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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.06.2026

Einmal Hölle und zurück

Weil sie lügt
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Annas ältere Schwester Juli ist seit anderthalb Jahren spurlos verschwunden, ihr Vater wurde des Mordes an ihr verdächtigt und sitzt seitdem im Gefängnis. Weil die Mutter psychisch schwer angeschlagen ...

Annas ältere Schwester Juli ist seit anderthalb Jahren spurlos verschwunden, ihr Vater wurde des Mordes an ihr verdächtigt und sitzt seitdem im Gefängnis. Weil die Mutter psychisch schwer angeschlagen ist, kümmert sich Anna um sie und ihren siebenjährigen Bruder Leon, eine Mammutaufgabe für die junge Frau. Dann verliert sie auch noch ihren Job als Kindermädchen und muss mit massiven Geldproblemen zurechtkommen. Die Situation eskaliert, als ein Mithäftling ihren Vater schwer belastet. Angeblich hat dieser ihm gestanden, Juli getötet und im Keller des Hauses verscharrt zu haben. Die Polizei geht diesem Hinweis nach. Und findet dort menschliche Knochen.

Dieser engmaschige Thriller hat zwei Erzählerinnen: Anna und die ermittelnde Kripobeamtin Katharina. Den Anfang fand ich extrem düster und hoffnungslos. Manche Szenen erschienen mir konstruiert, allzu melodramatisch und nicht immer realistisch. Da hat die Autorin ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Nach etwa einem Drittel des Buches jedoch entwickelte sich Anna von der Gejagten zur Jägerin, fast jedes Kapitel endete mit einem zündenden Cliffhanger. Zum Schluss hin folgte ein dramatischer Twist auf den nächsten, es fühlte sich an wie eine Achterbahnfahrt mit lauter Loopings, und es fiel mir immer schwerer, dann und wann mit dem Lesen aufzuhören. Das Wort Spannung bekam hier eine neue Dimension, in einer Szene dachte ich, mein Herz bliebe stehen.
Das Ende ließ für mich ein paar Fragen offen. Das eine und andere Detail, das zur Auflösung des Kriminalfalls führte, erschien mir ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Das Cover ist nicht der Brüller, und der Sinn des Titels hat sich mir bis zum Schluss nicht eröffnet. Dennoch gehört dieser Thriller zu den aufregendsten, die ich je gelesen habe.
Wir folgen auf 379 Seiten einer megacoolen Heldin, deren wahre Stärke sich erst im Laufe der Handlung offenbart. Man muss das triste erste Drittel überwinden, dann geht die Handlung ab wie Brause. Und der Schluss hinterlässt trotz der genannten Schwachstellen ein gutes Gefühl. Denn Aufgeben ist nach Annas Worten niemals eine Option.

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Veröffentlicht am 05.06.2026

Tragisch, spektakulär und humorvoll

Das kalte Herz von Oxford - Ein Fall für DI Wilkins
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Ein vierjähriges Mädchen wird vom Vorplatz seiner Kita entführt, es gibt keine Zeugen, niemand hat im Vorfeld etwas Auffälliges bemerkt. Raymond Wilkins, D.I. der Thames Valley Police, übernimmt unter ...

Ein vierjähriges Mädchen wird vom Vorplatz seiner Kita entführt, es gibt keine Zeugen, niemand hat im Vorfeld etwas Auffälliges bemerkt. Raymond Wilkins, D.I. der Thames Valley Police, übernimmt unter immensem Druck der Öffentlichkeit die Ermittlungen. Zur gleichen Zeit stößt sein unehrenhaft entlassener Teamkollege Ryan Wilkins auf den rätselhaften Unfalltod eines Jugendfreundes. Die beiden Polizeibeamten tragen zwar den gleichen Nachnamen, mehr haben sie aber nicht gemeinsam. Raymond, in einem privilegierten Umfeld aufgewachsen, besitzt tadellose Manieren und ein ansprechendes Aussehen, Ryan dagegen entstammt einer sozial schwachen Familie und kann sein Gewaltpotential nicht immer zügeln. Während Raymond mit seinen Nachforschungen nicht weiterkommt, bemüht Ryan sich um die Rückkehr in seinen alten Posten, aber der mysteriöse Tod seines Freundes lässt ihm keine Ruhe, er forscht auf eigene Faust nach. Und stößt dabei auf eine Verbindung zwischen beiden Fällen.

Dies ist mein erstes Buch von Simon Mason, und ich bin sehr gut in die Geschichte hineingekommen. Der mit Humor gespickte Schreibstil gefällt mir total gut, vor allem die geniale Art, in der der Autor ein Kapitel mit dem nächsten verknüpft und mehr verschweigt, als er preisgibt. Die beiden Protagonisten sind mir von Anfang an sympathisch. Der Autor beschreibt Umgebung und Figuren in ungewöhnlichen Wortbildern, und der großzügig eingestreute Sprachwitz macht die tragischen Hintergründe dieses Kriminalfalls erträglich. Am besten gefällt mir Ryan. Er ist ein Prolet mit Herz und kann einfach nicht aus seiner Haut. Zum Glück. Je mehr die Handlung voranschreitet, umso schwerer wird es, das Buch aus der Hand zu legen. Der Autor täuscht, präsentiert uns scheinbar unumstößliche Fakten, um sie kurz darauf mit skurrilen Ereignissen wieder umzuwerfen. Das Wort Spannung bekommt hier eine neue Dimension. Während Ryan es schafft, über seinen Schatten zu springen, um an neue Puzzleteile zu kommen, passieren dem smarten Ray megapeinliche Pannen, es ist manchmal zum Haareraufen. Der Showdown offenbart dann einen Täter, den ich in keinster Weise auf dem Schirm hatte, und doch ergibt alles auf schreckliche Weise einen Sinn.
Am Ende bleiben für mich ein paar Fragen offen, aber es hinterlässt bei mir ein warmes Gefühl im Herzen. Für diesen spektakulären britischen Krimi gibt es von mir ein klares Daumen-Hoch. Mr Mason hat einen neuen Fan.

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Veröffentlicht am 01.06.2026

Enttäuschend

Mord mit Schwips
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Seit ihrer Scheidung lebt die ehemalige Münchner Investigativ-Journalistin Romy Fuchs wieder bei ihrer Familie im Bayerischen Wald und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit kunstvollem Töpfern. In der ...

Seit ihrer Scheidung lebt die ehemalige Münchner Investigativ-Journalistin Romy Fuchs wieder bei ihrer Familie im Bayerischen Wald und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit kunstvollem Töpfern. In der nahe gelegenen Schnapsbrennerei des Hofguts Luisenau gibt es einen kuriosen Todesfall: Der Brennmeister wird in einem Fass Waldmeisterlikör ertränkt. Ausgerechnet Romys Ex-Mann, der Münchner Kriminalhauptkommissar Ben Jacobs, wird dorthin versetzt und soll den Fall lösen. Spätestens als die Freundin des Brennmeisters ebenfalls auf skurrile Weise ermordet wird, ist Romys journalistische und detektivische Neugier erwacht, und sie beginnt in Eigenregie zu ermitteln.

Leider konnte mich dieser Regionalkrimi nicht überzeugen. Die Figuren sind durchweg eindimensional und agieren teilweise einfältig. Erst ab der zweiten Hälfte des Romans kommt ein bisschen Lokalkolorit rüber, allerdings nur in Form von lehrbuchhaften Beschreibungen. Viele Szenen bringen die Handlung nicht voran, bei manchen habe ich mich gefragt, ob das jetzt wirklich nötig war. Einige familiäre Zusammenhänge von Romy bleiben bis zum Schluss unklar. Dann tauchen mehrmals Sinnfehler auf, beispielsweise heißt eine Nebenfigur mal mit Nachnamen Hagen, dann plötzlich Huber. Die Überschriften der Kapitel erscheinen zwar auf den ersten Blick originell, bieten aber keinen Bezug zu deren Inhalt, und bei den eingestreuten Rückblenden war mir nicht klar, wann genau sie stattgefunden haben.

Alles in allem ist dieser Bayernkrimi zu vordergründig, den Showdown finde ich einfach nur unglaubwürdig. Außerdem fehlt der bayerische Touch. Die Protagonistin und ihre Familie erscheinen wie Zugereiste, nicht wie echte Niederbayern. Da hilft es auch nicht, wenn ab und zu ein Servus oder ein urbayerischer Kraftausdruck eingestreut wird. Schade.

  • Einzelne Kategorien
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  • Spannung
Veröffentlicht am 10.05.2026

Aberwitziger Mix aus Alice im Wunderland und der Addams Family

Mord in der Pension Möwennest
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England 1954. Die Ordensschwester Nora Breen tritt nach dreißig Jahren aus ihrem Kloster aus, um in dem malerisch gelegenen Küstenstädtchen Gore-on-Sea nach ihrer ehemaligen Novizin, der jungen Frieda ...

England 1954. Die Ordensschwester Nora Breen tritt nach dreißig Jahren aus ihrem Kloster aus, um in dem malerisch gelegenen Küstenstädtchen Gore-on-Sea nach ihrer ehemaligen Novizin, der jungen Frieda Brogan, zu sehen. Sie macht sich Sorgen um die Freundin, die sich nach einem regen Schriftverkehr plötzlich nicht mehr meldet. Nora bezieht deren Zimmer in der heruntergekommenen Pension Möwennest und beginnt ihre Nachforschungen. Sie erfährt, dass Frieda von einem Spaziergang nicht mehr zurückkehrte, aber keiner der anderen Pensionsgäste weiß etwas Näheres. Schon bald wird Nora klar, dass es sich bei ihnen um eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von schrägen Typen handelt. Und dann wird einer der Gäste tot aufgefunden. Nora ist empört, dass der zuständige Detective Inspector Rideout den Fall als Selbstmord abtut und Friedas Verschwinden nicht ernst nimmt. Sie stellt nun auf eigene Faust Ermittlungen an.

Der Einstieg in diesen Krimi fiel mir zunächst schwer, ich fand ihn zu melancholisch und nichtssagend. Erst als die Protagonistin Nora dem stoischen Constable im Polizeirevier ihre Stiefel um die Ohren wirft, nimmt die Handlung Fahrt auf. Mehr als einmal habe ich mich vor Lachen gekrümelt über die bildhaften Schilderungen und den großzügig eingestreuten Sprachwitz. Nora entpuppt sich als eigensinnige und durchsetzungsstarke Person, die dem D.I. gehörig Beine macht. Wie die beiden sich lauernd umkreisen, sich gegenseitig beschimpfen und doch so unübersehbar miteinander harmonieren, ist so feinfühlig beschrieben, dass es mir warm ums Herz wurde. Nora lässt sich nicht beirren, ermittelt auf die ihr eigene unkonventionelle Weise und erfährt so Dinge, die der Polizei niemals zu Ohren gekommen wären. Auch mit schweren Jungs wird sie spielend fertig, ein weiterer Angriff auf die Lachmuskeln der Leser. Die Autorin beschreibt die Dinge aus ungewöhnlichen Blickwinkeln. Manche Szenen erinnern mich an Alice im Wunderland, bei andere diente wohl die Addams Family als Vorbild. Bis zum Schluss habe ich gerätselt, wer denn nun der heimtückische Mörder ist. Jeder der skurrilen Pensionsgäste sowie die Inhaberin nebst Tochter und deren Personal scheinen etwas zu verbergen.

Ich liebe diese Protagonistin. Nora ist lebensklug, sensibel, bezaubernd, warmherzig, von eigenen traumatischen Erlebnissen gebeutelt, immer zu vollem Einsatz bereit und geht für die, die sie liebt, durch jedes Feuer. Sie macht aus diesem Krimi ein Erlebnis. Von mir gibt es dafür fünf Sterne mit Auszeichnung.

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Veröffentlicht am 29.04.2026

Höllentrip im norwegischen Fjord

Der Fjord
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Das letzte, was Amelia von ihrer jüngeren Schwester Rose gehört hat, ist, dass sie zu der alljährlich stattfindenden Party des schwerreichen Lawrence Fowley nach Norwegen eingeladen wurde. Sie kehrte nie ...

Das letzte, was Amelia von ihrer jüngeren Schwester Rose gehört hat, ist, dass sie zu der alljährlich stattfindenden Party des schwerreichen Lawrence Fowley nach Norwegen eingeladen wurde. Sie kehrte nie zurück. Weil niemand außer ihr sich für Roses Verschwinden interessiert, greift sie zur Selbsthilfe. Sie krempelt ihr Leben radikal um und macht sich mit Erfolg an Ford Fowley, Lawrences Cousin, heran. Beide werden ein Jahr nach Roses Verschwinden auf das feudale und grimmig bewachte Anwesen der Fowleys in den norwegischen Fjord eingeladen. Dort angekommen, will Amelia mithilfe eines sorgfältig ausgeklügelten Plans herausfinden, was mit ihrer Schwester geschehen ist. Sie ahnt nicht, dass sie sich damit kopfüber in eine Schlangengrube stürzt.

Die taffe Protagonistin taumelt auf ihrer Mission von einer brenzligen Situation in die nächste. Und dann gibt es den ersten Toten auf der Party. War es wirklich ein Unfall? Und wo ist Rose? Amelia glaubt, dass sie irgendwo auf dem Anwesen gefangen gehalten wird und setzt ihre waghalsige Suche fort. Welche Rolle spielen die einzelnen Mitglieder des Fowley-Clans? Wem kann Amelia trauen? Mit jedem neuen Kapitel werden die Nerven der Leser mehr strapaziert. Zum Schluss hin ist die Spannung kaum noch zu ertragen.
Der Showdown und die Auflösung des Rätsels kommen für mich absolut überraschend. Das hätte ich niemals so erwartet. Dann setzt die Autorin noch einen drauf und präsentiert uns den genialsten Twist auf den allerletzten Seiten. Fantastisch!

Mich hat dieser Thriller von der ersten Seite an überzeugt. Das ist feinste Unterhaltung.

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