Melancholisch und nostalgisch
Die MitternachtsreiseWilbur ist mit Anfang 80 am Ende seines Lebens angekommen und wir erleben seine letzten Stunden mit. Nach regelmäßigem Klavierunterricht und einem distanzierten Telefonat mit seiner Ex-Frau Maggie bricht ...
Wilbur ist mit Anfang 80 am Ende seines Lebens angekommen und wir erleben seine letzten Stunden mit. Nach regelmäßigem Klavierunterricht und einem distanzierten Telefonat mit seiner Ex-Frau Maggie bricht er zusammen und stirbt. Doch statt im Jenseits aufzuwachen, steht er an einem Bahnhof. Der Mitternachtszug bringt ihn zu jedem wichtigen Moment seines Lebens, den er nochmals durchleben kann oder muss. So durchlebt Wilbur wieder den schrecklichen Augenblick eines Unfalls oder steht während der Flitterwochen mit Maggie in den Gassen Venedigs. Als Außenseiter der Situation erkennt Wilbur nun einiges an seinem jüngeren Ich oder den anderen Personen.
„Er hätte gern einen bestimmten Moment wie eine Blume gepflückt und in ein Buch gepresst, um auf dieser Seite zu verweilen bis ans Ende der Zeit.“ S. 192
Matt Haigs Schreibstil ist wieder sehr schön und wortgewaltig, sodass ich mir einige Zitate markiert habe. Er bringt uns Wilburs Leben gefühlvoll näher, von seiner entbehrungsreichen Kindheit, seiner Beziehung zu Maggie und seiner Arbeit als Buchhändler. Wir erleben den normalen Alltag und viele Schlüsselmomente direkt mit und verstehen Wilbur als Mensch immer wieder ein Stückchen mehr.
Die Idee des Mitternachtszuges passt sehr gut zur Mitternachtsbibliothek und hat mir durchaus gefallen. Die Stationen des Zuges sind interessant und lassen uns Wilbur sehr gut kennenlernen, doch insgesamt sind sie nicht mitreißend. Schnell wird klar, dass Wilbur mehr gearbeitet und dabei Maggie sträflich vernachlässigt hat. Und das ist so banal, wie man es schon hundertmal gesehen oder gelesen hat. Der Grund dahinter ist zwar nicht so herkömmlich und nachvollziehbar beschrieben, aber trotzdem. Zusammenhängend damit trauert Wilbur auch ständig Maggie und der gemeinsamen Zeit hinterher. Das gesamte Buch über ist, trotz glücklicher Momente, die der alte Wilbur nochmals durchleben darf, eigentlich nur überschattet von seiner Melancholie und Nostalgie über seine Beziehung zu Maggie und das hat meine Stimmung mit der Zeit leider runtergezogen.
„Das war das Problem mit dem Leben. Es schenkte einem Tag für Tag, sodass jedes einzelne Wunder, das man eigentlich hätte wertschätzen sollen, zur Normalität wurde, die man einfach nur hinnahm.“ S. 27
Fazit:
„Die Mitternachtsreise“ hat ein tolles Konzept, wie auch schon „Die Mitternachtsbibliothek“, ist aber nicht unbedingt mit der anderen Geschichte vergleichbar. Matt Haig hat Wilburs Geschichte nahbar und nachvollziehbar beschrieben, aber hauptsächlich herrscht die Grundstimmung von Melancholie und Nostalgie, weil Wilbur ständig der gemeinsamen Zeit mit Maggie hinterher trauert. Eine Geschichte, die man nicht lesen muss, aber wenn man sich für Lebensphilosophie und das Bedauern über (verpasste) zweite Chancen interessiert, durchaus auch lesenswert sein kann.