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Veröffentlicht am 23.01.2022

Alles für die Familie

Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung
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" Diener für niedere Arbeiten konnte sich nur eine Minderheit der vorindustriellen Gesellschaft leisten, im Zuge der Demokratisierung steht heute fast dem gesamten männlichen Bevölkerungsteil eine Ehefrau ...

" Diener für niedere Arbeiten konnte sich nur eine Minderheit der vorindustriellen Gesellschaft leisten, im Zuge der Demokratisierung steht heute fast dem gesamten männlichen Bevölkerungsteil eine Ehefrau als Dienerin zur Verfügung."
Dieser Satz findet sich fast am Ende des Buches von Evke Rulffes und er wirkt unwirklich. Nach der Lektüre bildet er allerdings eine logische Konsequenz aus der bisherigen Entwicklung, schließlich ist es nichts anderes, was eine Ehefrau verrichtet, Dienste, die früher von Dienstboten verrichtet wurden und aus Kostengründen irgendwann immer mehr in die Verantwortung der Ehefrau übergingen.

Die Autorin setzt in ihren Ausführungen recht früh an, geht Jahrhunderte zurück, zeigt eine Zeit in der es vollkommen normal war, das Frauen Betriebe führten, ein Handwerk ausübten, Handel trieben. Gerade in Kriegszeiten war es unabdingbar, dass Frauen all diese Tätigkeit autark und selbständig ausführen konnten, um so in Abwesenheit der Männer das Auskommen der Familie zu sichern. Später werden Mann und Frau als Partner dargestellt, allerdings kommt es immer mehr zu einer gewissen Aufgabenverteilung. Während der Mann die Rolle des Hausvorstandes ausübt, obliegt es der Frau über das Gesinde und die täglichen Aufgaben in Haus und Hof zu wachen. Es gibt für ihr Aufgabenfeld schriftliche Ratgeber, Die Hausmutter, erscheint in mehreren Bänden und gibt umfassende Tipps für alle Lebensbereiche, von Rezepten, über das Verhalten gegenüber dem Gesinde, bis hin zu ehelichen Pflichten wird alles behandelt. Diesem Abschnitt widmet sich die Autorin über weite Strecken des Buches, sehr interessant, aber manchmal etwas langatmig.

Das Buch zeigt sehr eindrücklich die Anforderungen, die an eine Ehefrau in verschiedenen Zeiten gestellt wurden und wie sie immer wieder an ihrem Verhalten gemessen wird. Nach der Lektüre verstehe ich um einiges besser, warum Frauen auch heute noch anders gesehen werden, in Rollen feststecken, unsicher sind und von Selbstzweifeln geplagt werden und sich aufreiben im Spagat zwischen Familie, Haushalt und Beruf.
Die Hausfrau ist tatsächlich eine Erfindung, wie der Titel ganz richtig beschreibt. Eine Erfindung der Gesellschaft, aber vor allem eben von Männern. Die Ehefrau, die schon immer zum Einkommen der Familie beigetragen hat, darf dieses nicht mehr offen, denn es würde dem Ansehen des Mannes schaden. Sie soll repräsentieren, den Wohlstand mehren, in dem sie Arbeiten nicht mehr auslagert, sondern selbst ausführt. Sie soll die Erziehung der Kinder übernehmen, dem Mann nach einem schweren Tag eine Stütze sein, nie klagen, oder sich beschweren und möglichst trotz einem vollgepackten Tag noch ihren ehelichen Pflichten nachkommen.

So sehr wir bei diesem Bild auch schmunzeln, zeigt die Autorin doch, wie weit in die jüngere Vergangenheit hinein dies Alltag war. Die Erkenntnis regt zum Nachdenken an und zum reflektieren über eigene Rollenbilder.

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Veröffentlicht am 04.01.2022

Geheimnisse

Die Früchte, die man erntet
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Anscheinend völlig wahllos tötet ein Heckenschütze mehrere Menschen in der schwedischen Kleinstadt Karlshamn. Vanja Lithner wird als ermittelnde Beamtin mit ihrem Team hinzugezogen. Der Druck ist groß, ...

Anscheinend völlig wahllos tötet ein Heckenschütze mehrere Menschen in der schwedischen Kleinstadt Karlshamn. Vanja Lithner wird als ermittelnde Beamtin mit ihrem Team hinzugezogen. Der Druck ist groß, die Angst vor weiteren Morden ebenso, bald weiß sich Vanja nicht anders zu helfen, als ihren Vater um Rat zu fragen, Kriminalpsychologe Sebastian Bergmann.

Das Buch ist bereits das siebte aus der Reihe um Sebastian Bergmann, den das Autorenduo hier abliefert. Ich muss gestehen, ich kenne die Bücher zwar, habe aber bisher keins gelesen. Der Fall, etwas im Stil von Bonnie und Clyde, steht recht eigenständig, allerdings gibt es natürlich viele Hinweise auf die Ereignisse aus den Vorgängerbüchern. Meine Unkenntnis hat mir den Leseeindruck nicht gemindert, obwohl ich an einigen Stellen schon gern gewusst hätte, was passiert ist.

Das Buch baut sich aus mehreren Handlungssträngen auf. Der Leser verfolgt die Ermittlungen rund um Vanja und ihr Team, die Taten an sich und begleitet Sebastian bei der Arbeit als Therapeut. Die verschiedenen Fäden werden im Verlauf der Story immer weiter miteinander verwoben und man nähert sich recht früh dem vermeintlichen Finale, das allerdings noch mit einer großen Überraschung aufwartet. Eine sehr interessante Idee, die die Autoren hier umgesetzt haben, habe ich in dieser Form bisher noch nicht gelesen.

Bis zu dieser Unerwarteten Wendung war der Spannungsbogen relativ gleichbleibend, danach zieht sich das Ganze etwas, bevor es zum Ende hin nochmal richtig brenzlig wird.

Trotz der interessant konstruierten Geschichte bin ich mit keiner der Figuren wirklich warm geworden. Die Hauptfigur des Sebastian Bergmann ist mir fast etwas unsympathisch, ob das daran liegt, das ich die anderen Bücher nicht kenne kann ich nicht sagen. Vielleicht fehlt mir hier tatsächlich das Fundament, das mich das Verhalten der Figuren besser verstehen lassen würde. Nichtsdestotrotz hat mich die Stimmung mitgenommen, der Stil hat, mit wenigen Abstrichen, meinen Geschmack getroffen und ich werde sicher die Reihe vom ersten Buch an lesen.

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Veröffentlicht am 02.01.2022

Das Leben geht weiter

Das Geschenk
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Weihnachten steht vor der Tür und aus Mitleid hat Kathrin zugesagt zusammen mit dem verwitweten Klaus zu feiern. Er und seine verstorbene Frau waren gut mit Kathrin und ihrem Mann Peter befreundet und ...

Weihnachten steht vor der Tür und aus Mitleid hat Kathrin zugesagt zusammen mit dem verwitweten Klaus zu feiern. Er und seine verstorbene Frau waren gut mit Kathrin und ihrem Mann Peter befreundet und das gemeinsame Feiern war viele Jahre Tradition in den beiden Familien. Peter ist von der Vorstellung wenig angetan und bei der Ankunft gibt es dann direkt eine ziemliche Überraschung.

Das Geschenk ist keine gewöhnliche Weihnachtsgeschichte, wie der Titel vielleicht suggeriert. Vielmehr geht es in dem schmalen Büchlein um Freundschaft, Trauer, Verlust, die verschiedenen Sichtweisen von Personen auf das selbe Ereignis. Es geht um Vorurteile, um Traditionen, um das Bild, das man von einer Person hat, um eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber dieser und über das Unverständnis, wenn diese sich anders verhält, als es "angemessen" ist. Aber was ist angemessen und wer legt die Parameter dafür fest?

Die Autorin legt eine gut durchdachte Charakterstudie vor und kommt mit ihrer Beschreibung direkt auf den Punkt. Der Leser findet sich in den Figuren wieder und wird sicher die ein, oder andere Situation schon ähnlich erlebt haben. Der Stil des Buches ist dabei aber nicht oberlehrerhaft, die Geschichte wird leicht erzählt, ohne den Ernst zu nehmen, humorvoll, mit einem Augenzwinkern, ohne ins Lächerliche abzudriften.

Das Buch müsste jetzt nicht zwingend an Weihnachten spielen, aber das Setting bekommt so einen besonderen Rahmen. Der Zeitpunkt ist in sofern gut gewählt, da man ja gerade an Weihnachten gern alles perfekt haben will und das Bedürfnis nach " heiler Welt" irgendwie größer ist, was eben auch erhöhtes Konfliktpotenzial bietet.

Das Geschenk zeigt wieder einmal, das man eben nicht hinter die Fassade sehen kann. Selbst das idealste Paar hat seine Probleme, selbst in der perfektesten Familie läuft nicht immer alles glatt und auch innerhalb einer jahrelangen Freundschaft gibt es Dinge, von denen man nichts weiß.

Ein wirklich lesenswertes Buch mit viel Stoff zum Nachdenken.

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Veröffentlicht am 02.01.2022

Neugierige Nachbarn

Mrs Potts' Mordclub und der tote Nachbar
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Judith ist eine nette alte Dame, man könnte sie als etwas eigenbrötlerisch bezeichnen, wie sie da so allein in der großen Villa am Fluss lebt. Als sie beim abendlichen Schwimmen die Ermordung ihres Nachbarn ...

Judith ist eine nette alte Dame, man könnte sie als etwas eigenbrötlerisch bezeichnen, wie sie da so allein in der großen Villa am Fluss lebt. Als sie beim abendlichen Schwimmen die Ermordung ihres Nachbarn mit anzuhören glaubt, erntet sie bei der Polizei nur Unglaube, also muss sie selber Nachforschungen anstellen.

Mit Judiths Figur schafft der Autor bei mir sofort Assoziationen zu Agatha Christies Miss Marple, allerdings entwickelt sich Judith, im Lauf der Story immer weiter in eine etwas andere Richtung. So bekommt das Buch eine gewisse Eigenständigkeit, trotz vorhandener Parallelen. Diese Entwicklung ist auch der Tatsache geschuldet, das hier eine recht ungleiche Gruppe von Frauen zusammen findet und so neben der Aufklärungsarbeit auch das Entstehen einer Freundschaft erzählt wird.

Der Vita des Autors konnte ich entnehmen, das er als Drehbuchautor, unter anderem für die Serie "Death in Paradise", tätig war. Wie in der Serie, die ich im Übrigen liebe, gibt er auch hier seinen Figuren eine gewisse Schrulligkeit mit, ohne sie aber ins Lächerliche zu ziehen. Seine Beschreibungen sind zwar teils etwas überspitzt, sorgen aber für das nötige Augenzwinkern, mit dem man den Roman lesen sollte.

Wer einen knallharten Krimi erwartet liegt hier voll daneben. Cosy Crime beschreibt das Buch noch am ehesten und das ist nicht negativ gemeint, den gut gemacht, ist das sehr unterhaltsam. Das Finale steht einem guten Krimi in Rasans und Nervenkitzel in nichts nach, wenn ich auch etwas in die Länge gezogen fand. Die Aufklärung war für mich nicht überraschend, der Leser stellt die Zusammenhänge eher her als die Figuren im Buch. Letztlich ist das aber nicht schlimm. Die finale Zusammenfassung der Ereignisse ist, gewollt, oder ungewollt, wieder eine Hommage an Miss Marple, oder eben auch Richard Pool. Ihren Zweck im Buch verfehlt sie jedenfalls nicht.

Mrs Potts Mordclub ist erfolgreich aus der Taufe gehoben worden und hat sicher noch einige Abenteuer zu bestehen. Der Grundstein ist gelegt.

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Veröffentlicht am 18.11.2021

Interessant, aber anstrengend geschrieben

Schliemann und das Gold von Troja
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Ich bin ein großer Fan des Altertums, ich liebe seit meiner Kindheit die Geschichten um Odysseus, Herkules, die schöne Helena und all die unzähligen Helden aus der griechischen Mythologie. An den originalen ...

Ich bin ein großer Fan des Altertums, ich liebe seit meiner Kindheit die Geschichten um Odysseus, Herkules, die schöne Helena und all die unzähligen Helden aus der griechischen Mythologie. An den originalen Schauplätzen der Erzählungen zu wandeln, muss großartig sein. Ebenso fasziniert von der Antike, speziell von Homers Berichten war Heinrich Schliemann. Kaufmann, Weltenbummler, Schriftsteller und Hobbyarchäologe. Der Autor zeichnet in seinem Buch das Leben Schliemanns nach und seine Fixierung auf Troja.

Die Lebensgeschichte Schliemanns ist sehr interessant, das sprichwörtliche vom Tellerwäscher zum Millionär wird Realität. Doch wie erfolgreich Schliemann auch beruflich sein mag, privat wird er nicht glücklich und auch seine so innig ersehnte Anerkennung im Bereich der Wissenschaft, der Archäologie bleibt ihm verwehrt. Der Autor spürt all diesen Lebensstationen nach, sehr akribisch, sehr detailliert, immer mit Blick auf den wichtigsten Augenblick im Leben des Suchenden, die Entdeckung des sagenhaften Schatz des Priamos.

Auch auf die aktuelle Situation rund um den, nach dem zweiten Weltkrieg in Russland verschollenen Schatz wird eingegangen. Das Buch enthält Bilder und natürlich auch Nachweise zu den verwendeten Zitaten und Hinweise auf weiterführende Literatur.

Leider hat der Autor sich, meiner Meinung nach, zu sehr in seinen Details verloren. Die recht kurzen Kapitel sind voller Zahlen und Fakten. In die langen, verschachtelten Sätze sind oft noch original Zitate von Schliemann, seinen Wegbegleitern, oder anderen Personen eingebaut. Mir viel es oft sehr schwer, den Sinn des Satzes direkt, ohne nochmal nachzulesen, zu erfassen. Das ist anstrengend, ermüdend und stört den Lesefluss.

Die Arbeit des Autors in Hinsicht auf Recherche möchte ich nicht in Frage stellen. Auch die Beleuchtung der negativen Aspekte rund um die Figur Schliemann und seine teils zweifelhaften Methoden sind sehr spannend eingearbeitet. Letztlich ist das Buch natürlich ein Sachbuch, aber ich hätte mir dann vielleicht eher eine etwas rundere Ausarbeitung gewünscht.

Für am Thema interessierte Leser eine interessante Lektüre, die tief hinter die historische Figur Heinrich Schliemann und seine Manie blicken lässt, die vielleicht aber auch etwas den Mythos um Troja entzaubert. Nichtsdestotrotz haben Homers Epen nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt.

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