Cover-Bild Rendezvous mit einem Oktopus
Band der Reihe "diogenes deluxe"
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15,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Diogenes
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Sachbücher / Natur & Technik
  • Seitenzahl: 528
  • Ersterscheinung: 26.10.2022
  • ISBN: 9783257261561
Sy Montgomery

Rendezvous mit einem Oktopus

Extrem schlau und unglaublich empfindsam: Das erstaunliche Seelenleben der Kraken
Heide Sommer (Übersetzer)

Er kann gleichzeitig 1600 Küsse verteilen, mit der Haut schmecken, seine Farbe 177-mal in der Stunde ändern und sich trotz seiner 45 Kilo durch eine apfelsinengroße Öffnung zwängen. Sy Montgomery erzählt von einem wahren Wunderwesen der Meere: dem Oktopus. In ihrem preisgekrönten Buch lässt sie uns ein Wesen entdecken, von dessen erfindungsreicher Schläue und Empfindsamkeit wir nichts ahnten. »Phantastische Tiere. Phantastisches Buch«, so Donna Leon.

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Veröffentlicht am 14.08.2023

Octopussy oder Kitsch, Klatsch und Trasch aus dem Aquarium

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Der verbotene Tod in den Wassern
Dass Menschen zuweilen ganz unbefangen und narzisstisch über Dritte oder Drittes von ihrem Begehren reden, als handle es sich um komplett Fremdes, ist nicht nur aus Wartezim-mern ...

Der verbotene Tod in den Wassern


Dass Menschen zuweilen ganz unbefangen und narzisstisch über Dritte oder Drittes von ihrem Begehren reden, als handle es sich um komplett Fremdes, ist nicht nur aus Wartezim-mern von Arztpraxen oder aus Kindergärten bekannt. In ihrem Buch Rendezvous mit einem Oktopus schreibt die Journalistin Sy Montgomery so von Tintenfischen, als identifiziere sie sich und vor allem ihr Geschlechtsorgan unbewusst mit dem wirbellosen Tier. Dessen Eigenschaften beschreibt sie durchweg als unglaublich, großartig, sagenhaft und was der Superla-tive mehr sind. Berührt und streichelt sie die Tintenfische, so ist auch sie glücklich. Bei so viel Enthusiasmus tut es nicht viel, dass die Tiere ein Leben in Unfreiheit im Aquarium fristen und bald sterben. Auch werden sie im Rahmen von Fressbelohnungen zu Kunststückchen wie Labyrinthbegehungen, Ballspielen und Türöffnungen gezwungen, weil sie sonst verhungerten. Das ist seit Francis Bacon das Setting des Experimentes mit der Natur auf der Folterbank, wie es auch Goethe moniert. Da zählt es auch nicht, dass die gelegten Eier, um die sich die Tintenfischmütter so rührend bemühen, im Aquarium unbefruchtet bleiben und ebenso wie sie selbst bald danach absterben müssen. Das begattende Männchen wird ohnehin oft genug bald nach dem Akt gefressen. Daher ist im Buch der von der Sensation einer wirbeltierlosen Intelligenz überblendete und verleugnete Tod allgegenwärtig. Stets aber ist bald ein neuer, frisch gefangener Tintenfisch zur Stelle. Tarnvermögen, Intelligenz und die Feinfühligkeit seiner ach so sensiblen Arme werden von der Autorin zuverlässig so beschrieben, als handele es sich um ein Deckbild für das weibliche Wunderorgan, die Klitoris, von der hier wohl eigentlich die Rede sein dürfte. Auch sie besitzt nach neuesten Forschungen und Erkenntnissen Verbindungen in alle anderen Leibesregionen; man muss in Montgomerys emphatischen Text statt „Saugnäpfen“ nur „Nervenzellen“ einfügen und die wahren Quellen des Textes sprudeln mannigfaltig.

Schamlos vor der Scheibe


Da ihr diese Identifikation aber unbewusst unterläuft, ja ihre Welt offensichtlich kein Unbewusstes kennt, empfindet die Autorin auch keine Scham, alles über Tintenfische im Superlativ der kameradschaftlichen Mitteilsamkeit eines Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck zusammenzutragen: Raus und zusammen Tintenfische streicheln, das ist das angekündigte gemeinschaftliche Abenteuer. Oder auch den Tieren voyeuristisch bei der Paarung zuzuse-hen, wie bei dem vom Aquarium in Seattle beworbenem jährlichen Kraken-Blind-Date am Valentinstag. Das ist unfreiwillig komisch und Montgomerys naiver Eifer erinnert an den Sketch von Monty Python’s Flying Circus, in dem John Cleese als Lehrer seine Schüler zwingt, ihm und seine Frau beim Sex zuzuschauen. Erregung kommt hier wie da nicht auf, hinter aller Sensation erfolgt alles ganz nüchtern und funktional wie bei den Kirchenvätern. Schließlich geht es auch hier nur um Fortpflanzung.

Errötend folgt sie ihren Spuren? Keine Spur!


Montgomery folgt also ihren Spuren, aber von Erröten kann keine Rede sein. Vor allem Scham ist ihr in diesem Zusammenhang fremd. Lust scheint nur als perverse durch, als regressiver sex with fishes bzw. mit sich selbst, der aber offiziell immer ehrfürchtig konnotiert ist. Kein Wunder, dass sich der Drogerie-Tycoon Dirk Rossmann dieses Buch ausgesucht hat, um in seinem Klimaroman Der neunte Arm des Oktopusses die Freundschaft zwischen Gert Schöder und Wladimir Putin zu beschreiben. Beide fahren in dem Roman zu unserer Autorin nach Amerika, um sich bei ihr über den Klimawandel zu informieren. Das ist ungefähr so, wie wenn Sandra Maischberger extra nach Stockholm fährt und Greta Thunberg interviewt, um einen positiven Satz über Atomenergie aufzuschnappen. (1) Es handelt sich also um einen weiteren Fall von Klimatrittbrettfahrerei.

„Freundschaft zwischen Mensch und Tier!“ (Arnold Hau)


Eingeflochten in Montgomerys Beschreibungen der Tiere werden weitere Klatsch- und Tratsch Geschichten aus der Familie der Autorin und der weiteren Mitarbeiter des Aquariums, die auf Weihnachtsfeiern, Tauchgängen oder Fischumsetzungen im Aquarium passieren: Wann ein Zitteraal seine Beckennachbarn mit einem Stromschlag tötet oder eine Mitarbeiterin von welchem Fisch gebissen wurde, wie daraus eine Pechsträhne wird und so weiter.
Auf Seite 365 etwa heißt es zur Weihnachtszeit:
"Marion hat für uns alle Weihnachtsplätzchen gebacken, und ich verteile selbst gemachte Backlava. Eben noch hat Octavia [die alte Krakin, W.B.] gierig zwei Kalmare verspeist, und nun können wir alle von ganzem Herzen hoffen, dass sie noch lange leben wird, ohne zu befürchten, dass Kalis [die junge Krakin, W.B.] junges Glück ihr den Lebensabend vermiest. Ich verlasse das Aquarium und singe Joy to the World, aber in der Version der Band Three Dog Night: »Joy to the fishes in the deep blue sea«. Ich bin innerlich erfüllt von Oktopus-Euphorie und freue mich auf die Segnungen des neuen Jahres."
Allerdings gilt hier: Obacht, offene Idylle, das kann nicht lange gutgehen! Tatsächlich erfährt unsere Autorin am nächsten Morgen, dass die Tintenfischin Kali tot ist. Sie war unbemerkt aus dem neuen Becken gekrochen und an der Luft vertrocknet. Anschließend werden trauernde Statements der Mitarbeiter des Aquariums auf die Frage zum Besten gegeben: „Was war Dein schönster Tag mit Kali?“ Dabei kommt heraus, dass gestern, als sie noch lebte, alles so wunderschön war – so lautet auch das Motto des Buches („Das Gestern bleibt vollkommen“) aus dem Arsenal der ewigen Kalender-Sprüche, von dem getreulich nie abgewichen wird. Dann aber wird doch realisiert, dass Kalis Tod nicht mehr rückgängig gemacht werden kann: „‘Ich glaube, mir ist etwas klar geworden‘, sagte Anna zu mir, ‚nämlich: Was du heute tust, kann das, was gestern war, nicht mehr beeinflussen.‘“ So wird existentialistische Religion durch die Hintertür eingeführt. Und dann muss man natürlich auch hier das Positive sehen, schließlich wird auch hier praktisch gedacht:
"Kali hatte großes Glück, überhaupt so lange zu leben. Die meisten Tintenfische sterben schon als Larve. Nur zwei von 100 000 Schlüpflingen leben bis zur Geschlechtsreife — sonst wären die Meere überfüllt mit Tintenfischen. »Wenigstens wissen wir, dass sie einen guten letzten Tag hatte«, sage ich. »Ja«, sagt Wilson, »sie hatte einen Tag in Freiheit. Und dass sie überhaupt rausgekommen ist, zeigt doch, was für ein unglaublich neugieriges, intelligentes Lebewesen hier seine Freiheit suchte. Wir wissen ganz genau, dass es sie große Mühe gekostet haben muss. Ein dummes Tier hätte das nicht geschafft.« »Sie starb wie ein großer Entdecker«, sage ich. Wie die Astronauten, die bei der Challenger-Explosion ums Leben kamen, wie die tapferen Männer auf der Suche nach der Quelle des Nils, wie die Forscher im Amazonasgebiet oder unterwegs zu den Polen — genau wie diese hatte Kali bei dem Versuch, den Horizont ihrer kleinen Welt zu erweitern, unbekannte Gefahren auf sich genommen. »Kraken haben eine ganz besondere Intelligenz, an die wir nicht heranreichen«, sagt Wilson. »Wir können nur hoffen, aus unseren Fehlern zu lernen. Mehr können wir kaum tun. Schließ-lich«, so sagt er noch, »sind wir nur Menschen.«" (S. 372-373)
So wird heiß und innig das Loblied der Gefangenschaft der Anderen gesungen. Von solcher Art ist die Dramatik und Weisheit des Buches, das über die Abstraktion der Unglaublichkeit eines Tintenfischlebens nirgendwo hinausgelangt.

Kitschige Märchenwelten: Das Leben ist ein großes Aquarium


Der 500 Seiten-Band ist damit die ideelle Gesamtallegorie einer wässerigen Gartenlaube. Es hält keinem Vergleich mit Victor Hugos großem Roman "Die Arbeiter des Meeres" stand, in dem es um einen furchterregenden namenlosen Oktopus geht, mit dem der Held Gilliatt erfolgreich ringt, um schließlich in der Welt der Menschen tragisch unterzugehen. (2) Bei Sy Montgomery dagegen tragen die Fische und Weichtiere menschliche Namen wie Oktaviana, Kali und Karma; auch Barry, der Baracuda oder Thomas, die Muräne, gehören zur Familie. Die Vermischung von realer Ausbeutung und Spielzeugen in Montgomerys Verhaltenslehre macht auch vor frustrierten männlichen Fruchtfliegen mit dem Hang zu Trinkerexistenzen nicht halt. (3) So wird der Rahmen des eigentlich verhaltensbiologisch-neutral gemeinten Berichtes statt durch eine Wissenschaft eher durch die Sandmännchen Sendung Klecksi, der Tintenfisch oder Ringo Starrs Kinderlied "Octopus's Garden" von der Beatles Platte "Abbey Road" (1969) bestimmt.
Ist gerade mal kein Tintenfisch zur Hand, weil im Aquarium alle gestorben sind und die Superlative durch wiederholende Beschreibungen abgenutzt und aufgebraucht, wird ein Szenenwechsel nötig. Dann unterhält die Autorin die Leserin und den Leser mit Sach- und Krachgeschichten aus dem Taucherleben: wie die Ohren schmerzen, die Orientierung verloren geht oder man sich schon einmal in die Tauchermaske übergibt.

Innen und Außen


Unter dem Deckmantel eines Berichts über die so fremd erscheinenden Tintenfische als Repräsentanten quasi außerirdischer Intelligenz spricht die Autorin so ganz von sich selbst aus der Tiefe des Nähkästchens. Dass das Äußere ein einen Geheimniszustand versetzte Innere sei, wusste vor Sigmund Freud und Jacques Lacan schon Novalis. Und auch Stanley Kubrick lässt seinen Astronauten David Bowman im Film "2001 Odyssee im Weltraum" im Raum seiner eigenen Erinnerungen landen. (4) Das Unheimliche ist eine vergessene Form des Heimlichen; das gilt auch für das hymnisch Verklärte. Das vormals Fremde wird so zur Projektionsfläche des Eigenen. Dass die Leserinnen und Leser nebenbei auch etwas über die Biologie von Tintenfischen erfahren, ist gleichsam unvermeidlich und eine Art side-effect des Buches.

Daktari unter Wasser


Statt des schielenden Löwen Clarence und der tanzenden Schimpansin Judy wie bei Daktari haben wir hier nun die Kraken George und Paul, Oktavia und Kali. Die Autorin überträgt menschliche Verhaltensweisen auf Tiere, verleugnet es aber anders als Disneys Klassiker dieses Genres, "Die Wüste lebt", vorderhand. (5) Die erste, naturwissenschaftlich erfasste Natur, bleibt auch hier in Wahrheit das Produkt der zweiten, sozial produzierten, als Imaginär und Wunderwelt. Das Buch bildet damit das affirmative Gegenstück zu Roger Caillois kritischen Buch "Der Krake." Dort wird die Angst vor dem Kopffüßler mit den großen Augen auf der Grundlage von Mythen mit einem antisemitischen Standard zusammengeführt, wonach der Oktopus für den grapschenden Kopfmenschen, den Juden, steht. (6) Was Caillois als Fremdes mit dem kulturellen Hintergrund des Monsters verbindet, versucht die Autorin mit ihren persönlichen Assoziationen schönzureden. Das Resultat ist himmelweit voneinander verschieden: Spekulationen über die Angst hier und kalkulierter Ökokitsch dort. Im Zeitalter der Klimakrise gilt: This kind of sex sells as well.

Vom Berg zum Meer


Sy Montgomerys hymnischer und identifizierter Bericht erscheint in der kleinformatigen schönen Reihe Diogenes Deluxe. Es passt dazu, dass Diogenes' Hausautorin Dona Leon, die bekannt ist für ihre kulturindustriellen Venedig-Krimis, ein nichtssagendes Nachwort beisteuert. In Zürichs Bergwelt war man wohl der Meinung, dass Lagune und Meer gut zusammen-liegen würden. Der Band sei zur Lektüre daher nur empfohlen, wenn man nichts anderes zur Hand hat, also etwa auf einer Kreuzfahrt (maritim!), der sprichwörtlichen einsamen Insel oder einer längeren Wanderung wie das beim Kritiker der Fall war. Aber auch da verlohnt es sich, stattdessen lieber die Tiere im Bach oder in der See zu beobachten, wenn auch vom Ufer aus. Aquarien sind im Zweifelfall genauso traurige Orte wie Zoologische Gärten. Nur eben unter Wasser.

(1) Vgl. Dirk Rossmann: Der neunte Arm des Oktopusses, Köln: Lübbe, 2020, S. 88–97.
(2) Vgl. Victor Hugo, Die Arbeiter des Meeres (1866), Hamburg: Achilla Presse 2017.
(3) „Eine andere Studie zeigte, dass männliche Fruchtfliegen, die deprimiert waren, nachdem ihre sexuellen Avancen von den Weibchen abgewiesen wurden, mit einer zwanzigprozentig höheren Wahrscheinlichkeit zum Trinken neigten (im Labor bekamen sie flüssige Nahrungsergänzungsmittel mit Alkohol) als Männchen, die sexuell gesättigt waren.“ (S. 400).
(4) Vgl. 2001: Odyssee im Weltraum (Originaltitel: 2001: A Space Odyssey) USA 1968; Drehbuch von Arthur C. Clarke.
(5) Vgl. Walt Disney, Die Wüste lebt (Originaltitel: The Living Desert), Dokumentarfilm USA 1953.
(6) Vgl. Roger Caillois, Der Krake: Versuch über die Logik des Imaginativen, München: Hanser 2013.


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