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Veröffentlicht am 27.03.2022

Die Entführung

44 TAGE - Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war
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Am 05. September 1977 wird der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt. Seine Personenschützer werden getötet. Die in Stuttgart Stammheim einsitzenden Terroristen sollen freigepresst werden. ...

Am 05. September 1977 wird der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt. Seine Personenschützer werden getötet. Die in Stuttgart Stammheim einsitzenden Terroristen sollen freigepresst werden. Der Chef des Verfassungsschutzes Roland Manthey soll die Ermittlungen koordinieren, die sofort mit höchster Priorität aufgenommen werden. Er leitet den Stab aus den Spitzen der verschiedenen Behörden und der Politik. Alles muss unternommen werden, um Schleyer zu finden. Wohnungen müssen durchsucht, Fahrzeuge kontrolliert, Informationen gesammelt werden. Die Öffentlichkeit ist schockiert und steht doch hinter den Staatsdienern. Sind die Terroristen diesmal zu weit gegangen? Oder haben sie immer noch Unterstützer in der Bevölkerung?

Aus verschiedenen Blickwinkeln wird die Zeit nach der Entführung Hanns Martin Schleyers geschildert. Da geht es um die fieberhafte Arbeit der Behörden, aber auch um die Gedankenwelt der Politiker, die sich fragen, wie sie mit den Forderungen der Terroristen umgehen sollen, wie weit sie den Rechtsstaat aussetzen können, gar müssen. Doch auch wie die Briefe der Erpresser zu ihren Empfängern gelangen und wie auf die Entführung des Lufthansa Flugzeuges „Landshut“ hingearbeitet wird. Die immer hektischer und verzweifelter wirkenden Politiker und Mitglieder des Stabes, die alles versuchen, um Schleyer zu finden. Nur eines nicht, die Forderungen der Terroristen zu erfüllen.

Der Deutsche Herbst wird diese Zeit genannt, die wohl als unheimliche Bedrohung empfunden wurde und in der viele Fragen aufgeworfen wurden. Wie weit kann der Staat gehen, um an Ermittlungsergebnisse zu kommen? Muss der Staat sich erpressen lassen? Es war sicher eine Bewährungsprobe für den noch jungen Staat, die wohl bestanden wurde, da der Staat noch besteht. Trotz der eher ruhigen Darstellung entwickelt dieser Roman, der zum großen Teil auf Tatschen beruht, einen großen Sog. Und er animiert zum Nachlesen über eine Zeit, die man vielleicht als Kind miterlebt hat oder die einem ob der Jugend doch eher fremd ist. Der Autor kann sich dabei neben seinen eigenen Recherchen auch auf die Erfahrungen seines Vaters stützen, der an den Ermittlungen beteiligt war. Ein packender Thriller über eine der schlimmsten Krisen, die der deutsche Staat zu bestehen hatte.

Veröffentlicht am 26.03.2022

Grenzfang

Der Holländer
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Eine Pensionierung ist auch nicht mehr das, was es mal war. Auf ihrer letzten Patrouillenfahrt will sich Geeske Dobbenga eigentlich von ihrer Mannschaft verabschieden und eine ruhige Fahrt in den Holländisch-Deutschen ...

Eine Pensionierung ist auch nicht mehr das, was es mal war. Auf ihrer letzten Patrouillenfahrt will sich Geeske Dobbenga eigentlich von ihrer Mannschaft verabschieden und eine ruhige Fahrt in den Holländisch-Deutschen Gewässern verbringen. Doch auf einer Sandbank, von der wirklich umstritten ist, zu welchem Staatsgebiet sie gehört, entdecken sie eine Leiche. Die müssen sie mitnehmen, sonst würde sie von der steigenden Flut davongetragen. Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Toten um den bekannten deutschen Wattwanderer Klaus Smyrna handelt. Sein Kollege Peter Lattewitz kommt völlig entkräftet auf Borkum an. Das Trio hätte Aaron Reinhard komplettieren sollen.

Drei erfahrene Wattwanderer, Aaron hat sogar ein Buch über seine Wanderungen veröffentlicht, wollten eigentlich den gefährlichen Weg zu Fuß nach Borkum wagen. Doch Aaron zieht es vor bei seiner kranken Frau in England zu bleiben. Doch die Wettervorhersage für die Wanderung ist günstig und wann wird eine solche Gelegenheit sich noch einmal bieten? Peter und Klaus wagen den Weg und nur Peter kommt lebend, aber sehr traumatisiert zurück. Um noch größeres Zuständigkeitsgerangel zu vermeiden, ermittelt Kommissar Liewe Cupido, dessen Vater Niederländer war, ohne es an die große Glocke zu hängen. Denn der Tod von Klaus Smyrna gibt einige Rätsel auf.

Anscheinend hat der Autor hier den Start einer Reihe hingelegt und der ist sehr gelungen. Die nickeligen Grenzstreitigkeiten zwischen den holländischen und deutschen Polizeibehörden erscheinen realistisch, geben dem Roman aber auch eine gewisse Leichtigkeit, weil sie mitunter zum Schmunzeln einladen. Der tragische und rätselhafte Tod des Wattwanderers erfordert schon genauere Nachforschungen und denen ist der schweigsame Cupido gemeinsam mit seiner pragmatischen Kollegin Dobbenga gut gewachsen. Die Beschreibungen des Watts, dass für unerfahrene und wie man hier liest manchmal auch für erfahrene Wattwanderer sehr gefährlich werden kann, sind sehr stimmungsvoll und zeugen von genauer Recherche oder auch guter Kenntnis des Autors. Dieser Kriminalroman besticht durch sein sympathisches Personal und durch die lebendigen und authentischen Beschreibungen sowohl der Landschaft, der Menschen und des Watts.

Veröffentlicht am 24.03.2022

Die Stunden

Meinetwegen
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Katharina ist in einer geschlossenen Abteilung einer Jugendeinrichtung. Für wenigstens eine Stunde in soll sie mit dem Psychiater Herrn Conti sprechen. Sie ist hier, weil sie straffällig geworden ist. ...

Katharina ist in einer geschlossenen Abteilung einer Jugendeinrichtung. Für wenigstens eine Stunde in soll sie mit dem Psychiater Herrn Conti sprechen. Sie ist hier, weil sie straffällig geworden ist. Sie ist hier, weil sie verstanden werden soll. Doch erstmal bestimmt Katharina den Weg. Vielleicht ist es eines der ersten Male, wo sie bestimmen kann. Und der Psychiater Conti lässt sich darauf ein, um ihr die Öffnung zu erleichtern. So beginnt Katharina zu erzählen, etwas zusammenhanglos zunächst, dann immer flüssiger. Dabei ist sie zuerst zurückhaltend. Doch schließlich fängt sie sogar an, den Stunden entgegen zu sehen.

Der Leser begleitet Katharina zu ihren Besuchen bei dem Psychiater. Aus ihrer Sicht kann er an den Stunden teilnehmen und sich nach und nach in sie hineinfühlen. Eigentlich sperrt sich Katharina gegen diese Stunden, sie sieht nicht, was es bringen soll. Bald merkt sie jedoch, dass es ihr leichter fällt, die Gespräche zu führen. Und sie führt die Gespräche. Eine ungewöhnliche Form einer Gesprächstherapie, aber schließlich doch wohl hilfreich. Was hat dazu geführt, dass Katharina in der Einrichtung gelandet ist? Was hat Katharina in ihrer Kindheit erlebt. Ist ihre Reilienz stark genug, um zu bestehen?

Mit seinem ungewöhnlichen Stil der direkten Teilnahme aus Sicht der Patientin an den Gesprächsstunden besticht dieser Roman und zieht einen in seinen Bann. Was einem fehlen könnte, ist eine klarere Sicht auf die Kindheitserlebnisse der jungen Katharina und wie diese schließlich zu dem Ereignis geführt haben. Dennoch bleibt man fasziniert von der Form dieses Romans, die die kleinen Änderungen von Stunde zu Stunde zutage fördert. Vielleicht versteht man auch den Sinn einer Gesprächstherapie, hin zu einem besseren Verständnis von sich selbst, zur Erkenntnis über das eigene Selbst und vielleicht auch zu einem Fortschritt, der Katharina hilft, sich selbst besser zu erkennen. Diesem schmalen Büchlein hätten vielleicht ein paar Seiten mehr gut getan, um Katharinas Leben noch genauer zu beleuchten, aber dennoch bleibt es dabei, man hat einen Roman, der einen gefangen nimmt.

Veröffentlicht am 22.03.2022

Kleine Familie

DIE LÜGEN
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Lizzie ist glücklich. Seit sie zu Ross gezogen ist, läuft es einfach. Dass Ross Arzt ist, schadet auch nicht. Aber auch so hat Lizzie ihre Epilepsie ganz gut im Griff seit sie erwachsen ist. In ihrer Kindheit ...

Lizzie ist glücklich. Seit sie zu Ross gezogen ist, läuft es einfach. Dass Ross Arzt ist, schadet auch nicht. Aber auch so hat Lizzie ihre Epilepsie ganz gut im Griff seit sie erwachsen ist. In ihrer Kindheit war das anders. Damals hatte sie große Anfälle, nach denen sie sich an nichts erinnerte. Lizzies beste Freundin Alice starb während Lizzie einen Anfall hatte. Ein schreckliches Unglück, welches Lizzie immer noch in ihre Träume verfolgt. Es ist einer der wenigen Schatten, die ihre Gegenwart trüben. Wie muss es dann erst für die Familie von Alice sein, die ihre Tochter und Schwester für immer verloren hat?

So leicht hat Lizzie es eigentlich nicht. Sie muss mit ihrer Erkrankung leben und auch mit dem tragischen Ereignis aus ihrer Vergangenheit. Trotzdem geht es ihr recht gut, sie erwägt sogar, eine Arbeit oder ein Studium aufzunehmen. Dabei freut sie sich über die Unterstützung von Ross. Allerdings gibt es in letzter Zeit so seltsame Anrufe, die die Erinnerung an die Kindheit wieder hervorrufen. Und bisher hat Lizzie Ross nichts von Alice erzählt. In ihrer Beziehung sollte es aber keine Geheimnisse geben. Mit der Zeit muss Lizzie jedoch feststellen, dass es in ihrer Umgebung und ihrer Vergangenheit noch mehr Geheimnisse gibt als sie sich je vorstellen konnte.

Wie der Titel schon andeutet, ist in diesem Roman viel gelogen worden und es wird immer noch gelogen. Zunächst kann man sich nicht unbedingt vorstellen, wie aus einem Lügengeflecht eine spannende Geschichte entstehen soll. Doch der Autorin gelingt es sehr gut bis zum Schluss mit Überraschungen aufzuwarten, auch wenn zumindest eine Information vielleicht etwas zu früh offenbart wird. Zwei Familien sind schicksalhaft verbunden durch die Freundschaft ihrer Töchter. Eine Freundschaft die tragisch endete und die bis in die Gegenwart nachwirkt. Man kann sich gut in Lizzies Gefühlswelt hineinversetzen und durch die Art der Darstellung ist man immer ganz dicht bei ihr. So bleibt man bei der Lektüre gefesselt und hofft, dass Lizzie es schafft, dass Knäuel der Lügen zu entwirren.

Veröffentlicht am 20.03.2022

Agatha verschwunden

Mrs Agatha Christie
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Im Dezember 1926 verschwindet die schon bekannte Schriftstellerin Agatha Christie völlig unerwartet. Ihr Mann, der zum Golfen bei Bekannten weilte, fährt zum Familiensitz. Immerhin will er die kleine Rosalind, ...

Im Dezember 1926 verschwindet die schon bekannte Schriftstellerin Agatha Christie völlig unerwartet. Ihr Mann, der zum Golfen bei Bekannten weilte, fährt zum Familiensitz. Immerhin will er die kleine Rosalind, die gemeinsame Tochter der Christies, beruhigen und trösten. Doch wo kann Agatha nur sein und wieso ist sie verschwunden? Die polizeilichen Ermittler tun, was sie können. Mehr als Mrs Christies verlassenes Auto finden sie allerdings zunächst nicht. Und das verlassene Fahrzeug gibt Rätsel auf. Könnte Agatha Christie ihren Wagen absichtlich von der Straße gelenkt haben, hatte sie einen Unfall oder ist sie möglicherweise sogar einem Verbrechen zum Opfer gefallen?

Von einem wahren Ereignis ausgehend hat sich die Autorin Marie Benedict der Persönlichkeit von Mrs Agatha Christie gewidmet. Ihren Mann, den Airforce Piloten Archibald Christie, lernte Agatha noch vor dem ersten Weltkrieg kennen und 1914 nach Kriegsausbruch heirateten sie, obwohl Agatha eigentlich einem anderen versprochen war. Schon bald merkt die junge Agatha, dass die Ehe anders verläuft als sie sich gewünscht hat. Archie ist aus gesundheitlichen Gründen mit einem Flugverbot belegt worden und seitdem fehlt die Leichtigkeit zwischen ihnen. Agatha versucht trotzdem, einen vorbildliche Ehefrau zu sein. Sogar ihre Tochter muss an zweiter Stelle stehen. Und etwas führt schließlich zu Agathas rätselhaftem Verschwinden.

Agatha Christie hat sich nie zu ihrem Verschwinden erklärt und so konnte Marie Benedict ihre Phantasie spielen lassen. Herausgekommen ist eine spannende Geschichte, die mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen ein sehr authentisches Bild des möglichen Geschehens zeigt. Man spürt Agathas Besorgnis über den Zustand ihrer Ehe und Archies Desinteresse. Fast wie in einem ihrer Krimis entwickelt sich um Agathas Verschwinden eine verzwickte Story, die sich dem Leser erst zum Ende hin erschließt. Man kann den Ideen Benedicts gut folgen und bekommt das Gefühl, dass sie sich genau über Agatha Christie informiert hat und sich der großen Kriminalschriftstellerin in liebevoller Weise genähert hat. So möchte man Agatha Christie näher kommen und man fragt sich, ob die, die so weitsichtig war, Romane auf Vorrat zu schreiben, nicht doch noch ihrendwo etwas hinterlassen hat, das Licht ins Dunkel bringt.