Identitätsfindung in Zeiten von AIDS
Vorbeben (Vorwort) von Christoph Geiser (Zeitzeuge)
Christoph hat eine verlogene Liebe in Bern zurückgelassen und macht sich auf den Weg nach Berlin. Untergebracht in einer Bruchbude, blickt er aus dem ...
Vorbeben (Vorwort) von Christoph Geiser (Zeitzeuge)
Christoph hat eine verlogene Liebe in Bern zurückgelassen und macht sich auf den Weg nach Berlin. Untergebracht in einer Bruchbude, blickt er aus dem vorhanglosen Fenster auf einen trostlosen Kinderspielplatz und entdeckt rechts davon die Blue-Boy-Bar. Seine Verabredung hat ihn ins Bel Ami eingeladen und trifft ihn am Billardtisch zum Vorspiel. Im Abgang zum Keller schaut er auf das gelbe Schild mit den schwarzen Buchstaben: AIDS. Im Jahr 1983 war er Mitte dreißig und besessen von Männerkörpern. Diverse Immunologinnen versuchten die Schwulenszene zu missionieren, zur Abstinenz zu bewegen oder doch zumindest Gummis überzuziehen, aber warum? Sie zeugten ja nicht. In New York husteten sie sich die Lunge aus dem Leib und starben wie die Fliegen. Pneumocystis carnii, hieß es. Bilder vom Kaposi-Sarkom verbreiteten sich. Es komme vom f**** sagten sie. Es treffe nur Schwule.
Walter Vogt
Die beiden hatten ihn in einer verruchten Bar angehauen. Er erfuhr, dass beide ein positives Ergebnis hatten und zeigte sich unfähig, diese gegenwärtige Bedrohung, diese Seuche, wie sie gemeinhin genannt wurde, zu verdauen. Seit etwa zwei Jahren versuchte er mal mehr, mal weniger flapsig dieses Syndrom wegzurationalisieren. Diese Bürde, die von der Liebe kam, mit der mittlerweile etwa dreißig Prozent infiziert waren und die, die das Vollbild aufwiesen, daran starben. Er hatte einen emotionalen Schutzwall um sich aufgebaut und jetzt trafen die beiden jungen Männer ihn mit voller Wucht. Mit seinem pseudowissenschaftlichen Geschwätz versuchte er Ängste zu bannen, verhaspelte sich, hielt inne und schämte sich für seinen negativen Test. Ein Davongekommener. Mehr Glück als Verstand. Keinesfalls wollte er in diesem Gespräch in die Rolle des Arztes verfallen und die beiden zu Patienten machen. Sie waren keine Patienten und es war auch nicht ihr Anliegen, welche werden zu wollen. Sie waren Betroffene, von einem durchaus möglichen, frühen Tod Betroffene. Er hatte sich eingebildet, selbst über den Tod nachgedacht zu haben, aber sicher nicht unter einer potenziellen Bedrohung, sondern eher spielerisch, ja möglicherweise halbherzig.
Fazit: Dieser späte autobiografische Text Walter Vogts (1927-1988) aus dem Jahr 1986 wurde im schweizerischen Literaturarchiv gesichtet und von Guy Krneta jetzt erstmalig herausgegeben. Die „Reihe der Autorinnen ALIT präsentiert die Werke vergessener und verkannter Autor*innen aus deren Nachlass. Die Worte Walter Vogts sind flankiert von einem Vorwort (Vorbeben) von Christoph Geiser und einem Nachwort (Nachbeben) von Kim de l`Horizon (das ich sehr erhellend finde)
Walter Vogt, Psychiater und Autor, machte sich mit seiner Kritik an den „Göttern in Weiß“ Mitte der Sechzigerjahre keine Freunde. In späteren Büchern bekannte er sich zu seiner Bisexualität und schrieb über seine Erfahrungen und Erkenntnisse als Mensch zwischen den Geschlechtern. In diesem Text findet er Worte für seine Zerrissenheit in der Liebe zu einem mit Aids infizierten, deutlich jüngeren Mann. Der Autor spricht leidenschaftlich über seine Gefühle, sein Verlangen und den Wunsch nach Erkenntnis in einer Zeit der Entmenschlichung (Schwulenseuche) und Schuldzuweisung. Ich mag seine klugen Gedankengänge und die Schilderungen seines Erlebens ebenso wie seine Erzählweise. Befremdlich liest sich die scheinromantisierende, diskriminierende Sprache über die kurzen Freuden mit einem „herumstreunenden ägyptischen Jungen“, dem Vogt einen Kuss abkauft. Einen raubkatzenhaften arabischen Jungen. Aus dem übermütigen, bubenhaften siebzehnjährigen Exilkroaten mit den feurigen Augen wird Jahre später der bemitleidenswerte gealterte Luchs mit dem stumpfen Haar und der trockenen Haut, den man in jungen Jahren, in seinen kroatischen Bergen besser erlegt hätte. Vogt verniedlicht, entmenschlicht und diskriminiert seine Sexualpartner, schreibt sich in eine Distanz, die ihn besser, größer, besonders macht, den privilegierten weißen Mediziner. War er ein Kind seiner Zeit, das Rassismus internalisiert hat? Oder war sein Selbstwert so gering, dass er sich über andere (Minderheiten) erheben musste? Wahrscheinlich spielt beides eine Rolle. Etwas, das ich ebenfalls heraushöre und mich unangenehm berührt, das ist die männliche Gier. Sex wird stets mit Liebe gleichgesetzt. Es scheint einerlei mit wem, wie alt und unter welchen Umständen, Hauptsache, es ist funny, das stößt mich ab. Ein interessantes Zeugnis einer unheimlichen Zeit und ein gelungener Einblick in die Schwulenszene, der mir als Außenstehende bisher verschlossen blieb.