REZENSION – Bei der Erforschung ihrer Familiengeschichte stieß die britische Autorin Rachel Cockerell (31) auf den Namen ihres Urgroßvaters David Jochelmann (1869 bis 1941), über den im Familienkreis nichts Genaues bekannt war. Erst durch ihre Nachforschungen erfuhr sie, welche Bedeutung ihr russischer Vorfahr in der Zusammenarbeit mit Theodor Herzl (1860 bis 1904), Begründer des politischen Zionismus und Autor des Buches „Der Judenstaat“ (1896), und dem englischen Aktivisten Israel Zangwill (1864 bis 1926), Schriftsteller und vermutlich Autor des Slogans „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ (1901), auf der Suche nach einem eigenen Staat für die in aller Welt verstreuten Juden hatte. Ihr im September beim Verlag „Die Andere Bibliothek“ veröffentlichten Buch „Melting Point. Suche nach dem Gelobten Land“ verbindet Cockerells Familiengeschichte mit den Geschehnissen um die Zionistenkongresse in Basel um 1900, um jüdische Identität, Zugehörigkeit und erzwungene Migration. Ein Schwerpunkt des Buches ist die Galveston-Bewegung – ein Kapitel jüdischer Geschichte, das längst vergessen scheint: Mit Hilfe der im Jahr 1905 von Zangwill in London gegründeten „Jüdisch-Territorialistischen Organisation“ (ITO) und des Einsatzes ihres russischen Büroleiters David Jochelmann in Kiew gelang zwischen 1907 und 1914 die gezielte Übersiedlung von 10 000 Juden aus Osteuropa über die Hafenstadt Galveston – das „Ellis Island des Westens“ – nach Texas und in angrenzende Bundesstaaten. Ziel war es, die bereits mit jüdischen Einwanderern überfüllten Städte an der Ostküste nicht weiter zu belasten.
Mit ihrem Buch ist der Autorin literarisch ein ungewöhnliches Experiment gelungen: Statt eines von ihr verfassten Rückblicks auf die historischen Ereignisse mit Verweis auf genutzte Quellen verzichtet Rachel Cockerell gänzlich auf eigenen Text und lässt allein Auszüge aus Briefen, Tagebüchern und Memoiren der Akteure und Zeitgenossen sowie aus Protokollen, Zeitungsartikeln und Interviews jener Jahre für sich selbst sprechen. Das Faszinierende an „Melting Point“ ist also die Tatsache, das es sich nicht um die perspektivisch oft einseitige Abhandlung eines „allwissenden“ Historikers handelt, der rückblickend das Geschehen zusammenfasst und nach eigenem Verständnis interpretiert, sondern um persönliche Aussagen der damals Handelnden und detaillierte Beobachtungen ihrer Zeitgenossen. Gerade diese auch gelegentlich sich widersprechende Vielstimmigkeit macht das Erzählte so interessant. Der Autorin ist es zudem vorbildlich gelungen, ihre Quellen-Auszüge inhaltlich derart geschickt zu verbinden, dass die einzelnen Texte in ihrer Summe beim Lesen den Eindruck einer durchgehenden Handlung ergeben, die sich gerade wegen ihrer Authenzität ungemein spannend liest.
Bis in Einzelheiten erfahren wir auf diese Weise vom mehrtägigen Pogrom im April 1903 in Kischinew (heute Chişinău, Republik Moldau) und sind lesende „Teilnehmer“ bei den Zionistenkongressen unter Leitung von Theodor Herzl, den wir wiederum durch Charakterisierungen von Zeitgenossen als beeindruckende Persönlichkeit ebenso gut kennenlernen wie den schlecht gekleideten und wenig vorteilhaft wirkenden Dramatiker Israel Zangwill. Wir lesen von teilweise beschwerlichen Überfahrten in der dritten Schiffsklasse, über die räumlich beengten Lebensverhältnisse im Judenviertel der Lower East Side in New York um 1900 und den raschen sozialen Aufstieg vereinzelter Juden in den USA zu Millionären und Kunstmäzenen.
Während die ersten zwei Drittel des Buches – einschließlich des Kapitels über den in den USA aufgewachsenen Dramatiker Emjo Basshe (1889 bis 1939), David Jochelmanns Sohn aus erster Ehe, und sein gemeinsam mit dem schon damals international erfolgreichen Schriftsteller John Dos Passos (1896 bis 1970) im Jahr 1926 gegründeten New Playwrights Theater – historisch höchst interessant sind, lässt der dritte Teil über das Leben der Nachkommen Jochelmanns aus zweiter Ehe, denen auch die Autorin angehört, in der Spannung nach und fällt durch Schilderung des allzu Familiären und für Außenstehende weniger interessanten Geschehens stark ab.
Allerdings zeigt uns die Tatsache, dass David Jochelmanns Nachkommen in den USA, in Großbritannien und schließlich auch im jungen jüdischen Staat Israel heimisch wurden und in einem anderen Gesellschaftssystem „verschmolzen“ sind, dass es im Gegensatz zu Theodor Herzls These nicht nur Israel als alleinigen „Melting Point“ (Schmelztiegel) für Juden geben kann.