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Veröffentlicht am 16.07.2024

Eine liebevoll erzählte Geschichte über einen Demenzkranken

Der Bademeister ohne Himmel
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Die Autorin hat ihrem Roman ihre eigene langjährige Erfahrung aus der Pflege demenzkranker Menschen zugrunde legen können, so dass eine realistische Geschichte entstanden ist, die zugleich tragisch als ...

Die Autorin hat ihrem Roman ihre eigene langjährige Erfahrung aus der Pflege demenzkranker Menschen zugrunde legen können, so dass eine realistische Geschichte entstanden ist, die zugleich tragisch als auch humorvoll ist. Sie lässt sie die fiktive polnische Pflegerin Ewa und die 15jährige Linda aus der Nachbarschaft des demenzkranken 87jährigen Hubert vorbildhaft mit diesem umgehen. Sehr liebevoll erzählt sie von dem zunehmenden geistigen und dann auch körperlichen Verfall Huberts. Für ihn ist es ein Glück, dass seine Tochter, die mit der Situation überfordert erscheint, Ewa engagiert und dann auch Linda gegen ein Taschengeld stundenweise einspringen lässt. Wir können über einige Monate hinweg den Alltag des alten Mannes verfolgen, der einen mit seinen Reaktionen oftmals zum laut Auflachen animieren könnte, wenn nicht seine Lage so tragisch wäre. Ewa und Linda wachsen einem sofort ans Herz – Ewa mit ihrem radebrechenden Deutsch und Linda, die denkt und redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, und so schöne Ideen im Umgang mit Hubert realisiert, dabei intuitiv alles richtig macht. Leider fragt ihre Umgebung kaum danach, wie es ihr eigentlich geht. Denn zu Anfang trägt sie sich mit realen Suizidgedanken, die erst durch die zur Freundschaft werdende Beziehung mit Hubert und einen unerwarteten Zwischenfall schwinden.
Das Buch ist erfrischend zu lesen und keiner muss befürchten, durch das Thema Demenz hinabgezogen zu werden. Meine Bestbewertung hat es.

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Veröffentlicht am 11.07.2024

Eine rückwärts aufgerollte Liebesgeschichte

Bevor wir uns vergessen
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Dieser Roman ist eine ganz besondere Liebesgeschichte. Niedergeschrieben auf nur 174 Seiten umspannt er dennoch mehr als 60 Jahre gemeinsames Leben der jetzt in ihren 80ern befindlichen Eheleute Jules ...

Dieser Roman ist eine ganz besondere Liebesgeschichte. Niedergeschrieben auf nur 174 Seiten umspannt er dennoch mehr als 60 Jahre gemeinsames Leben der jetzt in ihren 80ern befindlichen Eheleute Jules und Alice. Körperlich zerbrechlich und mit nachlassendem Gedächtnis erinnern sie sich nicht mehr, welches Paar sie einmal waren. Formell geschickt gelöst ist es, ihre Geschichte rückwärts zu entrollen, beginnend im Jahr 2022 und dann jeweils ein anderes Jahr aus der Vergangenheit bis hin zu 1955 in den Vordergrund zu setzen. Da fragt man sich als LeserIn, genauso wie es Jules tut, wie sie es geschafft haben, noch immer zusammen zu sein. Denn Auseinandersetzungen, Sprachlosigkeit, Ehebruch zogen sich durch die gesamte Zeit. Eine weitere auffällige positive Formalie ist, dass jeder herausgegriffene Zeitabschnitt einen Bezug zu einem besonderen gesellschaftlichen oder politischen Ereignis hat – der Algerienkrieg, die Wahl von François Mittérand, die Attentate auf das World Trade Center, der Fall der Berliner Mauer, die 1968er Studentenbewegung. Besondere Spannung erzeugt ein von Jules an Alice geschriebener Brief, auf den immer wieder eingegangen wird, dessen Inhalt aber erst am Ende bekannt gemacht wird. Das Tüpfelchen auf dem i sind schließlich die vielen Ausblicke auf Pariser Gegenden, die das französische Flair schaffen.
Ein angenehm zu lesender Roman.

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Veröffentlicht am 02.07.2024

Eine berührende Familiengeschichte mit Bezug zur Geschichte Rumäniens

Das Pfauengemälde
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Treffend charakterisiert die Schriftstellerin Dana Grigorcea auf dem Buchrücken das Erstlingswerk ihrer Kollegin Maria Bidian als „Ein berührendes, außergewöhnliches Debüt!“. Berührend ist die Geschichte ...

Treffend charakterisiert die Schriftstellerin Dana Grigorcea auf dem Buchrücken das Erstlingswerk ihrer Kollegin Maria Bidian als „Ein berührendes, außergewöhnliches Debüt!“. Berührend ist die Geschichte deshalb, weil die Protagonistin Ana, die Tochter einer Deutschen und eines Rumänen, auf einer Reise in die Heimat ihres zwei Jahre zuvor verstorbenen Vaters ihn und seine Vergangenheit erstmals richtig kennenlernt und dabei ihre andauernde tiefe Trauer um ihn verarbeitet. Das Leben des Vaters ist sehr tragisch. Während des Kommunismus und der Diktatur Ceauşescus war er als Widerstandskämpfer tätig und den Folterungen des Geheimdienstes ausgesetzt. Ihm gelang die Flucht nach Deutschland, wo er, der sehr gebildet war und aus einer guten bürgerlichen Familie kam, nie anerkannt wurde. Nach der Revolution kehrte er regelmäßig mit Frau und Tochter nach Rumänien zu seiner stolzen Familie zurück, die auf Genugtuung gegenüber dem Staat für Enteignungen aus war. Ana begibt sich zu Besuch dorthin, um ein Gemälde zurückzuerlangen, das für ihren Vater wichtig war und in dessen Zusammenhang sie sich erhebliche Schuldgefühle am Tod ihres Vaters macht, und um ihren Angehörigen bei der Übernahme des endlich ihnen zugesprochenen Hauses formell zu unterstützen. Die Geschichte um das Gemälde nimmt schließlich eine andere Wendung, als erwartet …
Wir erfahren sehr viel über die Geschichte Rumäniens ab seiner kommunistischen Regierung mit seinem über Leichen gehenden berüchtigten Geheimdienst Securitate über die Revolution Ende der 1980er Jahre bis in die Gegenwart, in der nach wie vor Bürokratie und Korruption herrschen. Das waren alles Aspekte, die mir in dieser Deutlichkeit noch nie vor Augen geführt wurden und mich, der ich in einer Demokratie aufgewachsen bin, diese umso mehr schätzen lassen. Alles ist eingebettet in eine schöne Familiengeschichte, die allerdings etwas verwirrend ist, weil es geraume Zeit dauert, bis man die vielen Romanfiguren mit ihren rumänischen Vornamen einordnen kann. Doch hier ergeht es einem ohnehin nicht anders als Ana, die selbst kaum den Überblick über den rumänischen Zweig ihrer Familie hat. Der Schreibstil ist melancholisch gehalten und wird so den behandelten Themen gerecht.
Insgesamt sehr zu empfehlen Lesern mit Interesse an Familiengeschichten mit historischem Bezug zu Ländern in Europa.

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Veröffentlicht am 26.06.2024

Familiengeschichte mit magischen Bezügen

Das erste Licht des Sommers
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Dieses Buch ist ein Folgeband des Erstlingsromans „An den Ufern von Stellata“ der Autorin, der es in Italien auf die Bestsellerliste geschafft hat. Ich selbst habe diesen Band zuvor nicht gelesen, habe ...

Dieses Buch ist ein Folgeband des Erstlingsromans „An den Ufern von Stellata“ der Autorin, der es in Italien auf die Bestsellerliste geschafft hat. Ich selbst habe diesen Band zuvor nicht gelesen, habe mich aber dennoch problemlos in die Handlung des vorliegenden Buches hineinfinden können und meine, dass beide unabhängig voneinander gelesen werden können.
Vorliegend wird vorrangig die Lebensgeschichte der 1947 geborenen Norma aus Stellata/Italien erzählt. Das geschieht ab ihrer Geburt, meistens in Abschnitten, die weiter auseinanderliegende Jahre betreffen. Diese sind jeweils ausdrücklich jahreszahlenmäßig benannt. Von klein auf hat Norma ein problematisches Verhältnis zu ihrer Mutter, der sie von jeher gleichgültig war. Dieses Mutter-Tochter-Verhältnis nimmt viel Raum in dem Roman ein ebenso wie die Beziehung von Norma zu ihrem Freund aus Kindestagen und späteren Ehemann – einem Freigeist -, die durch sein außereheliches Verhältnis zu einer Verwandten von Norma und eine daraus hervorgegangene Tochter gestört ist. Die chronologische Abfolge wird regelmäßig unterbrochen durch die Gegebenheiten in der Gegenwart im Jahr 2015, in der sich Norma trotz allem um ihre todkranke Mutter kümmert. Diese Familiengeschichte liest sich wunderschön und ist allen LeserInnen zu empfehlen, die ebensolche Literatur mögen. Das Tüpfelchen auf dem i bedeuten für mich die Bezugnahmen auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung Italiens. Meine positive Einschätzung des Buches schmälert sich dadurch, dass die Geschichte viele magische Bezüge hat, weil es in Normas Familie Vorfahren aus dem fahrenden Volk mit Wahrsager- und Seherqualitäten gegeben hat. Ich bin zu realistisch eingestellt, als dass ich an diese Dinge glauben könnte.

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Veröffentlicht am 18.06.2024

Biografischer Roman über die Krimiautorin Agatha Christie

Agatha Christie
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Die Kriminalromane rund um die Ermittler Hercule Poirot und Miss Marple aus der Feder Agatha Christies sind wohl jedem ein Begriff, wenn nicht als Buch, dann in der Verfilmung. Umso schöner ist es, jetzt ...

Die Kriminalromane rund um die Ermittler Hercule Poirot und Miss Marple aus der Feder Agatha Christies sind wohl jedem ein Begriff, wenn nicht als Buch, dann in der Verfilmung. Umso schöner ist es, jetzt den Lebenslauf der berühmten Krimiautorin in Romanform lesen zu können. Der Roman hält sich bei den meisten Ereignissen an wahre Begebenheiten und enthält nur einige Ausschmückungen bzw. Auslassungen, wie die Autorin Susanne Lieder in ihrem Nachwort noch einmal explizit feststellt. Diese hat jedenfalls wunderbar recherchiert, was umso beeindruckender ist, als dass sie nur sehr wenig über Agatha Christie wusste, als ihr das Buchprojekt angetragen wurde. Herausgekommen ist eine Geschichte, die sich einfach liest und eine Frau portraitiert, die zu ihrer Zeit (geboren 1890) als berufstätige Schriftstellerin ungewöhnlicher Weise selbständig und unabhängig war. Damit reiht sich das Buch gut ein in die weiteren im atb-Verlag erschienenen Bücher um über mutige und außergewöhnliche Frauen (von Madame Picasso über Marilyn zu Astrid Lindgren). Besonders schön ist es zu erfahren, auf welche Weise Agatha Christie ihre Krimiprotagonisten und einige derer Fälle erfunden hat.
Zu empfehlen für Leser von Krimis mit Interesse für deren Autoren.

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