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Veröffentlicht am 04.11.2017

Intensiv erzählt, gut recherchiert und emotional bewegend

Der Hexenschöffe
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Hinter diesem Roman steckt eine wahre Begebenheit aus der Zeit der Hexenverfolgungen, die Person des Schöffen Hermann Löhers ist real belegt. Hermann Löher verfasste mit 80 Jahren eine Klageschrift mit ...


Hinter diesem Roman steckt eine wahre Begebenheit aus der Zeit der Hexenverfolgungen, die Person des Schöffen Hermann Löhers ist real belegt. Hermann Löher verfasste mit 80 Jahren eine Klageschrift mit dem Titel "Hochnötige untertanige wemütige Klage der frommen Unschültige". Auf diese stützt sich die Autorin in ihrem Buch und macht Löher zum Protagonisten des Hexenschöffen.

Löher selbst glaubt nicht an Hexerei und hält die Beschuldigungen der Betroffenen für Unsinn. Häufig werden als Gründe Missernten, Unwetter und Todesfälle in den Familien als Grund für Hexerei angeführt. Doch Löher kann gegen den Hexenkommissar nicht viel ausrichten, da er und seine Familie sonst selbst in Gefahr geraten und zur Zielscheibe für Verleumndungen werden. Eine tragische Situation für alle Beteiligten.
Die Hexenhäscher versuchen mit den Anklagen, Rache zu nehmen, ihre Macht und ihren Einfluss darzustellen und außerdem bringt die Verurteilung auch finanzielle Vorteile mit sich. Denn Hab und Gut der Verbrannten wird enteignet und so füllt sich mancher Hexenankläger die eigene Tasche mit dem grausam erstrittenen Geld. Besonders bei reichen Kaufleute ergibt sich eine erträgliche Summe.

Löher kann nicht verhindern, dass das erste Opfer, die unbescholtene Frau Marta, als Hexe verurteilt wird. Unter Marter und unsäglichen Schmerzen wird ihr Hexengeständnis erzwungen.
Die peinliche Befragung und Folter wird im Buch näher erklärt, man hat die drastischen Mitteln deutlich vor Augen und ist bestützt über so viel Grausamkeit. Doch damit veranschaulicht die Autorin auch realistisch, zu welch entsetzlichen Foltermethoden damals gegriffen wurde. Mit Aberglauben, Dummheit und auch berechnender Missgunst fielen so viele Menschen der Hexenverfolgung zum Opfer.

Petra Schier kann historische Romane mit viel Intensität und Gefühl schreiben. Intrigen, Liebe, Gier und Rachsucht spielen auch in diesem Roman eine große Rolle. Petra Schier zeichnet ihre Charaktere mit großer Ausdrucksstärke und glaubhafter Darstellung, sodass man als Leser ihnen gut und gespannt folgen mag.

Der Roman rüttelt den Leser auf, aber er unterhält auch mit Einblicken aus dem Leben und Handeln der Familie Löher und deren Freunden und Nachbarn. Es zeigt das Alltagsleben in einer vielköpfigen Familie, man erlebt Liebe oder erzwungene Heirat, viel Klatsch und Tratsch und allerhand Brauchtum. Besonders interessant war für mich die Tradition der Reihjungen mit dem Brauch der Mailehen, auch anderswo Schlutgehen genannt. Hierzu gibt Frau Schier in einem Nachwort umfassend Auskunft.

Ein emotional aufwühlender und kurzweiliger Roman zu den Hexenprozessen in Rheinbach, der sich auf wahre Begebenheiten stützt.

Veröffentlicht am 04.11.2017

Slapstick-Krimi mit flotten Sprüchen, skurrilen Figuren und wunderbar gelungener Unterhaltung.

Nadel, Faden, Hackebeil
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"Echte Kerle stickten selbst! Mit männlicher Präzision stickten sie kernige Motive auf Textil, die schwielige Linke um das Handstickrähmchen geschlungen, in der groben Rechten Nadel und Faden, im Auge ...

"Echte Kerle stickten selbst! Mit männlicher Präzision stickten sie kernige Motive auf Textil, die schwielige Linke um das Handstickrähmchen geschlungen, in der groben Rechten Nadel und Faden, im Auge wilde Entschlossenheit." Zitat Seite 117

Nach dem tollen Beginn der Reihe habe ich mir nun auch diese Episode zur Unterhaltung gegönnt. Inhaltlich geht es mit herrlich schwarzem Humor und tollen Sprüchen als Kapitel-Überschriften zur Sache.

Überschrift Seite 105: Kunst kommt von können, käme es von wollen,
hieße es Wunst.

Das Buch ist durchgehend amüsant, manchmal etwas klamaukig, aber dennoch lustig. Mir macht es Spaß, besonders Siggi mit seinem Harem (Schwester Irmi, Tochter Susanne und Nichte Karina) zu beobachten, das ist unbeschreiblich kurzweilig und immer ein Erlebnis. Der Hund Onis (durch seine Knick-Rute nicht zur Zucht zugelassen) begleitet Siggi mal wieder auf Schritt und Tritt. Außerdem haben sich die Freunde von Susanne und Karina nebst einem kleinen Bruder im Haus einquartiert und so wird es mehr als nur turbulent. Nebenbei erlebt man noch Siggis eifersüchtige Freundin MaC und die erfrischenden Treffen der Freunde des VHS Männerkochkurses.

Aber auch die Krimihandlung nimmt neben der heiteren Kulisse und den außergewöhnlichen Figuren keine unscheinbare Hintergrundposition ein. Gespannt kann man die Ermittlungen von Seifferheld mitverfolgen und die Auflösung am Ende kommt zwar überraschend, aber auch mit logischer Erklärung. Insofern ist dieser Band gegenüber dem ersten schon deutlich mehr Krimi als nur Komödie.

Wer Tatjana Kruses Schreibstil kennt, weiß, hier geht es mit viel Humor und einer mitreißenden, schrägen Geschichte dem Leser an die Lachmuskeln. Die skurrilen Charaktere und ihre Erlebnisse sorgen Knall auf Fall für durchgängig gute Unterhaltung. Hier wird mit Gags nur so um sich geschossen und das schafft absolut gute Unterhaltung.

Nach diesem Band muss ich unbedingt auch noch die anderen Bände der Reihe lesen. Hier ist die Übersicht:

1. Kreuzstich, Bienenstich, Herzstich
2. Nadel, Faden, Hackebeil
3. Finger, Hut und Teufelsbrut
4. Gestickt, gestopft, gemeuchelt
5. Sticken, stricken, strangulieren
6. Der Tod stickt mit


Wer Krimis mit Slapstick-Charakter und skurrilen Figuren mag, der sollte sich diese Reihe unbedingt näher ansehen. Vor lauter Situationskomik bleibt kaum ein Leser ernst und die Serie ist süchtig machend. Siegfried, der stickende Held hat meine vollste Sympathie.

Veröffentlicht am 04.11.2017

Eine fesselnde Ermittlung vor ostfriesischer Kulisse, bei der man gut mitraten kann! Ein echter Nordseeurlaubskrimi!

Mordsleben. Ostfrieslandkrimi
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"Ein Mordsleben, ja, das hatte ich", sagte sie mit zynischem Unterton. "Erst der Unfalltod meiner Tochter. Dann der Selbstmord meines Mannes. Letzte Woche die Schüsse auf mich. Mörderischer geht es kaum." ...

"Ein Mordsleben, ja, das hatte ich", sagte sie mit zynischem Unterton. "Erst der Unfalltod meiner Tochter. Dann der Selbstmord meines Mannes. Letzte Woche die Schüsse auf mich. Mörderischer geht es kaum." Zitat Seite 94

Ich mag Ulrike Buschs Krimis, ihr Schreibstil liest sich angenehm leicht, ein wenig humorvoll und dadurch erfrischend lebensnah. Die Story ist gut durchdacht, mit geschickten Wendungen fesselt sie den Leser an ihr Werk. Mir gefallen besonders ihre Protagonisten, das Ermittlerteam Tammo Anders und Fenna Stern, die ich von den Vorgängerbänden her kenne und daher auf ihre weitere Entwicklung gespannt war.

Die Kommissare Fenna und Tammo sind ein tolles Ermittlerteam und sie harmonieren nicht nur bei der Arbeit wunderbar, auch privat sind sie zusammengewachsen und nun offiziell ein Paar. Eigentlich wollen sie nur ihre Zweisamkeit geniessen und dann hält sie der Fall Leonie Altinga beruflich auf Trab. Während Tammo bei Befragungen eher direkt ist und forsch zur Sache kommt, geht Fenna sehr feinfühlig und behutsam auf die Personen ein. So ergänzen sie sich perfekt und kommen im Fall des Mordanschlags auf Leonie Altinga dem Täter gewieft auf die Spur.

Der Kriminalfall dreht sich um die alternde Schauspielerin und Krimiautorin Leonie Altinga. Welche Person kann auf sie einen solchen Hass haben oder ist hier nur jemand auf ihr Erbe aus? Fenna und Tammo finden bei ihrer Ermittlung keine direkten Feinde, aber in der Autobiografie der Frau verbergen sich einige dunkle Geheimnisse, die die Autorin vor der Öffentlichkeit verborgen hat. Doch diese Frau ist schwer zu durchschauen, denn als Schauspielerin versteht sie ihr Gesicht zu wahren, ohne in ihr Inneres blicken zu lassen. Wer ist hier nun Opfer und wer Täter? Da sind auch noch die Schwester und ihr 40 jähriges Muttersöhnchen, sind die beiden auf Leonies Erbe aus? Es bleibt lange undurchschaubar und das erhöht die Spannung natürlich ungemein. Die Charaktere sind allesamt unterhaltsam und vielseitig gezeichnet und als Leser kann man bei diesem Krimi schön miträtseln. Eine fesselnde Ermittlung, die den Täter noch nicht erraten lässt, so liebe ich Krimis.

Ulrike Buschs Krimis sind unblutig und dennoch sehr fesselnd zu lesen. Der Lokalkolorit um Greetsiel ist als schöne Hintergrundkulisse geschildert und man bekommt beim Anblick des hübschen Coverbildes sofort Lust auf einen Kurzurlaub an der Nordsee.


Dieser Krimi bescherte mir mit dem humorvollen Schreibstil schöne Lesestunden und in punkto Täterfrage hatte ich viel Spaß beim Rätseln. Ein perfekter Krimi für den Nordseeurlaub oder mit einer Tasse Ostfriesentee zuhause.

Veröffentlicht am 04.11.2017

Wallanders siebter Fall ist der persönlichste!

Die fünfte Frau
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Von Anfang bis Ende hällt Mankell hier die Spannung auf einem hohen Level. Ein ganz phantastisches Buch, sehr schön spannend, vielschichtig psychologisch und die Protagonisten sind durchweg sehr lebendig ...

Von Anfang bis Ende hällt Mankell hier die Spannung auf einem hohen Level. Ein ganz phantastisches Buch, sehr schön spannend, vielschichtig psychologisch und die Protagonisten sind durchweg sehr lebendig und lebensnah gezeichnet

Dieses Buch ist eines meiner liebsten der Wallander-Reihe, denn es wird sehr persönlich und man lernt dadurch Kurt Wallander näher kennen. Die bisher schwierige Beziehung zu seiner Tochter wird besser und intensiver und sie führen lange Gespäche, die man auch als Leser gern mitverfolgt. Kaum zurück von einer Reise mit seinem Vater nach Rom, holt ihn jedoch der grausame Alltag als Polizist wieder ein. Ein älterer Mann wurde in einer Grube mit Pfählen regelrecht zu Tode gespießt. Das lässt selbst einen so erfahrenen Kriminalisten wie Wallander gruseln.
Er kommt lange Zeit nicht auf den verbindenden Punkt der verschiedenen Leichen. Was verbindet die scheinbar harmlosen Bürger? Sind sie wirklich unschuldige Opfer oder verbergen sie etwas hinter ihrer normalen Fassade? Es ist die Gewalt gegen Frauen. Doch wer rächt diese Frauen und woher hat dieser Täter sein Wissen?
Kurt Wallanders Erfolg als Polizist liegt zum einen an seinen akribisch ausgeführten Untersuchungen und auf seiner Fähigkeit, auf seinen Instinkt und seine Erfahrung zu hören.

In "Die fünfte Frau" spielt Rache eine ganz entscheidende Rolle, als Leser blickt man dabei in tiefe seelische Abgründe und sieht dank Mankell immer ein wenig mehr als sein Ermittler Kurt Wallander. Dieser tastet sich langsam, aber sicher vorwärts und verfolgt eine Spur bis Algerien. Dort wurden ein Jahr zuvor fünf Frauen von Fundamentalisten ermordet, vier Frauen waren Nonnen aus Frankreich und die fünfte war eine schwedische Touristin. Nun gilt es den Täter anhand eines Motivs zu finden. Eine fesselnde Suche, bei der man als Leser das Buch nicht mehr aus den Händen legen mag, denn es wird ein Wettlauf um das Leben weiterer potentieller Opfer.

Henning Mankells Schreibkunst ist genial und unerreicht. Er erzählt sehr genau, beschreibt detailliert und entwickelt ein Feingefühl für menschliche Stimmungen im Guten wie im Bösen. Er besitzt die Fähigkeit, mutig gesellschaftskritische Fragen in seine Bücher einzubauen. So geht es im vorliegenden Buch um die Themen Bürgerwehr und aufkommende Gewaltbereitschaft der Schweden.


Absolut gelungen ist Mankell auch der Wechsel der Perspektive. Aus
Sicht des Täters lesen wir seine Gedanken, tauchen dann ein in das Leben eines Opfers und enden bei den ermittelnden Beamten.

Wer ist hier Opfer und wer Täter? Diese Frage überdauert auch nach der erklärenden Auflösung das Buch. Ein sagenhaftes Ende, wie es einem Mankell würdig ist.

Veröffentlicht am 04.11.2017

Poetisch, aber inhaltlich um sich selbst kreisend.

Blaue Blumen
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Eine unbekannte Frau schreibt Briefe an einen Mann, der sie verlassen hat und den sie sehr geliebt hat. Die Briefe landen jedoch bei einem ganz anderen Empfänger, bei Marcos, der mit seiner Frau in Trennung ...

Eine unbekannte Frau schreibt Briefe an einen Mann, der sie verlassen hat und den sie sehr geliebt hat. Die Briefe landen jedoch bei einem ganz anderen Empfänger, bei Marcos, der mit seiner Frau in Trennung lebt und mit ihr eine kleine Tochter hat. Die Briefe bewirken in Marcos eine ungeahnte Sehnsucht. Er wird von den Briefen der Unbekannten seltsam ergriffen und so sucht er die genannten Orte auf, immer in der Hoffnung, die geheimnisvolle Frau zu treffen. Dabei vernachlässigt er seine Arbeit und wartet auf den nächsten Brief.


Die unbekannte A. schreibt intensive, gefühlvolle Briefe an ihren ehemaligen Geliebten und Marcos erhält sie fälschlicherweise. Auch er lebt in Trennung und kennt die Gefühle der Schreiberin, er fühlt sich von ihr wie magisch angezogen.

Die Handlung in diesem Buch beschränkt sich auf die Briefe und darin wiederholen sich die Gedanken, die um diese verlorene Liebe kreisen.

Gleich mal vorab, leider konnte mich der Roman nicht überzeugen und ich frage mich, welche Intention die Autorin beim Schreiben hatte. Was wollte sie damit genau aussagen? Ich bin mir darüber nicht klar geworden.

Dabei mag ich Carola Saavedras poetischen, feinfühligen Schreibstil, für ein Buch über romantische Liebe hätte das wunderbar gepasst. Aber hier geht es um eine Trennung und daher um Anklage, tiefes Bedauern und wütende Vorwürfe, die von der unbekannten Frau in langen verschachtelten Sätzen zu Papier gebracht werden. Ihre Gedanken kreisen um die Liebe, sie äußert wütend Vorwürfe und zeigt ihre bisherige Beziehung zu ihrem "Traummann" anklagend in bewegender Weise. Mir kommt beim Lesen ein Verdacht einer Abhängigkeit, einer unterwürfigen Hörigkeit dieser Frau in den Sinn.


Aufgrund des Klappentextes habe ich eine Liebesgeschichte erwartet, die nicht nur in Melancholie badet. Handlungsmäßig geschieht hier nicht viel, denn hauptsächlich schreibt sich die unbekannte Frau A. detailliert ihre Beziehung von der Seele, bzw. schildert die Gründe, warum sie geendet hat. Dabei wiederholt sie in Briefform Erlebtes immer wieder, in der Hoffnung, der Geliebte möchte das Verlorene zurückgewinnen. Immerhin kämpft sie um ihre Liebe.

"Um die Liebe zu besänftigen" (Zitat Seite 183) muss man aber nicht alles hinnehmen oder erdulden. Hier wird ein falsches Bild von Liebe dargestellt. Es ist eher eine Hörigkeit von Seiten der Frau.

Das ist bei Marcos und seiner Frau nicht so. Weil Marcos in seiner Frau eher die Fordernde sieht, für seine Tochter eher Desinteresse empfindet, merkt man schnell, er ist ein Mensch, der gleichgültig und ohne echte Zuneigung lediglich versucht seine Rolle zu spielen. Auch für seine aktuelle Freundin scheint er keine großen Gefühle zu haben.

Aber die Briefe rütteln ihn auf und lösen etwas in ihm aus. Auch er möchte ohne Bedingung geliebt werden. Er wird von den Briefen angezogen, doch er selbst bleibt der Mittelpunkt seiner kleinen Welt.


Die intensiv geschilderten menschlichen Tiefen, Abgründe und Gefühle habe ich trotz der melancholischen Wirkung gern gelesen. Auch wenn ich nicht wie A. empfinde, so finde ich ihren Schmerz und ihre Lebenszweifel gut dargestellt. Doch auch das Ende lässt mich ratlos zurück. Leider nicht mein Geschmack.



Ein ungewöhnliches Buch, das menschliche Abgründe aufdeckt und Fragen nach wahren Gefühlen nachspürt, aber mir fehlt die Kernaussage des Romans.