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Veröffentlicht am 18.09.2024

Die Heide - wirklich ein Idyll?

Von Norden rollt ein Donner
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Dieser Roman gehört – durchaus verdient - zur Auswahl von insgesamt sechs Romanen, die auf der Short-List zur Nominierung für den deutschen Buchpreis 2024 stehen. Für sehr lesenswert halte ich die Schilderung ...

Dieser Roman gehört – durchaus verdient - zur Auswahl von insgesamt sechs Romanen, die auf der Short-List zur Nominierung für den deutschen Buchpreis 2024 stehen. Für sehr lesenswert halte ich die Schilderung des Arbeitslebens des Protagonisten Jannes und seiner Familie als Schäfer seit Generationen in der Lüneburger Heide. Sehr bildhaft wird deren harte Arbeit in der Natur beschrieben, deren wirtschaftlicher Ertrag von so vielen Faktoren abhängt. Sie steht diametral zur so oft anzutreffenden Verherrlichung der Heidelandschaft, die ihren Ursprung in den Liedern und Gedichten des Heidedichters Hermann Löns hat. Interessant war, wie eine aktuelle Entwicklung in die Geschichte eingearbeitet wurde, nämlich die Rückkehr des Wolfes in die Heide. Anhand von Großvater und Schwiegersohn werden die gegensätzlichen Argumente dargestellt, die es auch allgemein zur Wolfspolitik gibt. Die Romanfiguren werden passend zu ihrer Arbeit gezeichnet, wortkarg und schlicht. Die Beschreibung eines von ihnen hat mich den Roman allerdings letztlich nicht mit einer Bestnote bewerten lassen. Es handelt sich gerade um Jannes. Wenig altersentsprechend wird er mit seinen 19 Jahren als zu ernst und grüblerisch dargestellt. Er macht sich Gedanken um eine vermutete Alzheimer-Erkrankung seines Stiefvaters und dann auch um seine eigene geistige Gesundheit, die nicht realitätsgerecht wirken. Als ihm dann immer häufiger ein Geist einer früheren Bewohnerin der Gegend erscheint, war für mich der Punkt erreicht, an dem mir alles zu sehr abdriftete. Das konnte die am Ende erfolgende Erklärung des Ganzen nicht ausgleichen.

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Veröffentlicht am 06.09.2024

Gedanken über das Leben

Akikos stilles Glück
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Eigentlich kaum zu glauben, dass dieser Roman aus der Feder eines deutschen Autors stammt und nicht aus der eines japanischen. Denn er ist mit so viel Kenntnis von Japan, seiner Gesellschaft und seiner ...

Eigentlich kaum zu glauben, dass dieser Roman aus der Feder eines deutschen Autors stammt und nicht aus der eines japanischen. Denn er ist mit so viel Kenntnis von Japan, seiner Gesellschaft und seiner Kultur geschrieben. Geschuldet ist dieses profunde Wissen der Tätigkeit des Autors als jahrelanger Asienkorrespondent für den „Stern“. In dem Roman erzählt er die Geschichte der jungen Japanerin Akiko. Sie ist Ende 20, unverheiratet, äußerst beflissen in ihrer Arbeit als Buchhalterin, in Tokio lebend. Ein zufällig wiedergetroffener früherer Mitschüler, der ein Außenseiterleben als völlig isoliert und nur nachts in die Öffentlichkeit tretender Hikikomori führt, lässt sie den Fragen nachgehen, ob sie sich eigentlich kennt und sich mag. Das geschieht zu einem Zeitpunkt, als sie ihr bisheriges Leben ohnehin in Frage stellt, nachdem sie erfährt, dass ihre allein erziehende Mutter ihr in der Kindheit jahrelang einen Vater gemietet hatte.
Der Leser bekommt ein gutes Bild von den aus europäischer Sicht so andersartigen Lebens- und Gesellschaftsverhältnissen in Japan. Sehr beeindruckend ist es zu lesen, wie arbeitsam, fleißig und pflichtbewusst die japanischen Angestellten sind. Ebenso speziell sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, dargestellt anhand Akiko und ihrer zwischenzeitlich verstorbenen Mutter einerseits und Akiko und Kento andererseits. Erstere schienen nebeneinander her zu leben, ohne dass wesentliche Dinge zwischen ihnen angesprochen wurden. Letztere nähern sich vorsichtig einander an, dem anderen neue Einsichten gebend.
Besondere Tüpfelchen auf dem i sind die vielen schönen Haikus, die Kento an Akiko übermittelt, sowie die von ihr selbst früher einmal verfassten oder in Planung befindlichen fantasievollen Erzählungen, die sie daran denken lassen, ein neues Leben als Schriftstellerin aufzunehmen.
Ich habe gerne einen Einblick in die japanische Kultur erhalten und kann das Buch empfehlen.

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Veröffentlicht am 20.08.2024

Gelungene Familiengeschichte aus Anfang der 1970er Jahre

Wenn die Welt nach Sommer riecht
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In diesem Roman begegnet uns ein drittes Mal der Protagonist Siegfried mit seiner Familie aus den früheren Romanen des Autors „Die Welt war eine Murmel“ und „Die Welt war voller Fragen“. Er schließt nahtlos ...

In diesem Roman begegnet uns ein drittes Mal der Protagonist Siegfried mit seiner Familie aus den früheren Romanen des Autors „Die Welt war eine Murmel“ und „Die Welt war voller Fragen“. Er schließt nahtlos an diese an. Doch lassen sich alle drei Bücher auch völlig unabhängig voneinander lesen, ohne dass man zuvor einen früheren Band gelesen haben muss.
Der Erzähler Sigi findet in der Gegenwart in seinem früheren Elternhaus sein erstes Fotoalbum. Dieses ist für ihn Anlass, aus seiner Kindheit aus dem Zeitraum Sommer bis Winter 1970/1971 zu erzählen, als er 13 Jahre alt war. Dabei geht es vor allem um seine Schulzeit im vierten Jahr auf dem Gymnasium und sein Alltagsleben zu Hause. Gerade in mir, die ich auch ein Kind der 1960er Jahre bin, wurden viele schöne Erinnerungen geweckt. Denn auch ich habe mich über den ersten Farb-Fernseher gefreut, las die Karl May-Romane und habe Musik auf Kassetten aufgenommen. Von den damaligen gesellschaftlichen Einstellungen der Menschen wird ein realistisches Bild gezeichnet, wenn es etwa um die Frage geht, ob die Mutter Nur-Hausfrau zu sein hat oder auch einer Berufstätigkeit nachgehen darf. Viel Raum wird auch der Frage gewidmet, wie mit den „alten Nazis“ umzugehen ist, die wichtige Positionen in Sigis Schule innehaben. In diesem Zusammenhang wird auf die Schülerproteste eingegangen, die den Schülern zu mehr Rechten verhelfen sollen. Sigi lässt beim Erzählen so manche Anekdote einfließen, wodurch alles recht humorvoll erscheint und er als rundum sympathischer Erzähler rüberkommt, gerade auch, weil er oft redet, ohne zuvor darüber nachzudenken. Indem er in seinen Gedanken in der Gegenwart auch immer kurz die heutigen Zustände schildert, wird ein schöner Vergleich zwischen damals und heute angestellt. Als erfrischend und authentisch empfinde ich, dass die eine oder andere typisch österreichische Vokabel in den Text einfließt.
Ein Buch, dem ich eine volle Leseempfehlung gebe, auf noch eine Fortsetzung hoffend.

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Veröffentlicht am 17.08.2024

Klasse Roman mit einer neurotischen, sympathischen Hauptfigur

Sobald wir angekommen sind
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Es handelt sich um einen sarkastisch geschriebenen Roman mit einem tragikomischen Protagonisten. Dieser ist dermaßen von Ängsten getrieben, die er auf seine jüdische Herkunft zurückführt, dass er angesichts ...

Es handelt sich um einen sarkastisch geschriebenen Roman mit einem tragikomischen Protagonisten. Dieser ist dermaßen von Ängsten getrieben, die er auf seine jüdische Herkunft zurückführt, dass er angesichts eines vermeintlich bevorstehenden Atomkriegs in Europa die aberwitzige Flucht aus der Schweiz ins sichere Brasilien antritt, zusammen mit seiner Ex-Frau und den gemeinsamen Kindern und ganz in der Tradition des jüdischen Volkes, das sich vor drohenden Gefahren stets durch Flucht gerettet hat. Der Aufenthalt in Recife gestaltet sich zugleich als Exil, Arbeitsaufenthalt und Wandeln auf den Spuren seines Autorenkollegen Stefan Zweig. Aus der Sicht der Hauptfigur Ben erzählt, erfahren wir als Leser immer mehr über seine Neurosen, Paranoia, fehlende Entscheidungsfreude, seinem Bedürfnis nach Anerkennung, seine selbst auferlegte Opferrolle, sein ewiges Selbstmitleid. Alles mutet oft komisch an. Lehrreich sind die Passagen über das Judentum und Stefan Zweig.
Das Lesen dieses Romans hat mir viel Freude bereitet.

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Veröffentlicht am 15.08.2024

Mathematik verbindet

Pi mal Daumen
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Die im Buchtitel aufgenommene Redewendung „Pi mal Daumen“, die eine grobe Einschätzung ausdrückt, kennt wohl jeder, ohne dass er große mathematische Kenntnisse haben muss. In der Geschichte selbst wimmelt ...

Die im Buchtitel aufgenommene Redewendung „Pi mal Daumen“, die eine grobe Einschätzung ausdrückt, kennt wohl jeder, ohne dass er große mathematische Kenntnisse haben muss. In der Geschichte selbst wimmelt es dann nur so von weiteren Begriffen und Formeln aus der Mathematik, von der mancher Leser sicherlich vage schon gehört hat. Denn die beiden ungleichen Protagonisten sind Mathestudenten im ersten Semester – Moni eine Mittfünfzigerin aus schlichtem sozialem Umfeld, Oscar ein 16jähriger Überflieger mit autistischen Zügen. Aus einer ersten Begegnung im Hörsaal entwickelt sich eine Art Freundschaft. Moni nimmt Oscar unter ihre mütterlichen Fittiche, Oscar vermittelt Moni das notwendige prüfungsrelevante Wissen. Besonders Oscar macht es sich zur Aufgabe zu ermitteln, wer Moni eigentlich ist. Und hier nimmt die Geschichte eine Wende mit m.E. zu irrealen Zügen, weshalb der Roman mir auch nicht so gefallen hat wie die bisherigen von Alina Bronsky („Baba Dunjas letzte Liebe“, „Der Zopf meiner Großmutter“, „Barbara stirbt nicht“), wenngleich er ebenso warmherzig und humorvoll geschrieben ist.

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