Platzhalter für Profilbild

sveso

Lesejury Star
offline

sveso ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit sveso über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.12.2023

Weiße Privilegien und weiße Fragilität

Weiße Tränen
0

Lenni und sein bester Freund Serkan gehen in dieselbe Klasse und verbringen fast jede freie Minute zusammen. Dann kommt der neue Mitschüler Benjamin an die Schule und bringt direkt den Schuldirektor aus ...

Lenni und sein bester Freund Serkan gehen in dieselbe Klasse und verbringen fast jede freie Minute zusammen. Dann kommt der neue Mitschüler Benjamin an die Schule und bringt direkt den Schuldirektor aus der Fassung, der mit dem Schwarzen Schüler überfordert ist, jedoch direkt auf die Auszeichnung als "Schule ohne Rassismus" hindeutet. Serkan bringt Benjamin zur Theater-AG bei einem sehr beliebten Lehrer mit und es braucht nicht lange, bis Benjamin aufsteht und Rassismus benennt. Er stößt schnell auf Widerstände, wenn er Rassismus offen anspricht und den Lehrer kritisiert.

Kathrin Schrocke schafft mit Lenni die Figur, die sich bisher nie wirklich mit Alltagsrassismus auseinandersetzen musste, kaum Wissen darüber hat und erst lernen muss, welche Aussagen und Verhaltensweisen rassistisch sind und weshalb das so ist. Benjamin ist hier als Scharze Person die aufklärerische Person, die Missstände offen kommuniziert, anprangert und sich ein rassismusbewusstes und im besten Fall antirassistisches Verhalten wünscht. Serkan bildet die Brücke zwischen den beiden, weil er vieles selbst kennt und nachvollziehen kann, allerdings in der weißen Dominanzgesellschaft aufgewachsen ist und sich an alltagsrassistische und diskriminierende Verhaltensweisen schon gewöhnt hat.

Mir gefällt die Idee, weiße Privilegien und ihre Fragilität aufzuzeigen, ins Bewusstsein zu rufen und angemessene (antirassistische) Verhaltensweisen in einem Jugendbuch zu vermitteln und finde es sehr wichtig, dass sich alle Menschen so früh wie möglich konkret mit Alltagsrassismus auseinandersetzen. Durch die verschiedenen Figuren, ihre unterschiedlichen Reaktionen und Entwicklungen werden die einzelnen Bewusstseinsschritte und die Skala von Bereitschaft, Verständnis und aktivem Handeln sehr schlüssig dargestellt. Die Beispiele sind konkret, anschaulich und laden zur Identifikation ein. Gerade Lenni bildet sicherlich den Stand vieler Jugendliche ab.

An einigen Stellen fand ich die Art des Erzählens zu konstruiert und zu gemacht. Auch hätte ich mir gewünscht, dass nben Sexismus auch noch eine stärkere Einbindung von Klassizismus stattgefunden hätte, da es gepasst hätte und Rassismus intersektional ist. Das ist jedoch nur Meckern auf hohem Niveau.

Ein beispielhaftes Jugendbuch, das meiner Meinung nach am besten in Schulen gelesen und besprochen werden sollte.

Veröffentlicht am 07.12.2023

Spannender zweiter Band

Verlogen
0

"Verlogen" ist der zweite Band um die Kommissarin Elma und ihr Team in Island. Marianna, alkoholabhängig und alleinerziehend, verschwindet spurlos. Allerdings hinterlässt sie einen Abschiedsbrief, weshalb ...

"Verlogen" ist der zweite Band um die Kommissarin Elma und ihr Team in Island. Marianna, alkoholabhängig und alleinerziehend, verschwindet spurlos. Allerdings hinterlässt sie einen Abschiedsbrief, weshalb alle von Selbstmord ausgehen. Dann wird ihre Leiche jedoch einige Monate später in einem Lavafeld im Westen Islands entdeckt und es steht fest: Marianna wurde ermordet. Also rollen Elma und ihr Team den Fall noch einmal komplett neu auf und gehen der Frage nach, was genau geschehen ist.

Parallel zu den Ermittlungen wird sehr ausführlich von dem alltäglichen Leben von Marianna und ihrer Tochter, ihrem schwierigen und konfliktreichen Verhältnis zueinander erzählt. In der Gegenwart ist Mariannas Tochter Hekla fünfzehn Jahre alt und wohnt bei Pflegeeltern, wo es ihr augenscheinlich sehr gut geht. Schnell wird auch klar, dass Marianna schon kurz nach der Geburt keinen Draht zu Hekla finden konnte und sich beide auch nie wirklich annähern konnten.
Je mehr Details aus Mariannas Vergangenheit ans Licht kommen, desto komplizierter und verstrickter wirkt der Fall auf Elma und Sævar.

Eva Björg Ægisdóttir schreibt sehr flüssig, wobei die Atmosphäre eher ruhig und weniger spannungsgeladen ist. Allerdings baut sich bereits zu Beginn eine Anspannung im Untergrund auf und es ist schnell klar, dass der Mordfall das Ergebnis einer Eskalation ist. Im Verlauf, je mehr wir Leser*innen erfahren, desto spannender und konfliktreicher wird es. Dabei konnte ich durch Wendungen überrascht werden und habe sowohl die Ermittlungen als auch die Rückblenden sehr genossen.
Ich hoffe, es erscheinen weitere Bände um das Ermittlungsteam.

Veröffentlicht am 07.12.2023

Konnte ich nachempfinden

Kleine Probleme
0

Lars hat noch ein paar Tage im Dezember, die Tage zwischen Weihnachten und Silvester, vor sich und einen klaren Plan: Es muss alles erledigt werden, was liegen geblieben ist, bis die Frau und die Kinder ...

Lars hat noch ein paar Tage im Dezember, die Tage zwischen Weihnachten und Silvester, vor sich und einen klaren Plan: Es muss alles erledigt werden, was liegen geblieben ist, bis die Frau und die Kinder zurück sind. Dazu zählen Dinge wie die Erledigung der Steuererklärung, Möbel aufbauen, putzen und mit dem Rauchen aufhören. Lars ist 49 Jahre alt, angehender Schriftsteller und (zer)denkt sehr viel. Damit das neue Jahr klarer und aufgeräumter beginnen kann, will er die letzte Dezemberwoche also in vollem Umfang nutzen. Doch die Tage verlaufen dann ganz anders, als Lars sich das vorgestellt hat und er hat plötzlich nur noch einen Tag um endlich alles zu erledigen.

Ich konnte Lars' Gedanken, das Gefühl des Aufraffens, das ewige Hinschieben und die permanente Frage, wozu all das eigentlich, sehr gut nachempfinden. Nele Pollatschek erzählt sehr anschaulich, kurzweilig und konnte bei mir selbst die Fragen wecken, was ich eigentlich noch im Dezember erledigen will und muss. Außerdem schwang permanent der Wunsch mit, nicht alles auf später zu verschieben, das Leben zu leben und nicht zu verpassen - alles Sorgen, die ich selbst auch manchmal habe und mich frage, ob und wie viel ich eigentlich verpasse, indem ich Dinge erledige oder eben nicht, sie vor mir herschiebe und trotzdem so viel Zeit damit verbringe, darüber nachzudenken.

Ich mochte Nele Pollatscheks Schreibstil aus Lars Sicht, die tiefen Einblicke in seine Gedanken, die sich teilweise im Abschweifen auch verirrt haben, sehr gern und konnte den Großteil nachempfinden.
Für mich ein überraschendes Highlight im Dezember 2023!

Veröffentlicht am 03.12.2023

Berührender Coming-of-Age-Roman

Damals im Sommer
0

In "Damals im Sommer" nimmt uns der Ich-Erzähler mit in einen Sommerurlaub Ende der 1990er Jahre mit der Familie, als er 15 Jahre alt war. Gemeinsam mit seinem älteren, 17-jährigen Bruder, verbringt er ...

In "Damals im Sommer" nimmt uns der Ich-Erzähler mit in einen Sommerurlaub Ende der 1990er Jahre mit der Familie, als er 15 Jahre alt war. Gemeinsam mit seinem älteren, 17-jährigen Bruder, verbringt er die Sommertage auf der Suche nach ein paar Abenteuern und Beschäftigung. Am Strand lernt der Ich-Erzähler den gleichaltrigen Franzosen Filip kennen. Zu dritt verbringen die Jungen die gemeinsame Urlaubszeit, fahren mit dem Boot, gehen essen und hängen einfach ab. Der Ich-Erzähler verliebt sich in Filip und verbringt am letzten Urlaubstag endlich die Nacht mit ihm. Anschließend kommt die unausweichliche Verabschiedung und der Beginn eines Kontaktes auf Distanz. Bis der Ich-Erzähler eine lebensverändernde Entdeckung macht.

Florian Gottschick hat mich mit seinem Schreibstil, der sehr an ein Tagebuch erinnert hat, in seinen Bann gezogen. Bei den vorgestellten Sommertemperaturen habe ich bei den pubertären und hormongeladenen Gedanken, den Gesprächen mit den Eltern und dem unerbitterlichen Konkurrenzkampf zwischen den beiden Brüdern voller Anspannung mitgefiebert und habe darauf gewartet, dass sich der Ich-Erzähler und Filip endlich näher kommen. Anders als zunächst erwartet, ist "Damals im Sommer" kein leichter, humorvoller Sommerroman für unbeschwerte Tage, sondern enthält viel Wehmut, Tragik und Melancholie.

Ein fantastischer Roman über eine erste Liebe, der mir noch eine ganze Weile im Gedächtnis bleiben wird.

Veröffentlicht am 30.11.2023

In einigen Aspekten nicht überzeugend

Das Chaos eines Augenblicks
0

Evie und Scarlett sind nicht nur beste Freundinnen, sondern Scarlett ist für Evie auch ein sehr starker Halt im Alltag, seit sie die Diagnose MS bekommen hat. Doch nach einem Streit der beiden wird Scarlett ...

Evie und Scarlett sind nicht nur beste Freundinnen, sondern Scarlett ist für Evie auch ein sehr starker Halt im Alltag, seit sie die Diagnose MS bekommen hat. Doch nach einem Streit der beiden wird Scarlett bei einem Unfall tödlich verletzt und wird ganz plötzlich aus Evies Leben gerissen. Sie kann sich gar nicht vorstellen, wie sie nun ohne Scarlett weiterleben soll. Doch dann tritt Nate in ihr Leben - Nate, der Mann, dem Scarlett zur Hilfe eilte und in der Situaion sie dann tödlich verunglückte. Bald schon merkt Evie, dass Nate mehr als nur ein Mitschuldiger am Unfall für sie ist.

Becky Hunter schreibt flüssig und ich mochte den Ansatz der wechselnden Perspektiven. Einerseits erzählt Evie davon, wie sie Scarlett vermisst, wie sie ihren Alltag bestreitet, von ihrer Krankheit und den Treffen mit Nate. Andererseits wird aus Scarletts Perspektive, quasi in der Gegenwart beobachtet, bewertet und kommentiert, was Evie macht. Es ist also, als wäre Scarlett noch als Geist bei Evie, würde jeden ihrer Schritte sehen und sich dazu äußern. Dabei werden Rückblenden eingefügt.

Die Idee, dass eine Freundin stirbt und die andere in den kommenden Wochen noch begleitet, gefiel mir gut. Die Figurenentwicklung, gerade was Evie und ihre Krankheit angeht, und die Darstellung der Krankheit und Evies Umgang sowie den Umgang von Nate und den anderen Figuren fand ich jedoch nicht sonderlich glaubwürdig. Das wurde mir zu oberflächlich behandelt. Einerseits kann Evie ganz viel nicht machen und andererseits "versucht sie es dann einfach", sobald sie jemand bekräftigt oder aufmuntert und zack, kann sie die Dinge fast problemlos vollbringen. Bei allem, was ich über MS weiß, würde ich das bezweifeln.

Netter Roman, hätte in einigen Aspekten besser verarbeitet werden können.