sie. Ein Dach, ein Fundament, Steine und etwas Putz. Doch bin ich so viel mehr als das. Ich habe Augen, Fenster, die schauen, was hinter geschlossenen Türen geschieht. Und ...

Ich bin nur Mauerwerk, sagen sie. Ein Dach, ein Fundament, Steine und etwas Putz. Doch bin ich so viel mehr als das. Ich habe Augen, Fenster, die schauen, was hinter geschlossenen Türen geschieht. Und ich habe ein Gedächtnis aus knarrenden Dielen, schiefen Wänden, papierenen Treppenstufen, geflüsterten Worten, die in meinen Fluren widerhallten. Ich bin alt und doch erinnere ich mich, jede Geschichte haftet unauslöschlich an mir, wie der Staub in meinen Fugen.

Henrik Szántós Debütroman blättert mich auf wie ein altes Fotoalbum, legt Schicht für Schicht frei. Raum für Raum, Gedanke für Gedanke, Leben für Leben. Da ist Irmas Wohnzimmer im ersten Stock, fast ein ganzes Jahrhundert lang schon. Ruth, die mit ihrer Familie erst neben Irma lebte, dann oben im vierten Stockwerk, wo die junge Nele heute wohnt, bevor sie dann ganz verschwand. Damals. Zwischen Tapetenritzen und Dachbalken schleichen sich dringende Fragen nach Herkunft und Verantwortung, Schuld und Vergebung, nach der Wahrheit, nach dem, was einst war und nie ganz verging. Die Vergangenheit kippt ins Heute, sitzt bei mir am Küchentisch und trinkt Tee aus dem angeschlagenen Porzellan.

Wer „Treppe aus Papier“ liest, wird nicht nur durch Worte wandeln, sondern durch Zeiten, wird nicht nur von Menschen und ihren Schicksalen gestreift werden, sondern den so schmerzhaften wie heilsamen Austausch zwischen Generationen spüren. Denn wir Häuser vergessen niemals. Wir hören zu, speichern, bewahren alles, wie ein fernes Echo. Und manchmal, wenn jemand wie Henrik Szántó kommt, dürfen wir endlich erzählen.

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