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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.02.2025

Brutal ehrlich und absonderlich poetisch

Hool
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Offensichtlich existiert eine bizarre Parallelwelt, in Hannover, quasi vor meiner Haustür, von der man mal gehört hat und die man, mit dem Stempel „Radaubrüder“ versehen, in die Schublade gestopft hat. ...

Offensichtlich existiert eine bizarre Parallelwelt, in Hannover, quasi vor meiner Haustür, von der man mal gehört hat und die man, mit dem Stempel „Radaubrüder“ versehen, in die Schublade gestopft hat. Dabei scheint es nicht gar so trivial zu sein.

Es gibt die Natzen, die Ultras, die Angels und die Hools, straff organisierte Gemeinschaften von harten Jungs, die zusammenhalten, zusammen trinken, abhängen und zusammen in den Kampf ziehen für die Ehre, für Hannover und vor allem für ihr Fußballteam, die Roten, Hannover 96. Und auch wenn ihre Aktionen chaotisch wirken und unberechenbar sind, unterliegen sie einem streng hierarchischen System bestimmt von Traditionen.
Philipp Winkler erzählt die Geschichte von Heiko Kolbe, einem Hool der dritten Generation, der zusehen muss, wie seine Mannschaft langsam auseinanderfällt.

Anfangs ist man höchst erstaunt, wenn man hineingeworfen wird, in diese Welt, die so nah ist und doch so befremdlich. Es ist ungewohnt, anders, brutal, blutig, aber auch faszinierend und zeigt diese „Rowdys“ in einem ganz anderen Licht. Sie sind wütend und gewaltbereit, aber sie haben tiefe Gefühle, ausgeprägtes Ehrgefühl und sind widerspruchslos loyal. In Rückblenden erfährt man Heikos Lebensgeschichte, er hat schon einiges mitmachen müssen, aber er gibt nicht auf und hält fest an dem, was er hat, seinen Jungs und seiner Mannschaft.

„Neben mir johlt die Bierkastentruppe noch immer ihre dämlichen Jubelgesänge. Sonst ist niemand zu sehen. Niemand, dem ich mit Anlauf ins Gesicht springen kann. Niemand, dem ich meine pochenden Fäuste in die Fresse jagen kann. Niemand, an dessen Zähnen ich mir die Finger aufschneiden kann, nur um weiterzuschlagen, bis sie sich von den Wurzeln und aus dem Zahnfleisch lösen. Und niemand, auf den ich weiter einschlagen könnte, bis er an den eigenen Zähnen erstickt. Stattdessen klopft mir der Regen auf die Schultern und die Schädeldecke und hämmert mir die Wut in jede einzelne Faser meines Körpers.“

Dieses Buch ist auf ganz eigene Art anders als alles was ich je gelesen habe. Es erzählt schonungslos und unsentimental eine Geschichte, die fesselt und die Augen öffnet über Menschen am Rande der Gesellschaft, die kein Außenstehender versteht, in einer Sprache, die authentisch ist, eine absonderliche Poesie besitzt und umso tiefer trifft.

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Veröffentlicht am 22.02.2025

Hält nicht, was die Werbung versprach

Alle sind so ernst geworden
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Das Beste an diesem Buch war die originelle Werbekampagne. Das Buch selbst ist ein Dialog. Zwei Autoren mit Esprit und Humor unterhalten sich, verströmen Esprit und Humor und beweisen, dass auch geniale ...

Das Beste an diesem Buch war die originelle Werbekampagne. Das Buch selbst ist ein Dialog. Zwei Autoren mit Esprit und Humor unterhalten sich, verströmen Esprit und Humor und beweisen, dass auch geniale Autoren nicht einfach so Geniales aus dem Ärmel schütteln.

Es ist ganz nett, wenn sich zwei kluge, originelle Herren über Banalitäten unterhalten und auch aus einfachsten Dingen Philosophisches ableiten, nur möchte ich dann am Ende entweder eine Pointe oder eine Moral von der Geschicht. Diese zwei Herren plappern und erwarten, dass das reicht, die Menschheit zu unterhalten, dabei weiß die Menschheit, sie hätten uns mehr zu sagen, ach täten sie es doch.

Dabei glänzt Herr Suter noch gelegentlich mit Ironie, während Herrn von Stuckrad-Barres Versuche, gleichzeitig witzig und gescheit zu sein, in nahezu dramatischer Weise scheitern. Am Ende wäre mir ein Monolog fast lieber gewesen.

Also: ein schlechtes Buch und in Verbindung mit der aufgeblasenen Werbekampagne eine Frechheit.

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Veröffentlicht am 22.02.2025

Eine Art Kurzgeschichtensammlung zum Thema Schuld und Sühne

Dunkle Momente
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Was bewegt Strafverteidiger? Warum ist es wichtig, sich für Menschen einzusetzen, die eines Verbrechens angeklagt werden? Und wann ist ein Verbrechen überhaupt unverzeihlich? Hat nicht auch jeder Angeklagte ...

Was bewegt Strafverteidiger? Warum ist es wichtig, sich für Menschen einzusetzen, die eines Verbrechens angeklagt werden? Und wann ist ein Verbrechen überhaupt unverzeihlich? Hat nicht auch jeder Angeklagte eine ganz eigene Geschichte, die sein Handeln erklärt?

Das versucht uns hier Eva Herbergen zu vermitteln. Sie ist Strafverteidigerin und erzählt aus ihrem Leben und von ihrer Arbeit. Sie breitet ganz unterschiedliche Fälle aus, die sie an ihre Grenzen gebracht haben. Es wirkt ein bisschen wie eine Kurzgeschichtensammlung zum Thema "Schuld und Sühne".

Als Anwalt jongliert man ständig mit der Wahrheit, den Interessen des Mandanten und dem eigenen Empfinden von Recht und Moral. Manchmal sind die Grenzen zwischen diesen Punkten auch fließend, manchmal lässt man Gnade vor Recht ergehen und manchmal irrt man sich auch einfach. Eine Staatsanwältin kann die Wahrheit auch formen, spielt oft Schicksal und trägt damit eine irre Verantwortung.

Dieser Roman wirkt wie ein Tatsachenbericht. Die Sprache klingt höchst authentisch nach Juristenjargon, ein bisschen trocken, analytisch, korrekt aber auch anteilnehmend. Es kommt einem alles echt vor, die Fälle, die vorgestellt werden, die Mandanten aber auch Eva selbst, die oft mit der Rolle ringt, die sie einnehmen muss.

Das unterstreicht die Sprecherin des Hörbuchs, Nina Kunzendorf, noch einmal. Sie liest mit einem wunderbar spröden Charme, der perfekt zu Eva Herbergen passt 9 Stunden und 11 Minuten lang.

Es ist ein hoch interessantes Buch, das ethische Grenzen auslotet, berührend, nachdenklich unterhaltsam, spannend, und auch informativ.

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Unbedingt lesen!

Der große Riss
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Vom Panamakanal wusste ich bislang nur, dass es ihn gibt. Hier kann man miterleben, wie er gebaut wurde, es ist allerdings nicht die große Geschichte eines grandiosen Bauwerks, die man vielleicht erwartet. ...

Vom Panamakanal wusste ich bislang nur, dass es ihn gibt. Hier kann man miterleben, wie er gebaut wurde, es ist allerdings nicht die große Geschichte eines grandiosen Bauwerks, die man vielleicht erwartet. Wir bekommen hier zahlreiche kleine Geschichten, die anschaulich von einer Welt im Umbruch erzählen. Da trifft amerikanischer Fortschritt auf eine Pazifikwelt und das hat gravierende Auswirkungen.

Um das Jahr 1900 herum führen Amerikaner ein irrwitziges Projekt weiter, das Franzosen mal begonnen hatten. Sie graben eine Schneise durch Panama, um einen Seeweg zu erschließen, der sonst ein Landweg war. Dazu müssen ganze Städte weichen. In der Stadt Gatún versucht man mit einem Sitzstreik dagegen zu protestieren. Leider interessiert es keinen, aber die Party war schön.

Das Projekt ist in alle Munde und zieht die unterschiedlichsten Menschen an. Ada kam extra aus Barbados, weil es hieß, in Panama lässt sich leicht Geld verdienen. Und Omar zieht es auf die Baustelle, weil er nicht Fischer werden möchte wie sein Vater, allerdings hatte er sich den Job nicht so hart vorgestellt. Es ist ein Knochenjob unter Aufsehern, die bei Sklaventreibern gelernt haben. John und Marian wollten Tropenkrankheiten erforschen bis Marian krank wurde. Der ewige Regen macht Panama zu einer Schlammgrube und ist perfekter Nährboden für Malaria und Lungenkrankheiten. Die Arbeit in „La Boca“, dem „Riss“, ist lebensgefährlich aus vielerlei Gründen und die Überlebenschancen hängen auch davon ab ob man „Gold“ oder „Silber“ ist, schwarz oder weiß, Amerikaner oder Einheimischer.

Dieses Buch lässt einen in eine fremde Welt gucken, aus zahlreichen Perspektiven, mit Licht und Schatten und viel Einfühlungsvermögen. Es liest sich wie ein wunderbarer Schmöker mit reichlich Personal und liefert ganz nebenbei ein eindrucksvolles Stück Historie. Es zeigt wie Größenwahn und Skrupellosigkeit Berge versetzen können und was das für die Berge bedeutet, vielleicht sogar, was es für Grönland bedeuten würde, wenn es zu kaufen wäre.

Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Cinderella im Plattenbau

Achtzehnter Stock
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Zu Anfang hatte ich Schwierigkeiten, das Gehörte mit dem Klappentext in Zusammenhang zu bringen. Es geht sehr dramatisch zu. Eine Frau kämpft verzweifelt für ihr Kind, das krank ist und dessen Krankheit ...

Zu Anfang hatte ich Schwierigkeiten, das Gehörte mit dem Klappentext in Zusammenhang zu bringen. Es geht sehr dramatisch zu. Eine Frau kämpft verzweifelt für ihr Kind, das krank ist und dessen Krankheit die Ärzte nicht wahrzunehmen scheinen. Karlie hat halt Ohrenschmerzen ist die allgemeine Meinung. Außer Eileens Mutter scheint keiner den Ernst der Lage zu erkennen. Eileens Mutter ist die Expertin für alle Lebensfragen in der Platte, in der Wanda und Karlie eine Wohnung im achtzehnten Stock bewohnen. Stets verfügbarer kostenloser Babysitter ist sie auch, aber ein ernsthaft krankes Kind erfordert andere Betreuung.

Wanda hätte gerade die Chance, auf die sie lange gewartet hat. Sie könnte in einer Serie mitspielen, berühmt werden, echtes Geld verdienen, aber in der Welt des Films muss man funktionieren. Für die Probleme einer alleinerziehenden Mutter hat da niemand Verständnis.

Damit wechselt das anfängliche Solzialdrama dann doch das Genre. Die Glamourwelt des Films wird hier mit jedem gängigen Klischee ausgestaltet, vom knallharten Manager und abgehobenen Produzenten, über ständige Champagnerparties bis hin zum umwerfend attraktiven Hauptdarsteller, den alle anhimmeln, der aber nur Augen für Wanda hat, bis… (ACHTUNG SPOILER!!!) …er erfährt, dass sie ein Kind hat, dann ist der Spaß vorbei.

Im Grunde ist diese Geschichte ein Märchen, eine Cinderella-Story mit etwas Sozialkritik verbrämt. Das fällt anfangs nicht so auf, weil es wirklich toll erzählt wird. Der Stil ist sehr schön, plastisch, anspruchsvoll, mit Gefühl, Witz und sprechenden Bildern.

Das Leben „in der Platte“ ist dabei ein bisschen angeschmutzte Märchenkulisse. Da treffen Menschen aller Länder zusammen, teilen Armut, Kinder, Klamotten und Teigtaschen und treffen sich auf dem Hinterhof. Fast fragt man sich, warum Wanda da unbedingt weg möchte.

Im Grunde erzählt dieses Buch eine Liebesgeschichte in anspruchsvoller Verpackung, gehobene Unterhaltung mit einigem Drama und sozialkritischem Ansatz. Hinten raus entwickelt es sich allerdings reichlich märchenhaft. Man kann es wirklich gut lesen, sollte allerdings nicht zu viel Tiefgang erwarten.

Nina Reithmeier liest das Hörbuch sehr schön. Man glaubt ihr die attraktive junge Frau problemlos. Bei Bedarf berlinert sie sogar recht authentisch. Es dauert 6 Stunden und eine Minute.

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