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Veröffentlicht am 30.03.2018

Karfreitag

Verrat
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Während Bridget ein scheinbar normales Leben führt, in dem sie ihrer Schwiegermutter gefallen will, ist ihr Mann Francis in den späten 1980ern für die IRA unterwegs. An verschiedenen Orten kann es sein, ...

Während Bridget ein scheinbar normales Leben führt, in dem sie ihrer Schwiegermutter gefallen will, ist ihr Mann Francis in den späten 1980ern für die IRA unterwegs. An verschiedenen Orten kann es sein, dass er sich mit einem Team zusammenfindet, um Anschläge vornehmlich auf englische Soldaten zu verüben. Dabei läuft nicht immer alles glatt und gerade, wenn es die falschen trifft, beginnt auch Francis zu überlegen, ob dieser bewaffnete Kampf noch zeitgemäß ist. Seine Frau, der schon klar ist, was ihr Mann so treibt, kommt ins Überlegen über den Sinn. Wäre es nicht doch besser, nicht mehr wie unter einer Dunstglocke aus Misstrauen, Geheimhaltung und möglichem Verrat leben zu müssen?

Der Konflikt um und in Nordirland ist seit der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens etwas in Vergessenheit geraten. Mit diesem Buch erinnert der Autor an die Vorkommnisse hauptsächlich in den Jahren bevor die Vereinbarung abgeschlossen wurde. Die eher in ärmlichen Verhältnissen lebenden Katholiken, die ihren gerechten Anteil von der privilegierten Minderheit der Protestanten per Terror einklagen. Der Konflikt im Rahmen der englisch-irischen Geschichte ist für einen Festlandeuropäer, der immer im Frieden gelebt hat nur schwer nachzuvollziehen. Ein wenig hilfreich ist hier das Nachwort des Autors, das allerdings auch einen guten Anreiz bietet auf eigene Faust weiter zu forschen. Nicht zu unterschätzen ist wahrscheinlich auch der Hinweis von Nicolas Searle, die Erfolge des Abkommens könnten durch den Brexit bedroht sein. Zwar kann man überhaupt nicht sicher sein, ob man es selbst besser gemacht hätte, manchmal fragt man sich aber dennoch, wer da mit welchen Gedanken über was wie abgestimmt hat. Nun, es gilt für die Politik, eine Lösung zu finden.

Vor diesem Hintergrund erscheint das Buch in Deutschland gerade im richtigen Moment. Auch wenn zunächst in relativ trockenen und unberührten Worten geschildert wird, wie Briget und Francis ihre Ehe erleben, wird doch recht bald deutlich, dass beide auf ihre eigene Art mit ihrer Verbindung zur IRA hadern. Als Ehefrau ist Bridget nicht direkt betroffen, dennoch sorgt sie sich hinter ihrer glatten Fassade des nicht Wissens. Auch Francis kommen nach verunglückten Aktionen Bedenken an der Rechtmäßigkeit des Kampfes. Etwas woran er als kleiner Befehlsempfänger eigentlich nicht zweifeln darf. Doch über dieses Thema herrscht Schweigen zwischen den Eheleuten. Wo sich also ein Ausweg bieten könnte, sehen sie nur die Möglichkeit des Stillhaltens, des weiter so, um nicht aufzufallen. Seltsam still sind sie in diesem Buch, vieles wird nur angedeutet, wenig deutlich ausgesprochen. Und auch die mitwirkenden Briten scheinen immer auf mehreren Hochzeiten zu tanzen. Doch wie eigenartig wird die Situation erst, wenn der Kampf durch das Abkommen beendet wird und alles, um das man bisher herum geschwiegen hat, auf einmal nicht mehr gefragt ist.

Ein eindringlicher Roman, der einige Details der näheren irischen Geschichte aufzeigt und der die Besorgnis weckt, wie sich die Dinge nach dem Brexit entwickeln werden.

Veröffentlicht am 17.02.2019

Siegler

Der wilde Detektiv
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Weil die Tochter ihrer Freundin verschwunden ist, reist Phoebe Siegler nach Kalifornien, um die junge Frau zu suchen. Hilfe bekommt sie von dem Detektiv Charles Heist, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, ...

Weil die Tochter ihrer Freundin verschwunden ist, reist Phoebe Siegler nach Kalifornien, um die junge Frau zu suchen. Hilfe bekommt sie von dem Detektiv Charles Heist, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Verschwundenen zu finden. Es ist die Zeit nach dem Wahlsieg des kleinen Turms und Phoebe fühlt sich nicht mehr gut in Brooklyn. Daher ist es ihr zwar ein Anliegen die junge Arabella zu finden, aber auch eine Gelegenheit wegzukommen. Im fernen Kalifornien taucht sie ein in Kolonien ehemaliger Hippies und anderer Aussteiger, die am Rande der Gesellschaft leben. Diese Menschen haben eine eigene Welt kreiert, die zu verstehen nicht leicht für Phoebe ist.

Der wilde Detektiv Charles Heist ist eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Sein Name könnte beinahe als Programm gedeutet werden, bedeutet Heist doch so viel wie Überfall oder Raubüberfall und wie ein Überfall bricht er über Phoebe hinein und sie hat Mühe, beim Thema der Suche nach Arabella zu bleiben. Doch Heist ist auch ein geheimnisvoller Typ, der sich nur ungern in die Karten schauen lässt. Immer wieder verschwindet er und Phoebe ist unsicher, ob seine Art der Arbeit hilfreich bei der Suche nach Arabella sein kann. Doch meist schafft Phoebe, sich dem Detektiv anzuschließen und lernt sie eine Parallelwelt in den Bergen Kaliforniens kennen, die rau und ursprünglich und manchmal auch gewalttätig ist.

Leicht zu lesen ist dieser Detektivroman, aber nicht in allen Teilen leicht zu verdauen. Schließlich finden Phoebe und Charles schon zu Beginn zwei tote Jugendliche, deren Sterben geheimnisvoll bleibt. Auch die Begegnungen mit den Aussteigern gestalten sich schwieriger und gefährlicher als man vermuten könnte, wenn man den Begriff Aussteiger hört. Hier scheinen sich in langen Jahren hauptsächlich zwei Gruppen gebildet zu haben, die sich nicht nur wohlgesinnt sind. Man hofft, dass solche abgeschiedenen Gruppen eher in den großen Weiten Amerikas zu finden sind. Nichtsdestotrotz ist dieser Roman sehr spannend, auch wenn er manchmal wie ein Trip durch ein Amerika wirkt, das durch die politischen Umstände auch nicht besser geworden ist. Manchmal sind Phoebes Handlungen nicht leicht nachvollziehbar und manchmal meint man, sie könnte eine Schwester im Geiste sein.

Veröffentlicht am 10.02.2019

Wieder gut machen

Sündengräber
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Manchmal geschieht einfach ein Mord nach dem anderen und dann kommen auch noch dramatische Entwicklungen im so sicher geglaubten privaten Umfeld hinzu. Alex Recht und Fredrika Bergman müssen in mehreren ...

Manchmal geschieht einfach ein Mord nach dem anderen und dann kommen auch noch dramatische Entwicklungen im so sicher geglaubten privaten Umfeld hinzu. Alex Recht und Fredrika Bergman müssen in mehreren Fällen ermitteln, die keinen Zusammenhang erkennen lassen. Ein Mann wird am Kamin sitzend erschossen, eine Frau wird tot auf einem Tennisplatz gefunden, ein Rentner liegt tot in seiner Wohnung. Und der Bestatter, der damals auch die Beerdigung von Rechts verstorbener Frau betreut hatte, behauptet steif und fest, seinem Bruder und dessen Familie sei etwas passiert, er habe die neue Stelle in Australien nicht angetreten.

So viele Tote in so kurzer Zeit, da drängt sich der Gedanke an eine Serie auf. Doch es ist kein Zusammenhang festzustellen. Die Opfer kannten sich nicht, es gab auch keine gemeinsamen Bekannten. Oder doch? Jedenfalls finden Recht und Bergman heraus, dass die Tochter des ersten Opfers selbst eines unnatürlichen Todes gestorben ist. Und es lassen sich Hinweise finden, dass gerade der Vater nicht genug getan hat, um sein Kind vor dem übergriffigen Ehemann zu retten. Das ist jedenfalls die Meinung des Bruders, der seitdem nicht mehr viel mit seinem Vater zu tun hatte. Ein erster Verdächtiger also, aber kann er auch der Täter sein? Das wäre wohl doch zu einfach.

Sollte dies wirklich der letzte Fall von Alex Recht und Fredrika Bergman sein, werden wir dieses Ermittler-Team vermissen. Am Schluss dieses ausgesprochen spannenden Kriminalromans wird es richtig dramatisch und die Ereignisse überschlagen sich. Auch wenn die Nachforschungen zu Beginn häufiger in eine Sackgasse führen, wie gerade der junge Kollege Ivan lernen muss, so kommt doch nach und nach ein Baustein zum anderen. Und eben jener Ivan zeichnet sich durch Ideenreichtum und Hartnäckigkeit aus, was zu neuen Ansätzen führt. Beim Lesen findet man etliche Anspielungen auf vorherige Fälle. Hat man diese vor längerer Zeit gelesen, kommt schon der Gedanke auf, sich die Reihe nochmal in näherem zeitlichen Zusammenhang zu Gemüte zu führen. Dies kann Menschen, die Recht und Bergman neu entdecken, wohl empfohlen werden, einige Zusammenhänge dürften dann noch klarer werden. Liegt die Lektüre der vorherigen Bände schon länger zurück, erinnert man sich vage, doch irgendwie nicht genau genug. Dennoch ist dieser Roman packend wie nicht viele andere. Der Autorin ist einfach eine intelligente Konstruktion eines Falles gelungen, mit der sie zu fesseln versteht.

Veröffentlicht am 09.02.2019

Selma und Luise

Was man von hier aus sehen kann
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Für Luise ist Selma so etwas wie ein Leitstern. Selma ist die Seele im Haus, die alles zusammenhält. Luises Eltern gelingt das mit dem Zusammenhalten nicht so. Ihr Vater verlässt die Mutter und beginnt ...

Für Luise ist Selma so etwas wie ein Leitstern. Selma ist die Seele im Haus, die alles zusammenhält. Luises Eltern gelingt das mit dem Zusammenhalten nicht so. Ihr Vater verlässt die Mutter und beginnt zunächst mit einer Psychotherapie. Als der Therapeut ihm empfehlt, einen Hund anzuschaffen als ausgelagerter Schmerz sozusagen, kommt Alaska ins Haus. Irgendwann ist auch Luises Mutter nicht mehr so richtig da. Doch Selma ist da. Und auch Luises Schulfreund Martin, mit dem sie so toll Zug fahren kann, so genau kennen sie die Strecke, dass sie aufsagen können, was in jedem Moment beim Blick aus dem Fenster zu sehen ist. Wenn aber Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf.

Luise erzählt die Geschichte eines Dorfes im Westerwald. Etwas speziell sind viele der Bewohner, aber eigentlich haben sie alle etwas Sympathisches. Wie es so ist in Dörfern, es gibt nichts was es nicht gibt. Nur gestorben wird manchmal viel zu früh. So ist Selma schon verwitwet seit ihr Sohn noch ein Kind war. Vielleicht ist Luises Vater deshalb ein wenig eigen geraten. Für ihn scheint es leichter zu fliehen als zu bleiben. Und Luise ist halt die Tochter ihres Vaters, wenn sie mal eine Verstockung hat, die das Leben nicht leichter macht. Zum Glück träumt Selma nicht allzu oft von einem Okapi, wenn es aber soweit ist, wird es schwer im Dorf.

Eine heimelige Stimmung verschafft dieses mit Gefühl von Sandra Hüller gelesene Hörbuch. Selma und Luise tragen dieses Buch. Manchmal überspringt es eine Generation und Großeltern und Enkel haben eine ganz besondere Beziehung und so ist es auch bei Selma und Luise. Wenn die Eltern mal nicht weiterwissen, kann Luise immer zu Selma kommen. Wobei auch Selma ihr Leben hat. Vieles zwischen den Menschen im Dorf lebt vom Unausgesprochenen, das dem Leben einen eigenen Schmelz verleiht. Ein Buch wie man es sich wünscht, warm, authentisch und mit einer Art Erdbeben.

Veröffentlicht am 08.02.2019

Ivy House

Der dunkle Garten
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Alles passt für den knapp 30jährigen Toby Hennessy. Er hat eine tolle Freundin, zwei Kumpel, mit denen er immer mal auf einen Absacker in den Pub gehen kann, einen Job in einer Galerie, um den ihn manche ...

Alles passt für den knapp 30jährigen Toby Hennessy. Er hat eine tolle Freundin, zwei Kumpel, mit denen er immer mal auf einen Absacker in den Pub gehen kann, einen Job in einer Galerie, um den ihn manche beneiden. Er könnte ich als glücklich bezeichnen. Allerdings kommt es in der Galerie zu einem Vorfall, der Toby um den Arbeitsplatz fürchten lässt. Wäre da nicht sein vielgerühmtes Glück. Doch irgendwie scheint es für einen Moment aufgebraucht. Hennessy wird in seiner Wohnung, die von seinen Eltern vorfinanziert wurde, wird er überfallen, zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus zieht Toby erstmal zu seinem Onkel Hugo ins Ivy House.

Es könnte so schön weitergehen für Toby Hennessy. Doch nach dem Überfall ist er nicht mehr derselbe. Die schweren Verletzungen haben ihre Spuren hinterlassen und die Folgen werden noch lange nicht überwunden sein, wenn sie überhaupt je verschwinden. Und so zieht er sich ins Idyll von Ivy House zurück, das Haus seines Onkels, in dem er, Suzanne und Leon in der Kindheit und Jugend häufig die Sommerferien verbrachten. Ruhig ist es dort zwar, doch durch eine schwere Erkrankung ist auch Onkel Hugo eingeschränkt und auf Toby könnte nicht nur eine Zeit der Erholung zukommen, sondern auch eine Zeit in der er Hugo betreuen muss.

Gewohnt akribisch beschreibt die Autorin ihre Personen und deren Lebensumstände, langsam und gründlich entwickelt sie ihre Handlungsstränge. So wird aus einem harmlosen vom Glück geprägten Beginn eine Geschichte, die wie bei einer Zwiebel mit jedem Abziehen einer Schale eine neue Färbung zeigt. Erinnerungen, die täuschen können, Gespräche, die neue Facetten zutage bringen, Mitmenschen, die manipulativ ins Geschehen eingreifen. Ehe man sich versieht, wird aus einer Schilderung von Tobys beneidenswert glücklichem Leben ein vielschichtiger Krimi, der sich mehr aus den Gesprächen der handelnden Personen entwickelt als aus den Ermittlungen der Polizei. Immer neue Haken werden dabei geschlagen, die so überraschend sind, dass kleine Längen leicht verziehen werden.