Das Leben versteht man rückwärts
Worum geht’s?
Als Wilbur stirbt, ist er weit über achtzig Jahre alt. Doch statt dem Tod findet er sich in einem Zug wieder. An seiner Seite sitzt Agnes Bagdale, die Bibliothekarin seiner Kindheit. Gemeinsam ...
Worum geht’s?
Als Wilbur stirbt, ist er weit über achtzig Jahre alt. Doch statt dem Tod findet er sich in einem Zug wieder. An seiner Seite sitzt Agnes Bagdale, die Bibliothekarin seiner Kindheit. Gemeinsam reisen sie noch einmal zu den entscheidenden Stationen seines Lebens. Und mit jeder Erinnerung stellt sich dieselbe Frage: Wenn er die Möglichkeit hätte, etwas zu verändern, könnte er dann seine große Liebe Maggie behalten?
Meine Meinung:
Ich habe bereits „Die Mitternachtsbibliothek“ geliebt. Diese Idee der unzähligen Möglichkeiten, die ein Leben bereithält, hat mich damals tief berührt. Mit „Die Mitternachtsreise“ schlägt Matt Haig nun den entgegengesetzten Weg ein. Das Leben liegt nicht mehr vor uns, sondern bereits hinter uns. Statt darüber nachzudenken, was hätte sein können, geht es darum, was gewesen ist und wie wir es heute betrachten würden. Matt Haig schreibt mit einer wunderbaren Leichtigkeit und gleichzeitig einer beeindruckenden Tiefe. Immer wieder finden sich Sätze, die wie kleine Lebensweisheiten wirken. Sie entstehen ganz selbstverständlich aus der Geschichte heraus, treffen aber mitten ins Herz.
Besonders gefallen hat mir auch die Gestaltung des Buches. Gleich auf der Innenseite des Covers befindet sich die Fahrkarte für die Mitternachtsreise. Ganz am Ende begegnen wir ihr erneut, diesmal entwertet. Es ist nur ein kleines Detail, aber eines, dessen Symbolik mich sehr berührt hat.
Ebenso wie Wilbur selbst. Er ist ein Mensch, der viel erreicht und ebenso viel verloren hat. Einer, der nicht immer den Mut hatte, ganz er selbst zu sein. Gemeinsam mit Agnes durchlebt er noch einmal die wichtigsten Momente seines Lebens – und zusammen mit seinem jüngeren Ich. Wir begegnen seiner großen Liebe Maggie, Charlie und dessen Frau, Menschen, die ihn geprägt haben und ohne die sein Leben ein anderes gewesen wäre.
Und dieses Leben hatte es wirklich in sich. Wilbur gehört zu den Menschen, die es sprichwörtlich vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft haben. Nur dass seine Teller Bücher sind. Es ist wunderschön, ihn auf den einzelnen Stationen seines Lebens zu begleiten. Besonders beeindruckend fand ich dabei, wie dieselben Situationen plötzlich aus einem völlig neuen Blickwinkel erscheinen. Erst jetzt erkennt Wilbur Reaktionen, Blicke und unausgesprochene Gefühle anderer Menschen, die ihm damals verborgen geblieben sind und die so vieles verändert hätten. Es ist beeindruckend, wie unterschiedlich wir Situationen bewerten können, wenn uns Gestik, Mimik oder die Gedanken unseres Gegenübers fehlen. Wie schnell Missverständnisse entstehen. Wie leicht daraus Verletzungen und Brüche erwachsen, die ein ganzes Leben beeinflussen können. „Die Mitternachtsreise“ ist ein berührendes Gedankenexperiment über zweite Chancen, über die Kraft der Liebe und darüber, dass manchmal die kleinsten Entscheidungen ein ganzes Leben verändern.
Fazit:
„Die Mitternachtsreise“ von Matt Haig ist ein tiefgründiger und berührender Roman über Liebe, verpasste Chancen und die Frage, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn wir manche Situationen anders verstanden hätten. Ein wundervolles Gedankenexperiment, das zeigt, wie sehr Perspektiven unser Leben verändern können und dessen Botschaft noch lange nach dem Zuklappen des Buches beschäftigt.
5 Sterne von mir.