Ein szenischer Knaller
Am 5. Mai 2031 checkt Roman im Hotel Love ein. In sechs Tagen wird er seine Traumfrau, eine geduldige, liebevolle Androidin, eigens für ihn hergestellt, heiraten. Tippgeber des Hotels ist Fabio aus dem ...
Am 5. Mai 2031 checkt Roman im Hotel Love ein. In sechs Tagen wird er seine Traumfrau, eine geduldige, liebevolle Androidin, eigens für ihn hergestellt, heiraten. Tippgeber des Hotels ist Fabio aus dem Männerministerium. Die Androidin an der Rezeption weist ihn ein. „Sie haben das Sieben Tage Programm Wifey Material – So erschaffe ich die perfekte Ehefrau gebucht?“ Bestätigendes Nicken. „Danke.“ „Heute um 16 Uhr findet das Einführungsseminar statt.“ „Sie finden ihr Single-Zimmer mit Blick auf die Jagdgründe im dritten Stock, bitte schauen sie kurz in den Scanner zum Netzhautabgleich, vielen Dank.“ „Im Untergeschoss befindet sich die Shopping-Mall und unsere derzeitige Kunstausstellung von der Gebärmutter zum Gebärvater, gleich gegenüber der Wedding Chapel.“ „Wir wünschen einen zauberhaften Aufenthalt im Hotel Love.“
In Zimmer 317 angekommen, heißt ihn die freundliche Zimmerservicestimme willkommen. Nachdem sein Blick das Zimmer erfasst hat, hält er vor dem Spiegel inne. Cute schaut er aus mit seinen stahlblauen Augen. Er könnte jede haben, will aber nur die eine. Seine Gedanken entschwinden in die Zeit, als er Julia kennengelernt hat. Er hat sie bei Tinder geswipt. Kurz zuvor hatte Jasmin ihn verlassen. Ganz gegen seine Gewohnheiten hatte er im Bett gegammelt und seine Wunden geleckt. Dann trat Julia in sein Leben und versüßte seinen Alltag. Und dann hat sie ihm in der Reality Show Temptation Paradise cool den Laufpass gegeben, die Schlampe. Er hat sie mehr geliebt als jemals jemand zuvor.
Laut Männerministerium hat jeder Mann ein Anrecht darauf, glücklich zu sein. Die Bezeichnung „Alte weiße Männer“ existiert nicht mehr. Die heißen jetzt alte weise Männer und das ist ja auch nicht mehr als richtig, denn schließlich haben wir ihnen den ganzen Fortschritt zu verdanken. Hier wird er die ideale Frau herstellen. Sie wird aussehen wie Julia, jedoch anders als sie keine Forderungen stellen, sondern ihre Pflichten als Frau mit Präzision und Hingabe erfüllen. In sechs Tagen wird geheiratet.
Fazit: Petra Piuk hat eine durch und durch dystopische Zukunftsversion erschaffen. Männer haben vollumfänglich die Macht übernommen. Echte Frauen dienen nur noch der Unterhaltungsindustrie des einzigen Fernsehsenders. Alles ist gleichgeschaltet. Jeder Mann kann sich am Laptop seine eigene Frau erschaffen, ganz nach seinem Idealbild. Die wird dann schnellstmöglich hergestellt und ausgeliefert. Silikon Valley lässt grüßen. Ihr Protagonist ist eine narzisstische Persönlichkeit, wie sie im Buche steht. Die Autorin bedient sich einiger genialer Stilrichtungen, springt von der Gegenwart im Hotel in die Vergangenheit und ich erfahre alles über die toxische Beziehung zwischen Roman und Julia. Die Androidin Julia 2.0 der Gegenwart tut alles, um Roman zu beglücken, aber es reicht ihm nicht. Die Geschichte ist so abgefahren, dass ich durch die meisten Seiten mit offenem Mund geflogen bin. Das war zynisch, heftig, lustig, nüchtern, aber vor allem bildreich. Ich war emotional voll dabei. Ein kunterbunter Silvesterknaller!