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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2025

Beeindruckend, hoch komisch und auch anstrengend

Russische Spezialitäten
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An dieses Buch musste ich mich erst einmal gewöhnen. Es ist toll erzählt, in exquisiter Sprache, irre komisch, höchst zynisch, mit einer enormen Gag-Dichte. Da sitzt jedes Wort, fast erschlagen sich die ...

An dieses Buch musste ich mich erst einmal gewöhnen. Es ist toll erzählt, in exquisiter Sprache, irre komisch, höchst zynisch, mit einer enormen Gag-Dichte. Da sitzt jedes Wort, fast erschlagen sich die originellen Bilder gegenseitig, da trifft erlesener Wortwitz auf gnadenlose Beobachtungen und liebevoll ironische Analysen. Das ist beeindruckend, hoch komisch und auch anstrengend.

Dmitrij Kapitelman erzählt aufgeräumt von seiner Familie, die aus der Ukraine stammt, von seiner Jugend und vom Magasin der Familie, dem russischen Spezialitätengeschäft, das seine Eltern in Leipzig geführt haben. Zwischen den Zeilen steht allerdings auch Traurigkeit und Verzweiflung über die aktuelle Situation. Seine Mutter ist mit russischer Propaganda aufgewachsen, glaubt an alles, was das „Fernsehrussland“ ihr zeigt und findet es gut, dass das Naziregime in der Ukraine mal in seine Schranken gewiesen wird. Vernunftsargumenten ist sie nicht zugänglich und zeigt uns eine ganz neue Seite dieses schrecklichen Kriegs.

Wie russisch sind eigentlich Ukrainer? Das ist im Grunde das Thema dieses Buches, das deutlich macht, wie absurd dieser Krieg ist. Da lernen plötzlich Ukrainer Ukrainisch, weil das Russisch, das sie gewohnt waren, mit ihren neuen Lebensumständen kollidiert. Und Ukrainer im Exil gucken russisches Fernsehen, wie immer und verstehen die Welt nicht mehr.

Das Hörbuch liest der Autor selbst souverän und sehr sympathisch, man muss ihn nur ein bisschen schneller abspielen. Die russisch-ukrainischen Spitzfindigkeiten kann er wie niemand sonst vortragen.

Auch wenn ich mit diesem Buch Startschwierigkeiten hatte, habe ich es gerne gehört, habe mich sehr amüsiert und einiges gelernt.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Thriller mit Mehrwert

Der Gott des Waldes
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Es ist Sommer im Jahr 1975 als ein Mädchen verschwindet. Sie war im Sommercamp in den Adirondack Mountains, im Naturreservat, das ihren Eltern gehört. Ausgerechnet Barbara Van Laar verschwindet plötzlich, ...

Es ist Sommer im Jahr 1975 als ein Mädchen verschwindet. Sie war im Sommercamp in den Adirondack Mountains, im Naturreservat, das ihren Eltern gehört. Ausgerechnet Barbara Van Laar verschwindet plötzlich, genau wie ihr Bruder 14 Jahre vorher. Das ist schon mehr als seltsam.

In kurzen Kapitel wird hier das Geschehen eingekreist und jeder Aspekt der Geschichte beleuchtet. Was sagt Louise, die Betreuerin der Mädchen im Camp? Oder TJ, die Leiterin, ist sie nicht komisch? Die Eltern sind Snobs, das weiß jeder. 1961 ist der Sohn verschwunden, auch da sehen wir uns um. Ist diese Ehe glücklich? Barbaras Mutter Alice scheint nicht gerade der fürsorgliche Typ zu sein.

Die Polizei hat einen Verdächtigen im Blick, aber Investigator Judy Lutpack glaubt nicht daran. Sie ist jung, neu in der Abteilung und auch noch eine Frau. Die Kollegen nehmen sie nicht ernst, aber Judy lässt nicht locker.

Dies ist ein Thriller mit Mehrwert. Es werden nicht nur mysteriöse Vorkommnisse aufgeklärt, man lernt auch viele spannende Figuren sehr gut kennen, schaut in die Köpfe der unterschiedlichsten Charaktere und bekommt einen lebendigen Eindruck der Zeit und des Milieus. Privilegien und Verpflichtungen der High Society, die Rolle der Frauen, Kindererziehung, Naturliebe, Survival, Außenseitertum und sogar ein bisschen Mystery, all das spielt eine Rolle und wird zu einer finsteren Geschichte verknüpft, deren Ende niemand erwartet.

Das Personal ist vielleicht ein bisschen umfangreich, aber die Sprache absolut großartig. Ich habe es sehr gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 20.03.2025

Eindringlich, norddeutsch, maritim

Stromlinien
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Am Anfang hat mich dieses Buch begeistert. Es liest sich super, die Sprache ist schön und die Atmosphäre sehr eindringlich, norddeutsch, geheimnisvoll und maritim.

Da sind zwei Zwillingsschwestern, die ...

Am Anfang hat mich dieses Buch begeistert. Es liest sich super, die Sprache ist schön und die Atmosphäre sehr eindringlich, norddeutsch, geheimnisvoll und maritim.

Da sind zwei Zwillingsschwestern, die anders sind, Außenseiterinnen, Elbmädchen, die mit ihrer Großmutter weit abgelegen wohnen und immer mit ihrem Boot die Elbarme rauf- und runterfahren, kleine geheime Inseln kennen, sich selbst genug sind bis eine plötzlich verschwindet. Eines Morgens wacht Enna auf und Jale ist weg, dabei ist der Tag gekommen, auf den sie seit Jahren gewartet haben.

Damit liegen gleich die ersten von 1000 Rätseln auf dem Tisch. Wo ist Jale? Auf was haben die Mädchen gewartet? Warum ist die Großmutter so reserviert? Wo ist die Mutter und wer ist der Vater?

Und dann holt das Buch auch noch ganz weit aus. 1923 sind wir dabei, wie der kleine Gunnar Äpfel klaut. In kurzen Kapitel springt man durch die Zeiten, blickt in die Jugend der Mutter und sogar die der Großmutter. Oma Ehmi hat auch eine Zwillingsschwester, aber Greetje und Ehmi sind seit ewigen Zeiten zerstritten. Noch ein Rätsel, das macht aber nichts, weil tatsächlich jeder Handlungsstrang gleichermaßen interessant ist.

Im Grunde liest man hier einen mysteriösen Thriller, eine dramatische Familiengeschichte und einen spannenden historischen Roman gleichzeitig. Aus Ennas Sicht hat das Buch sogar noch Jugendbuchcharakter. Ihr Freund Luca Lemke ist supersüß und betreibt einen TikTok-Kanal mit feministischen Inhalten. Das wäre dann der Märchenaspekt. 😊

So weit ist das Buch großartig. Leider kippt es irgendwann. Irgendwann ist es vielleicht ein Drama zu viel, die schicksalhaften Parallelen im Verlauf der Zeit fangen an, konstruiert zu wirken. Immer wieder handelt jemand impulsiv und löst Katastrophen aus. Dauernd nimmt jemand edelmütig die Schuld auf sich, um andere zu schonen. Und Enna rennt weg statt das Hirn einzuschalten. Sie ist 17 und nicht 7, sie soll unsere Heldin sein und ihre Schwester finden, rennt aber immerzu weg. Zum Glück findet Luca das attraktiv.

Trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen. Es ist mitreißend und ungewöhnlich und hat so großen Unterhaltungswert, dass ich ihm mach überbordenden Ausreißer verzeihe, jedenfalls fast. 😊

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Grandios erzählt

Die Fletchers von Long Island
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Dieses Buch hätte ich beinahe verpasst, weil das Cover so nett ist. Es tut locker flockig, liegt aber ganz schwer im Magen. Dabei ist der Stil unfassbar großartig. Am Anfang wollte ich mir fast alles markieren. ...

Dieses Buch hätte ich beinahe verpasst, weil das Cover so nett ist. Es tut locker flockig, liegt aber ganz schwer im Magen. Dabei ist der Stil unfassbar großartig. Am Anfang wollte ich mir fast alles markieren. Das ist meisterhaft bissig, bitterböse ironisch, unverschämte Endlossätze, die einem fast ins Gesicht spucken: Da, nimm das! Wahrscheinlich ist das auch ein geniales Hörbuch.

Es geht um die Fletchers. Sie sind Fabrikbesitzer, steinreich, jüdisch, geben den Ton an in Long Island, aber die Entführung von Carl Fletcher in den 80ern hat keiner in der Familie verwunden. 40 Jahre später sieht man, wie sich das Trauma bei den verschiedenen Mitgliedern der Familie ausgewirkt hat. Sie haben im Grunde alles, aber niemand ist glücklich, alle sind verkorkst, versnobt, arrogant. Nach und nach tut sich ein ganzer Sumpf auf, wobei Carls Entführung gar nicht das eigentliche Problem zu sein scheint. Diese Menschen sind mehr durch Reichtum verkorkst, oben drauf noch ordentlich religiös-traditionelle Absurditäten. Und noch nach Jahren steht die Frage im Raum: Wer hat Carl entführt und wo ist das Lösegeld geblieben?

Das alles wird mit erlesenem Sarkasmus präsentiert, in einem Stil, bei dem man jeden dritten wunderbaren Satz einrahmen möchte.

„Er schlürfte Smoothies mit nicht weniger als 13 Superfoods und absolut keinem raffinierten Zucker. Es gab pochierte Jakobsmuscheln. Es gab Wildlachs. Es gab Hähnchen, die nur frisches Gras gefressen hatten; es gab Steaks von Kühen, die die besten Schulen besucht hatten.“

„Die Welt lag ihr zu Füßen. Und sie ließ sie liegen.“

Dieses Buch zu lesen ist das blanke Vergnügen, es seziert diese Gesellschaft, ist herrlich böse und witzig gleichzeitig. Ich habe ständig gelacht und auch gestaunt und am Ende bin ich tief beeindruckt.

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Veröffentlicht am 14.03.2025

Wichtiges Thema in Leichtverpackung

Der Einfluss der Fasane
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Das war knapp, sehr knapp sogar, beinahe hätte das hier ein wichtiges Buch werden können. Bis etwa zur Hälfte habe ich noch daran geglaubt. Es geht um Sensationsjournalismus, den man gerade in heutigen ...

Das war knapp, sehr knapp sogar, beinahe hätte das hier ein wichtiges Buch werden können. Bis etwa zur Hälfte habe ich noch daran geglaubt. Es geht um Sensationsjournalismus, den man gerade in heutigen Zeiten durchaus mal thematisieren könnte.

Hella Karl ist Kulturjournalistin und leitet das Feuilleton einer Zeitung. Als sie vom Selbstmord eines bekannten Theatermachers hört, schlägt ihr Gewissen. Sie hatte unlängst über ihn berichtet. Äußerst kritisch. Kai Hochwerth war berühmt, hochmütig und rücksichtslos. Hat sie ihn in den Tod getrieben? Die Berliner Gesellschaft scheint davon überzeugt zu sein und auch ihre Zeitung findet, sie sollte erst einmal Urlaub nehmen in dieser schwierigen Situation.

Das ist der Teil, der mir gefallen hat. Leider konzentriert sich das Buch nicht darauf. Hellas Familien- und Liebesleben und sogar ihre Kindheit werden auch gründlich beleuchtet und sind dabei eher unspektakulär. Das Buch verläuft sich in mäßig interessanten Schlenkern, statt bei der Sache zu bleiben und dann in der zahmsten aller Lösungen zu enden.

Die Sprache ist natürlich toll, geschliffen, spitzfindig und humorvoll, das Buch ist durchaus ein Vergnügen. Nur hatte ich inhaltlich sehr viel mehr erwartet.

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