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Veröffentlicht am 18.03.2021

Neues aus Meyerhoffs Leben

Hamster im hinteren Stromgebiet
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Es handelt sich um den neuesten Band des Autors in seiner Reihe „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, „Alle Toten fliegen hoch“, „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ und „Ach diese Lücke, diese ...

Es handelt sich um den neuesten Band des Autors in seiner Reihe „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, „Alle Toten fliegen hoch“, „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ und „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Hier nun erzählt uns der Autor, langjähriger Schauspieler am Wiener Burgtheater, von neun Tagen kurz nach seinem 50. Geburtstag, als er einen Schlaganfall erlitt und sich im Krankenhaus befand. Außer zu seiner Behandlung und zu seinem Befinden streut er sehr ausführliche Passagen zu Erlebnissen vor allem mit seinen geliebten drei Kindern und seiner Lebensgefährtin ein, die oft den Charakter von Anekdoten haben.
Ein kurzweiliges und lesenswertes Buch, wenngleich ich sagen muss, dass ich weitere Bücher in dieser Reihe, so sie denn geplant sind, nicht mehr lesen werde, da ich mich an dem immer gleichen Stil einfach „überlesen“ habe.

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Veröffentlicht am 14.03.2021

Die Geschichte der sog. Brown Babies

Stay away from Gretchen
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Dieser Roman klärt über einen Aspekt der deutschen Nachkriegsgeschichte auf, der mir wie sicherlich so manch anderem bislang unbekannt war – das Schicksal der sog. Brown Babies, d.h. der aus den Beziehungen ...


Dieser Roman klärt über einen Aspekt der deutschen Nachkriegsgeschichte auf, der mir wie sicherlich so manch anderem bislang unbekannt war – das Schicksal der sog. Brown Babies, d.h. der aus den Beziehungen zwischen farbigen amerikanischen Besatzungssoldaten und deutschen Frauen hervorgegangenen Kinder.
Seinen Ursprung nimmt die Geschichte in Ostpreußen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Familie Schönaich flüchtet vor den nahenden Russen Richtung Westen. Nach grauenhaften Erlebnissen auf der Flucht lässt sie sich schließlich in Heidelberg in der amerikanischen Besatzungszone bei Verwandten nieder. Tochter Greta begegnet dem schwarzen GI Bobby und wird von ihm schwanger. Ihr Plan zu heiraten, stellt sich aufgrund der rassischen Beschränkungen, denen Farbige im Allgemeinen und als Armeeangehörige im Besonderen unterliegen, als unrealisierbar heraus. Greta wird als als „Negerliebchen“ und Mutter eines Mischlingskindes diskriminiert und muss ihr Kind in ein Kinderheim geben, von wo es schließlich gegen ihren Willen nach Amerika zur Adoption gegeben wird. Den Vater sieht sie aufgrund von Intrigen nicht mehr. Zeitlebens belastet sie dieses Trauma. Ihr Sohn Tom, der sich um seine Mutter kümmert, als sie zusehends der Demenz verfällt, deckt ihre ihm bis dahin unbekannte Geschichte in ihrer ganzen Tragik nach und nach auf.
Sehr eindrucksvoll und historisch interessant schildert die Autorin wesentliche Stationen ostpreußischer Flüchtlinge und zieht berechtigte Parallelen zu dem Schicksal syrischer Flüchtlinge im Jahr 2015 als der Zeit, in der Tom sich mit dem früheren Leben seiner Mutter zu beschäftigen beginnt. Die Diskriminierungen, denen schwarze Besatzungssoldaten und ihre deutschen Freundinnen ausgesetzt waren, berühren zutiefst. Auch mit dem Thema Demenz setzt sich die Autorin sehr einfühlsam und behutsam auseinander. Unpassend erscheint mir allerdings die Darstellung des Protagonisten Tom, der als bekannter Nachrichtensprecher und Frauenheld oberflächlich und mir unsympathisch geschildert wird.
Ein lesenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 14.03.2021

Der Spagat einer Frau zwischen Berufstätigkeit und Familie

Johanna spielt das Leben
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Das Thema dieses Romans ist nach wie vor aktuell, obwohl seine Geschichte vor gut 60 Jahren angesiedelt ist. Der Protagonistin Johanna geht es wie heute immer noch vielen jungen Frauen – sie ist auf gutem ...

Das Thema dieses Romans ist nach wie vor aktuell, obwohl seine Geschichte vor gut 60 Jahren angesiedelt ist. Der Protagonistin Johanna geht es wie heute immer noch vielen jungen Frauen – sie ist auf gutem Wege, als Bühnenschauspielerin am Wiener Burgtheater Karriere zu machen und ist ehrgeizig in ihrem Beruf. Da wird sie früh schwanger und heiratet den Vater, der als Justizbeamter recht bürgerliche Vorstellungen von Berufstätigkeit einer Ehefrau und Mutter hat. Wegen einer Fehlgeburt kann Johanna dann doch noch einige Jahre arbeiten, bis sie nach der Geburt ihrer Tochter sich gegen den Widerstand des Ehemannes zu emanzipieren und Kindererziehung und Tätigkeit am Theater unter einen Hut zu bringen versucht.
Die Geschichte gewinnt an Lebendigkeit durch die gelungene Darstellung der Protagonistin. Oftmals hat man den Eindruck, sie sieht auch das wirkliche Leben als Schauspiel, ist sehr keck und verwendet beim Reden auch schon mal abgewandelte Zitate aus berühmten Bühnenwerken. Was sie an ihrem Ehemann festhalten lässt, fragt man sich schon. In der Ehe fliegt durchaus einmal das Geschirr. Vermutlich harmonisieren beide auf sexueller Ebene wie von Anbeginn ihrer Beziehung. Gerne hätte ich zur Person Johannas noch erfahren, wie es ihr als Kind aus sehr einfachen Verhältnissen gelungen ist, den Fuß ins Burgtheater zu setzen. Sehr gut gefallen hat mir die charmante Sprache („Wiener Schmäh“) mit vielen typischen österreichischen Vokabeln und Schimpfworten.
Ein sehr lesenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 13.03.2021

Liebesgeschichte ohne jeden Kitsch

Roman d’amour
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„Liebesgeschichte ohne jeden Kitsch“

Diesen Roman möchte ich allen ans Herz legen, die gern ganz besondere Liebesgeschichten lesen.
Eigentlich handelt es sich nicht nur um einen Roman, sondern um einen ...

„Liebesgeschichte ohne jeden Kitsch“

Diesen Roman möchte ich allen ans Herz legen, die gern ganz besondere Liebesgeschichten lesen.
Eigentlich handelt es sich nicht nur um einen Roman, sondern um einen Roman im Roman. Sylvie Schenk gibt ein Interview einer Journalistin mit einer für ihr neuestes Werk mit einem Literaturpreis bedachten Schriftstellerin über eben diesen Liebesroman wieder. Dieser handelt von der leidenschaftlichen Affäre einer geschiedenen Schuldirektorin mit einem jüngeren, verheirateten Kollegen. Viele Passagen des Buches werden (in Kursivschrift) eingeführt und mit beharrlichen Fragen und Kommentaren der neugierigen und insistenten Interviewerin bedacht, die – richtigerweise – erkannt hat, dass es sich vorrangig um eine Autobiografie handelt. Die Autorin beharrt jedoch auf einer fiktionalen Geschichte. Während des Interviews erinnert sie sich stückchenweise an ihre tatsächlich erlebte Affäre mit einem verheirateten Literaturprofessor vor einigen Jahrzehnten.
Dieses Aufeinandertreffen der beiden Frauen während des Interviews ist sehr gelungen und verleiht dem Roman eine gewisse Lebhaftigkeit. Die Schriftstellerin wird zusehends in die Defensive gedrängt und kann bei ihren Auskünften immer weniger zwischen Werk und eigenem Leben unterscheiden. Darauf springt die Interviewerin natürlich sofort an. Ihre Rolle birgt übrigens noch ein überraschendes Geheimnis, das erst ziemlich am Ende gelüftet wird. Interessant ist auch, dass die Ehebrecherin sowohl im angeblich fiktiven Roman als auch in Gestalt der Schriftstellerin eine Sympathieträgerin ist, was darauf zurückzuführen ist, dass beide letztlich vom verheirateten Geliebten verlassen werden und sich nur durch das Niederschreiben ihrer Geschichte retten können.
Ein wirklich lesenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 09.03.2021

Interessante Geschichte zur Rolle der Frau in den 1960er Jahren

Das Fräulein mit dem karierten Koffer
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Der Roman zeichnet ein gutes und informatives Bild zur Rolle der Frau in den 1960er Jahren, insbesondere wenn sie wie die Protagonistin Sabine überhaupt nicht dem seinerzeitigen Frauenbild der Männer entspricht, ...

Der Roman zeichnet ein gutes und informatives Bild zur Rolle der Frau in den 1960er Jahren, insbesondere wenn sie wie die Protagonistin Sabine überhaupt nicht dem seinerzeitigen Frauenbild der Männer entspricht, die die Frau am liebsten mit Kindern am heimischen Herd wussten. Sabine wuchs ungeliebt auf, die noch nicht lange zurückliegende Zeit des Nationalsozialismus wurde bei ihr zu Hause wie generell totgeschwiegen. Mit 19 wird sie von ihrer großen Liebe, einem reichen Industriellensohn, schwanger, aber nicht geehelicht. Aus dem Elternhaus rausgeworfen, muss sie sich und dann auch ihr Kind, für dessen Behalten sie sich entscheidet, allein durchbringen. Dabei trifft sie auf vielfältige Schwierigkeiten der damaligen Zeit, in der ledige Mütter stigmatisiert wurden, vor allem Schwierigkeiten bei Arbeits- und Wohnungssuche hatten, der Kontrolle eines Vormunds unterstanden und sogar die Wegnahme ihres Kindes und dessen Unterbringung in ein Kinderheim hinnehmen mussten. Doch Sabine vermag sich durchzusetzen und emanzipiert sich in Beruf und auch ihren Beziehungen zu Männern, was damals sicherlich sehr modern angemutet hat.
Die Geschichte liest sich schnell und flüssig und ist für mich persönlich umso interessanter, weil ich in den 1960er Jahren aufgewachsen bin und einige der geschilderten Aspekte noch in Erinnerung habe. Nach der Lektüre bin ich froh, dass sich in den vergangenen 50 Jahren so viel zu Gunsten der Frauen und auch im Nichtehelichenrecht geändert hat, was gerade auf Vorreiterinnen wie Sabine zurückzuführen ist. Als positiv empfinde ich auch, dass sich das Buch weiterer Randgruppen wie der Homosexuellen annimmt, die damals sogar noch der Strafbarkeit unterlagen. Schließlich wird auch zu Recht der Wandel thematisiert, als die junge Generation die Sprachlosigkeit der Elterngeneration zur speziellen deutschen Vergangenheit nicht mehr hinzunehmen bereit ist.

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