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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.10.2024

Ganz schön mutig!

Zwischen zwei Welten
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Norbert Nachtweih setzt sich in Istanbul in ein Taxi, fährt zur westdeutschen Botschaft und erklärt, dass er nicht in die DDR zurückkehren will. Als Fußballer war er zu einem Auslandsspiel in die Türkei ...

Norbert Nachtweih setzt sich in Istanbul in ein Taxi, fährt zur westdeutschen Botschaft und erklärt, dass er nicht in die DDR zurückkehren will. Als Fußballer war er zu einem Auslandsspiel in die Türkei gefahren, nun nutzt er die Gelegenheit zur Flucht, zusammen mit seinem besten Freund. Im Westen erwartet ihn eine große Fußballerkarriere, u.a. in Frankfurt, München und Cannes. Nur in der Nationalmannschaft darf er nicht mitspielen. Er genießt das Leben im Westen in vollen Zügen, ist seiner Frau nicht immer treu, fährt schicke Autos und wird wohlhabend. Seine ganze Familie bleibt in der DDR zurück und Norbert unterstützt sie, wo er nur kann. Erst nach der Öffnung der Mauer sehen sich alle wieder.

Das Buch ist sehr authentisch geschrieben, mit kurzen Sätzen und so, wie man sich ein Fußballerbuch vorstellt. Man kann nachvollziehen, warum Nachtweih die DDR hinter sich lässt und auch, warum er lange zögert seine Stasiakte zu lesen. Er hatte im Westen ein gutes Leben, wollte eigentlich nur Fußball spielen und sich keine politischen Gedanken machen.

Das Buch ist interessant zu lesen und besonders für Fußballfans lesenswert.

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Veröffentlicht am 02.10.2024

Auf den Spuren Capotes

Truboy
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Zum 100. Geburtstag von Truman Capote erschien dieses Buch von Anuschka Roshani, in dem sie sich auf Spurensuche nach dem verschollenen Romanmanuskript seines Gesellschaftsromans "Erhörte Gebete" begibt. ...

Zum 100. Geburtstag von Truman Capote erschien dieses Buch von Anuschka Roshani, in dem sie sich auf Spurensuche nach dem verschollenen Romanmanuskript seines Gesellschaftsromans "Erhörte Gebete" begibt. Von dem Buch erschienen einige Kapitel in einer Zeitschrift, eines davon erregte großes Aufsehen in der New Yorker Society und führte zum Bruch Capotes mit einigen reichen Familien wie den Vanderbilts. Es ist aber nie geklärt worden, ob er das Buch überhaupt vollendet hat.

Roshani trifft ehemalige Freunde Capotes, seine Ziehtochter und andere Menschen, diee ihm nahestanden. Dabei erweckt sie Capote, der schon mit 59 Jahren an Alkohol und Tabletten starb, wieder zum Leben. Man erfährt viel über seine schwierige Kindheit, seine ersten Schreibversuche, seine niemals versteckte Homosexualität, seine Freude am großen Auftritt und seine Treue zu seinen Freunden, die er niemals im Stich ließ. Trotz allem hatte ich den Eindruck, dass er für die New Yorker Haute Volée eher so etwas wie ein Hofnarr war, dessen Späßen sie gern beiwohnten, den sie aber nicht ganz für voll nahmen.

Leider ist die Suche nach dem verschwundenen Manuskript erfolglos, aber man kommt Capote sehr nahe und erhält einen ganz neuen Zugang zu seinen Werken. Sie sind noch immer so frisch wie vor fünfzig oder sechzig Jahren und immer wieder lesenswert, auch weil sie ein Spiegel ihrer Zeit sind.

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Veröffentlicht am 02.10.2024

Anspruchsvoll

Das große Spiel
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Die Bücher von Richard Powers sind immer Höhepunkte im Lesejahr, er schreibt langsam und recherchiert viel, seine Bücher sind nicht einfach "wegzulesen". Besonders liegen ihm Ökologie und die Entwicklung ...

Die Bücher von Richard Powers sind immer Höhepunkte im Lesejahr, er schreibt langsam und recherchiert viel, seine Bücher sind nicht einfach "wegzulesen". Besonders liegen ihm Ökologie und die Entwicklung der elektronischen Medien am Herzen. Er gilt als einer der intelligentesten Menschen des Planeten und das merkt man bei seinem anspruchsvollen Stil, der aber trotzdem gut lesbar ist.
In diesem neuen Buch widmet er sich vor allem den Themen Ozeanologie und KI.
Die Hauptfiguren sind Evie, eine Ozeanologin, Ina, eine Künstlerin aus Ozeanien, Rafi, ein Büchernarr, und sein Freund Todd, der mit der "sozialen" Plattform Playground Milliarden verdient hat. Alle treffen auf der abgelegenen Insel Makatea im Pazifik zusammen.
Das Buch behandelt die großen Themen unserer Zeit eindringlich und anschaulich. Man taucht mit Evie in die Ozeane der Erde und lernt die geheimnisvollen Lebewesen der Tiefsee kennen, die noch längst nicht erforscht sind. Man entwickelt mit Todd ein immer größer werdendes Netzwerk, in dem die KI irgendwann die Herrschaft an sich reißt. Man schafft mit Ina Kunstwerke aus Plastikmüll und folgt Rafi durch die Welt der alten Bücher.
Das Buch ist keine leichte Feierabendlektüre, liefert aber viel Stoff zum Nachdenken und beschäftigt mich noch lange.
Für mich wieder ein ganz großer Wurf von Richard Powers!

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Veröffentlicht am 25.09.2024

Intensiv

Sing, wilder Vogel, sing
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Honora hatte es von Anfang an nicht leicht. Ihre Mutter starb bei der Geburt, der Vater hatte kein Interesse an dem Mädchen und verheiratet sie bei erster Gelegenheit an William, der sie auf seine Art ...

Honora hatte es von Anfang an nicht leicht. Ihre Mutter starb bei der Geburt, der Vater hatte kein Interesse an dem Mädchen und verheiratet sie bei erster Gelegenheit an William, der sie auf seine Art liebt. Honora bleibt eine Außenseiterin, sie ist klug, aber einsam.
Als Mitte des 19. Jahrhunderts die große Hungernot über Irland hereinbricht, gerät auch diese Familie in Not. Gemeinsam mit den anderen Dorfbewohnern ziehen sie zum englischen Grundherren, der ihnen aber Nahrung und sogar Wasser verweigert, die Herren dinieren gerade... So müssen die gepeinigten Menschen den Rückweg antreten und viele Bewohner sterben unterwegs. Honora überlebt als eine der Wenigen und geht nach Amerika, wo sie aber auch lange nach dem Glück suchen muss.
Ich habe schon einige Bücher über Irland und die große Hungernot gelesen, z.B. "Trinity" von Leon Uris. Die Grausamkeit der englischen Landlords muss unbeschreiblich gewesen sein und auch die Kirche mischte fleißig mit, die Menschen ruhig zu halten und sie auf das Paradies im Jenseits zu vertrösten.
Allerdings hatte ich noch nie von dem Geschehen in Doolough gehört und auch die Verbindung Irlands zu den amerikanischen Ureinwohnern war mir nicht bekannt.
Honora ist eine sehr starke Persönlichkeit, die sich manchmal anzupassen versucht, aber ihre Seele nicht verkauft. Sie braucht ein großes Maß an Freiheit und ist eine sehr mutige Frau.
Der Stil des Buches ist klar und eindringlich. Man kommt Honora sehr nahe. Mich hat das Buch sehr beeindruckt und ich habe viel gelernt.

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Gratwanderung

Die Frauen jenseits des Flusses
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Kristin Hannah widmet sich in diesem Buch einem fast vergessenen Kapitel der amerikanischen Geschichte. Der Vietnamkrieg war lang, vergeblich und forderte viel zu viele Todesopfer auf beiden Seiten. Dass ...

Kristin Hannah widmet sich in diesem Buch einem fast vergessenen Kapitel der amerikanischen Geschichte. Der Vietnamkrieg war lang, vergeblich und forderte viel zu viele Todesopfer auf beiden Seiten. Dass auch Frauen in Vietnam stationiert waren, entzog sich bisher meiner Kenntnis, sie waren vorwiegend im medizinischen Bereich tätig.
Eine davon ist die fiktive Frances McGrath, die nach dem Tod ihres Bruders in Vietnam als Krankenschwester dort tätig werden will. Sie ist idealistisch und hofft andere junge Männer retten zu können, wenn sie es bei ihrem Bruder schon nicht geschafft hat. Doch dann knallt sie hart auf den Boden der Realität. Die Arbeit bringt sie an die Grenzen ihrer körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit und als sie nach zwei Jahren in die Heimat zurückkehrt, wird sie mit ihren Alpträumen und Flashbacks vollkommen allein gelassen. Sie versucht irgendwie wieder in den normalen Alltag zurückzufinden, aber das gelingt ihr nicht.
Wie man in den USA mit den Veteranen und Veteraninnen des Vietnamkrieges umging, das ist ein bitteres und beschämendes Kapitel. Erst zehn Jahre nach dem Ende des Krieges wurde ein Mahnmal für die Gefallenen eingeweiht. Die Leiden der Verletzten wurden kaum anerkannt, viele wurden drogensüchtig oder begingen Selbstmord. Durch Agent Orange erkrankten viele an Krebs und Frauen erlitten Fehlgeburten.
Das alles schildert Hannah am Beispiel von Frances sehr eindrücklich und intensiv. Dabei gelingt ihr die Gratwanderung, den Krieg nicht zu verherrlichen oder die Soldaten zu heroisieren. Sie hat sehr gut recherchiert und bleibt nah an der oft schrecklichen Realität. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen und möchte es doch manchmal, denn einige Stellen sind schwer auszuhalten.
Ein sehr gutes Buch mit einem Thema, das auch bei uns zu oft vergessen wird!

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