Einfache Lösungen klug vermarktet
Mel Robbins vermarktet ihre Methode als supereinfach und lebensverändernd (und verwendet natürlich noch viele weitere grandiose Adjektive). Supereinfach ist sie, das stimmt. Ob mein Leben jedoch komplett ...
Mel Robbins vermarktet ihre Methode als supereinfach und lebensverändernd (und verwendet natürlich noch viele weitere grandiose Adjektive). Supereinfach ist sie, das stimmt. Ob mein Leben jedoch komplett umgekrempelt wird, wage ich zu bezweifeln.
Eine Person, die nur die ersten 60 Seiten des Buchs gelesen hatte, hat mir das Buch wärmstens empfohlen. Und tatsächlich, da waren auch schon die wichtigsten Erkenntnisse enthalten. Man kann sich beim Rest durchaus auf die für sich selbst relevantesten Themen konzentrieren, ohne viel zu verpassen.
Allgemein liest es sich tatsächlich sehr gut. Die Autorin erzählt viel aus ihrem eigenen Leben und bemüht sich, nahbar und sympathisch zu sein.
Ich bin aber wahrscheinlich etwas zu deutsch für dieses Buch, denn die Botschaften sind sehr in der amerikanischen Kultur verwurzelt und auch so aufbereitet. Ich war, angesichts der vollmundigenen Marketingversprechen, enttäuscht von der Banalität der Erkenntnisse und der ständigen Wiederholung von Dingen, die ich spätestens beim zweiten Mal Erklären verstanden hatte.
Die Grundidee ist super und sehr hilfreich. Aber vieles habe ich im Laufe meines Lebens mit gesundem Menschenverstand schon gelernt: Wenn man einsam ist und sich Freunde wünscht, hilft es beispielsweise nicht, traurig daheim zu sitzen. Es kann stattdessen hilfreich sein, zu überlegen, wo man Gleichgesinnte treffen könnte, und aktiv Freundschaften zu pflegen. (Wow!) Mel geht über Unterschiede hinweg und verkauft das, was ihr geholfen hat, als absolute Wahrheit. Ich halte es in (Nord-)Deutschland aber für keinen guten Tipp, sich, um Kontakte zu knüpfen, neben fremde Leute im Café zu setzen und ein Gespräch zu beginnen oder einfach bei flüchtigen Bekannten an der Haustür zu klingeln.
Mel vertritt sehr stark die Idee der Eigenverantwortung für das eigene Leben. Das habe ich oft als durchaus positiv und bestärkend empfunden. Wir sollten viel weniger darauf geben, was andere denken könnten, und mehr versuchen, einfach unser Bestes zu tun. Allerdings fehlt mir – auch wenn Wochenbettdepression und Drogensucht kurz behandelt werden – der Hinweis, dass psychische Krankheiten existieren und es keine Schande ist, sich außerhalb von Selbsthilferatgebern Hilfe bei Expert:innen zu holen. Aussagen wie „Glück, Erfolg und Geld warten auf dich, wenn du dich ernsthaft bemühst.” (S. 163) oder „Du kannst das Leben haben, das du dir immer gewünscht hast. Du kannst Millionär werden.“ (S. 331) finde ich angesichts der aktuellen Lage in den USA in ihrer Absolutheit etwas schwierig.
Sei's drum. Ein paar nützliche Denkanstöße gibt es auf jeden Fall. Wer sich jedoch bereits näher mit Selbsthilferatgebern beschäftigt hat, wird wenig Neues finden. Mel Robbins vermarktet einfache Erkenntnisse als revolutionär (das sagt sie tatsächlich selbst), findet griffige Slogans und ist mit Podcasts, Reden und Tattoos offensichtlich omnipräsent in den USA. Ein paar Anregungen nehme ich mit, bei anderen lasse ich Mel einfach ihr Ding machen und mache meins. :) Und das ist im Grunde ja genau das, was die Autorin propagiert.