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Veröffentlicht am 07.03.2022

Die Vier

Der Ausflug
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Jedes Jahr fahren sie ins Grüne. Vier Freunde, die sich seit der Schulzeit kennen. Nur Josef lebt noch in ihrem Heimatort und von ihm erfahren sie die Neuigkeiten. Nun sind Amalia, ihr Bruder Bodo, Gero ...

Jedes Jahr fahren sie ins Grüne. Vier Freunde, die sich seit der Schulzeit kennen. Nur Josef lebt noch in ihrem Heimatort und von ihm erfahren sie die Neuigkeiten. Nun sind Amalia, ihr Bruder Bodo, Gero und Josef auf dem Weg zu einem Paddelausflug. Die Gegend ist ansprechend, aber einsam. Die Menschen, die dort leben, scheinen nicht sehr froh über die Urlauber zu sein. Schon zu Beginn im Gasthof haben die Freunde eine bedenkliche Begegnung. Sie überlegen, ob sie den Ausflug lieber abbrechen sollten. Doch der Wunsch nach dem unbeschwerten Zusammensein und die Freude an der Gemeinschaft siegt.

Eine Clique von Freunden will einen unbeschwerten Ausflug erleben und sie gerät unversehens in ein traumatisierendes Ereignis. Was mit einer freudigen und erwartungsvollen Autofahrt beginnt, wird zu einer wahren Zerreißprobe für die vier jungen Menschen, die sich schon bald nach der Ankunft fragen, wo sie da gelandet sind. Was für Menschen sind es, die auf der einen Seite Touristen empfangen wollen, auf der anderen Seite aber unfähig sind, Gäste auch wie Gäste zu behandeln. Ungünstig ist es, wenn dann auch noch ein Funkloch nach dem nächsten kommt.

Mit lockeren und leichten Worten führt der Autor seine Leser auf eine Tour de Force, die in der heutigen Zeit wirklich schwer zu ertragen ist. Ebenso wenig wie man einverstanden ist, mit den Handlungen gewisser Despoten, ist man einverstanden mit den miesen Verhalten Einheimischer, mit denen man gewiss nicht in einem Heim sein möchte. Unglaublich, dass ein Funkloch so riesig sein soll, dass man über Stunden und Tage keinen Empfang hat, um die Polizei zu rufen. In was für eine Gegend sind die Freunde da geraten? Man mag es sich nicht vorstellen. Hätte alles auch ganz anders kommen können? Verständlich ist es schon, wenn keiner glaubt, es könne tatsächlich so schlimm sein. Doch gerade heute sieht man, es ist so schlimm oder schlimmer. Über diesen Roman möchte man wahrscheinlich in friedlicheren Zeiten mehr nachdenken.

Veröffentlicht am 04.03.2022

Spurenleger

Die Theologie des Wildschweins (Ein-Sardinien-Krimi 1)
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Auf Sardinien zur Zeit der ersten Mondlandung sind Gesuino und Matteo beste Freunde. Die beiden 11jähren verstehen sich oft ohne Worte. Gesuino hat wegen einer Erkrankung Mühe zu reden. Doch er schreibt ...

Auf Sardinien zur Zeit der ersten Mondlandung sind Gesuino und Matteo beste Freunde. Die beiden 11jähren verstehen sich oft ohne Worte. Gesuino hat wegen einer Erkrankung Mühe zu reden. Doch er schreibt Dinge auf, die er allerdings schnell wieder vergisst. Dann wird Matteos versoffener Vater tot aufgefunden. Der örtliche Pfarrer, der Matteo zu Schutz unter seine Fittiche genommen hat, versucht seinen Schützling zu trösten. Aber noch am gleichen Tag erhängt sich die Mutter des Jungen. Tragischer kann es für Matteo kaum sein und er bespricht sich mit Gesuino. Plötzlich ist ist auch Matteo verschwunden.

Ein kleiner Ort auf Sardinien, die Bewohner bilden eine verschworene Gemeinschaft, die nach außen schweigt und nach innen ihre Angelegenheiten selbst regelt. Da hat der hinzu versetzte Polizist aus Norditalien keine Chance. Noch müht er sich mit der sardischen Sprache ab, die eine richtige Sprache ist und kein bloßer Dialekt. Es ist Sommer und es ist heiß. Hat das etwas dazu geführt, dass der Polizist einen neuen Fall zu seinen ungeklärten Fällen packen muss. Hoffentlich ist Matteo wirklich nur weggelaufen und nicht auch noch entführt. An Kindern vergreift man sich einfach nicht, das wissen alle im Dorf.

Der Titel des Buches weckt die Neugier des Lesers. Und auch der gewählte Schauplatz regt die Phantasie an, Sardinien, da würde man gerne mal Urlaub machen. So ganz hält der Roman nicht, was er verspricht. Die unterschiedlichen Perspektiven muss man sich selbst erschließen und das wirkt manchmal etwas verwirrend und es verwischt die Handlung. Der verschwundene Matteo ist sympathisch, aber kein Rettungsanker. Sein Freund Gesuino scheint kein Glückskind zu sein und doch mögen die Leute ihn und versuchen, ihn zu unterstützen. Dennoch erscheinen die späten 1960er doch etwas weit weg. Die Beschreibungen der Gegend und des möglicherweise beginnenden Tourismus’ sind dafür ansprechend und überzeugend. Der auf Kurzbesuch weilende Journalist erdet die Handlung und seins Empathie gegenüber Gesuino ist herzerwärmend.

Veröffentlicht am 27.02.2022

Ein letzter Sommertag

Dein falsches Herz
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Sumiko hat ihr Jurastudium fast beendet. Einen Arbeitsvertrag hat sie in der Tasche und ihr Großvater wird stolz auf sie sein. Wie schön wäre es, würde ihre Mutter das noch erleben. Doch wie ihr Großvater ...

Sumiko hat ihr Jurastudium fast beendet. Einen Arbeitsvertrag hat sie in der Tasche und ihr Großvater wird stolz auf sie sein. Wie schön wäre es, würde ihre Mutter das noch erleben. Doch wie ihr Großvater immer sagte, starb Rina bei einem Autounfall als Sumiko erst sieben Jahre alt war. Und dieser Anruf aus dem Gefängnis? Sumiko weiß nicht, wie sie ihn einordnen soll. Aber eines weiß sie, sie will Genaueres über den Tod ihrer geliebten Mutter in Erfahrung bringen. Sumiko macht eine Entdeckung, mit der sie nie gerechnet hätte. Auch ihren Großvater sieht sie in einem anderen Licht.

Die Autorin orientiert sich nach eigenen Worten in ihrem Debütroman an einer wahren Begebenheit. Dennoch ist ihr Buch fiktional. Allem Anschein nach ist es in Japan möglich, so eine Art Ehebrecher zu engagieren, also jemanden, der einen Ehepartner verführt und dann dem anderen Ehepartner die Beweise dafür liefert. Das soll dazu diesen bei Scheidungen zum einen das Sorgerecht für die Kinder zu regeln und anderen auch um Scheidungsvereinbarungen zugunsten des vermeintlich Unschuldigen zu treffen. Ein gemeinsames Sorgerecht für die Kinder gibt es nicht, was gerade einen Anreiz bietet, einen Ehegatten schuldig aussehen zu lassen.

Eine aus europäischer Sicht ungewöhnliche Lebensart wird hier beleuchtet. Das ist natürlich interessant, aber auch etwas schwierig nachzuvollziehen. Es erfordert aufmerksames Lesen, um die Problematik zu erfassen. Ein wenig unverständlich bleibt dabei das Motiv für eine Aktion. Insgesamt bietet dieser Roman einen fesselnden Einblick in die japanische Kultur und Lebensweise. Das Gefüge in den Familien, die Spannungen zwischen den Familienmitgliedern, die Entscheidungen, was gesagt wird und was nicht, wer soll geschützt werden, wer muss die Realität vertragen, wer ist missgünstig, wer ist der Liebende. Aus diesen eigentlich einfachen Themen und Fragen ergibt sich ein packendes Familiendrama, das auch das Leben der Tochter bzw. Enkelin einschneidend verändert.

Mit dem Cover ist die leicht melancholische Stimmung des Romans sehr gut eingefangen.

Veröffentlicht am 26.02.2022

Ein besonderer Tropfen

Kaiserstuhl
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In den frühen 1960er Jahren soll der Vertrag über die deusch-französische Freundschaft geschlossen werden. In Freiburg lebt die gut vierzigjährige Henny Köpfer. Ihr Mann ist im Krieg geblieben und mit ...

In den frühen 1960er Jahren soll der Vertrag über die deusch-französische Freundschaft geschlossen werden. In Freiburg lebt die gut vierzigjährige Henny Köpfer. Ihr Mann ist im Krieg geblieben und mit ihrer Schwiegermutter hat sie sich nie gut verstanden. Ihr Ziehsohn Kaspar ist ihr eine Freude, doch auch das Verhältnis zu ihm ist schwierig. Nie vergessen hat Henny den Filmvorführer Paul Duringer aus dem Elsass, mit dem sie kurz nach dem Krieg zusammen war. Es sollte nicht sein mit ihnen Beiden. Alleine führt Henny ihre Weinhandlung und dort hört sie von Kaspar, der eine besondere Flasche des 37er Vossinger Champagners im Gepäck hat.

Im Januar 1963 wird der Élysée-Vertrag von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterschrieben. In den Monaten davor spielt dieser zeitgeschichtliche Roman. Zur Unterschrift soll dem französischen Präsidenten der erwähnte Champagner überreicht werden. Doch nicht nur Paul Duringer, der die Flasche nach Frankreich bringen soll, hat ein Interesse an dem edlen Tropfen. Henny hat ihre eigenen Pläne mit dem Champagner und noch weitere Personen strecken ihre gierigen Hände aus. Und plötzlich ist die Flasche verschwunden und die Karten werden neu gemischt. Bei all den Ereignissen in der Gegenwart, nehmen sich die Akteure Zeit, die Erinnerung an die Vergangenheit neu aufleben zu lassen.

Bereits mit ihren anderen zeitgeschichtlichen Romanen hat die Autorin ganz herausragende Werke geschaffen, deren Cover einen einheitlichen Stil haben. Ein wenig fällt ihr neues Buch dagegen ab, auch wenn das Thema interessant und wichtig ist. Wie immer in der Grenzregion zwischen Frankreich und Deutschland angesiedelt, ist es toll, von der Aufbruchstimmung nach dem Krieg zu lesen, von der unerwartbaren und unerwarteten Internationalität, deren Wurzeln durchaus weit zurückreichen. Gerade heutzutage fragt man sich, warum wurde nicht mehr daraus gemacht. Versuche gab es und Bremser auch. Ein letzter Versuch sollte vielleicht nicht gebremst werden, sonst kann es auch vorbei sein. Keine schönen Aussichten im Moment. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, die einem deutlich vor Augen führen, wie wichtig ein gutes und vor allem internationales Miteinander ist. Dass sich diese Erzählung um eine Flasche Champagner entwickelt, zeugt von dem großen Ideenreichtum der Autorin.

Veröffentlicht am 24.02.2022

Irische Botschaften

Boom Town Blues
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Patsy Logan, Münchner Kommissarin mit einem irischen Vater, ist während ihrer Auszeit in Dublin. Sie will zur Ruhe kommen. Als ob das so richtig ginge, natürlich will sie auch den Gerüchten nachgehen, ...

Patsy Logan, Münchner Kommissarin mit einem irischen Vater, ist während ihrer Auszeit in Dublin. Sie will zur Ruhe kommen. Als ob das so richtig ginge, natürlich will sie auch den Gerüchten nachgehen, ihr Vater könne noch am Leben sein. Doch dann wird bei einem Empfang in der österreichischen Botschaft eine Praktikantin getötet. Patsy und ihr österreichischer Kollege Sam Feuerstein fungieren als Verbindungsbeamte zu den irischen Polizeibeamten. Und nicht zur Freude der örtlichen Kollegen. Diese würde ihre beiden neuen Anhängsel am liebsten kalt stellen. Da haben sie aber nicht mit den Botschaftern gerechnet. Und so müssen sie Sam und Patsy doch in die Ermittlungen mit einbeziehen.

In ihrem dritten Fall ermittelt Patsy Logan erstmals komplett in Dublin. Sie musste mal raus aus dem Trott in München, ihre lahmgelegte Kariere, ihr unerfüllter Kinderwunsch, die Eheprobleme. Einfach mal durchatmen. Und dann dieser Todesfall, eine junge Frau mit guten Leumund, die sich nie etwas zu Schulden kommen ließ. Nun, immerhin lernt Patsy den österreichischen Botschaftsmitarbeiter Sam kennen, der einmal in einer Sondereinheit war. Eigentlich sollen die beiden die Morduntersuchung im Namen ihrer Botschaften nur beobachten, aber Patsy kann das Denken und Überlegen nicht lassen und das Ermitteln hat sie einfach gelernt.

Die Krimis mit den runden Ecken sind doch immer eine Besonderheit. Und hier wird ein Thema angepackt, das für die Beteiligten dramatische Folgen hat und auch beim Lesen aufwühlt. Auch wenn man die Tat verurteilt, kann man schon ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, aus welchem Grund sie begangen wurde. Sehr geschickt wird man von der Autorin mit Hinweisen zu den Hintergründen versorgt. Wirtschaftskrise, Immobilienblase, viel zu hohe Kredite, Menschen, die unter die Räder des Systems geraten. Eine spannende Story, ansprechend geschrieben. Vielleicht hofft man als Leser, dass Patsy ihren nervigen Mann nun endgültig los ist und sie sich von der ihrer Schwermut befreien kann. Davon abgesehen kann man sich von diesem Roman mitreißen lassen und sich auf Patsys nächsten Fall freuen, der sie möglicherweise näher zur Lösung des Rätsels um den vermeintlichen Tod ihres Vaters bringt.

Eine lesenswerte Reihe von einer Autorin, die sich mit viel Einfühlungsvermögen und großer Sachkenntnis auszeichnet.